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DIE MANAGER DER BALLETS RUSSES ALS VORBOTEN EINER GESELLSCHAFT DES SPEKTAKELS
Von Nicole Haitzinger
„Picasso, Cocteau, Massine stellen die moderne Welt [...] aus, wie sie ist, nicht wie sie sein könnte.“ Der letzte Satz meines thesenhaften, vor der Laborwoche geschriebenen Textes verweist auf den Anfang meines Textes und gibt doch keine Antwort auf die Frage: Ist „Parade“ ein avantgardistischer Coup de Théâtre, oder handelt es sich bei dieser Inszenierung eher um ein modernistisches Kunststück?
In seiner historischen Bedeutung meinte der Begriff Avantgarde die Elitetruppe der Aufklärer, die der Hauptarmee den Handlungsraum erschließen und Gefahrenpunkte auf dem Schlachtfeld sondieren sollte. In militärischem Sinne hatte diese Vorhut einen prophetischen Auftrag. Sie beschrieb, sie diagnostizierte die kriegerischen Aktionen des Gegners, erfüllte das erhöhte Informationsbedürfnis der eigenen Truppe und machte so Prognosen zum weiteren Schlachtverlauf möglich. Die Avantgarde veränderte durch ihre interpretatorische Voraussicht Taktiken und Strategien. In seiner Übertragung auf die Künste und in seiner Funktion als ästhetischer Begriff [1] hat der Begriff am Beginn des 20. Jahrhunderts noch die Konnotation des Revolutionären, des Utopischen - nicht nur im Sinne experimenteller Kunst-, sondern auch neuer Gesellschaftsentwürfe.
In einer besonderen „Komplizenschaft“ [2] inszenierten Picasso, Cocteau, Massine und Satie unter der Ägide von Diaghilev während des ersten Weltkriegs in Paris 1917 mit „Parade“ ein so modernistisches wie prophetisches Stück. Die zweiteilige Collagestruktur (Auftritte der Figuren, Auftritte der Hommes-Décors), die am Ende in einem Finale zusammengeführt wird, ist klar gesetzt. Im Moment der Aufführung von „Parade“ fügt sich die intermediale Zusammenarbeit, denn während der Probezeiten handelt es sich hauptsächlich um die gestalterische Teamarbeit von jeweils zwei Künstlern [3], zu einem transmedialen Ereignis. Dieses wird widersprüchlich diskutiert - die Kommentare reichen von einem „sur-realististischen“ Aufbruch in eine neue Zeit (Apollinaire) bis „schlechte Music Hall“ (Publikumskritik nach Aussage Cocteaus).
Das moderne Orakel
Zum Zeitpunkt seiner Aufführung zeigt „Parade“ die Welt, so wie sie ist. Und das mit weniger radikalen Tanz- oder performativen oder transmedialen Kunstkonzepten als andere ungefähr zeitgleich entstehende Produktionen der historischen Avantgarden, von Dada, Futurismus... Und es mag auch aus tanzwissenschaftlicher (und bewegungsanalytischer) Sicht kein revolutionärer Moment in den Zeiten der Ballets Russes (1909-1929) gewesen sein. Dennoch ist die Beobachtung, der gegenwärtige Blick in „Parade“ - in einer alten Avantgarde-Bedeutung - im zweifachen Sinn prophetisch: Erstens im Hinblick auf eine Gesellschaft des Spektakels, die sehr früh und kritisch mittels der choreographierten Auftritte der Figuren ausgestellt wird, und zweitens im Hinblick auf die rasante Technologisierung und Kapitalisierung der Welt, die in den riesigen Hommes-Décors-Managern von Picasso medial verdichtet ist.
Die westlichen Künste des 20. Jahrhunderts - vor allem die zweite und dritte Avantgarde, wie sie in diesem Labor definiert waren - werden sich, aus verschiedenen Perspektiven und mit spezifischen künstlerischen Mitteln, mit diesen zwei ineinander verzahnten Oberflächenstrukturen und Erscheinungsbildern unserer Gesellschaft beschäftigen. Das moderne Orakel spricht rätselhaft und weist gerade wegen seiner Ambivalenzen weit ins 20. Jahrhundert hinein.
Fussnoten:
[1] „Die Übertragung des Terminus Avantgarde auf Künstler und ihre soziale Funktion im Rahmen saint-simonistischer und fourieristischer Sozialutopien leitete seine Karriere als ästhetischer Begriff ein, der in der Verallgemeinerung zu Avantgardismus gipfelte.“ Dies und Weiteres zum Begriff Avantgarde vgl. Karlheinz Barck, Avantgarde, in: Ästhetische Grundbegriffe, Historisches Wörterbuch in sieben Bänden, Karlheinz Barck u.a. (Hg.), Bd.1, Stuttgart, 2000, 544-577.
[2] Zur Komplizenschaft als Kunstpraxis vergleiche Gesa Ziemers Beitrag.
[3] Cocteau-Satie (Libretto-Partitur), Cocteau-Massine (Choreographie-Figuren), Picasso-Cocteau (Choreographie-Hommes Décors).
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