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DER EXPERIMENTALFILMER DZIGA VERTOV ALS CHOREOGRAPH
Von Klemens Gruber
„Ich bin in ununterbrochener Bewegung, ich
nähere mich den Gegenständen und entferne mich von ihnen, ich krieche unter sie
und klettere auf sie, ich bewege mich neben dem Maul eines galoppierenden
Pferdes, ich rase in voller Fahrt in die Menge, ich renne vor angreifenden
Soldaten her, ich werfe mich auf den Rücken, ich erhebe mich zusammen mit
Flugzeugen“, schreibt Dziga Vertov schon 1923 über sein filmästhetisches Programm des „überrumpelten
Lebens“.[i]
Dieser Ausdruck, schon Ende der 1920er Jahre von Sophie Küppers, der Frau El
Lissitzkys, derart ins Deutsche gebracht,[ii]
hat nichts mit den perfiden Hinterhalten einer versteckten Kamera zu tun – er
soll das ästhetische Programm Vertovs auf den Begriff bringen. Sophie Küppers
beschreibt es 1929 prägnant und mühelos: „Die optischen Tricks Werthoffs
überrumpeln uns, – hat er uns verblüfft, so wird er uns im nächsten Moment
seinen Trick lachend erklären. Während noch kaum das bunte Durcheinander der Straße
vor uns schwirrt, zeigt er uns schon die Assistentin bei ihrer mühseligen
Montage-Arbeit, (…). Durch sein Instrument hat er das Sehen rhythmisiert, das
Sehen klingt, das Theater zerbrach - was wir durch ihn erleben ist nur - die Wirklichkeit.“[iii]
Hinter dem Begriff des „überrumpelten Lebens“
allerdings steht auch die Debatte um den „Nichtspielfilm“: die
Auseinandersetzung zwischen Vertov, Eisenstein und anderen in den 20er Jahren,
die auch ein Kampf zwischen Theater und Film war - Eisenstein kam vom Theater,
Vertov von der Musik. Ein Kampf zwischen der neuen Sprache des Films, dem
genuin „Filmischen“, und dem „theaterhaften“ Film, dem Spielfilm. „Wir erklären
die alten Kinofilme“ heißt es in einem frühen Manifest aus dem Jahr 1922, „die
romantischen, theatralischen und dgl. für aussätzig. - Nicht nahe kommen! - Nicht anschauen! - Lebensgefährlich! - Ansteckend!“[iv]
„Die Frage des sogenannten
Nichtspielfilms ist äußerst kompliziert“, schreibt Viktor Šklovskij und fragt
nach Möglichkeit und Sinnhaftigkeit, das Leben überrumpeln zu können: „Einem
Menschen beizubringen, wie er vor die Kamera so laufen soll, daß er sie nicht
beachtet, ist äußerst schwierig.“[v]
Das hindert ihn nicht, das Problem des Nicht-Gespielten mit der gegenwärtigen
Lage - der 1920er Jahre - kurzzuschließen: „Der Schauspieler ist heute
gewöhnlich das biologische und soziale Ideal seines Zuschauers, und ihn gegen
einen Passanten auszutauschen bedeutet, vor der Industrialisierung
zurückzuweichen.“ Dieser verwegenen Konstruktion im Modus der Aktualität ist
durch das Auffinden neuer Wahrnehmungsräume nachzukommen - nicht nur als
Resultat von Industrialisierungsprozessen, sondern ihnen abgerungen:
künstlerische Aneignung, ästhetische Transformation, Choreographie erfundener
Bewegungen.
Drei Sequenzen aus drei Filmen Vertovs,
besser aus drei Erkundungen des Mediums Film, führen uns unterschiedliche
historische Möglichkeiten im Verhältnis Gespieltes – Nicht-Gespieltes vor
Augen, mit denen die sowjetische Avantgarde experimentiert hat. Es sind dies drei
erhellende Momente in einem Verhältnis, das auch eines zwischen Kamera und
Zuschauer ist und allgemeiner zwischen Mensch und Maschine - ein Verhältnis,
bestimmend für das gesamte 20. Jahrhundert. Die Bilder zeigen die Präsenz des
neuen Mediums im Alltagsleben, die von ihm ausgehende Faszination und seine
Selbstreflexivität, und schließlich einen analytischen Überschwang, der auch
noch den Inszenierungen der sogenannten sozialistischen Wirklichkeit trotzt.
Zugleich geben die Bilder auch eine Vorstellung vom historischen Kontext, in
dem Vertov und die historische Avantgarde operierten und für den sie ihre
künstlerischen und ideologischen Entwürfe konzipierten.
Zunächst sehen wir eine visuelle,
filmische Kritik am Theater und dabei den Zuschauer noch schwankend zwischen
dem alten Medium Theater und der neuen Apparatur des Films; dann kann der
Zuschauer im Kino die schwindelerregende, weil maschinelle Realität der Stadt
durch die Bewegung der Kamera und die Montage choreographiert erfahren; und
drittens blitzt aus der Verherrlichung des industriellen Produktionsprozesses
ein Begriff abstrakter Arbeit auf: in der Choreographie reiner Zeichen.
1. Kinopravda Nr. 16 (1923)
Die Kinopravda
Nr. 16 zeigt die Feiern zum 1. Mai 1923 in Moskau. Eine ziemlich unbekannte,
für manchen amerikanischen Forscher immer noch verschollene Wochenschau, die kaum jemals gezeigt wird, obwohl sie
sehr berühmt ist, weil Vertov darin den ersten Film von Eisenstein aufgenommen
hat: Glumovs Tagebuch, das dieser in
seine Inszenierung von Ostrovskijs Eine
Dummheit macht auch der Gescheiteste 1923 eingebaut hat, ein Mikrospielfilm
von etwa 3 Minuten Länge, der sehr komödiantisch und ganz und gar theaterhaft
gemacht ist: reine Commedia dell'Arte.
Berühmt ist
Eisensteins Inszenierung des Gescheitesten
nicht nur wegen Glumovs Tagebuch und
wegen seiner „Zirkushaftigkeit“, deren riskante Schaukunst und
Nummerndramaturgie endgültig die alten Theaterwerte des Naturalismus untergrub,
sondern auch wegen der theoretischen Konzeption „Montage der Attraktionen“.[vi]
Darin entwickelt Eisenstein als Prinzip der Inszenierung die Attraktionen, jene
kleinsten Einheiten zur Bearbeitung des Publikums mit möglichst starken Reizen.
Eine Attraktion ist „jedes aggressive Moment des Theaters, […] das den
Zuschauer einer sinnlichen oder psychologischen Einwirkung aussetzt, welche
ihrerseits experimentell erprobt und mathematisch auf bestimmte emotionale
Erschütterungen des Rezipierenden hin durchgerechnet wurde“.[vii]
Diese „berechnete Einwirkung auf
Aufmerksamkeit und Emotion des Zuschauers“[viii]
wurde gar nicht als neue Erfindung ausgegeben: „Auch das Grillenzirpen im
Künstlertheater ist eine Attraktion.“[ix]
Am Ende des Gescheitesten allerdings
gab es keinen wallenden Vorhang, sondern eine von den italienischen Futuristen
entlehnte Salve von Knallfröschen unter den Sitzen der Zuschauer.
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Der Gescheiteste
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Die Inszenierung
im Moskauer Proletkult-Theater, das kein Theater war, sondern der Ballsaal eines Moskauer Palais, hatte
am 22. April 1923 Premiere. Tags zuvor erst wurde Glumovs Tagebuch gedreht. Und einen Monat später, am 21. Mai taucht
„das Filmchen“ in Dziga Vertovs
Kinopravda Nr. 16 auf. Unklar ist, warum Vertov dieses für das Theater
angefertigte, 120 m kurze Stück Film als Teil seiner „Frühlings-Kinopravda“
zeigte: Weil er von der Filmproduktionsfirma Goskino dem jungen Eisenstein als
Instrukteur zugeteilt worden war - in der Hoffnung, dieser „könnte dadurch
Vernunft annehmen“, wie Eisenstein schreibt? Vertov, der als erfahrener
Filmemacher den Dreharbeiten zu „Glumovs Tagebuch“ zugewiesen wurde, verließ
diese am ersten Drehtag unter dem Vorwand heftiger Zahnschmerzen.
Oder ging es
Vertov um kontrastreiche Anschauung? Jedenfalls prallen in dieser frühen „Wochenschau“
zwei Wahrnehmungswelten aufeinander: Die Medienutopie des „poetischen
Dokumentarfilms“, den man besser „puren“, analytischen, rhythmischen Film
nennen sollte, aus dem alles Theaterhafte verbannt ist, und dann jener kleine,
parodistische Film, der mit den Elementen des neuen Mediums Film noch im Rahmen
des alten Mediums Theater experimentiert. Da werden zwei ganz unterschiedliche
ästhetische Strategien vorgestellt, in denen sich die Unsicherheit
über die Form ausdrückt, mit der das neue Massenpublikum erreicht werden soll: Zum einen
sind da Zirkusattraktionen, Verkleidungen und ein Kriminalfilm von Seiten Eisensteins,
des Theatermanns auf dem Sprung zum Film.
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Glumovs Tagebuch
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Ganz anders Vertov. Er, der erklärte
Feind des Theaters, zeigt uns in Nr. 16
ständig Theater: er präsentiert nicht nur jenes kleine Theater-Filmchen
Eisensteins, die ganze Ausgabe dieser Kinopravda
ist voll von Theater, allerdings in starkem Gegensatz zur erhitzten,
überdrehten Dramatik von Glumovs Tagebuch.
In ruhigen Einstellungen lässt die
Filmchronik das Auge über die Szenerie der Großstadt gleiten, sie ist nicht
dramatisch montiert, und selbst wenn Geschwindigkeiten ins Bild kommen - gleich
zu Beginn die Straßenbahnlinie 34, immer wieder Pferdekarren, Autos, und
natürlich Flugzeuge - behält sie etwas Malerisches, Episch-Distanziertes.
Drei Aspekte an
dieser „Wochenschau“ sind bemerkenswert:
Erstens die Haltung
der Massen - flanierend, testend, distanziert. Die städtischen Massen, die die
Straßen und Plätze füllen, tun dies auf ganz unaufgeregte und - das ist das
Überraschende - unorganisierte, unmilitärische Weise. Ja, ältere Lehrerinnen
versuchen einen Schülerumzug zu beaufsichtigen, aber auch sie passen gut in die
wache, lebendige Unordnung dieses Moskauer Feiertags. Die Menschen sind auf den
Straßen - wie auf einer italienischen Piazza, nur das Wetter ist schlechter,
doch alle sind gekommen und neugierig, was es zu sehen gibt. Bilder einer
Gesellschaft ohne Fernsehen: die Schaulust der Massen ist noch nicht ermattet
von einer Überdosis visueller Eindrücke.
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Kinopravda Nr. 16
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Zweitens zeigt uns
diese Ausgabe
der Kinopravda das neue Publikum, und ein
neues Bild des Zuschauers, überrumpelt noch, unvorhergesehen: Wir sehen
Menschen, die fröhlich in die Kamera grüßen und einen jungen Mann, der vor ihr
respektvoll den Hut zieht.
Der Zuschauer selbst kommt ins Bild: dies ist
das Motiv Vertovs par excellence, der Zuschauer im Film, der mit Hilfe der
kinematographischen Apparatur einen neuen Modus des Sehens erfährt, eine neue
Wahrnehmung der Realität erlernt und sich dabei verändert. Hier in Nr. 16 kommt er noch beiläufig ins Bild:
Die Kinder, die dem Zauberer zusehen, und die Erwachsenen dem Taschenspieler;
manche dieser Sequenzen tauchen in Der
Mann mit der Kamera wieder auf.[x]
Vor allem aber wird dort die Position des Zuschauers zentral.
Drittens führt uns Vertov Theater vor: Er, der alles Theaterhafte aus dem Film vertreiben
wollte, zeigt doch in Nr. 16 mit dem
Titel „Das Frühlingslächeln des Proletkult“ eine Heerschau des Straßen- und
Massentheaters: Umzüge, Schauwagen, Prozessionstheater, dazu
Musikkapellen, bemalte Gesichter, Fahnen und Transparente natürlich, Puppen als
Karikaturen des Klassenfeinds, Karnevalstreiben, ein betrunkener Pope, ein
kleiner Panzerwagen. Sogar ein wirkliches Flugzeug mit einem Bildnis Trotzkis
vorne am Cockpit, bekränzt mit Zweigen, wird im Umzug mitgeführt. Populäre
Theatralität.
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Kinopravda Nr. 16
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Wir sehen Passanten, die umherschweifen
und keinen Unterschied machen zwischen den Jahrmarktszenen, der Rede eines
Volkskommissars und dem Auftritt der Mannequins in einem Modesalon. Da plötzlich
kommt Vertovs analytischer Instinkt ins Spiel: ironisch und in Kontrast zu den
bewegten Bildern der Schauwagen filmt er die Szenen rund um den Modesalon, als
ob sie in einem Theater spielten. In den Spiegeln im Hintergrund zwischen den
Mannequins ist der Kameramann zu sehen, der „kreiselnde Kurbler“, der sich
gleichzeitig im Schaufenster spiegelt, durch das er die Szene, wie die anderen
Zuschauer, auch betrachtet. „Das Theater kennt prinzipiell die Stelle, von der
aus das Geschehen nicht ohne weiteres als illusionär zu durchschauen ist“, heißt
es bei Walter Benjamin.[xi]
Vertov liefert dazu jenen antitheatralischen Blick der Entzauberung: die
Schauspielerinnen auf der Bühne, die Anordnung der Kulissen und davor die sich
drängenden Schaulustigen im Parkett. Gesehen von schräg oben, gewissermaßen von
außerhalb, vom Balkon des gegenüberliegenden Hauses vermutlich: ein
konstruktivistischer Blickpunkt, der uns die ganze Anlage dieser Szenerie des
Modesalons enthüllt. Schaufenster, Laufsteg, Guckkasten - bürgerliches
Illusionstheater.
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Kinopravda Nr. 16
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2. Der Mann mit der Kamera (1927/28)
Noch heute, achtzig Jahre nach dem Entstehen
dieses Films, verspüren wir beim Verlassen des Kinos eine Heiterkeit und
unbefangene Entschlossenheit, ein Staunen, die ihresgleichen in der Medienwelt
suchen. Diese „profane Erleuchtung“ hat nicht nur mit Vertovs Geistesgegenwart
zu tun und damit, dass seine Bilder nichts von ihrer analytischen Schönheit
verloren haben. Es ist jenes generelle und zugleich generöse Verfahren der Unterbrechung,
mit der das Kontinuum der Geschichte aufgesprengt, die Fatalität des
Geschichtsverlaufs unterbrochen wird - das damals wie heute Möglichkeitsformen
anderer Welten ins Spiel bringt.
Diese Geste der generalisierten Unterbrechung
verhält sich komplementär zur Konzeption des „überrumpelten Lebens“, ist Der Mann mit der Kamera doch das am
wenigsten „überrumpelt" gefilmte Werk Vertovs, wie Jean-Louis Comolli angemerkt
hat:[xii]
„Das Unvorhergesehene findet im Mann mit der Kamera hauptsächlich in der Montage
statt.“
Im Vorspann, den einzigen Schrifttiteln des
Films, heißt es, dass dies ein Film ohne Theaterhaftigkeit ist, in einer
Sprache, die allen verständlich ist und die Kultur des Buchdrucks abgelöst hat.
Vertov setzt diese Kritik am Theater auch explizit ins Bild: in jener Sequenz,
in der er mit dem berühmten Trick das Bolschoi-Theater als Inbegriff der alten
Kultur in sich zusammenstürzen lässt.
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Der Mann mit der
Kamera
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Vertov organisiert, choreographiert
Bewegungen: des städtischen Lebens, der Maschinenwelt[xiii] - und der Kamera. Gewiss geht es in diesem Film um die Stadt. Der Mann mit der
Kamera arbeitet „im Dickicht der Städte“, in der modernen Großstadt mit ihren
neuartigen urbanen Strukturen und ihrer immensen Geschwindigkeit. Vertov zeigt
die frenetische Existenz der Stadt, die Bewegung der großen städtischen Massen,
durch die der Mann mit der Kamera geht „wie das Bügeleisen durch den Schnee“,
er filmt den enormen industriellen Produktionsapparat.
Er zeigt die Stadt, doch sie ist nicht der
Held des Films. Der Held der modernen Kunst ist Roman Jakobson zufolge das
künstlerische Verfahren und im Mann mit
der Kamera ist es die Kamera selbst, die uns diese Verfahren vorführt: Der
Film zeigt uns, wie er selbst gemacht ist, er zeigt uns die Kamera, den Schneideraum,
die Schere, das Archiv. Bei Vertov ist Filmemachen Arbeit: Der Kameramann
arbeitet am Übergang von der handwerklichen zur industriellen Produktion. So
wird die Cutterin mit einer Schneiderin, einer Friseuse, dann mit der
Arbeiterin an der Spinnmaschine verglichen. Und - Vertov zeigt uns den
Kinosaal, die Zuschauer beim Betrachten des Films: das Publikum kommt selbst
ins Bild, der Zuschauer wird Akteur.
Der Mann mit der Kamera weckt die Stadt auf,
aber vor allem weckt er den Blick auf, den Blick des Zuschauers, unsere eigene
Wahrnehmung. Wir sehen das Erwachen der Stadt und der Wahrnehmung.
Insofern ist der Mann mit der Kamera ein analytischer Film: wir sehen nicht nur,
was gefilmt wird, sondern auch, was Kino ist - eine Wahrnehmungsanordnung.
Vertov zeigt uns, wie wir sehen und wie sich unsere Wahrnehmung verändert. Der Mann mit der Kamera betreibt also
eine systematische Reflexion über den Film als Medium.
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Der Mann mit der
Kamera
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Aber Vertovs Film ist nicht nur analytisch, er
ist auch enthusiastisch. Der Mann mit der
Kamera ist der Inbegriff der „Medien-Euphorie“ einer ganzen Generation von
Künstlern und Intellektuellen, die in den neuen Medien, im Film, im eben
erfundenen Rundfunk und im heftig visionierten Fernsehen „Werkzeuge der Aufklärung“
sahen: vor allem der Film versprach einen völlig neuen Zugang zu einem
vollständigeren, gründlicheren, konkreteren Verständnis der Welt.[xiv]
Vertov vergleicht die Kamera mit dem
menschlichen Auge – das blinzelt angesichts des durch die geöffnete Jalousie
strahlenden Tageslichts; die Kamera aber ist vollkommener als das menschliche
Auge, das Kameraauge schaut genauer, zeigt, was dem menschlichen Auge
verschlossen bleibt, ist geeigneter für die Erforschung der Welt - und ihre
Veränderung.
Die Überlegenheit des Kino-Auges bestimmt
Vertov auf zweierlei Weise: zum einen durch die technischen Möglichkeiten der
Apparatur, Zeitraffer, Zeitlupe, Rücklauf, Standbild - all das, was uns durch
den Videorecorder heute auf unserem Feldherren-Hügel im Wohnzimmer mit der
Fernbedienung in der Hand zur Selbstverständlichkeit geworden ist; und zum
anderen durch die Beweglichkeit, ja Verwegenheit des Kamerastandpunktes, die
uns heute ebenfalls ganz vertraut ist, damals aber ganz neu war. Das ist der
Mann mit der Kamera, der sie überallhin mitnimmt, auf alle nur möglichen
Gefährte montiert, auf Autos, Motorräder, Züge, Seilbahnen, Kräne über
reißenden Strömen. Die Choreographie der Bewegung ist bestimmt von jenem
analytisch-enthusiastischen Grundton.
3. Entuziazm (1930)
Wenig später zeigt uns Dziga Vertov die
Realisierung einer Utopie. Entuziazm,
Vertovs erster Tonfilm aus dem Jahr 1930, führt eine Beziehung zwischen Mensch
und Maschine vor, in der die Versöhnung von Arbeit und Spiel verwirklicht
scheint. Inmitten des ohrenbetäubenden Lärms und des unheilvollen Qualms, die
aus dem Schlund einer Hölle aufsteigen, entsteht das Bild einer produktiven
Symbiose von Mensch und Industrie: „Aus der Arbeit ein Spiel machen“ - noch
heute der Slogan aller stalinistischen Arbeiterstaats-Despotien, auch wenn sie
nun perfekt für den Weltmarkt produzieren.
In der Tat stimmt Entuziazm eine Hymne auf die forcierte Industrialisierung, auf die
stachanovistisch beschleunigte Produktivität an. Den infernalischen Rhythmus
der Arbeit an den Hochöfen, das Beschicken des Feuers mit Koks, den die einzeln
vorlaufenden Männer ihm mit Schaufeln in den Rachen werfen, das Anstechen des
Ofens, in Gruppen von acht oder neun ausgeführt, als gelte es, ein wildes Tier zu
erlegen, die langen, glühenden Metallstangen, all das montiert Vertov zu einer Donbass-Sinfonie, wie der Film im
Untertitel heißt.
Gab es im ein Jahr zuvor fertig gestellten Mann mit der Kamera eine klare
Unterscheidung zwischen „gespielten“ und „nicht-gespielten“ Teilen des Films - wobei erstere vor allem der Demonstration des Filmischen entsprachen, also des
Kamera-Auges in Aktion -, so werden in Entuziazm
die Arbeiter zu Schauspielern, die ihre Rolle als Stahlkocher, Demiurgen,
Arbeiterklasse spielen.[xv]
Insbesondere in der berühmten siderurgischen Sequenz haben die Arbeiter sich in
Darsteller verwandelt, mit ihren Stars und Statisten, und die Arbeit an den
Hochöfen und Essen erscheint als vollkommen choreographiertes Industrie-Ballett.
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Entuziazm
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Doch Vertov begnügt sich nicht mit dieser
Inszenierung der Arbeit. Selbst ihrer Lobpreisung gewinnt er Analytisches ab:
Aber nicht, weil die Ursache der Entfremdung verschwunden wäre, sondern weil
Entfremdung zur Regel geworden ist, kann er ein Bild abstrakter Arbeit
entwickeln.
Wie mit dem Ton, der in seiner Rauheit,
Ungebändigtheit und Intensität schon 1931 Charlie Chaplin tief beeindruckte („Ich
hätte nie gedacht, daß industrielle Töne sich so gut organisieren lassen, daß
sie schön erscheinen. Ich halte Entuziazm
für eine der aufregendsten Sinfonien, die ich je gehört habe. Mr. Dziga Vertov
ist ein Musiker.“) und bis heute in der Filmgeschichte seinesgleichen sucht,
muss Vertov auch visuell den schönen Schein, die Wirklichkeit verletzen. In
einer Steigerungsform, die analytisch und Fluchtlinie zugleich ist, wird der
Arbeitsprozess schließlich als Abstraktion kenntlich gemacht, die sich an den
Menschen gewaltsam vollzieht: Abstraktion von den Produktionsmitteln, dem „kapitalfixierten
Maschinensystem“[xvi];
Abstraktion von der Lebenszeit, die im Austausch gegen Lohn vergeht;
Abstraktion schließlich von den Arbeitsprodukten, über die es keinerlei
Kontrolle gibt.
Mit Hilfe des Zeitraffers, der in seiner
Gefräßigkeit[xvii] immer
auch einen anderen Hinblick, eine neue Sicht, eine Gesamtschau erlaubt, gerät
die Hymne an die befreite Arbeit zum Streifzug in die Schönheit der
Abstraktion. Allerdings hat Schönheit für Vertov etwas mit Erkenntnis zu tun.
Er erzeugt Bilder flüssigen Metalls, die sich als glühendes Licht in die
Netzhaut einbrennen, gänzlich abstrakte Bilder, wie man sie selbst aus den „absoluten Filmen“, von Hans Richter oder Viking Eggeling nicht kennt,
jedenfalls nicht mit dieser „latenten Ikonizität“[xviii],
die im reinen Formexperiment die den Bildern zugrundeliegenden Arbeitsprozesse
durchstrahlen lässt, auch wenn der Mensch daraus verschwunden ist. Reine
Zeichen, reine Quanta.
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Entuziazm
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Hierin deutet sich der Übergang von der
metallverarbeitenden zu einer zeichenproduzierenden Gesellschaft an, von der
Siderurgie zur Semiurgie, wie Serge Daney die Allmacht der Zeichen genannt hat,
die zu einer Produktivkraft geworden sind. Und bald schon sollte die Ökonomie
der Zeichen die Schwerindustrie des ausgehenden 20. Jahrhunderts werden und die
Grundlage des kriegerischen Semio-Kapitalismus der Gegenwart.
Fußnoten:
[i] Dziga Vertov, „Kinoki – Umsturz“ (1922/23), in: ders., Schriften zum Film, hrsg. v. Wolfgang
Beilenhoff, München: Hanser 1973, S. 20.
[ii] Vgl. Thomas Tode, „Ein Russe projiziert in die Planetariumskugel.
Dsiga Wertows Reise nach Deutschland 1929“, in: Oksana Bulgakova (Hg.): Die ungewöhnlichen Abenteuer des Dr. Marbuse
im Lande der Bolschewiki, Berlin: Freunde der Deutschen Kinemathek, 1995,
S. 145.
[iii] Sophie Küppers, „Schau das Leben durch das Kino-Auge Dsiga Werthoffs“,
in: Das Kunstblatt 5/1929, zitiert n.
ebd., S. 154.
[iv] Dziga Vertov, „Wir. Variante eines Manifestes“ (1922), in: ders., Schriften zum Film, a.a.O., S. 7.
[v] Viktor Schklowski, „Sergej Eisenstein und der Nichtspielfilm“, in: FilmAugeFaustSprache. Filmdebatten der 20er
Jahre in Sowjetrußland, hrsg. v. Oksana Bulgakowa, Berlin: Babylon o.J.,
S.39.
[vi] In: Sergej Eisenstein, Das
dynamische Quadrat. Schriften zum Film, hrsg. v. Oksana Bulgakova, Leipzig:
Reclam 1988, S. 10-16 u. 17-45. Tom Gunning hat bekanntlich die prä-narrative
Epoche der Filmgeschichte in seinem gleichnamigen Aufsatz „Cinema of Attraction“
genannt; in: Wide Angle, vol. VIII,
no. 3/4, Herbst 1986; dt. „Das Kino der Attraktionen. Der frühe Film. Seine
Zuschauer und die Avantgarde, in: Meteor
4, 1996, S. 25-34.
[vii] Ebd. S. 12.
[viii] Vgl. auch „Theater der Attraktionen“ von Sergej Tretjakow, der
Ostrovskijs Stück bearbeitet hatte, in: Sergej
Tretjakow. Gesichter der Avantgarde. Portraits – Essays – Briefe, hrsg. v.
Fritz Mierau, Berlin / Weimar: Aufbau 1985, S. 66-73, hier S. 69.
[ix] Ebd. S. 70.
[x] „Vom Zauberer zum Erkenntnistheoretiker“ nannte Annette Michelson denn
auch ihren berühmten Aufsatz zu Vertovs Filmästhetik: „From Magician to
Epistemologist“, in: Artforum , vol.
10, no. 7, march 1972, S. 60-72.
[xi] Walter Benjamin, „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen
Reproduzierbarkeit“ (1/39), in: ders., Gesammelte
Schriften, Bd. 1.2, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1974, S. 495; dies ist im
übrigen die berühmte Passage, in der Benjamin von Maler und Kameramann als
Magier und Chirurg spricht.
[xii] Jean-Louis Comolli, „Die Zukunft des Menschen. (Rund um den Mann mit
der Kamera)“, in: Verschiedenes über
denselben. Dziga Vertov 1896-1954, hrsg. v. Klemens Gruber, Wien:
Böhlau 2006, S. 98.
[xiii] Zur Übertragung industrieller Bewegungsabläufe in Film (bei Ruttmann
bzw. Vertov) und Tanz vgl. Victoria Perez, „Die choreografierte Stadt in der
filmisch manipulierten Bewegung“, in: Tanz
Metropole Provinz, hrsg. v. Yvonne Hardt & Kirsten Maar, Münster: LIT
2007, S. 213-228.
[xiv] Vgl. Annette Michelson, „The
Kinetic Icon in the Work of Mourning: Prolegomena to the Analysis of a Textual
System", in: October 52, Spring 1990,
S. 21f.; dt. in: Der kreiselnde Kurbler. Dziga Vertov zum 100.
Geburtstag, Bd.
2, hrsg. v. Klemens Gruber, Maske und
Kothurn, 50. Jg., Heft 1, 2004.
[xv] Vgl. Jacques Aumont, „Avanguardia: di che
cosa? A proposito di Entuziazm (Dziga Vertov, 1930)“, in: Paolo Bertetto,
Sergio Toffetti (Hg.), Cinema d'
avanguardia in Europa (dalle origini al 1945), Milano: Il Castoro 1996, S.
227f.
[xvi] Vgl. Hans-Jürgen Krahl, „Das Elend der kritischen Theorie“, in: ders.,
Konstitution und Klassenkampf. Zur
historischen Dialektik von bürgerlicher Emanzipation und proletarischer
Revolution, Frankfurt a. M.: Neue Kritik 1071, S. 251.
[xvii] Der Ausdruck stammt vermutlich von Alexander Kluge.
[xviii] Den Begriff „latent iconicity“ verwendet Jakobson, um auf die hinter
den Gesten stehende Bildlichkeit hinzuweisen, von der sie sich im Laufe ihres
Gebrauchs gänzlich gelöst haben. Roman Jakobson, „Motor Signs for ‚Yes‘ and ‚No‘“, in: Language in Society 1, no. 1, April
1971, S. 91-96.
Teile dieses Texte erschienen in anderen
Zusammenhängen, jüngst etwa in: LINZ
TEXAS. Eine Stadt mit Beziehungen, hrsg. v. Angelika Fitz / Martin Heller,
Wien / New York: Springer 2008. (22.6.2008)
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