CBD A* – The Most Amazing Dance Channel on the Planet
corpus: ...und wo setzt Ihre These an, Miss Piggy? Miss Piggy: Ich behaupte, „Le sacre du printemps“ ist eine christianisierte Form des Gang Bang. corpus: Moment! Die Sacre-Handlung ist in einem vorchristlichen „heidnischen Russland“ angesiedelt. Miss Piggy: Aber in einem christlichen Russland komponiert und 1913 in einem ebenso christlichen Paris als Ballett uraufgeführt. Der Rückgriff auf das vorchristliche Russland war damals eine beliebte Methode, um zu einer neuen nationalen Identität zu finden. Aber es gab keine Kultur ohne christlichen Kontext. corpus: Aber Gang Bang? Ist das nicht überzogen? Miss Piggy: Überhaupt nicht. Der Gang Bang ist ein Ritual, bei dem die Frau in einer Gruppe von Männern symbolisch geopfert wird. In der sogenannten „Frühlingsweihe“ von Igor Strawinsky wird die Jungfrau von einer Gemeinschaft getötet, um Krieg und Ackerbau unter ein positives Zeichen zu stellen. Der Gang Bang ist Lust, das Frühlingsopfer ist Mord. corpus: In dem Ballett gibt es zwar Kämpfe, aber keinen Sex. Miss Piggy: Die Tötung bei Sacre ist die Folge eines gemeinschaftlichen Sexualakts, der nicht vollzogen werden darf. Einerseits, weil der verwehrte Akt den Kampfgeist erhöht, und zweitens, weil die legalisierte Beseitigung des Objekts gemeinschaftlicher Begierden einen Neubeginn bedeutet. corpus: Der Frühling ist hier also eine Metapher für den Tod. Miss Piggy: Die Frau wird als Acker gesehen. Als Totenacker und zu bestellendes Feld zugleich. Beim einvernehmlichen Gang Bang wird die Frau einfach bestellt. Getötet wird dabei nur ihre Rolle als Gebärerin. Eine ähnliche Symbolik findet sich übrigens beim Essen eines Hamburgers: Bodenfrucht und Fleischeslust – und symbolisches Blut in Form von Ketchup. corpus: Eine Kulinarisierung von Sacre? Miss Piggy: Der Hamburger ist das Abbild der Agrikultur. Das Ketchup steht für das Opferblut. Und die Dekoration des Brotes mit Sesamkörnchen weist dann auf den Gang Bang hin. corpus: Also, das klingt nach einer Sesamstraßen-Assoziation! Miss Piggy: Mit Andy Warhol gedacht, stimmt das auch. Sehen wir uns diesen Film an...
Miss Piggy: Wenn sie genau aufgepasst haben, ist ihnen aufgefallen, das Warhol sein Ketchup nicht in den Hamburger geschüttet hat, sondern daneben auf das Papier. Er tunkt das Brot und das Fleisch in das Blut. Ein Hinweis auf die Trennung von Ziel und Begehren. Warhol isst auch nicht auf. Es geht also nicht um Ernährung, sondern um den luxuriösen Rest, der auch im Gang Bang relevant ist. Dort ist der Akt in einen Rest überführt. Das ist das Thema der Pop Art. Martha Rosler ironisiert diese Attitüde. Die Hamburger-Presse ist eines der Werkzeuge, mit dem sie die Frau als Opfer karikiert.
corpus: Dabei kann natürlich an Anne Jurens und Annie Dorsens Stück „Magical“ gedacht werden. Miss Piggy: Oder an den Dirigenten Sir Simon Rattle, der Sacre mit 250 Jugendlichen einstudiert hat. Das zeigt, dass Rattle sich für die Geschichte in dieser Musik gar nicht interessiert.
Miss Piggy: Und übrig bleibt ein ketchuprotes Kleid. Ich erinnere mich an ein Sacre-Projekt der Gruppen Lux Flux und Saira Blanche Theatre im Jahr 2000: „ZAKR – Einladung an Nijinsky“. Da waren reflektiert: der Skandal von 1913, das Aufführungsritual und das Diskursritual. Viele Jahre später choreografierte Xavier Le Roy das Dirigat von Simon Rattle. Hier ist die Performance zur Gänze von der Geschichte, die in Sacre erzählt wird, abgetrennt. Aber: Le Roy trägt ein ketchuprotes Hemd!
corpus: Das war Miss Piggy mit ihrer verblüffenden These zu „Le sacre du printemps“. Zum Abschluss unseres Programms noch etwas Edutainment: Unsere Zigarettenwerbung, diesmal ein Ausschnitt, passend zum Thema, aus Woody Allens Film Matchpoint.
Das war: CBD A* – The Most Amazing Dance Channel on the Planet