2011: Kunst ist Politik

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WAS IN DIESEM JAHR GETAN WERDEN MUSS

Von Helmut Ploebst



2011 wird ein gutes Jahr. Nicht, weil es besondere Anzeichen dafür gibt, daß es so sein wird. Sondern, weil wir es so wollen. Es muß ein gutes Jahr werden, weil wir etwas weiterzubringen haben. Nicht nur wir, die corpusRedaktion, sondern auch alle LeserInnen und AutorInnen von corpus wissen, daß vieles anders werden muß in dieser Gesellschaft, und wir wissen auch, daß wir etwas zu dieser Veränderung beitragen können und werden.

Der Wille zum Wandel hat nichts mit prognostischem Optimismus oder Pessimismus zu tun, sondern mit Diagnosen und Maßnahmen. Viele Künstlerinnen und DenkerInnen, die für Verbesserungen in unserer Gesellschaft arbeiten, sind der Mühlen eines kalten politischen Systems, das träge, stur und konservativ neoliberale Phrasen drischt, müde geworden.

Was bringt das eigentlich, sich mit künstlerischen und intellektuellen Instrumentarien zu einer Politik zu äußern, die längst damit begonnen hat, sich und ihre Bevölkerungen zu verlassen? Und wozu sich noch länger vergeblich gegen übermächtige ökonomische Ideologien und Strukturen stemmen, die das politische Feld entern, um dort einen neuen, optimierten Menschen zu züchten?

Regimes, die gestürzt werden müssen

Wir wissen nicht, was der Widerstand bringt. Aber wir wissen, daß wir uns nicht optimieren lassen wollen, und wir wollen uns auch nicht den zynischen Rationalisierungen einer Verwaltung unterwerfen, die sich zunehmend in stumpfen Pragmatismus verabschiedet. Und nein, wir wollen die Weltherrschaft des Neoliberalismus nicht akzeptieren – wir glauben weder, daß die globalisierte Wirtschaft neoliberal sein muß, noch, daß die freie Kunst unter neoliberalen Zwängen verwaltet werden kann.

Wir glauben nicht an die Segnungen einer alles umfassenden Kontrolle oder an ideologische Performative der Simplifizierung des Gesellschaftlichen. Wir wissen, daß die Regimes von Silvio Berlusconi (Italien), Vladimir Putin (Rußland) und Victor Orban (Ungarn) gestürzt werden müssen und daß ähnlichen Tendenzen in anderen Ländern das Wasser abgegraben werden muß.

Totalitarismus kommt mit einem Übermaß an Formalismen einher. In Italien ist es das Spektakel, in Ungarn der Nationalismus und in Rußland eine mafiöse Mischung aus beidem. Getragen werden diese gewählten Regimes durch populistische Performative, die wie die Diktaturen in Weißrußland und China weder freie Presse noch kritische Kunst dulden. In Österreich vertritt zur Zeit die Politik der FPÖ unter H.C. Strache, dem Erben Jörg Haiders, solche Tendenzen am deutlichsten.

Putinismus auf Wienerisch

Weder in Österreich noch in Deutschland existiert eine zeitgemäße Kulturpolitik, die neue Formen von Kunst adäquat zu administrieren imstande oder auch nur willens ist. Der im Herbst 2010 für eine weitere Legislaturperiode verlängerte Wiener Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny, der sich an der freien Kunstszene als Sparefroh austobt und mit 2012 auch corpus ausradieren will, warf vor kurzem einem privaten kärntner (!) Bauunternehmen aus dem Handgelenk zwei Millionen Euro in den Rachen. Das ist Putinismus auf Wienerisch: boshaft, zynisch und selbstherrlich.

Trotzdem glauben wir daran, daß das nicht immer so bleiben wird. Ja, so verbohrt sind wir. Wir glauben weder an die Unvermeidlichkeit administrativen Versagens noch an die Umwegrentabilität von schlechter Kunst und verlogenen Spektakeln, sondern an die Sinnhaftigkeit von künstlerischer Aktion und diskursiver Setzung. Und wir verlieren langsam die Geduld mit Politikern, denen ihre Parteiinteressen wichtiger sind als die Bedürfnisse ihrer Bevölkerungen.

Die Verachtung von Kunst und Intellekt, die sich weder volkstümlich geben noch „niederschwellig“ vor irgendwelche Propangandakarren spannen lassen, hat sich in Österreich über einige Transformationen direkt aus dem Nationalsozialismus in die Gegenwart gerettet. Die österreichische Kulturpolitik ist ein Spiegel dieser Verachtung. Durch sie wird die österreichische Bevölkerung von ihrer zeitgenössischen Kultur getrennt und ferngehalten.

H.C. Straches Aufstieg torpedieren

Wir wollen weiter und verstärkt beweisen, daß die verächtliche Haltung der heutigen Politik gegenüber zeitgenössischer Kunst grundfalsch ist, und daß gerade in Zeiten einer gesellschaftlichen Krise über künstlerische Praktiken und ihre Diskurse eine neue, bessere Politik gedacht, entworfen und umgesetzt werden kann. Damit will corpus dazu beitragen, eine weitere Berlusconisierung der europäischen Gesellschaften zu blockieren und eine Machtübernahme durch H.C. Strache in Österreich, die von einigen Politik-Analytikern mittelfristig als durchaus möglich angesehen wird, zu torpedieren.

Das kann auch ein kleines Medium, das sich über Tanz, Choreografie und Performance auch mit den Dynamiken, Organsiationsformen und Darstellungsstrategien von Politik und Massenkommunikation beschäftigt, leisten. 2011 wird also auf dieser Ebene ein gutes Jahr sein. So viel ist sicher.


(1.1.2011)