3. EX ANTE: "vers(t)ehen"

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ODER DAS GEHEN ALS AKT DES (ZER)SETZENS VON BEDEUTUNG

Von Elke Krasny


Der Begriff der Erweiterung, vor allem die Vorstellung der Erweiterung von allem in die Richtung von allem anderen ist die Radikalität der Inklusion, die gesellschaftspolitisch gewendet/gewändet eine Umkehrung konfliktuöser und gesellschaftliche Wunden markierender Exklusionen darstellt. Projiziert man die Bewegung des Ver-sehens als choreografischen Akt auf das Wort „versehen“ selbst zurück, so flackert das von mir als verschwunden assoziierte oder geglaubte t als Bedeutungslink zur Produktion eines Labors auf. Vermehrt um ein t, bewegt sich versehen - in Richtung ver-stehen. Begehren wie Imperativ des Verstehens sind mächtige Agenturen, die Sinnhaftigkeit und Kanonisierung gleichermaßen vor sich hertreiben wie hinter sich zurücklassen. In dieser Bewegung ginge es wieder um das Dazwischen, des Vor-sich-her, des Hinter-sich, das den Moment eines Jetzt bezeichnet, der die Figur des Labors annimmt, die Historizität von Avantgarden als mögliches Denkmodell von Zukunft fraglich annimmt. Die Avantgarde ist tot. Lässt man hier das t verschwinden, so bleibt ein o. Das o ist der primäre Laut der Philosophie, so lässt sich vermuten, steht doch an ihrem Anfang das Staunen, das neugierig auf Erkenntnisgewinn abzielt. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist die Naivität des Staunens Luxus geworden. Das Erstaunen geht mit dem Verdacht Hand in Hand, was sich in urbanistischen globalen Praxen der Überwachung, der Aussperrung, der Einsperrung zeigt. Die Foucaultsche Heterotopie gälte es als Brüchigwerden von Raum in die mit Schleusen und Beschränkungen des Transits belegten Räume einzuführen. Lassen sich also in historischen Bewegungen der Avantgarde, gedacht als „choreographing history“ reale physische körperliche Bewegungsmomente aufspüren, die aus der situationistischen Praxis in eine andere gesellschaftspolitische Situation übersetzbar sind? Im Raum der Geschichte wie im Raum der Stadt die Bedeutungsinseln aufzuspüren respektive als Situationen zu erzeugen oder zu beschwören, ist die Bewegung des Gehens im fort/da, um ein Bild von Freud zu evozieren. Die Entdeckung der Stadt als Akt des Gehens ist eine zentrale Figur der situationistischen urbanistischen Bewegung. Liest man das Gehen nun als Akt der Bedeutungszersetzung, Bedeutungszerstreuung wie Bedeutungskonstruierung, so stellt sich die Frage nach dem Gehen als choreografischer Handlungsspielraum. Das Gehen ist Einmaligkeit, Differenz und Wiederholung par excellence. Übersetzt man das Gehen in die Stadt in ein Gehen in Avantgardebewegungen und sucht diese zueinander zu korrelieren, so schärft sich die Frage nach dem Verhältnis von Praxen und Theorien. Wie kann ein theoretisches Nachgehen eine andere Form ergreifen? Wie sehen die Verhältnisse aus, in denen ein Sprechen über zu einem Handeln mit führt? Das Handeln stellt die Frage nach den Subjekten der Handlung und ihren bewegenden Relationen zu ihren Orten, zu ihren Ver-Ortungen. Anders gewendet, stellt sich die Herangehensweise als eine Öffnung auf das, was einmal als Anderes gedacht war und von der gleichen Logik der Musealisierung und des Kapitalisierung eingeholt wurde. In die „Situation“ als Begehren nach anderer Bedeutung zu gehen, verbindet das Gehen als Akt mit dem Akt des Denkens. Im Denken Gehen ist die Erzeugung von Choreografie als kombinierte Operation zwischen Kopf und Fuß. So hat die Sache zwar nicht Hand und Fuß, macht sich aber auf den Weg, zwischen Kopf und Fuß die (eigene) Geschichte zu (er)finden. „Agitation was never meant to be fun“, schreibt Sanford Kwinter und hat sein Augenmerk auf Michel Foucault gerichtet. „Far fom Equilibrium“ heißt das Buch, in dem er diesen Satz schreibt, und er führt uns somit zurück zum vers-t-ehen, das eine delikate Figur des choreografischen Aus-dem-Gleichgewicht-Kommens ist. Um beharrlichen Stillstand geht es nicht, sondern um das Unzeitgemäße des vor sich und hinter sich, um versehentlich in der Lücke schwankend auf einem Bein zu balancieren, das sich der vereinnahmenden, austarierenden Balance kräftig widersetzt.

(29.2.2008)