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DAZWISCHEN: INVESTIGATIONEN IN STÄDTEN, HANDLUNGEN, KÖRPERN UND BEWEGUNGEN
Von Elke Krasny
„Man
glaubt sich zu entfernen, und man findet sich in der Vertikalen seiner
selbst wieder.
Die Reise verjüngt die Dinge und macht das Verhältnis zu
sich selbst älter.“ Michel Foucault
DISCURSUS: Das Auseinanderlaufen, das Hin- und Herlaufen, metaphorisch: ausführliche Darstellung, Rede
Lässt man sich anstecken von der über die Jahrtausende im Wort gespeicherten Bewegung - discurrere, auseinanderlaufen, sich zerstreuen, sich verbreiten, verlaufen - dann ist die von dem Labor „Eine historioklastische Anvantgarde-Investigation in den Handlungsspielräumen von Tanz und Choreografie“ im Tanzquartier Wien eingeforderte Beweglichkeit ein „discurrere“, das die Theorie wie Praxis umfassend erfasst. Der Diskurs hat die Bewegung immer noch gespeichert. Dieses semantische Reservoir als Kraft gilt es als Potenzial zu erkennen, als Bedeutungsressource zu nutzen und durch die Bewegungen einer Geschichte als Investigation zu tragen. Der Diskurs trägt die Bewegung als Potenzial der Übertragung, des semantischen Transfers in sich. So wie Performancekünstlerinnen und Performancekünstler Bewegungen abnehmen - von anderen, aus dem Raum des Alltags, aus dem Transferbereich des „Anderen“ -, gilt es, Bewegungen abzunehmen und aufzunehmen, um sie anders zueinander positionieren zu können.
Hören wir das Wort Diskurs, so haben wir die Bewegung aus dem Ohr, aus dem Auge verloren. Wir sind anders perspektiviert. Die Perspektive zu wechseln und aus dem Wechsel in die Polyperspektvierung, in die Agilität anderer Bewegungszusammenhänge zu gelangen, bildete den investigativen Handlungsspielraum des Labors, der sich nun im Weiterdenken in den eigenen Denkbewegungen manifestieren kann.
"We who live here wear this corner of the city like a comfortable coat, an extension of our personalities, threadbare yet retaining a beauty of its own. This is the intimacy of cities, made more precious and more secret by our knowledge that it is one of many cells or corners in a great city that is not so much a labyrinth as a web or a shawl." Elizabeth Wilson
DIGRESSIO(f) oder DIGRESSUS(m): Weggehen, Abschied, Abschweifung
Im Abschiednehmen von einem Denken der Zentren und Peripherien, das wiederum den urbanistischen Diskurs in andere Diskurse übersetzt, im Weggehen von monolinearen Verknüpfungen durch die Zeit, erweist sich die Figur der Abschweifung als Theoriepotenzial. Digressio und Derive können einander begegnen. Aus der Begegnung kann etwas entstehen. Das wiederum ist die Bewegung des Sprechens im Labor, das sich weitertragen lässt in Bewegungen ästhetischen Produzierens. Unter ästhetischer Produktion möchte ich gleichermaßen die Bewegungen des „Tanzens“ wie des „Schreibens“, des „Bewegens“ wie des „Denkens“ verstehen. Das ist der Ort, der sich für mich als Ort des „Versehen“ herausschälte. Der Ort, der aus der Abschweifung entsteht, und im Weitertragen des Abschweifens zu sich finden kann, das ist versehene Ort, an dem die Avantgarden mit ihrem (Eigen-)Leben konfrontiert werden können, um das Übersehene mit dem Gesehenen zu versehen.
In der Dynamisierung der Verhältnisse zwischen Städten, Körpern und Bewegungen, die meine sprunghaften Standpunkte in das Labor hineintrugen, lassen sich die Praktiken, Strategien, Finten, Tücken und Listen der Situationisten als eine Wegmarkierung entlang der imaginierenden Denkachsen ausmachen. In der Verbindung möglicher Stepping Stones wird das Sprunghafte zur Disziplin. Bleibt die Disziplin undiszipliniert, lässt das ein Versprechen auf das Andere der Theorie, das sich in der Praxis wiederfindet, aufkommen.
Es bleibt in Bewegung. Wenn es in Bewegung bleibt, dann können die fixierenden Verortungen historiographischer Schreibungen und Setzungen dem Beschriebenen nichts anhaben. Über die Zeiten und Räume hinweg kann der Funke der Inspiration springen, als radikale Bewegung, die die Gefahr der Ansteckung aufnimmt.
Gestärkt aus der Dichte und der Heterogenität der Laborerfahrung, möchte ich versuchen zu skizzieren, was sich zu ereignen beginnt, als Bewegung, wenn man Begrifflichkeiten und ästhetische Produktionen trans-versal, trans-medial und trans-conceptual zu imaginieren sucht.
Beginnt man die „Verletzlichkeit“ von Konzepten, von der die Philosophin Gesa Ziemer im Labor sprach, und die „Travelling Concepts in the Humanities“, denen Mieke Bal in ihrem 2002 erschienen Buch nachging, zueinander zu relationalisieren, dann eröffnet sich die Forschung als Bewegung, die im Bewusstsein ihrer eigenen Choreographiertheit die Konzepte zum Tanzen bringen könnte. Zurück zur Dichte und Heterogenität: Was diesem Text vorauseilt, sind die pluriformen und in ständiger Transformativität gedachten Verbindungsmöglichkeiten von Städten, Körpern und Bewegungen. Die Geschichte(n) hat (haben) sich ereignet. Die Transformationen verlangen nach einem Jetzt. Diesem Begehren als dem Begehren aus dem Geschichteten in das zu Gewärtigende der Gegenwart gilt es zuzuhören, gilt es Aufmerksamkeit zu schenken, gilt es nachzugehen.
Die Vehemenz des Zuhörens als produktive ästhetische Leistung ist ein Erkenntnisgewinn des Labors. Wie kann man den Bewegungen vergangener Avantgarden - ich imaginiere die Bewegungen des Derive - zuhören, ohne sie unmittelbar zu verorten oder zu verfestigen. Wie kann ein „Schreiben über“ zu einem „Schreiben mit“ werden, das sich aus dem Zuhören speist. Das wäre die Figur der Transmedialität als vorantreibender Filter, der unter dem Pflaster zwar nicht den Strand entdeckt, aber nicht vergisst, dass er dort einmal entdeckt und imaginiert worden ist. Anderswo. Der Strand und das Strandgut. Gestrandet. Sie alle, diese Worte, lassen die Welt draußen als unser Innerstes, unsere Verkörperungen, erscheinen: Politik und Migrantenströme, Macht und Ohnmacht, Massentourismus und Exklusivitätsversprechen. Ein Wort, z. B. Strand, und seine Bewegungen im Denken auffalten, heißt in der Theorie der Heterotopie von Michel Foucault, real wie phantasmatisch zu folgen.
“The body becomes a ,text‘ and is fictionalized and positioned within myths and belief systems that form a culture's social narratives and self-representations.” Elizabeth Grosz
Transfero: hinübertragen, vorübertragen, metaph. überschreiben, übersetzen, verlegen, versetzen, auf etwas anderes anwenden, metaphorisch verwenden, bezeichnen, auf eine andere Zeit verschieben
"Between the tool and the flesh there is a play which is translated on the one hand by a change in the fiction and on the other by a cry, an inarticulate, unthought suffering of corporeal difference." Michel de Certeau
Die Bewegungen führen uns zurück in die Stadt und ihre Körper, in die Stadt und ihre Bewegungen. „Dichte“ und „Heterogenität“ habe ich dem Labor im Tanzquartier attestiert. Das ist ein Versuch begrifflicher Transferleistung. Der Stadtforscher Helmuth Berking verwendet die Begriffe der Dichte und der Heterogenität als die Form des Urbanen. Um die Form geht es mir nicht. Mir geht es um Inhalte, aber diese sind nicht formlos. Was passiert, wenn man Begriffe, wie den der Urbanität, zu transferieren beginnt? Wohin führt eine solche Transferleistung als kulturelle, künstlerische, philosophische und reflektorische Strategie? Das wäre mein Begehren an das Umschreiben, Widerschreiben, Wiederschreiben des scheinbar Bekannten.
In der Diskontinuität, in der Sprunghaftigkeit - und das führt die tanzende Bewegung in das Schreiben - zeigt sich, dass es niemals um einfache Mimesis gehen kann. Man bedient sich nicht einfach so, folgenlos oder formlos, aus dem Fundus der Geschichte. Es hat Folgen, die in der Über-Setzung liegen, im trans-ferre. Das Gleiche ist niemals Dasselbe. Alle neosituationistischen Praktiken, alle Bewegungen des heutigen Derive, seien sie in Kunst, Theorie, Stadtplanung, Architektur oder Performance auszumachen, sind ihre eigenen Bewegungen. Sie sind der Diskurs, das Weiterlaufende, das im Weiterlaufen auf die Abschweifung setzt und Abschiede zulässt.
Inklusion ist politisch wie symbolisch exklusiv geworden. Der Anspruch der Avantgarden, die Kunst mit dem Leben zu verbinden, ließe sich nochmals aufrollen, indem man mit Foucault die ethischen Subjekte in ihrer Potenzialität, ihrem Handlungsspielraum denkt, dass aus dem „Leben eines jeden ein Kunstwerk werden“ könnte.
Nimmt man die Möglichkeit des Transfers als Verschiebung auf eine andere Zeit ernst, dann eröffnen sich Möglichkeiten des Versehens von Zeitläuften mit Rezeptionsbegegnungen, die so noch nicht stattgefunden haben. Indem man auf die Bewegungen hinhört und aus ihnen herausliest, können „the Control of Disorder“ (Elizabeth Wilson) und der „Mann mit der Kamera“ (Dziga Vertov) einander begegnen, können die antike Spaziergangsübung und der Flaneur, können „Latino/a America. A Geophilosophy for Wanderers“ und der „Situative Urbanismus“ einander begegnen. Das bedeutet, die Situiertheit des Situationismus als Transfer zu dynamisieren, als Verschiebung auf eine andere Zeit. Die Abschweifung, die rhetorische Figur der Digressio wird mit der ästhetischen urbanistischen Praxis des Derive verbunden. Aus der Verbindung der Begegnungen resultiert der Transfer im Versehenen.
Dies führt mich zurück in die Konstellationen von Städten, Handlungen, Körpern und Bewegungen, von denen ich aufgebrochen bin, um ihre Begegnungen als die ihnen eigene Form, nämlich die der Transformation, von einer Zeit in die andere zu verschieben. Was sich eröffnet, ist die Gemeinsamkeit der Fiktionen als faktische Investigationen. Und umgekehrt, die Worte und die Bewegungen - „song and dance (American) a long and complicated statement or story, especially one that is not true“ - was sich immer von Neuem in Frage stellen lässt. Ist die Geschichte, die so erzählt wurde, die richtige, oder müssen innerhalb der Geschichten neue „Stepping Stones“ gefunden werden, die im Überspringen von einem Stein zum nächsten das Übersprungene versehen?
Literatur:
Coverley, Merlin: Psychogeography, Harpenden: Pocket Essentials, 2007.
Grosz, Elizabeth: Volatile Bodies. Toward a Corporeal Feminism, Indiana University Press, 1994.
Mogel, Lize / Bhagat, Alexis: An Atlas of Radical Cartography (besonders: Alejandro de Acosta, Latino/a America: A Geophilosophy for Wanderers), Los Angeles, Journal of Aesthetics and Protest Press, 2008.
Situativer Urbanismus. Zu einer beiläufigen Form des Sozialen, archplus 183, 2007.
Wilson, Elizabeth: The Sphinx in the City. Urban Life, the Control of Disorder, and Women, Berkeley: University of California Press, 1992.
Wood, Denis: The Power of Maps, New York: The Guilford Press, 1992.
(15.6.2008)
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