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LABYRINTH. SITUATIONISMUS. MONTAGE. KRIEGSSPIEL. PERFORMANCE.
Von Werner Rappl
Das Labyrinth ist eine Kriegslist, eine Waffe. Die Gegner sind im Labyrinth unsichtbar und allgegenwärtig - auf vielfach verzweigten Wegen oder in einer weglosen Wüste. Die Situation ist in jedem Fall lebensbedrohend. Das regulierte Chaos folgt einer Ordnung, die aufgespürt und durchkreuzt werden muss. Jede Bewegung im Labyrinth ist vorgegeben, ermöglicht partielle Orientierung in Teilbereichen, lässt aber die Gesamtanordnung nicht erkennen. Gesamtansichten sind von innen nicht möglich, Zentralisierung ist ein hoffnungsloses Unterfangen. Die Strategie ist aus der Situation zu finden. Erkenntnis und Analyse sind nur von einem Punkt außerhalb des Labyrinths zu erlangen, zum Beispiel mittels der materiell festgehaltenen Erinnerung des Weges von außen entlang des Ariadnefadens. Der Faden schafft die Verknüpfung der elementaren, lokal begrenzten Intelligenzen, die sich an allen Orten befinden. Das Prinzip des Fadens zeigt, dass die Erkundung kurzsichtig sein muss. Gedächtnis und Erkenntnis sind lokal. Es kann keine Rede davon sein, mehrere Züge im voraus zu denken oder ein Ziel anzustreben. An jedem Knotenpunkt ist der Weg neu zu wählen. Dabei ist nur eines zu berücksichtigen: die Geschichte dieses Knotenpunkts, das heißt das Durchlaufen der zuvor gewählten Wege.
Die Situationisten erforschten das Mikroklima bestimmter Viertel nach deren Auswirkungen auf die Empfindungen und das Verhalten der Menschen. Dabei bedienten sie sich der Technik des eiligen Durchquerens abwechslungsreicher Umgebungen, wobei die Teilnehmer auf die ihnen im allgemeinen bekannten Bewegungs- und Handlungsmotive, auf ihre Beziehungen, Arbeits- und Freizeitbeschäftigungen verzichten, um sich den Anregungen des Geländes und den ihm entsprechenden Begegnungen zu überlassen. Sie entwickeln eine Wissenschaft der Beziehungen und Umgebungen, die Psychogeographie. Im Herumtreiben entwickeln sie ihren Spürsinn für Bruchlinien im Stadtgewebe und im sozialen Gefüge. Mit Vorliebe für das Unvollendete und Vergängliche stellen sie die isolierten Elemente neu zusammen. Die Praxis des Sich-Verlierens eröffnet neue Verbindungen. Die Landkarten werden neu gezeichnet und zur Erkundung weiterer Viertel verwendet, das bedeutet zum Beispiel, dass ein Stadtplan Londons zum Durchschreiten des Harz eingesetzt wird. Im Übereinanderlegen der Karten wird die Gültigkeit gemachter Erfahrungen in neuen Umgebungen erprobt, um die vermeintlich geschlossenen Situationen aufzubrechen.
In der Montage gegensätzlicher oder nicht zusammenpassender Elemente lässt sich durch praktische Gestaltung dem konditionierenden Milieu entgegenwirken, können neue Gefühle erzeugt werden.
Der Mensch zeichnet sich ja im Unterschied zum Tier dadurch aus, dass er dem als Täuschung erkannten Abbild der Realität einen eigenen Wert zuerkennt. Das eröffnet viele Möglichkeiten. Der Mensch lässt sich gerne täuschen, aber er vermeint auch, die Täuschung als Täuschung zu erkennen, was sich jedoch als Täuschung erweisen kann. Der Meister ist in seiner eigenen Falle gefangen, wie Daedalus im Labyrinth. Er muss den Strom der Bilder anhalten und wiederholen: die schon durchlaufenen Verzweigungen zurückspulen, bis ein noch unbegangener Weg gefunden wird.
Das ist die Technik der Montage: anhalten und wiederholen. Man muss nichts Neues erfinden, es genügt zu wiederholen und anzuhalten. Die Kraft und Neuigkeit der Wiederholung entspringt der Wiederkehr der Möglichkeit dessen, was schon einmal gewesen ist. Das macht auch ihre Nähe zur Erinnerung aus, die ja auch der Vergangenheit neue Möglichkeiten eröffnet und damit die Realität verwandeln kann, indem sie die Wirklichkeit als Möglichkeit zeigt und Möglichkeiten wirklich werden lässt.
Das von Guy Debord 1965 entworfene und nach seinen Angaben 1977 in vier Exemplaren von einem Künstler angefertigte Kriegsspiel ermöglicht in einer Spielsituation nach bestimmten Spielregeln exemplarische Schlachtverläufe zu entwickeln. Nicht einzelne Schlachten sollen nachgestellt werden, sondern die Quintessenz der Konfrontation ausgewählter Truppenformationen soll deutlich werden. Die Art der taktischen Einheiten, ihre offensive und defensive Kraft, die Proportion der Einheiten, ihre Kommunikation untereinander folgen den von Clausewitz analysierten Gesetzen der Kriegskunst. In seinem 1987 publizierten Buch beschreibt Debord den Spielverlauf einer Schlacht und die dabei erkennbaren allgemeinen Grundprinzipien der Kriegsführung: Eine allzu breite Front ist leicht zu spalten, geteilte Truppen sind leichter zu besiegen. Die Defensive ist zwar sehr erfolgreich, kann aber nicht allzu lange statisch bleiben und muss, um zu gewinnen, zum Gegenangriff übergehen. Die Truppen müssen bewegt werden, aber nicht nutzlos verschwendet. Wer alles behalten will, verliert alles. Wer aber größere Verluste als der Gegner hat, verliert die Möglichkeit, den Gegner zu umschließen.
Die im Spiel gewählte Idealsituation beschränkt sich auf den historischen Moment des Kampfes zwischen Truppen von Infanterie, Artillerie, Kavallerie etwa aus der Zeit des Siebenjährigen Krieges 1756-1763. Weder antike Kriegsführung noch moderne technische Hilfsmittel finden dabei Berücksichtigung, ebenso wenig berücksichtigt werden können klimatische Einflüsse, Tag/Nacht, Moral und Ermüdung der Truppen, die Unkenntnis der Positionen und Bewegungen des Gegners.
Ausgehend von einem bestimmten Spielstand entwickeln sich im Unterschied zum Schach in wiederholten Spielen fast immer unterschiedliche Spielverläufe.
Performance bewegt sich zwischen den herkömmlichen Kunstgattungen, überschreitet Grenzen, verstößt gegen Regeln, verlässt den gewohnten Kontext von Zeit und Raum, verbleibt aber meist doch im Bereich der Kunst. Die situationistischen Anregungen betreffen ein Überschreiten dieses der Kunst zugewiesenen Raums, ohne sich deshalb in die üblichen Handlungsrahmen von Politik, Wissenschaft oder Philosophie einzuordnen.
Die unter Zuhilfenahme strategischer Überlegungen zum Verhalten in labyrinthischen Situationen und in anderen kriegerischen Konfrontationen gesuchten Auseinandersetzungen setzen auf eine Ausweitung des geregelten Kontrollverlusts über die Grenzen der etablierten Handlungsspielräume hinaus, um die Architektur des Zusammenlebens in allen Bereichen aufzubrechen und neu zusammenzusetzen.
(29.2.2008)
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