MATERIAL FÜR EINE BELIEBIGE LESERIN; MIT EINER FUSSNOTE VERSEHEN
für Robert Filliou und Robert Desnos
Von Jack Hauser
John Cage Kompositionen:
1958 variations i: für eine beliebige anzahl von spielern mit beliebigen instrumenten
1961 variations ii: für eine beliebige anzahl spieler mit beliebigen klangerzeugenden mitteln
1963 variations iii: für eine beliebige anzahl von spielern, die beliebige aktionen ausführen
1963 variations iv: für eine beliebige anzahl von spielern, mit beliebigen schallquellen, mit oder ohne aktivitäten
1965 variations v: audiovisuelle performance
1966 variations vi: für eine vielzahl von klangsystemen
1966 variations vii: multimedia-komposition
1978 variations viii: keine musik oder aufnahmen; nicht determiniert
John Cage im Gespräch:
"Lassen sie mich erklären, warum ich die Literatur der Vergangenheit nicht als Kunst, sondern als Material ansehe. Es gibt Leute, die die Vergangenheit als ein Museum betrachten, dem man die Treue zu halten habe. Ich habe eine andere Einstellung. Als Material kann das Vergangene mit anderen Dingen zusammengebracht werden."
Flüchtige Geschichte I:
Die Geschwister Edward und Angélique haben vor Jahren, als sie noch kleiner waren, ihre Mutter verloren. Später versuchten sie mithilfe von Alchemie, sie ins Leben zurückzuholen. Doch die Transmutation misslang. Ed verlor sein linkes Bein und seine ältere Schwester Angélique.
Indem er seinen rechten Arm opferte, gelang es ihm, Angéliques Seele zu transmutieren und in eine stählerne Rüstung zu inkorporieren.
Flüchtige Geschichte II:
Edward denkt immer noch über den Satz nach, den Angélique gestern in das Gespräch mit Irma geworfen hatte. Und den Edward für eine gelungene Provokation hält: "Für das Ephemere gibt es keine Geschichtsschreibung." Das ist herausfordernd, weil natürlich alles, was sich ereignet, ephemer ist. Und dennoch gibt es Geschichtsschreibungen. Auch aus der Kosmologie, Geologie oder Klimatologie: lesen in Spuren und Schichtungen, Tele- und Mikroskopie, die Entzifferung von Bohrkernen. Oder dann die Kriminologie mit ihrer Rekonstruktion der Tat. Also, mutmasst Edward ist das Gegenteil der Fall: "Nur für das Ephemere gibt es die Geschichtsschreibung."
Die Geschichte mit der Fussnote:
Im Tanz wird immer so getan, als wäre das Flüchtige daran seine Besonderheit. Das Ephemere ist jedoch die Norm. Und die Frage daher: Worin hinterlässt das Flüchtige Abdrücke und Spuren, die gelesen, versprachlicht (-logie) und beschrieben (-grafie) werden können? Als Beispiel bietet sich der Fotoapparat an. Seine Spuren: Der Abdruck des Lichts - die Schatten im Silber; die Kamera bildet durch ihre elektro-optische Programmierung die Fotografie. Ein Augenblick wird in ein dauerndes Objekt transmutiert.
Für eine Schreibung von Performancegeschichte ist dies Beispiel brauchbar, weil es darauf hinweist, wobei wir beim Historiografieren des Ephemeren stossen können: auf eine De/Matrix [1] .
So konnte Angélique etwas später fragen: "Bin ich ein Foto von Irma?"
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Gedächtnis, Traum und Film.
Liebe Leserin, Claus Philipp schreibt am 09. Februar 2008 in einer Tageszeitung über "My Blueberry Nights": (...) Anders als die fernöstlichen Stars von "2046" vermögen sie nicht mit der Kamera zu tanzen. Lediglich der grandiose David Strathairn führt in einer sehenswerten Episode als Eifersuchtsmörder vor, was das heißt: Sich als Kunstfigur und gleichzeitig ganz und gar präsent in den Tagtraumbildern des Wong Kar-Wei zu behaupten."
Oder Jeanne Moreau in einem TV-Interview 2007: "Ich liebe den Tanz mit der Kamera."
Liebe Leserin, es ist eine zufällige Begegnung. Sie wird aufgezeichnet. Auf Videomaterial eine Woche vor ihrer Wiederholung in der Wiener Karlsplatz-Passage. The Repeater wiederholt diesen Weg und die Bewegungen der ausgewählten Person. So geschehen am 16. Mai 2000 um 21 Uhr in der Choreografie "The Song" von Jack Hauser & Oleg Soulimenko. Der Fremde, der Performer, die Kamera und ihr Aufzeichnungsformat sind Werkzeug und Werk. Ereignis und Spur fallen ineinander. Das ist die andere Geschichte: Spurenüberlagerung und konstruierte Spuren: Palimpsest und Fantômas. Fiktionautik.
Liebe Leserin, zum Performance-Labor "Secret Service" im Jänner 2005 schreiben die Agenten:
wir beleuchten mit methoden des secret service tätigkeiten & arbeitsweisen von kunst im schnittpunkt von ereignis & theorie & repräsentation. auswertung: möglichst viele informationen sammeln, aber, wichtiger noch, einzelinformationen wie in einem puzzle ohne vorlagenbild zu einem schlüssigen ganzen zusammenfügen (vgl. hirschmann, geheimdienste, hamburg 2004). ein spiel ist dann eines, wenn alle die spielregeln kennen - egal, welche leidenschaft bestimmt.
Liebe Leserin, als Grenzgängerin zwischen den Fluxus-Zirkeln und den Beatles-Events produziert Yoko Ono zusammen mit John Lennon und dem ORF die Fernsehsendung "Film No. 6, Rape" (1969) . Nach ihrem Filmskript:
Liebe Leserin, 1992 schreibt Raoul Hausmann: "Auf einer DADA-Soiree in Zürich 1917 hat Walter Serner das erste 'happening' erfunden: Seine Verbeugung ohne Worte vor einer Gliederpuppe auf offener Strasse mit Niederlegung eines Blumenstrausses zu deren Füssen, was er 'Poem' nannte."
Liebe Leserin, hier das Kinoprogramm der kommenden Gemeinschaft:
1965 Samuel Beckett: "Film"
1985 Kurt Kren: 44/85 "Foot'-age shoot'-out"
1968 Kurt Kren: 21/68 "Danke" (Expanded movie. "An Wochenenden, besonders an Doppelfeiertagen, strahlen Eisenbahnwaggons abends an den fenstern Porno-Filme aus - vor allem entlang Autostrassen bzw. -bahnen. Die Waggonfenster werden Durchprojektionsfläche. Die wesentlichen Höhepunkte ergeben sich meist dort, wo sich Schiene und Strasse kreuzen! Pornozug-Verkehrsunfall. Mein Dank gebührt der jeweiligen Eisenbahn für ihr Entgegenkommen."
1923 Man Ray: "Emak Bakia"
1965 Michelangelo Antonioni: Beruf: "Reporter"
1967 Jacques Tati: "Playtime"
2000 Jack Hauser/Oleg Soulimenko: "The Song"
Liebe Leserin, gefällt dir deine Idee zur Zahlenmystik, mit der in Kunst (und wie Edward eingeworfen hatte, auch in der Politik) gearbeitet wird. In der Kunst als Spielmaterial, in der Politik zur Maximierung von Macht. Ob sich die Zahlenspiele in den Avantgarden als Leitmotiv für "versehen" eignen, befürwortet der russische Lyriker Velimir Chlebnikov indem er die Gesetze der Zeit, das Versprechen sie zu finden, beim Eintreffen der Nachricht von Tsushima an eine Birke schreibt (im Dorf Burmakino, Gouvernement Jaroslavl). "Ich habe 10 Jahre daran gesammelt."
Liebe Leserin, am 20. März 2003 schreibt Miryam van Doren: "ach, du heilige scheisse. ich bin allen menschen vertraut, auch den toten in der zukunft. den jungen und den alten. da nehm ich jetzt meine kamera und bin zu dritt unterwegs. ich bin auf dem land zu finden, in der stadt und in anderen geschaffenen dingen. kurz: ich werde versehen. da! zeitlich gehen alle mit mir um. darum bin ich da und dort, wo mich eben keiner schätzt. lange einstellung. die möglichkeit zu gewinnen liegt ungesucht in deinen händen, liebe leserin. das klingt nicht nur nach glück. das ist film. andere existieren nebenan gleichzeitig. das ist liebe. im täglichen übersetzen vom allgemeinen ins besondere und wieder zurück liegt ihre anwendung. das wissen wird im glück geboren und an der grenze zum verrat, liest du hier, äussert jemand ein politisches wort und endet bei einer religiösen verkündigung. das ist der tod."
Liebe Leserin, Zeitreisende landen immer versehentlich im richtigen Zeitalter und verschwinden spurlos.
Liebe Leserin, lebe wohl. Das ist die Fussnote:
[1] Dematrix: In den analogen Farbübertragungssystemen NTSC, PAL und SECAM werden im Rahmen des YUV-Farbmodells nur das Schwarzweisssignal sowie die Farbart- und Farbstärkeinformationen für die Farben Rot und Blau übertragen. Die Farbe Grün wird nicht übertragen, denn sie ist bereits im Schwarzweißsignal mit enthalten.
Die Dematrix (auch kurz als Matrix bezeichnet), ist eine Schaltung in einem Farbfernseher, mit deren Hilfe aus dem senderseitig übertragenen Fernsehsignalen für Helligkeit Y und den Farbsignalen U (B-Y) und V (R-Y) durch Summen- und Differenzbildung die drei Farbdifferenzsignale R-Y, B-Y und G-Y im Farbdifferenz-Konzept oder die Primär-Farbsignale Rot, Grün und Blau im RGB-Konzept rückgewonnen werden, damit sie der Farbbildröhre zugeführt werden können. (Wikipedia, 20.02.08)
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