7. EX POST: NOISE - die desorganisierte Organologie

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Von Boyan Manchev


Der andere Name der Anthropotechnik, die Menschwerdung des Menschen als technische Modifikation des Seins, wäre das Seele-Werden des Instruments. Das Instrument war nie einfach ein materielles Werkzeug, sondern immer ein transzendentales Werkzeug, das Werkzeug der transzendentalen Anthropotechnik, das heißt im Reich des Immateriellen angesiedelt. Insbesondere das Musikinstrument war dazu bestimmt, das Tonmaterial als reinen Geist zu gestalten. Die Noise-Musik (falls dieser Ausdruck keine contradictio in adiecto ist) stellt die musikalische Organologie und damit die anthropotechnische Organologie, deren Exemplum die Musik zweifellos ist, nun radikal in Frage. Der Noise entspiritualisiert die Technai.

Doch auch wenn man beabsichtigt, die Desorganisation des Noise im Gegensatz zur herkömmlichen musikalischen Organologie zu denken, müsste man sich davor hüten, diese beiden Termini, die Organologie und die Desorganisation, als Gegensatzpaar einzuführen. Denn die Verwandlung der Organologie und damit des Musiksystems im allgemeinen setzt einige entscheidende Vermittlungen und Verwandlungen voraus. Zuvorderst handelt es sich um die radikale Verwandlung der Musik durch die Techniken der Aufzeichnung und Herstellung von Klang (die ganz neuen Möglichkeiten der elektrischen, analogen, digitalen Manipulation des Klangs), die auch zu Techniken der Produktion von Musik wurden und dadurch den ontologischen Status des musikalischen Schaffens verwandelten. In dieser Hinsicht erweist sich die Arbeit mit Turntables (von den Vorläufern wie Milan Knizak, den Pionieren wie Christian Marclay und Martin Tétrault bis zu den radikalen Vertretern wie den Japanern Otomo Yoshihide, Sachiko M und Toshi Nakamura) als das Symptom des Noise.

Die Turntable-Künstler stellen die vielleicht radikalste Tendenz der Verwandlung des technischen Vermittlers in ein Instrument und allgemeiner gesagt, der Verwandlung der herkömmlichen Organologie in ein anorganisches Dispositiv dar. Der reproduzierende technische Vermittler wird selbst zum Instrument.[i] Das Material, das die Spur des Klangs bewahren, ihn verkörpern sollte – das Plastikmaterial des Vinyl oder des Tonbands – wird zu einem produzierenden Material. Die Vinylscheibe wird nicht mehr als Idealkörper gedacht, das heißt als Körper einer Idee, sondern als operabler Körper.[ii] Diese Verwandlung ist auch bezeichnend für die Verwandlung des Materialbegriffs in der Zeit des „kognitiven Kapitalismus". Der kognitive Kapitalismus (ich nenne ihn auch perversen[iii] Kapitalismus) schreibt nicht nur neue Strukturen im Bereich der Produktion, des Tauschs und des Konsums sowie der Subjektivität und des Begehrens vor, sondern auch hinsichtlich des Materials, das zu anorganischem Material verwandelt wird.

Das Material ist nicht mehr eine passive Ressource, die darauf wartet, geformt zu werden, sondern ein plastisches Material – ein reversibles, rezyklierbares Material, das durch technische Vorgänge verwandelt werden kann. Und der Noise, zumindest der der Turntable-Künstler, ist zweifellos eine Form der Rezyklierung; es geht jedoch nicht darum, das Material zu rezyklieren, sondern den reinen Geist (oder genauer gesagt, die Reduktion des Materials auf (seine Erscheinungsform als) reinen Geist), das Material also wieder zu öffnen, um seine Plastizität als Geist zu bearbeiten, der nicht durch die immaterielle Reinheit einer im Vorhinein festgesetzten Konvention (die nicht nur aus dem tonalen oder harmonischen System, sondern vor allem auch aus seiner instrumentalen Einschreibung bestehen könnte) vorgegeben wäre. Re-zyklieren: nicht nur einen Zyklus wiederholen, den Zyklus der anthropotechnischen Reinigung des Materials und seiner Rematerialisierung als neue (neu rezyklierte) Ressource aktueller Anthropotechniken (der Zyklus, das heißt die Wiederholung, ist in jedem Fall bekanntlich immer von der Differenz beherrscht), sondern rezyklieren viel eher im Sinne einer ökologischen Praxis, die aus der Plastizität im Klangmaterial schöpft: die Abfälle des Klangmaterials in ein musikalisches Ereignis verwandeln, oder sogar das Material „selbst" der Macht des Ereignisses aussetzen, ohne es durch eine energetische Formation zu aktualisieren. So wird der technische Abfall, ja das technische Verfahren selbst zum Rohstoff.

Die Musik als transzendentale Anthropotechnik heißt: nicht das Material berühren, das Unberührbare selbst, sondern darin den Klang destillieren, also den reinen Geist; ihn berühren, ihn mit den Fingern extrahieren. Das Instrument ist genau so ein idealer Körper; man muss seine Stimme öffnen; es Geräusch machen lassen, das bedeutet, es foltern, wenn nicht zerstören, seine Seele verderben. Der Noise setzt der transzendentalen Anthropotechnik eine Chirurgie entgegen: operieren – aber ohne zu werken, ohne ins Werk zu setzen – mit den Händen (gr. cheirourgein, „mit den Händen operieren" von daher cheirourgeia), direkt im Fleisch des Klangs. Nicht um die Seele zu quälen, sondern um ihren vertriebenen Körper zu spüren. Man könnte hier den folgenden Double Bind feststellen: es ist die Entmaterialisierung des Instruments, die am Ursprung der Situation liegt, in der die geringste Bewegung der Hand eine im Fleisch des Klangs innewohnende Differenz öffnet[iv]. Die radikale Entmaterialisierung geht mit einer Wiederherstellung der Effekte des Materials einher. Mit anderen Worten, das Instrument lässt sich nicht mehr vom operierenden Organ unterscheiden[v]. Mit diesem Verschwinden der Differenz zwischen Organ und Instrument sind wir Zeugen der im/materiellen Produktion des Klangereignisses.

Der Tod des Instruments: radikale Desorganisation

Der Noise erscheint daher zunächst als ein unmittelbarer Ausdrucksversuch des Klangmaterials – des Geräusches vor dem Klang – und nicht der Gestaltung des Klangmaterials oder der Darstellung einer musikalischen Idee. Daher könnte der Noise im Kontext des großen Projekts der radikalen Moderne gedacht werden, die auf die Aufhebung der Vermittlung der Darstellung abzielt, auf einen unmittelbaren Ausdruck. Wenn der transzendentale Vermittler (oder genauer gesagt, das Transzendentale als reine Vermittlung) aber aufgehoben ist, handelt es sich dann nicht um eine vortechnische Unmittelbarkeit, um die Immanenz eines primären organischen Lebens, das nicht durch seine Organe/Instrumente transzendiert wird?

Ist die Desinstrumentalisierung ein anderer Name für die Desorganisation? Wenn man einen teilweisen Isomorphismus dieser beiden Ausdrücke annehmen kann, dann wäre die radikale Desorganisation die Zerstörung des Instruments. Aber ist eine Musik ohne instrumentelle Vermittlung möglich? Ist das nicht der alte Traum, der ebenso alt wie die Kunst selbst ist, der Traum von einer unmittelbaren Kunst, einer direkten Operation im Fleisch der Welt, einer Kunst ohne Kunstgriff, ohne Techne, also ohne Kunst?

Denken wir zunächst an ein Beispiel „konzeptueller" Zerstörung des Instruments: das Piano Piece No. 13 (Carpenter's Piece) von George Maciunas (jüngst neu „interpretiert" von der amerikanischen Gruppe Sonic Youth). Das Stück des Mitbegründers von Fluxus stellt das Festnageln der Tasten eines Klaviers durch die „Interpreten" dar: eine Taste nach der anderen wird mit Hammer und Nägeln festgenagelt. Es handelt sich um eine kalt geplante und mit Methode ausgeführte Aktion, genau wie eine Exekution (oder eine Folter). Eine „analytische" Zerstörung, die nicht den ganzen Körper des Instruments zertrümmert, aber seine Klangorgane zerstört, die „Instrumente des Instruments". Daher scheint hinter diesem Gewaltakt immer die Möglichkeit einer allegorischen Transposition durch, indem sich das Bild des vernagelten Klaviers in ein anthropomorphes Bild verwandelt, in die Vision eines menschlichen Körpers, dessen Ausdrucksorgane zerstört werden: die perfekte Analogie wäre der vernähte Mund.

Denken wir des weiteren an die Exzesse der Rockmusiker auf der Bühne, zu deren Obsessionen in ihren goldenen Jahren eben die ein wenig rituelle, ja sogar opfernde Zerstörung ihres Fetisch-Instruments, der Gitarre, gehörte. Der unbestrittene Pionier dieser gewalttätigen Mode war der Gitarrist der Gruppe The Who, Pete Townsend. Seine Wut, sein Exzess drückten das Verlangen nach unmittelbarer Handlung aus; diese „spontane" Gewalt, die sich am gesamten Körper des Instruments entlud, diese rohe Gewalt könnte also in diesem Zusammenhang als Ausdruck der Unmittelbarkeit des Lebens gesehen werden. Denken wir in dieser Entwicklungslinie an den Noise in seinen Anfängen in den gewalttätigen Experimenten der New Yorker Gitarristen zur Zeit des no wave: Eugene Chadbourne, Elliott Sharp, Glenn Branca, Arto Lindsay oder Thurston Moore von Sonic Youth. Arto Lindsay zum Beispiel spielte zur Zeit der legendären Gruppe DNA das Instrument seiner eigenen Aussage zufolge ohne jede Beherrschung des Instruments, mit einer unmittelbaren Spontaneität, ohne einen technischen Zwang anzuerkennen (zumindest ist das der erste Eindruck, auch wenn die Situation zweifellos komplexer ist, da das Überschreiten der Norm oder die „unmittelbare Spontaneität" letztendlich ihre eigenen Technai, ihre Poetik, ja selbst ihre Gattungen und Kanons erschafft[vi]). Das Instrument in der gleichen Art bearbeiten wie der Gitarrist der Who es zerstörte? In der Tat sieht man, wie die Zerstörung transponiert oder auf der Ebene der Musikstruktur selbst integriert wird. Der Exzess der Struktur wird zum einzigen Musikmaterial, zu dem, das die instrumentelle Organologie in eine desorganisierte Organologie, kurz eine Organik verwandelt.

Der Fall des Guitar Drag

Wenn man diese „Zerstörbarkeit" des Instruments als ein Voranschreiten in einer Entwicklung sieht, wäre die darauf folgende Etappe das Weglassen des Musikers, des unvermeidlichen Vermittlers, was es dem Instrument erlauben würde, eine (Illusion der) Unmittelbarkeit zu erreichen. Seine Zerstörung als Ausdruck eines immanenten, unmittelbaren Lebens bar jeglicher Funktionalität und Vermittlung. Hier wäre unser bevorzugtes Beispiel, das Video Guitar drag von Christian Marclay, keineswegs fehl am Platz.

Guitar drag (2000, 14 Min.) zeigt die Gewalt, die einer Fender E-Gitarre angetan wird, die mit einem Seil an einem Pritschenwagen angebunden über asphaltierte Wege und Brachland gezogen wird, bis sie zerstört ist. Die Exekution der Gitarre ist gleichzeitig eine musikalische Exekution: die Gitarre ist an Verstärker und die auf der Pritsche des Lieferwagens stehenden Lautsprecherboxen angeschlossen, und so erzeugt das sie zerstörende Ziehen der Gitarre über den Boden gleichzeitig Noise. die Zerstörung der Gitarre wird ein Noise-„Stück".

Kann man diese Arbeit lesen, ohne auf eine allegorische Lesart zurückzugreifen, das heißt ohne sie auf eine anthropologisierende Referenz zu reduzieren (die Gewalt, der die Gitarre ausgesetzt ist, würde dann auf die Geschichte der Lynchjustiz im Süden der USA verweisen, aber auch auf die Exzesse der Rockmusiker auf der Bühne) – mit anderen Worten ohne den Verweis auf menschliche Körper in Leid oder in ekstatischer Verzückung? In der Tat entwirft „Guitar drag" einen erstaunlichen Rahmen für eine Reflexion über Noise. Das Video von Marclay versetzt uns in eine fast heideggerianische Optik: „Guitar drag" lässt den Lärm hinaus ins Offene – in die offene Welt oder in das Offene der Welt. Und doch geht es nicht einfach darum, die dunkle Immanenz des Geräusches freizusetzen (die immer eine gewisse substanzielle Tiefe zu implizieren scheint, auch wenn es nicht mehr um die Tiefe des organischen Körpers geht, sondern um die körperferne Oberflächlichkeit elektrischer Signale), noch weniger darum, das Geräusch des Offenen ins Freie zu entlassen. Es geht um die Konfrontation mit dem harten Körper der Erde oder der Oberfläche der Welt, die das Geräusch erzeugt. Es ist also das Geräusch der Berührung der Erde, der Berührung mit der Erde. Das Geräusch dieses Nahkampfs mit der Erde ist von Gewalt bestimmt: es ist die Gewalt der Repräsentation, die einen vergewaltigten Körper ins Bild setzt, präsentiert, die Präsenz seines herzzerreißenden Schreis, seines Widerstands und der Verausgabung seines „Lebens". Ein zwar nicht lebender aber keineswegs lebloser Körper, ein Instrument, das seinen Tod hinausschreit – den Tod – mit der Kraft des Lebens. Der Noise ist hier die Musik der Verausgabung des Lebens.

Es ist also unerlässlich, den Guitar drag vom Gesichtspunkt des Wunsches nach unmittelbarem Ausdruck des Lebens zu denken, paradoxerweise in Abwesenheit des lebenden Körpers des Musikers und (daher) jenseits der funktionellen Vermittlung des Instruments. Spielt in diesem gewaltsamen Nahkampf also die Erde selbst unmittelbar Gitarre? Der Noise als Kunst der Erde? Guitar drag stellt diese Frage nicht, es gibt die Antwort darauf, und zwar unmittelbar, eine tragische Antwort: diese Unmittelbarkeit kann unmöglich durchgehalten werden, sie ist herzzerreißend, zerstörend.

Man könnte darin allerdings zunächst die transzendentale Tendenz erkennen – das heißt dieses gewaltsame Bild als radikale Reduktion des Instruments auf seine Instrumentalität, auf eine reine Funktion sehen, die über den das Instrument „operierenden" Körper hinausgeht, ihn opfert, um ihn zu reinigen. Der Tod der Gitarre wäre dann der allerletzte Augenblick ihres Lebens, der sublime Augenblick ihres Lebens – das reine Leben eines körperlosen Organs. Und zugleich wäre der Tod des Instruments die Kulmination des radikalen Protests gegen die funktionelle Reduktion des Instrumenten-Organs. Das Instrument wird zerstört, um sich von allem Determinismus zu befreien, um seine Substanz jenseits der Funktion zu imaginieren, die ihm als einzige Substanz auferlegt worden war. Doch diese Lesart ist nur als Lesart brauchbar, das heißt in einer allegorischen Ordnung. Das Ungedachte, ja Undenkbare, das ist nämlich die Irreduzibilität des Instruments auf die totalisierte Funktion (auf „die Instrumentalität"). Denn das Instrument ist bereits ein Körper – aber nicht weil man es allegorisch als einen anthropomorphen Körper oder allgemeiner als einen lebenden Körper wie einen Organismus sieht (das wäre der Gesichtspunkt der verallgemeinerten Organologie), sondern eben weil jeder Körper, also „der" Körper eine „reine" Verwandelbarkeit, eine irreduzible Techne ist. Der Tod des Instruments zeugt nicht von der Irreduzibilität der Immanenz eines reinen Lebens (des verwandelbaren Materials des Vitalismus), sondern enthüllt diese Verwandelbarkeit (und auch Widerstandsfähigkeit) als den Namen des Lebens selbst.

Der Noise könnte also letztlich als eine Desorganisation des Lebens gedacht werden – das heißt als Ausdruck dessen, dass sich das Leben nicht auf eine Substanz reduzieren lässt: diese Erschöpfung, dieser ständige Verlust des Lebens, der seine unbegrenzte Macht eröffnet. Gegen die reine Immanenz bringt er die Verwandelbarkeit als einzige Immanenz zum Ausdruck.

Die Alteration des Noise: das neue Material der Welt und das Ungedachte des Politischen
Anstelle einer Schlussfolgerung möchte ich einige allgemeine Hypothesen aufstellen:

1. Der Noise ist die Kunst der Alteration.
In einem Bericht der 30er Jahre spricht Georges Bataille vom Wunsch nach Alteration der Objekte (durch die Kinder, durch die „Primitiven") in der doppelten Bedeutung des Wortes – Wunsch nach Zerstörung und Transformation eines Objekts oder eines Materials – als ursprünglichem schöpferischen Trieb.vii] Die Alteration in diesem Sinn bezeichnet eine grundlegende Haltung gegenüber dem „ästhetischen" Material, die nicht von der Spannung zwischen Unmittelbarkeit (Präsenz) und Vermittlung (Repräsentation) beherrscht wird und den Rahmen des modernen ästhetischen Denkens aufspannt. Daher stellt dieser Begriff eine Alternative zum Begriff der Repräsentation sowie zum Wunsch nach seiner Zerstörung, nach einem unmittelbaren Ausdruck dar. So ist die gewalttätige Repräsentation in Guitar drag nichts anderes als die Exemplifizierung des Prozesses der Alteration.

Die Formen des Noise stellen nun die Hervorbringung des Geräusches als eine Alteration des Objekts vor. Es geht nicht mehr um die klanglichen „objets trouvés" der konkreten Musik, die in eine neue Textur eingebettet sind – die Komposition der konkreten Musik, sondern um eine – oft gewaltsame, alterierende – Interaktion mit dem Objekt, in der die Geste der Alteration selbst die „musikalische" Geste ist. Jedes Objekt könnte nämlich zum Wirkungsfeld dieser Geste werden (die technischen Werkzeuge – Ventilator, Bohrmaschine, Kaffeemaschine, aber auch die Geräte oder ein Pinsel, ein Spielzeug): jedes Objekt kann zum Instrument werden. Und es wird dazu durch Defunktionalisierung-Desorganisation. Die Änderung seiner Funktion eröffnet seine technische Veränderbarkeit, seine plastische Potenz. Diese plastische Potenz tritt als Musik/Noise auf: die Erzeugung von Geräusch ist eine Alteration. Noise würde dann bedeuten, das Geräusch des Objekts hervorzuholen. Man kann die radikalen alterierenden Praktiken von Yamatsuka Eye, einem der Protagonisten des japanischen Noise, dem Leader der paradigmatischen Noise-Gruppen Hantarash und Boredoms und wichtigem Mitarbeiter von John Zorn anführen, der in gleicher Art nicht nur die banalen Objekte des Alltags oder die Musikausrüstung, sondern auch (und vor allem) seinen eigenen Körper bearbeitet. Sein Körper wird desorganisiert, der alterierenden Potenz hingegeben, die von ihm Besitz ergreift, manchmal mit Gewalt; er wirft sich ins Publikum, mit verbundenen Augen, während er seine Stimmbänder bis an ihre Grenze beansprucht, in einer Art, die üblicherweise mit dem etwas doxischen Ausdruck „aufopfernd" bezeichnet wird. So wird der Körper zum Instrument.

2. Der Noise ist die Kunst der Desorganisation.
Als Ausdruck eines Lebens, das sich desorganisiertviii], einer Verwandelbarkeit ohne Grenzen, befindet sich der Noise jenseits des Gegensatzes von Organischem und Anorganischem. Der Noise ist der Name einer Energeia ohne Ergon, ohne Funktionalität und Reduktion auf das Werk. Der Noise entspräche somit nicht einer Ontologie der ins Werk gesetzten Substanz sondern einer modalen Ontologie, einer Ontologie der Verwandlung.

3. Der Noise ist die Kunst des Ausdrucks der Potenz.
Der Noise zeigt den Widerstand des Klangmaterials als ursprüngliche Bedingung der Aktualisierung des Klangs. Er bezeichnet den nicht aktualisierten Klang sowie seine Technai: die nicht aktualisierten, verwandelten Instrumente. Der Noise ist der alterierende Ausdruck der Potenz des Klangmaterials als Potenz der Techne.

4. Der Noise ist die Kunst der Verwandelbarkeit.
Der Noise ist nicht das Gegenteil der Musik, ihr Negativdouble oder ihre „natürliche" Ressource, ihr Rohmaterial. Der Noise ist der Effekt einer radikalen Verwandlung der Musiktechnologie, der Techne selbst der Musik. Aber eigentlich ist diese Verwandlung ein Beispiel der ihrer Techne innewohnende Verwandelbarkeit. Das Organ wird desorganisiert, der Körper wird desorganisiert, aber als Techne. Die produktive Spannung zwischen dem Organischen und der Entmaterialisierung, die „Anorganisierung" des Klangs zeigt letztlich die ursprüngliche technische Beschaffenheit des Körpers. Das Instrument ist nicht nur eine Erweiterung, eine Prothese des Körpers, sondern auch der Ort der technischen Verwandlung des Körpers, seine irreduzible Ausstellung – oder vielleicht sollte man besser Ausschallung sagen – Alteration. Instrument/Organ wird es immer geben, sofern es Körper gibt.

5. Der Noise ist die Kunst des zeitgenössischen Ungedachten des Politischen.
Der Noise ist nicht nur ein beispielhaftes Phänomen der Zeitgenossenschaft, er ist ihr Symptom. Der Noise ist weder der Rest einer tiefliegenden Substanz, die der vollständigen Eroberung des Anorganischen durch den kognitiven Kapitalismus widersteht (er ist nicht der Lärm der in Ketten geschlagenen Titanen der archaischen Welt der unmittelbaren Gewalt noch der Lärm der im Innersten der Erde eingeschlossenen Sklaven oder der Lärm der organischen Produktivkraft der Proletarier, die unter Einsatz ihres Lebens das Material der Welt formen), noch das Tosen seiner immateriellen Ströme. Er ist der Lärm der Verwandlung, die nicht auf die Fluidität des perversen Kapitalismus reduzierbar ist: der Lärm der Erfindung neuer Formen der Teilung, des Widerstands, des Lebens.

Das ist das Politische des Noise: die Organe rauschen zu lassen, um ihre technische Beschaffenheit zu zeigen, die nicht auf die Imperative der Produktion/Konsumtion reduzierbar ist (und um damit gleichzeitig das Organische der Instrumente aufzuzeigen), und so die Plastizität der Einzigartigmachung des Lebens, das Material des Gemeinsamen, das heißt des Politischen zum Ausdruck zu bringen. So ist der Noise als Kunst der Alteration und der Energeia ohne Ergon, als Techne der Potenz, der plastischen Widerstandsfähigkeit des Materials, die Kunst des zeitgenössischen Ungedachten des Politischen.



 Fußnoten:
[i] John Cage komponiert Imaginary Landscape No.1 für Tonband im Jahr 1939. Das Tonband wird zu einem der „Instrumente" der Komponisten der Darmstädter Schule Ende der vierziger Jahre, zur gleichen Zeit als Pierre Schaeffer in Paris ein Laboratorium für konkrete Musik gründet. Das radikalste zeitgenössische Beispiel in dieser Hinsicht ist die Richtung der „no-input music", die einen geschlossenen elektronischen Schaltkreis erzeugt und deren unbestrittene Pionierin Sachiko M ist.
[ii] Ausgehend von der Annahme von Jacques Attali, der zufolge die Aufzeichnung des Schalls eine der bevorzugten Formen göttlicher Macht und der Macht im allgemeinen sei, besäße die Änderung der Aufzeichnungen, ihre Re-materialisierung, große Subversivkraft (siehe Jacques Attali, Bruits, Paris, PUF, 1978).
[iii] Siehe meinen Artikel „Transformance: The Body of Event" in It takes place when it doesn't. On dance and performance since 1989 (Frankfurt : Revolver Verlag, 2006).
[iv] Dazu die Aussage von Toshi Nakamura im Film No-input: „Things like turning the tuning knob even by one millimetre make a big difference to the sound. (...) It's unpredictable and uncontrollable, which makes it challenging."
[v] Siehe die Überlegung von Peter Szendy in Ecoute : „Die Eintragungen der DJs, ihre Track-Markierungen sind also wirksam. (...) In dieser neuen Organologie unserer Ohren wird es schwieriger denn je, zwischen dem Organ und dem Instrument zu unterscheiden. Daher ist nach der griechischen Etymologie des Organons die Organologie, von der ich dir erzähle zugleich die unserer eigensten und nächsten Hörorgane – unserer Ohrmuscheln und unserer Trommelfelle – und die der Instrumente jeder Art, die mehr oder weniger mechanisch oder automatisch sind, die unsere Gehörorgane unterstützen." (Peter Szendy, Ecoute. Une histoire de nos oreilles, Paris, Editions du Minuit, 2001, S. 162-163).
[vi] Diesbezüglich kann man die Überlegung von Arto Lindsay selbst anführen, der dieses Paradox beredt auf eine allgemeine Ebene verlagert: „Ich brauchte ein Konzept, eine Form, eine Struktur, um alles im Gleichgewicht zu halten. Man braucht eine höhere Ebene, Strenge, Disziplin. Je mehr Sie die Freiheit suchen, desto mehr müssen Sie sich von ihr entfernen." (Interview im Dokumentarfilm von Sarah Teper Arto Lindsay, simply are…, 2001).
[vii] Siehe Georges Bataille, «L'art primitif», Documents, 7, 1930.
[viii] Ich erlaube mir, auf meinen Artikel „La désorganisation de la vie" (Lignes, 17, 2005) zu verweisen, wo dieser Begriff eingeführt und entwickelt wurde.

Erstpublikation: Multitudes, 28. März 2007; bearbeitete Fassung für corpus
übersetzt von Werner Rappl.
corpus dankt Tanzplan Deutschland für die Finanzierung der Übersetzung
aus dem Französischen ins Deutsche.


(14.6.2008)