:A YES like that

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TRAJAL HARRELL, CECILIA BENGOLEA, FRANÇOIS CHAIGNAUD & MARLENE FREITAS IN "(M)IMOSA"

Von Andrea Salzmann


„It's like entering through the looking glas – wonderland. You are going there and you feel like
its hundred percent okay that you are gay. It's not like in the real world. It should be like that in the world.“
Jennie Livingston: Paris is burning

New York City, 1962. In der Judson Church in Greenwich Village formiert sich eine Gruppe von Tänzern und Tänzerinnen, die sich gegen die herkömmlichen Tanztraditionen wenden. In ihrem berühmt gewordenen No-Pamphlet von 1965 verdeutlicht Yvonne Rainer, eines der Gründungsmitglieder des Judson Dance Theater, wogegen sich die Experimente des Postmodern Dance wenden:

No to spectacle.
No to virtuosity.
No to transformations and magic and make-believe.
No to the glamour and transcendeny of the star image. (...)
No to style.
No to camp. (...)


Zur selben Zeit, 25 Blocks weiter, oberhalb des Central Park in Harlem. Hier organisieren Drag Queens in Ballrooms ihre ersten Wettkämpfe: Voguings. Jennie Livingston dreht in den 1990er Jahren die aufsehenerregende Dokumentation „Paris is burning“. Durch diese Dokumentation erlangen die New York City-Drag Balls einen gewissen Bekanntheitsgrad, was in weiterer Folge zu einem regelrechten Voguing-Hype führt (etwa durch Madonnas Song „Vogue“ von 1990). Zu sehen sind Drag Queens/Kings, Transgender, Schwule – kurz: alle Arten von Queers, die sich auf selbstorganisierten Balls in Häusern organisieren, um sich einem ausdifferenzierten Wettbewerb zu stellen. Es gilt: Yes to spectacle, Yes to virtuosity!

Das Leben nach den Balls hingegen wird dominiert von Sexarbeit, dem Wunsch, einem anderen Geschlecht anzugehören, der Angst vor einer Ansteckung mit HIV, dem Leben mit AIDS und den daraus resultierenden existenziellen Bedrohungen. Wünsche und Sehnsüchte nach einem besseren Leben finden ihren Ausdruck in den extravaganten Kostümen und selbstgeschaffenen Strukturen zur minimalen sozialen Absicherung. Zusätzlichen Schutz bieten selbstgewählte Familien (Houses): „drag houses“, „drag families“, die von Berühmtheiten der Voguing Szene gegründet werden, um den oft aus armen Verhältnissen stammenden Queers einen Rückhalt zu bieten. Benannt sind diese Häuser nach deren GründerInnen, etwa „House of Ninja“: der Tänzer Willi Ninja ist der „Godfather of Voguing“. Realitätsbedingt heißt es hier: No to magic.

Diese PerformerInnen sind nicht bedroht

Was würde also passieren, wenn diese Harlemer Voguing Szene nach Greenwich Village zöge, um dort einen ihrer legendären Balls abzuhalten? Diese Frage stellt Trajal Harrell in seiner Performance-Reihe Twenty looks or Paris is burning at the Judson Church und gründet im dritten Teil dieser Reihe zusammen mit den PerformerInnen Cecilia Bengolea, François Chaignaud und Marlene Freitas das House of (M)imosa. JedeR möchte die legendäre Mimosa sein. Um das zu beweisen, geben sich die vier PerformerInnen einem ausgiebigen Reigen an Kostüm- und Geschlechtsverwandlungen hin. Vom ausschweifend animalisch anmutenden Eröffnungstanz, in dem die Kunsthaare von Marlene Freitas nur so über die Bühne fliegen, über einen stilisierten Normalo (Trajal Harrel), der die Starspielersss-Nummer „Alcaholic“ zum Besten gibt, hin zu einer ominösen Ganzkörperstrumpfhosenanzug-Figur (Cecilia Bengolea), welche durch die Kombination von High Heels, Dildo und Brüsten ein Wesen jenseits aller Normen ist, bis zur Operndiva (François Chaignaud) mit aufgeklebten Brüsten wird alles an fluktuierenden Identitäten geboten, was in den Ballrooms zu Hause sein kann.

Zwischendurch immer wieder Bekenntnisse über eine Kunstfigur: „I am the real Mimosa.“ Aber diese Erzählungen haben wenig mit den existenzbedrohenden Momenten der Harlemer Voguing-Szene der 1980er/90er zu tun. Denn die PerformerInnen sind nicht bedroht. Sie können alles – und das perfekt. Darum liefern sie auch eine Voguing-Show der Extraklasse. Highlights sind unter anderem Marlene Freitas’ Interpretation von Prince „Darling Nikki“ und Cecilia Bengoleas Wiederbelebung eines legendären Videos von Kate Bush, „Wuthering Hights“. Sie sagen: Yes to style, Yes to camp!
 
Und trotzdem, es bleibt ein schaler Nachgeschmack: Das Lustvolle hat gesiegt, die vielen „Nos“ des Judson Dance Theater sind verpufft. Mit ihnen ist leider auch der politische Gehalt ihrer Aussage verschwunden und somit jede Verbindung zu den sozialen Abgründen der Ballroom-Szene unterbrochen. Denn es waren die Freiräume, wie es sie in den Ballrooms gab, für die die  unterschiedlichsten Gruppen kämpften. Die Geschichte der Ballrooms ist eine Geschichte der Marginalisierten, und sie speist sich aus deren Wünschen und Begehren nach Anerkennung und Aufmerksamkeit. Die Balls waren Wunderland. Sie waren Fluchtpunkte des tristen Alltags. Sie waren eine andere Welt. Dieses politische Potential hat sich allerdings im Lauf der Performance (M)imosa in einer nicht enden wollenden Bejahung so verwässert, dass es schließlich ganz verschwunden ist. Schade ist das vor allem deswegen, weil das erklärte Ziel dieses Experiments doch war, die beiden Zugänge aufeinandertreffen zu lassen. Dazu lässt sich nur sagen: No to seduction of spectator by the wiles of the performer.


(26.8.2011)