Ab wesen

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GERALD SIEGMUNDS HABILITATIONSSCHRIFT ÜBER DIE LEERSTELLEN IN DER ZEITGENÖSSISCHEN CHOREOGRAPHIE

Von Martina Ruhsam

Sagte man in den 50er Jahren noch: Wir machen es anders, so wurde in den 90er Jahren behauptet: Wir machen all das nicht mehr! (Das hatte bereits irgendwann um Yvonne Rainers „No-Manifest" bogonnen). Und was dann übrig bleibt, sind Skelette, fragmentierte Körper, leere Gebäude, nackte Menschen, die sich mit Lippenstift be- und entschreiben, tanzende Brüste, Bäuche und Pupillen, verlassene Rednerpulte und wörterschluckende Staubsauger. Über diese Phänomene reflektiert Gerald Siegmund in seinem Buch „Abwesenheit", in dem er sich zahlreichen Abwesenheiten im zeitgenössischen Tanz auf die Spur macht und damit die Ausdehnung des Nullpunkts einer Tanzaufführung vermisst.

Das Verschwundene umarmen

Gegen Ende von „Inland Empire", dem neuen Film von David Lynch, geht die Hauptdarstellerin Laura Dern auf eine Frau zu, um diese zu umarmen. Es wird die erste zärtliche Umarmung in „Inland Empire" sein, glaubt man. In dem Moment, in dem die beiden Frauen einander berühren, verschwindet Laura Dern jedoch plötzlich aus dem Bild, so als wäre sie von diesem oder von der Umarmung selbst verschluckt worden. Die Kinobesucher sehen eine Frau, die Luft umarmt beziehungsweise eine Frau, die sich an jemanden schmiegt, der nicht mehr im Bild ist. Derartige Mittel der Montage stehen im Tanz und in der Performance, vorausgesetzt, diese finden nicht auf Video statt, nur eingeschränkt zur Verfügung. Das Abwesende umarmt das forschende Gegenüber aber auch in zeitgenössischen Tanzaufführungen und tanzwissenschaftlichen Publikationen. Es pfeift uns aus all den performativen Aushöhlungen und Leerstellen entgegen und verdeutlicht einen Paradigmenwechsel in der einst so auf die Präsenz des Tanzenden Wert legenden Kunstform, die sich ganz auf das Dynamische kaprizierte.

In den vergangenen beiden Jahren wurden viele Gedanken im Ballungsraum des Verschwundenen gebündelt: Etwa zu derselben Zeit, in der sich der amerikanische Tanztheoretiker André Lepecki mit der Erschöpfung des Tanzes („Exhausting Dance") auseinandersetzt, schreibt Gerald Siegmund in Deutschland das Buch „Abwesenheit". Im selben Jahr erscheinen in Wien die Bücher „Ob?scene - Zur Präsenz der Absenz im zeitgenössischen Tanz, Theater und Film" (herausgegeben von Krassimira Kruschkova) und „It takes place when it doesn´t" (herausgegeben von Martina Hochmuth, Krassimira Kruschkova und Georg Schöllhammer).

Tanzstück minus Tanz ist gleich Choreographie?

Im Jahr 1993 behauptete die amerikanische Wissenschafterin Peggy Phelan noch: „Performance´s only life is in the present" und definierte die Performance als Live-Event. Für sie war der Tanz ein Moment der Berührung mit dem Verschwinden, weshalb sie ihn gegenüber „konservierenden" Kunstpraktiken wie etwa dem Film abgrenzte. Sei die Nachfolgeerscheinung des Verschwindens doch die Erfahrung der Subjektivität selbst: nicht-reproduktiv und un-fass-bar. Somit impliziert die Performance das Reale durch die Präsenz lebendiger Körper, sie taucht ein in das Sichtbare und seine „manisch aufgeladene Gegenwart", um kurz darauf in den geisterhaften Arealen der Erinnerung zu verschwinden.

Die Abwesenheiten, die Siegmund in den Performances und Tanzstücken von unter anderen William Forsythe, Jérôme Bel, Xavier Le Roy und Meg Stuart ausmacht, haben viel mit den (leiblichen) Geheimgängen des Gedächtnisses zu tun, nichts aber mit einer Verortung der Essenz des Tanzes in den lebendigen Körpern der Performenden. Vielmehr wird darüber spekuliert, ob durch die Zurücknahme der Präsenz der Performer das choreographische Skelett eines Stückes freigelegt werden könne, um sich, „des Fleischs des Tanzes entledigt", der Wahrnehmung der Zuschauer darzubieten. Ermöglicht die Absenz von Tanz die Präsenz der Choreographie? Geht es um eine Art Hausgeburt der Choreographie (aus dem Geiste des Tanzes)? „Nicht die Frage nach der Präsenz macht die Theatralität von Kunstwerken aus, sondern das, was diese Präsenz erzeugt und was sie als ihr Anderes ausblenden muss. Diese Frage scheint mir in unserer Mediengesellschaft, in der das Spektakel den Wert der Präsenz längst für sich entdeckt hat, dringlicher denn je." (S. 10)

Die Leerstellen, die Gerald Siegmund entdeckt, haben nichts mit dem Verschwinden der Aktionen der Performer nach dem Ende der Performance zu tun. „In der Choreographie ist auch der Performer nur ein Objekt unter anderen", schreibt der Tanzwissenschaftler in Bezug auf Jérôme Bels erstes Stück, „Nom donné par l´auteur". Die Choreographie-Stars der 90er Jahre, deren Analyse und Kontextualisierung sich Siegmund ausführlich widmet, treten dadurch hervor, dass sie sich von jeglicher Bühnenillusion verabschieden, was auf der (wenn überhaupt noch vorhandenen) Bühne nicht nur bedeutet, dass es keine Tanzsprache im Sinne eines universal gültigen Codes und Vokabulars und keinen Stil im Sinne eines Ausdrucks mehr gibt, es heißt vor allem auch, dass das Phantasma eines natürlichen Körpers verabschiedet wird. Darüber hinaus steht die ontologische Abwesenheit des Originals auf dem Spiel. Und es geht auch ganz einfach (oder komplex) um den Abstand zwischen einem Blick und einer Hand und um die phänomenologische Abwesenheit einer Einheit.

Die Lektüre im Visier

Das Buch „Abwesenheit" wird aufgrund seiner klaren Gliederung und dem übersichtlichen Aufbau bestimmt vielen Studierenden und deren Orientierungsbedürfnis entgegenkommen. Fundierend auf die ausführliche Rezeptionstätigkeit des Autors, verschafft es einen anschaulichen Überblick über richtungsweisende Tanzstücke und Performances (vor allem) seit den 90er Jahren sowie über philosophische Diskurse, die mit diesen Werken verknüpft sind bzw. sich mit diesen verknüpfen lassen. Schlägt man das Inhaltsverzeichnis von „Abwesenheit" aufschlägt, fallen - mit Ausnahme von Philipp Gehmacher, Jonathan Burrows und Jan Ritsema - nur ChoreographInnen ins Gewicht, die in Deutschland oder Frankreich arbeiten. Dass die beiden reichsten Industrieländer Europas zugleich die Orte sind, in denen zahlreiche der zur Zeit international erfolgreichsten Choreographen seit den 90er Jahren ihre  (Wahl-)Heimat und bevorzugte Arbeitsstätte gefunden haben, scheint nicht bloß ein Zufall abseits der kapitalistischen (A-)Logik zu sein.

Zweifelsohne hängt diese Auswahl jedoch auch mit dem Kontext zusammen, in dem Gerald Siegmund arbeitet. Die im Vorwort angekündigte Prämisse, der Autor gehe ausführlich auf die Stücke der ChoreographInnen ein und nehme theoretische Überlegungen vor, die sich aus dem Betrachten der Stücke ergäben, wird tatsächlich in vielen Kapiteln eingelöst. Meist sieht der Leser sich mit einer Detailbeschreibung einer Szene konfrontiert, die dann mit philosophischen Theorien und tanzwissenschaftlichen Überlegungen in Bezug gesetzt wird. Der Autor beleuchtet das Agieren der Performer innerhalb der Lacanschen Matrix des Symbolischen, des Imaginären und des Realen und fokussiert vor allem die „lecture", wobei er von einem dezentrierten Subjekt des Begehrens ausgeht. Insofern unterscheidet er sich von strukturalistischen Reflexionen, die sich auf die „écriture" konzentrieren und den Fokus auf das Subjekt der Bedeutungskonstitution legen. Siegmund weist jedoch auf eine Problematik hin, die diese Unterscheidung mit sich bringt: „So ist die theaterwissenschaftliche Literatur seit ihrer performativen Wende damit beschäftigt, das Subjekt der Bedeutungskonstitution abzulösen durch ein Subjekt, das im Akt der Rezeption sinnlich affiziert wird. Stillschweigend wird so weiterhin von einem einheitlichen, ungespaltenen Subjekt ausgegangen, bei dem die Fähigkeit zur Verstehensleistung lediglich durch die zur sinnlichen Erfahrung ergänzt oder abgelöst wurde." (S. 42)

Siegmund wehrt sich gegen die signifizierende Praxis einer Wissenschaft, die sich daran ereifert, dem Körper und seinen Bewegungen die adäquaten Bedeutungen zuzuschreiben. Ob der Autor in dem Buch „Abwesenheit" dieser Praxis entkommt, sei der produktiven Leistung des Lesers überlassen. Bleibt nur zu wünschen, dass sich nicht auch im Konzept der Abwesenheit wieder eine Wesenheit versteckt.

 

Gerald Siegmund, „Abwesenheit. Eine performative Ästhetik des tanzes. William Forsythe, Jérôme Bel, Xavier Le Roy, Meg Stuart“. [transcript] Verlag: Bielefeld, 2006
www.transcript-verlag.de

(28.6.2007)