VERANTWORTUNG AUS KÜNSTLERISCHER PERSPEKTIVE: POLITISCHER REALISMUS ANLÄSSLICH DER KURATIERUNG "UNEASY GOING" IM TANZQUARTIER WIEN
Von Helmut Ploebst
Die Gegenwart produziert eine Dynamik, in der die politischen Konstrukte der vergangenen Jahrzehnte zunehmend als popanzhafte Inszenierungen decouvriert werden. Die Unruhen der vergangenen Monate versetzen den politischen Diskurs auf eine neue Ebene. Und nicht ohne Frösteln stellt auch der wankende Nordwesten fest: Es ist eine „interessante“ Zeit, in der Quittungen für bereits konsumierte Serviceleistungen ausgestellt werden und in der einige Gesellschaften dazu gezwungen werden zu überprüfen, ob sie sich diese künftig noch leisten können. Das Tanzquartier Wien quittierte diese Quittungen mit einem „künstlerisch-theoretischen Parcours über Antworten und Verantwortung in Tanz und Performance“, dessen Titel treffenderweise lautete: Uneasy going.
Die einwöchige Kuratierung handelte von Konsequenzen. Und davon, daß für etwas die Rechnung vorgelegt zu bekommen, bedeutet, eine Antwort insofern zu erhalten, als für das Vorangegangene eine Verantwortung verlangt wird. Guten Morgen, sagt unsere Gegenwart, jetzt ist Zahltag. Aber man zahlt nicht gerne. Bisher hat sich die serviceintensive westliche Gesellschaft ihre Rechnungen gerne von anderen, von „Fremden“ begleichen lassen (erst von Kolonien und Sklaven, dann von Billigarbeitern in Post-Kolonien und in den eigenen Gebieten) oder Raubbau an ihrem Lebensraum betrieben. Die Frage ist nun nicht mehr, ob es noch weiter gelingen wird, die Kosten für die Schlemmerei auf andere abzuwälzen, sondern was es heißt, daß der Sonderangebotsbürger – und dabei verringert sich das Frösteln nicht wirklich – seit einiger Zeit selbst zu dem „Anderen“ im „Eigenen“ mutiert.
Betroffen sind alle, die nicht an den Spielkonsolen des Spekulantentums sitzen oder in den Büros jener entrückten Bürokratien, deren Vorbild für administrative Praxis offensichtlich die „Videogames“ von High-Tech-Militärs geworden sind. Abgezockt von kriminellen Finanzjongleuren, müssen die Bevölkerungen der EU nun zusehen, wie sie als Verwaltungsmasse einer zunehmend undurchsichtigen Administration, die gnadenlos selbstbezogen irrwitzige Satzungen umsetzt, selbst zum Fremdkörper deklassiert werden.
Azephale Eliten in einem sich selbst schändenden Europa
Wie gebannt und mit sinkendem Vertrauen beobachten diese Bevölkerungen „ihre“ nur noch sich selbst bedienende, kopflose Elite, deren sich organlos gebärdende, weil tatsächlich dezentrale und azephale Logik Schritt für Schritt totalitäre Züge annimmt. Dabei hat sich ein System wechselseitigen Entertainments gebildet. Die Menge weidet sich an den Sensationen des unübersehbaren Versagens ihrer politischen Struktur. Die Administration wiederum delektiert sich an dem bisher verläßlich gewesenen Scheitern aller ihrer KritikerInnen und an der sukzessiven Beschneidung der Freiheiten „ihrer“ BürgerInnen.
Eine gefährliche Situation, in der längst besiegt geglaubte Kräfte wieder Terrain gewinnen, weil ihnen der Boden so schön bereitet wird. Bei „Uneasy going“ im Tanzquartier stellte die serbische Künstlerin Tanja Ostojić, deren Arbeit After Courbet (2005) in Österreich seinerzeit von rechts und links zensuriert worden ist, unter anderem ihre Installation Naked Life vor, in der es um die Abschiebepraxis gegenüber MigrantInnen in Europa geht. Diese Praxis (die als solche bereits schlimm genug ist) hat die Gestalt der Deportation angenommen, die erschreckend an das erinnert, was während des Nationalsozialismus gang und gäbe war. Und nein, zehn Minuten einpacken und dann ab per Viehwaggon nach Auschwitz ist nicht dasselbe wie zehn Minuten zum Einpacken und dann ab per Flugzeug ins Istunsdochegal. Doch jenen Europäern, denen ihre Geschichte von Faschismus und Nationalsozialismus bewußt ist, ähneln diese Vorgangsweisen einander so sehr, daß die Tränen der Erzählerin in der Installation zu den ihren werden. Die kalte Pragmatik der Bürokratie ist bereits für sich genommen unerträglich. Im historischen Kontext allerdings hat sie verbrecherische Züge angenommen.
Uneasy going. Wir leben in einem sich selbst schändenden Europa, das seine Schande gerade erst entdeckt und noch gar nicht fähig ist zu artikulieren, wie tief seine Perversion reicht. Mit jeder dieser zutiefst inhumanen Deportationen deportiert Europa auch seine Werte, deportiert es sich selbst in ein ethisches Waste Land, desavouiert seine „Credibility“, seine Glaubwürdigkeit als Verteidigerin der Menschenrechte. Der Choreograf Hooman Sharifi stellt diese Situation in seinem Stück Lingering of an ealier event als dystopische Metapher dar. Mit allen Konsequenzen.
Ein aufgeblasener Elch als Fetisch der Billigkeit
Es ist also Zahltag. Die verspekulierte Europäische Union stiert stolpernd auf die Folgen seiner politischen Leckagen etwa in Ungarn und Italien, und Österreich ist ein weiterer Anwärter als Beispiel für den anlaufenden Paradigmenwechsel. Viktor Orbán und Silvio Berlusconi, Geert Wilders und die „wahren Finnen“ sind die Anworten auf die Verantwortungslosigkeit ihrer zerstrittenen und unlauteren Oppositionen. In der Alpenrepublik winkt Heinz-Christian Strache bereits mit einer weiteren Quittung, denn ihm wird ein Weg geebnet, von dem es einmal heißen könnte: „Wir haben alles in unserer Macht Stehende getan, um das zu verhindern.“
Nicht ohne Grund hat die italienische Gruppe Orthographe mit ihrem Stück Controllo remoto eine im wahrsten Sinn des Wortes luzide Arbeit über die weichen Gründe eines neuen Faschismus zu Uneasy going nach Wien gebracht. Eine Geschichte der Bildergespenster, die uns all das zeigt, was wir erst zu lesen lernen: einen Popanz der Performance, die Schrecklichkeit der perversen Ambivalenz, die re-motive Bedienung, die uns aus uns selbst deportiert, in Form eines blutrot angestrahlten Elchs, eines aufgeblasenen Fetischs der Billigkeit unserer Gesellschaft des Spektakels.
Das ist richtig unheimlich. Noch abgründiger wird die Antwort, die Rechnung im größeren systemischen Bereich. Tschernobyl und Fukushima sind die Antwort auf die verantwortungslosen Logiken einer sich selbst überschätzenden, aufgeblasenen Technokratie. Nicht nur als abschließende Konsequenz, sondern eben als offene Rechnung. In den Halterungen dieser Technokratie bewegt sich die Frage nach unserer Gesellschaftlichkeit, deren Ideologie konsequent auf Maximierung der Gier hingebogen worden ist. Seit einem Jahrhundert und durch in Summe vier Weltkriege hindurch sagt jene Kunst, die sich gegenüber dem Service verweigert: So geil geht das nicht. Vier Weltkriege? Zwei davon werden gerne übersehen: der „unterschwellige“ Kalte Krieg und der „niederschwellige“ neoliberale Krieg einer entfesselten Wirtschaft gegen die globalen Bevölkerungen.
Von der Kunst kann alles abgeholt werden
Uneasy going. Die Wendung des „schwierigen Fortkommens“ könnte realistischer nicht sein. Es ist ein schwieriges Gelände. Wie sich darin bewegen? Wer sich nahe der kritischen Gegenwartskunst aufhält, hat es zwar unbequem, aber tendenziell gut. Denn diese Kunst liefert ganz spezielle Antworten: als Aussage, als Handlung, als Modell, als Motiv oder Motivation, als Anregung, als Spur oder Auslassung. All das gab es, inklusive Diskursbeiträgen, bei Uneasy going im Tanzquartier Wien. Kunst ist also entscheidend, weil sie nichts entscheidet, sondern die Hintergründe dessen ausleuchtet, was zu gesellschaftlichem Handeln führt.
Die Antwort einer nicht serviceorientierten – und daher immer wieder als „elitär“ diffamierten – Kunst ist also immer diejenige vor der realpolitisch gedachten Antwort. Daher kann sie kein Wellnessfaktor sein und damit kein Ersatz für eigenes Denken und Handeln. Services kommen aus den Religionen oder vom Pizzalieferanten. Das Gotteswort und die Pizza sind direkte Antworten auf konkrete Bestellungen. Das Angebot von religiösen, ideologischen und ökonomischen Machtstrukturen ist zielgruppenorientiert und wird daher entsprechend vereinfacht dargestellt. Bei Kunst ist so nichts zu ordern, daher kann paradoxerweise buchstäblich alles von ihr abgeholt werden.
Bevor also die Verhandlungen von Verantwortung in bester demokratischer Absicht auf jedes einzelne soziale Wesen delegiert werden können, muss sie bei den sogenannten „Eliten“ ansetzen. Solche Verhandlungen führen zuerst jene, die verantwortungslose Machtkomplexe als solche für die Allgemeinheit darstellen und damit sichtbar machen können, und zwar entgegen deren Propaganden und in kritischem Verhältnis zu falschen Gesetzen. Das sind zuerst die traditionellen und neuen Medien, dann politisch handelnde Organisationen oder Einzelpersonen, aber auch Wissenschaften und kulturelle Institutionen, die zusammen eine Gegenkraft bilden mit der Verantwortung, den Bevölkerungen alternatives Wissen zu der Propaganda verantwortungsloser Führungsschichten anzubieten.
Die Relativität gesetzgebender Instanzen
Das ist in demokratisch orientierten Staaten auch gängige Praxis. Und doch gibt es da noch ein „Uneasy going“. Nämlich dann, wenn es zu – etwa finanziellen, ideologischen oder netzwerkspezifischen – Abhängigkeiten der Gegenkräfte von den Eliten kommt. Darunter leiden vor allem Medien, Wissenschafts- und Kulturinstitutionen. Oder, wenn sich Oppositionen darüber zerfleischen, wie „richtig“ zu reagieren sei, was hauptsächlich politische Organisationen betrifft.
Aus jener Sichtweise, die „geschlossene“ Oppositionen mit entsprechend paternalistischer Repräsentation einfordert, sind diese beiden Handicaps ein Desaster. Aus einer anderen, jüngeren Perspektive jedoch, die dezentral, asymmetrisch und peripheristisch ist, erscheinen die schwierigen Navigationen von Institutionen und die Differenzen innerhalb von Oppositionen als weniger dramatisch. Dabei geht es um die Multitude unterschiedlicher Widerstandsmodelle und -praktiken, die zusammengenommen Machtsysteme von verschiedenen Seiten her permanent und punktuell erodieren, ohne selbst übergreifende Machtstrukturen ausbilden zu müssen, die – wie die Geschichte so oft gezeigt hat – sofort pervertieren, sobald es ihnen gelingt, alte Strukturen durch neue Autoritäten zu ersetzen.
Was nun um die Verantwortung des einzelnen politischen Subjekts innerhalb eines legistischen Komplexes betrifft, muß stets hinterfragt werden, wer es jeweils nach welchen Kriterien zu verpflichten legitimiert ist. Die Antwort auf diese Rückfrage erfolgt meist über die Behauptung und Exekution von Autorität, das heißt, über Disziplinierung. Das disziplinierte politische Subjekt erfährt diese Antwort allerdings nicht als Nachweis von Legitimation oder Verantwortlichkeit. An Stelle von Motivation und Solidarität treten Unterdrückung und Abhängigkeit und damit automatisch die Delegitimation der machthabenden Instanz. Diese muß ihren den Verlust ihrer Rechtfertigung durch Propaganda und Diversifizierung ihrer Druckmittel („Überwachen und Strafen“) wettmachen und verwandelt sich damit in eine Diktatur.
Hier wird das politische Subjekt seiner Verantwortung gegenüber seiner Trägerinstanz von dieser selbst enthoben. Es hat nun in einem ethischen Diskursraum zu navigieren, in dem seine Position in den von der Instanz gegebenen Bedingungen und damit deren Dispositionen auf dem Spiel stehen. Dabei kann „unverantwortliches“ Handeln gegenüber den Gesetzen unverantwortlicher Systeme zu verantwortungsvollem Handeln werden. Und das ist die Definition von Widerstand.
Kunst ist politischer als die Politik
Eines der besten Beispiele dafür, wie differente Widerstandsmodelle aussehen können, ist tatsächlich die Kunst. Sie liefert das erfolgreichste Modell dafür, wie sich ein kommunikativer Komplex emanzipiert hat – aus der Funktion von Propaganda in eine eigene mediale Diskursdynamik übergewechselt ist, deren Wahrheit tatsächlich in prinzipieller Alterität besteht. Dieses Potential von Kunst ist der Schrecken aller äußeren und inneren Kontrollsysteme. Es ist (relativ) gesetzlos, paradox, zeitübergreifend, hybrid, öffentlichkeitswirksam, ein Wirtschaftsfaktor und doch auch keiner, sie dokumentiert, decouvriert, kompromittiert und liefert unablässig politische Inputs – vor allem dann, wenn sie sich nicht vereinnahmen lässt.
Kunst wird immer gerade dort stärker, wo versucht wird, sie zu schwächen beziehungsweise auszumerzen (Totalitarismus) oder zu korrumpieren (Kapitalismus und Entertainment) oder auszubeuten (Creative Industries). In der großen Debatte um Verantwortung ist Kunst eine brillante Antwort. Keine Macht, die sich mit der Kunst anlegt, kann heute auf Dauer überleben, denn Kunst ist frei von Machtlasten, inhomogen und keine Partei. Kunst ist genauso die Kraft des „nackten Lebens“ wie auch eine Wissenschaft. Damit ist Kunst, wenn sie sie selbst ist – als weder einer Macht dienend, noch homogen, oder eine Partei repräsentierend – wesentlich politischer als Politik selbst.
All das resultiert aus einer Veranstaltung wie Uneasy going im Tanzquartier Wien und ähnlichen Formaten, die die Funktionen von Kunst zu analysieren versuchen, indem sie künstlerische Kommunikationsmodelle entwerfen, die ihre Diskursdynamik intensivieren. In der jüngsten Geschichte hat die Kunst offenbar einen Wandel vollzogen und aus ihrer selbst angenommenen Verpflichtung zur reaktiven Gesellschaftskritik noch eine weitere entwickelt: jene der systemischen Kritik. Damit hat sie sich in weiten Teilen auch von jüngeren Formen der Gängelung freigespielt und operiert nun in einem neuen Freiraum, mit neuen Mitteln. Damit gerät sie in neue Konflikte und zeigt gerade darin die aktuellsten Verkrustungen ihrer Administrationen auf.
Daher halten sich PolitikerInnen und Beamte von künstlerischen Formaten wie Uneasy going peinlich fern. Die fatale Konsequenz: sie hören auf zu lernen. Weil sie Hooman Sharifis Stück Lingering of an earlier event nicht sehen, genausowenig wie die Afrika-Studie von Monika Gintersdorfer und Knut Klaßen. Sie hören Philosophen wie Boyan Manchev und Marcus Steinweg nicht zu. Auch von dem Tanzwissenschaftler Ramsay Burt lassen sie sich nicht inspirieren. Sie wollen nicht wissen, was Tanja Ostojić zu der Abschiebepraxis in Europa zu sagen hat oder wie Latifa Laâbissi das Gespenst des Rassismus inszeniert. Und sie wollen sich nicht in Controllo remoto der Gruppe Orthographe wiederfinden.
Sie wollen nicht wahrhaben, daß dieses Fernbleiben als ein Indikator dafür aufgefaßt wird, daß sie mit dieser Welt schon abgeschlossen haben. Daß sie in dem klaustrophoben Bordell ihres bürokratischen Pragmatismus bloß noch masturbatorisch an ihren Machtspielen und Intrigen fingern. Wie soll man diesen Menschen – und sie sind doch auch nur solche – helfen? Ihnen, die, von den Steuergeldern ihrer Bevölkerungen subventioniert, so gar keinen Begriff mehr davon haben, was Verantwortung ist.
(27.4.2011)
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