Abseits des Tanzes: Sinken

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MIT HAUSMEISTER 23 IN EINER VERSUNKENEN WELT, WO DAS INTERESSE ERLISCHT.

Von David Ender & Jack Hauser



Liebe Leserin! Hausmeister 23 gibt sich völlig versunken, um seinen Auftraggebern wieder einmal keine Blöße zu zeigen. Denn Blöße Zeigen ist wohl ein dem Tanz angehöriges Vorgehen. Dem Tanz, der Welt. So nimmt er sich Zeit und versinkt. Dies ist klarerweise kein Zusammfalten des Körpers. Er sinkt in sich. Was heißt das, „er sinkt in sich“, was heißt das? Weder Tagträumen noch Nachdenken noch Konzentration, auch nicht Motivation. Es hat mehr mit Aufgeben zu tun, ein Diffundieren von der wahrnehmbaren Wirklichkeit ins Erschöpft Sein – dorthin gehen, wo etwas völlig ausgeschöpft wurde, und dorthin, wo nichts mehr erwartet wird. Dazu kurz Klaviermusik von Debussy. Diese stört nicht, verführt nicht, zeigt nichts auf, schenkt ihm keine Erinnerung, lässt ihn sinken wie das im Titel genannte Objekt. Nicht schlecht für den Anfang.

Wobei natürlich auch klar ist, liebe Leserin, dass es überhaupt nicht um Anfänge geht. Auch nicht um Fertigstellung oder Mitwirkung. Eine mögliche Nähe deinerseits zum Hausmeister 23 kann durch dein Lesen entstehen; ein Lesen, das voranschreitet, ohne zu schreiten, ein Lesen ohne Bewußtsein der Bedeutung der Zeichen. Ein Lesen schließlich, darin du selbst sinken kannst. Ohne Lesezeichen. Ohne Eselsohren, auch keine Shakespeareschen. Ohne Randnotizen, Fußnoten oder Inklusen. Schnickschnacklos, ein Lesen wie im Äther – und doch ist dies keine medizinische Glosse.
 
Sinken ist nicht so, dass du einfach irgendwo im Text runterspringst und nach der Passage etlicher Klippen, Sätze, Zeichen, Leerstellen irgendwo anders aufkommst. Also keine Bewegung von Hier nach Dort. Eine Tätigkeit, für die jemand anderer kein Verständnis aufbringt. Denn bringt er Verständnis auf, bist du entblößt. Und überhaupt – was heißt hier Tätigkeit? Eher sollen wir Sinken doch als eine folgende Untätigkeit beschreiben. Bei Fernsehserien zum Beispiel oder bei deiner wöchentlichen Lieblingslektüre, oder bei deinen täglichen, stündlichen oder minütlichen Besuchen von facebook etc. gibt es ebenfalls diese folgende Untätigkeit. Eine Untätigkeit folgt der anderen Untätigkeit. Das ist, glaube ich, gut, gell?

Mit dem Wort „beschreiben“ haben wir uns freilich auch gleich wieder in die Nesseln gesetzt.
Das wollten wir ja nicht. Weder noch.
„Umschreiben“ ist vielleicht eine passendere Beschreibung. Den Kern kannst weder du, noch können wir ihn mit Worten erforschen wie ein Botanisierer seine in Wachs gegossenen und zu Aufschnitt verarbeiteten Stängel. Denn der Kern ist so eine Sache an sich. Den will man haben, und dann ist er da. Pudel.
Das Sinken jedoch – eine substanzlose Vorstellung – beschäftigt sich lieber mit dem Entkernten. Eine Fortsetzung ohne Fortpflanzung. „Etwa mit dem, was bleibt, wenn man einem Loch die Hülle nimmt?“ fragst du, liebe Leserin, zu Recht.
(Um deiner Frage mittels keiner direkten Antwort geschickt auszuweichen:) Das Sinken führt Hausmeister 23 nun dorthin, wo das Interesse erlischt und bloß noch als eine Affinität weiterglimmt.

Einwurf: In „Kekkaishi“, Band 6, muss der Schlafplatz des Schutzgottes Urosama (eines sehr knuddeligen & pelzigen Gottes, der gerne isst und schläft) repariert werden. Der Kekkaishi wird zu diesem Schlafplatz geführt, der sich inmitten eines Sees befindet. Ein Loch öffnet sich im See, der Kekkaishi base-jumpt hinein – fällt aber nicht, sondern sinkt. Die Schlafstätte des Schutzgottes sieht aus wie eine Marimo-Kugel (das ist eine Algenart, die in Japan unter Naturschutz steht). Nach der Reparatur muss der Kekkaishi sich mit Hilfe zuvor auf seine Hand geschriebener Worte daran erinnern, wer er ist und wohin er gehen soll, um nicht für immer in der Heimstatt Urosamas zu versinken.

Liebe Leserin! Dieser Text befindet sich auf der Innenseite deiner linken Hand. Statt Schlafplatz haben wir aber immer Schafpelz darauf geschrieben.


(10.10.2011)