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PHILIPP GEHMACHER UND VLADIMIR MILLER STELLTEN BEI "SCORES #1: TOUCHÉ" IM TANZQUARTIER WIEN IHRE NEUE VIDEOINSTALLATION "AT ARM'S LENGTH" VOR

Von Helmut Ploebst

Fünf TänzerInnen in einer Fabrikshalle. Kameras sind auf sie gerichtet. Später, in der Videoinstallation mit dem Titel „at arm's length“, wird die Innenwand der Halle aussehen, als wäre sie eine Hausfassade. Weiß gekalktes und grob geflicktes Mauerwerk, niedere Türen in unregelmäßigen Abständen, Röhren, der Boden wie ein Trottoir. Es ist, als stünde das Innen auch für ein Außen und als wäre dieses Außen eine Gasse in einem heruntergekommenen Stadtviertel.

Die Installation im Museum Leopold füllte einen hallenhohen Ausstellungsraum. Eine rund dreizehn Meter breite und etwa 1,60 Meter hohe, zu einem Viertelkreis gekrümmte Leinwand, dahinter die Projektoren. Fünf Tänzerinnen in einer Fabrikshalle, die in eine Museumshalle projiziert werden, und in diesem Kunstort nicht körperlich anwesend sind. Und doch körperlich wahrgenommen werden, als Gespenster einer Aufzeichnung, als Gewesene und Festgehaltene und für immer in einer Zeitschleife Gefangene.

Im Museum bewegen sich nicht etwa diese Figuren. In den Projektoren bewegt sich das Licht, in den Abspielgeräten tanzen die Daten. Die Geräte bringen die menschlichen TänzerInnen zum Vorschein, und zwar so, wie die Kameras sie eingefangen haben und wie sie in der Bearbeitung des Videomaterials zu virtuellen Gestalten gemacht wurden. So ist das in den projizierenden Künsten. Philipp Gehmacher und Vladimir Miller haben mit diesen Eigenschaften gearbeitet.

Als kämen sie zurück

Also treten die TänzerInnen selbst nicht auf. Ihre Wiedergänger schieben sich ins Bild, durchschreiten eine Grenze zwischen Unsichtbarkeit und Sichtbarkeit, und dieses Ins-Bild-Kommen suggeriert, daß es ein Außen geben muß, das im Weiteren durch die Handlungen der Sichtbargewordenen beschrieben wird. Die überbreite, niedere Leinwand gleicht einem Sehschlitz in eine andere Wirklichkeit, und die Männer und Frauen, die sich an der Wand entlangdrücken, tun das nicht, weil sie etwas ausdrücken wollen. Sie scheinen etwas zu beschreiben, mit ihren Körpern und ihren Gesten. Ihre Beschreibung erfolgt in einer Bewegung von rechts nach links entgegen der Schreibrichtung, sodaß es eigentlich so aussieht, als kämen sie von irgendwoher zurück.

Zum Beispiel aus einer Welt der Worte und der Anekdoten, die eventuell außerhalb des Bildrahmens sein könnte – und es definitiv auch ist, denn da draußen und zugleich davor sitzen, im Verhältnis zu den TänzerInnen zeit- und ortsversetzt, die ZuschauerInnen live in ihrer Kommunikationsrealität, und aus dieser heraus versuchen sie, mit der kleinen Gruppe auf der Leinwand eine Verbindung herzustellen, was ganz leicht gelingt: durch das „Wurmloch“ aus Kameras, Kabeln und Projektoren. Die Gestalten auf der Leinwand machen, was ihre Aufzeichnung sie tun läßt, und das Publikum tut, was ihre Kommunikationswelt sie zu tun heißt.

Philipp Gehmacher, Yannick Guédon, An Kaler, Sabile Rasiti und Venke Sortland sortieren Meßeinheiten des Miteinander, wägen Nähe und Distanz ab, arbeiten an Positionierungen, Verhältnismäßigkeiten und Abgrenzungen. Diese Gruppe von Choreonauten prüft das Soziale auf seine Basisparameter hin, schält Verhaltensmuster aus ihren alltäglichen Zusammenhängen und überläßt das Abschätzen der vorgeführten Verhältnisse denen, die live da draußen sitzen. Mit dem Mittel der Videoinstallation zeigen Gehmacher / Miller auch den Zusammenhang zwischen Vergegenwärtigung und Gegenwärtigem, ähnlich wie bei ihrer Vorgängerarbeit „dead reckoning", ebenfalls eine Videoinstallation, in der vier Projektoren Abläufe auf zwei im Kreuzgrundriss aufgestellte Wände beamen.

In angespannter Ruhe

Die Verwinkelung bei „dead reckoning“ ist in „at arm's length“ nicht nur aufgehoben, sondern durch die großzügige Außenwölbung der Projektionsfläche in ihr Gegenteil verwandelt. Die Ruhe allerdings, die die Figuren ausstrahlen, auch dann, wenn sie einmal einen Ausbruch aus dem strikten Gefüge zu wagen scheinen, verbindet die beiden Arbeiten wieder. Eine angespannte Ruhe, in der der Zusammenhalt der kleinen Gemeinschaft immer auf dem Spiel steht.

Wie Philipp Gehmacher mit den Figuren äußerst präzise umgeht, so tut es Vladimir Miller mit den Bildern. Nichts ist dem Zufall überlassen, jedes inhaltliche und formale Detail wird minutiös gesetzt. So gelingt den beiden Künstlern nach „dead reckoning“ wieder eine unheimlich intensive und schöne Setzung.


(21.5.2010)