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DANIEL ASCHWANDEN UND PETER STAMER FOLGEN DEM WEG DES GELDES IM TANZQUARTIER WIEN
Von Chris Standfest
Nein, es ist nicht hundertprozentig präzise, mit einer Anspielung auf Brechts Lehrstück „Die Maßnahme“ zu beginnen, in dem der „junge Genosse“ nach einer Reihe von Fehlern im Prozess, die Revolution in China zu organisieren, von seinen Mitgenossen und mit Einverständnis in die eigene Auslöschung in eine Kalkgrube gestürzt wird.
Im Programmheft wird die Spur zu Brecht gleichwohl selbst gelegt - zum epischen Theater und zur Straßenszene als seiner „Urszene“. Vielmehr jedoch erscheint „The Path of Money“ im Tanzquartier Wien als merkwürdige Form von „learning play“ - in der Art und Weise, wie Daniel Aschwanden und Peter Stamer da durch Teile Chinas taumeln und das Publikum in diesen Taumel hineinziehen wollen, geleitet durch die Selbstverpflichtung, ausgerechnet einem Geldschein zu folgen. So beleuchtet ein Rekurs auf Brecht einige Fragestellungen oder auch Leerstellen dieser Arbeit, die außerdem in Berlin im Oktober Haus der Kulturen der Welt als „performative Installation“ und im Rahmen von „Die Haut der Bewegung“ im TQW als installative Skizze gezeigt wurde und in einer neuen Version im Juli 2010 im Salzburger sommerszene-Festival wiederkommen wird.
China als Podest
Vier Wochen lang und über 4000 km Strecke folgten die beiden mit ihrem Producer und Dolmetscher zwei kleineren chinesischen Banknoten und zeichneten als „sichtbare Agenten“ deren Weg und die Begegnungen mit den jeweiligen Inhabern auf, geleitet von der Frage, „wo - und noch viel wichtiger - wer eigentlich das Volk [ist], das dieses [im Chinesischen so benannte, d.A.] ,Geld des Volkes‘ ausgibt.“ (Zitat aus dem Programmheft)
So öffnet sich die Tür zur Performance in der Halle G des Tanzquartier Wien, und heraus quillt Nebel. Man steigt die Treppe hinunter zur Bühne, nur kleine Lämpchen auf dem Boden weisen den Weg zu einem sehr niedrigen Podest in der Form der Umrisse Chinas, auf dem fortan das Spiel stattfinden wird und auf dem im Nebeldunkel schon andere Zuschauer umhergehen. Auf dem, wie sich herausstellen wird, die beiden Performer mit geschlossenen Augen und zur Orientierung ausgestreckten Armen ihre Wege durch die Menge suchen und dabei, sich gegenseitig unterbrechend oder ergänzend, von ihrer Ankunft in China erzählen.
Ist es eine Erzählung? Es geht um eine lange Busfahrt mit gefühlter Landung, alles im Präsens, in einer Art parole automatique dieser Erinnerungen, die immer dann fehlgeht, wenn der Echtzeit-Gestus dieses Sprechens - als paradoxer Akt theatraler Gegenwärtigung einerseits und narratives Medium andererseits - von Theater-, Fernseh-, Bühnenton erschlagen wird - wenn also die Anstrengung, die Echtzeit der Erinnerung/des Geschehens für uns, die Zuschauer, herzustellen, sich erschöpft und aufgezehrt wird von der Simulation entsprechend bekannter Tonfälle. Das geschieht bisweilen, am ersten Abend häufiger, am zweiten kaum.
Während also die Erzählung(en) voranschreiten und uns in die Morgendämmerung einer chinesischen Provinzstadt am Yangtse führen, gehen gleichzeitig Lämpchen an, das Licht wird heller, und der Performanceraum kippt in einen plötzlich sehr poetischen, illusionären Referenzraum der Erzählung, er wird theatral. Und dieses Kippen von Raum und Spiel, oder Spielen, die ständigen Versuche, Dokumentarisches - Videoaufnahmen, Notate, Erinnerungen an die Reisen - zur Gegenwart einer performativen oder theatralen Situation werden zu lassen, ist auch die Kippe, über deren Gelingensmethoden und -bedingungen sich die Arbeit strukturiert. Hybrider Einsatz epischer Theatermittel und des Boulevards eingeschlossen: Plakate mit Szenenüberschriften; Beleuchter und Bühnenarbeiter als Teil des Geschehens; Pappkulissen und Papp„kameraden“ - großformatige, aus schwarz-weiß kopierten A4-Fotos der Hochhaussiedlungen über dem Flusstal zusammengeklebte Prospekte und lebensgroße Figuren der wechselnden Geldinhaber; Nachstellen einer „Geldtransferkette“ - junger Mann - Zigaretten - Kioskinhaber - Essen - Köchin - Suppenküche - mit per Zufallsgenerator ermittelten „Freiwilligen“ aus dem Publikum, moderiert im Stil zwischen epischer Straßenszene, Familienaufstellung und Thomas Gottschalkschem Massenentertainment.
Dem Schein nachjagen
Während nämlich in China am Ende der Busfahrt der Tag anbricht und auf der Bühne der Halle G das Licht heller wird, stellen „Bühnenarbeiter“ (großartig Yosi Wanunu und Hannes „Fishy“ Wurm) einfache Holztische mit hellblauen und pinkfarbenen Plastikhockern auf. Wir nehmen also Platz in dieser dem Ort des Geschehens nachgebauten „Straßenküche“ und bemerken spätestens jetzt, wenn es nicht vorher durch ihren Duft aufgefallen ist, dass an ihrem Rand eine veritable Kochkoje aufgebaut ist.
Und nun werden wir verwickelt in das Spiel, oder die Spiele, mit dem Geldschein, die gar nicht so leicht zu durchschauen sind. Der Schein, von Aschwanden/Stamer markiert und mit der Aussage „Wir wollen Sie kennen lernen“ versehen, wird zum Zirkulieren gebracht, während die beiden reisenden „Agenten“ die jeweiligen Inhaber verfolgen, wie den jungen Mann, der Zigaretten und Essen kaufen will, oder diese ins Gespräch ziehen wie den 19-Jährigen, der einen Friseursalon eröffnen möchte, oder von ihnen gezogen werden, wie von der jungen Frau, die alleine durch China reist, um „business“ zu machen - welches auch immer.
Sie benutzt die Regel des Projekts schließlich für sich und nimmt unsere Agenten mit auf ihre Schiffsreise, um nach ein paar Tagen zuzugeben, freilich hätte sie sich wohler gefühlt mit ihnen und nicht so ganz alleine... Oder das Kennen-Lernen funktioniert eben nicht, und unsere Globetrotter müssen ihrem Geldschein nachjagen ob der Kommunikationsverweigerung beispielsweise eines Lastenträgers. All das erfährt das Publikum über Nachspielen, Videos, ein „Radioplay“ mit eingelesenen Notaten, und immer wieder loseren Erzählungen und Reflexionen der beiden Performer. Außerdem gibt es auch für uns, die Zuschauer, in der Straßenküche ein - übrigens köstliches - Essen.
So werden wir Zuschauer abwechselnd oder gleichzeitig Publikum, Mitspieler, Zeugen oder auch schlicht Gäste an diesem Abend, wie auch Aschwanden und Stamer auf ihrer Reise ihre Parts wechselten, oder zu wechseln gezwungen wurden. Dabei ist zu beobachten, wie die beiden in China lernen, ihren selbstgesetzten Spielregeln zu folgen und vielleicht bestenfalls Akteure und Zeugen ihrer selbst zu werden, im Versuch, „das Volk“ zu beobachten, wie es lernt, mit den Spielregeln des neuen Geldes im veränderten Leben umzugehen. Zwischen Charme, Unterhaltung, Redundanz, Momentaufnahmen und Information und bisweilen verrutschten oder zu bemühten Tönen überträgt sich schließlich auch im fast konkretistischen Theaterspiel die große abstrakte und existenzielle Unruhe, die das Geld als „allgemeines Äquivalent“ bewohnt - ein Medium, das scheinbar hervorbringt und verpflichtet, kontrolliert werden will und kontrolliert, und dessen Herkunft, Gebrauch, Wert, Dynamik so arbiträr und gleichzeitig zwingend sind wie der „Path of Money“, den die beiden Performer sich ausgelegt haben. Und in dieser Unruhe, die auch eingeschrieben ist in die Suche der Performer und im Wechseln der Medien und der Darstellbarkeiten, liegt tatsächlich die Kraft dieses Abends.
(14.12.2009)
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