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Akustische Zirkulationen

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JÜRGEN BERLAKOVICH, AUGUSTO CORRIERI & LUCIA GLASS BEI SCORES No2 IM TANZQUARTIER WIEN

Von Sabina Holzer

Klänge, Laute und Geräusche können präzise geformt werden, wie das in der Sprache und vielen Formen von Musik getan wird. Zuweilen ist die Herkunft der Sounds eindeutig. Klirren. Ein Glas ist zerbrochen, kein Zweifel. Da ist es schon etwas rätselhafter, wenn auch wissenschaftlich erwiesen, dass zum Beispiel Zugfahrer die verschiedenen Orte und unterschiedliche Fahrtgeschwindigkeiten allein durch das Hören der Geräuschkulisse über eine Tonaufnahme erkennen und erfassen können.

Geräusche haben eine bedeutsame Stellung in unserer mentalen Karte. Sie stimmen Wahrnehmung und Erinnerung aufeinander ab. Das empfindliche Verhältnis von Vorstellung, Gedächtnis und Veränderung mit der Vorhersagefähigkeit des tatsächlichen Wo, Wie und Wielange. Andererseits fehlt Geräuschen oft eine klare Begrenzung. Sie breiten sich aus, werden von der Luft weitergetragen und kommen von (n)irgendwo her. In ihrer Bedeutung sind sie vage, oft sogar ungewiss und ähneln eher Gerüchen oder Rauch, ungreifbar und unkonkret.

Dieses relative Fehlen der Form eröffnet ein variables Beziehungsgeflecht von Wirksamkeiten und Bedeutungen zwischen Innen und Aussen, Materiellen und Immateriellen. Die Artikulation eines Gedankens, der ausgesprochen wird, zum Beispiel, oder äussere Geräusche, die sensorische Prozesse werden und so wiederum Gedanken formen. Mit solchen Wahrnehmungszirkulationen beschäftigten sich drei KünstlerInnen bei Scores No2 in den Studios des Tanzquartiers Wien: Jürgen Berlakovich, Augusto Corrieri und Lucia Glass.

Körpergeräusche als Musik

Jürgen Berlakovich zeigt seine Performance Soundsleeper in einem Setup, das an eine Lecture erinnert. Der Künstler sitzt hinter einem Tisch mit Mikrofon und Computer. Neben dem Tisch, eine Gitarre. Der Raum ist schwarz, mit Vorhängen verhängt, nur Berlakovich ist angeleuchtet. „Ein dunkles Versprechen“, könnte man denken, als er einige Seiten Papier zur Hand nimmt, sich zum Mikrofon neigt und die Lippen leckt, sich räuspert und schmatzt. Nicht allzu auffällig, jedoch elektronisch verstärkt. So werden diese Geräusche aus dem Körper zu eigenartigem Geknister, Geschnalze und Gezische. Diese Einleitung wird leider nicht lange durchgehalten, denn Berlakovich wendet sich dem Musizieren zu.

Erst mit dem Laptop, dann mit der Gitarre. Flächen und Loops werden aufgebaut und lassen die körperspezifischen Geräusche in elektronischen Soundklischees untergehen. Zu sehen ist ein Musiker bei der Arbeit, dem seine Performativität selbst nicht ganz geheuer zu sein scheint. Was, weil es im Tanzquartier stattfindet, umso auffälliger ist. Und man sich fragt, was ist hier der Unterschied zu einem Konzert? Und warum würde so eine Differenzierung interessant sein?

Oder, als Berlakovic wieder zu seinen Papieren greift, sich nochmals räuspert und einen Text über Regen und den Spuren der Sinneseindrücke in seinem Körper zu lesen beginnt: Was ist der Unterschied zu einer Lesung? Der Text, eine Beschreibung des parallel laufenden Soundtrack einer äusseren und inneren Welt (Programmheft), packt in Worte, was klanglich schon vorhanden war – oder vorhanden hätte sein können. Keine Worte werden zerlegt, zerkaut, die Grammatik nicht verflüssigt, nicht zerrissen. Sound, Sprache und Bewegung bleiben wie üblich getrennt und desorganisieren sich nicht zu dem angekündigten und darum erhofften singenden Körper.

Der Klang der Dinge

Augusto Corrieri setzt in seinen Musical Pieces Sprache nur in Form einer Sprachübung ein. Ein Test. „Testing one two three, testing. Test. E. A. E. I. O. U. ...“ Er überprüft seine eigene Sprache. Klopft trocken ihren Inhalt ab und setzt sie, vielleicht ob dieser Genauigkeit, äusserst sparsam ein. Musical Pieces ist eine fortlaufende Untersuchung über die Konditionen von Täuschungen und Geheimhaltungen im Theater. Und Corrieri (gelernter Close-up-Magician) beschäftigt sich mit diesen Prinzipien auf unterschiedlicher und im besten Sinne unspektakulärer Weise. Auch sein Raum ist eine Blackbox. Diesmal sogar mit Seitenvorhängen, die den Raum teilen und hinter denen man verschwinden kann.

Und das tut Corrieri auch ausführlich. Er geht auf und ab. Zuerst im Dunkeln, in dem er ein Mikrofon samt Ständer von einer Seite zur anderen trägt. Sich testet, in dem er bis vier zählt und alle Vokale immer wieder vor sich hinsagt. Eine kleine Bewegungssequenz ausführt, immer noch die Buchstaben und Zahlen sich auf der Zunge zergehen lassend. Bis das „I“ von „Three“ zu „I“ also „Ich" wird. Corrieri auf dem Boden liegend mit dem Beinen rücklings über den Kopf. Da blitzt in feinster Unauffälligkeit Xavier Le Roy's berühmte Pose aus „Self Unfinished“ als ein Schatten der Erinnerung auf und verschwindet auch gleich wieder. Corrieri stellt sich vor das Mikrophon und sagt zur Technik: „Ja, danke. Ich glaube, das klingt okay. Wir können zum nächsten Teil übergehen."

Das Mikrofon mit Ständer, ein Tennisball, ein Plastikbecher voll Wasser werden auf die Bühne gebracht und wieder weggeholt. Mal in Stille, dann mit Sound. Und zwar mit dem Sound eines Tennisspiels. Mit dem Sound eines Regenfalls. Die Objekte werden zur Schau gestellt, wie sich Corrieri selbst zur Schau stellt. Meist mit Blick zu Boden. Manchmal mit einem kleinen, gesetzten Seufzen. Er zieht sich aus – und hat darunter die gleiche Kleidung wieder an. Lässt versteckt hinter dem Vorhang ein Sound Feedback entstehen, verdoppelt alle Gegenstände und konstruiert im Auf- und Abbau diesen bizarren Zustand zwischen Erinnerung und Aktualität. Verschwinden, aufscheinen, darbieten und verstecken. Corrieri gibt den Dingen, inklusive sich selbst keinen Namen, sondern einen Klang, ein Sound-Environment; es und er sind im wahrsten Sinne des Wortes: Musical Pieces.

Die kompositorische Strenge gibt dem Stück einen sehr guten, etwas sperrigen und durchaus humorvollen Rahmen. Trotz der minimalen Mitteln die zum Einsatz kommen, explodieren die Referenzen. Der Stil, der Rhythmus der Performance lässt Jérôme Bels Erstling Nom donné par l’auteur denken. Über den Sound öffnet Corrieri noch eine zusätzliche fiktive Ebene. Das Tennismatch zum Beispiel. [1] Die Referenzen werden akustisch und nicht primär visuell hergestellt.

Geräusche nehmen Gestalt an

Auch Lucia Glass konzentriert sich mit ihrem Team in The Sound Of It völlig auf den Klang von Bewegungen und Situationen. Die Zuschauer sitzen verteilt im Raum und haben alle eine Blickrichtung. Über Kopfhörer wird jedem ein eigenes Hörerlebnis dargeboten. Diese Aufnahmen entstanden mit einer speziellen Tonaufnahmetechnik, die „Originalkopf Mikrofon“ genannt wird. Durch die Positionierung der Mikrofone im Ohr entstehen Aufnahmen, die dem subjektiven Klangeindruck des Anwenders entsprechen. Bei der Wiedergabe dieser Aufnahmen über Kopfhörer entsteht ein dreidimensionaler Klangeindruck mit ziemlich genauer Raumortung.

Die Aufnahmen, die in The Sound Of It eingespielt werden, sind in dem selben Raum gemacht, in dem die Performance stattfindet. Man hört: das Rücken von Stühlen, das durch den Raum gehen und fallen, der Junge, der erzählt, wie er als Cowboy, Pirat, Ritter und Prinzessin aussehen würde, das Rascheln, das Fließen von Wasser und dergleichen. Das Gehörte vollzieht sich vor einem inneren Auge. Und es ist erstaunlich, wie klar dieses innere Auge visuelle Eindrücke gespeichert hat und die Geräusche damit verbindet. Sie nehmen wie von selbst Gestalt an, stimulieren die Imagination und Erinnerungen. Wie Geister bevölkern diese Klänge den Raum. Die Plastizität dieser akustischen Spuren sind faszinierend und öffnen ein weites Feld, das in The Sound Of It in dieser Studioversion ausführlich erforscht wird.
Die Premiere ist am 18. Januar 2011 auf Kampnagel K1, Hamburg.
Weitere Vorstellungen: www.kampnagel.de

 

Fußnote:
[1] http://www.corpusweb.net/around-the-cornerthree-2.html

 

(6.12.2010)