Albrecht oder Heun

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blason_27x30_drop LUCE YFAIRE SCHREIBT EINEN BRIEF AN FRED ARCTOR: ÜBER DAS TANZQUARTIER WIEN UND DIE BERLINER SOPHIENSÆLE.


Lieber Fred, während ich diese Zeilen so gegen drei Uhr früh schreibe, träumst du schon, weil du viel Schlaf brauchst, wie Du sagst, bevor du heute Abend das Gastspiel der Trisha Brown Dance Company besuchst, das den zweiten Teil der Eröffnung des neuen Tanzquartier Wien unter Walter Heun bildet.

Als Du mich heute am Telefon gefragt hast, was mir zum Teil eins, dem „Choreografischen Eröffnungsabend“ vom 30. September 2009, einfällt, sagte ich bloß: „Gar nichts.“ Und Du wolltest nicht noch einmal nachhaken. Ich weiss zwar nicht mehr so genau, wie ich nach der Party nach Hause gekommen bin, aber meine Erinnerung an die Darbietungen des Abends, der unter dem Titel „Attached to you“ lief, ist klar und rein wie das Wasser, an dem ich gerade nippe.

Für den zeitgenössischen Tanz ist ein reichlich uncooler Retro-Look angebrochen. Auch in Berlin, wo gerade der Leiterin der Sophiensæle Heike Albrecht, einer der engagiertesten Kuratorinnen, die diese Stadt hat, ein scharfer Wind ins Gesicht weht. Die lokale Konzeptförderungskommission befand im aktuellen Beurteilungstext des Hauses unter anderem, dass ihr Gastkünstler Laurent Chétouane ein Amateurchoreograf und -tänzer wäre und verwies darauf, dass in den Sophiensælen „eine zunehmend entrückte Künstlerszene mit sich selbst kommuniziert“. So sieht Happy Slapping in der Kulturpolitik aus.

Stell’ Dir vor, Berlin hat möglicherweise einen tanzpolitischen Richtungsstreit, der auch ein theaterpolitischer sein könnte! Da geht es um Grundsatzfragen, lieber Fred. An diesem Punkt komme ich zu Walter Heun. Und ich sage Dir nach dem besagten Abend: Heike Albrecht kuratiert in erster Linie Kunst, und Heun kuratiert in erster Linie Kommunikation. Kunst zu kuratieren heisst, für die Gesellschaft zu arbeiten, Kommunikation zu kuratieren, heisst, den lokalen kulturpolitischen Umständen entsprechend zu denken.

Während seiner Ansprache mitten im Programmablauf des Eröffnungsabends schien mir Heun sehr nervös zu sein. Es war die Nervosität eines Eiertänzers auf dem Vulkan. Wäre gar nicht nötig gewesen, er hat doch ganz viele Vorschuss-Lorbeeren bekommen. Aber so einfach ist das nicht. Walter Heun ging hin und setzte sich mit seinem Eröffnungsabend zwischen zwei Stuhlreihen. Die in der einen rümpften die Nasen, na, schon wieder kein ordentlicher Tanz im Tanzquartier. Und die in der anderen maulten enttäuscht: Aber das war jetzt schon eine maue Retropartie. Ich mochte darin die immer zu einem Scherz aufgelegte Stephanie Cumming und ihre sarkastische Verabschiedung des Spektakels. Das war wie ein Manifest. Allerdings das Manifest einer Plaudertasche, die aus derselben zieht, was sie in Mimik und Geste in die Gnade der Friedhofserde entlässt.

Aber was, lieber Fred, tat good old Thierry De Mey in seiner „Light Music“-Show? Er ließ Jean Geoffroy virtuelle Lichtspielereien auf eine Leinwand fuchteln, die so leer waren, die so sehr ins Nichts führten, dass ich Mitleid mit dem Licht bekam. Mit dem Licht! „Mehr Licht“, sagte Goethe und starb dann. Bei De Mey herrschte eine so banale künstlerische Dunkelheit, weil er nicht wusste, was er mit seinem raffinierten technischen Spiel tun sollte. Also ist einfach ein schnörkeliges Design herausgekommen, und das war’s auch schon.

Und Hiroaki Umedas Solo „Accumulated Layout“ ist ein Sprung zurück in jene Eighties, die sich an Effekten und Hüllen versuchten. Hier begann Heuns programmatische Idee, dass es an der Zeit sei, der Dichotomie zwischen Tanz und Performance über den Begriff der Choreografie zu begegnen, Unsinn zu generieren. Die aktuelle Retrowelle im Tanz macht alte Konflikte neu auf, vor allem, um zu sagen, dass man jetzt auch einmal an das Publikum denken müsse. Jetzt vermitteln wir das Ganze noch einmal. Mehr Gastfreundschaft will Walter Heun anbieten. Das ist nicht gelogen. Aber er braucht auch einfach mehr Publikum. Da ist ein „Amateur“ wie Laurent Chétouane zum Beispiel nicht sehr dienlich. Wird doch Heike Albrecht vorgeworfen, die Zuschauerzahlen seien zurückgegangen.

Schuld sind natürlich wieder all die Künstler, die nicht hingehen und ihr Publikum dort hinführen, wo es sich ohnehin schon befindet. Der Hintergrund für den Widerstand gegen deren Kunst ist die Quote. Ja, wir brauchen im Tanz eine frische Quote. Stimmt die Quote, stimmt die Kunst. Oder, Fred? Ja, ja, du sagst immer, „Quote“ heisst für dich auf englisch „Zitat“ und sonst nichts. Aus meiner Perspektive beginnt gesellschaftlich relevante Kunst erst mit dem Risiko einer Unquote. Mit einer Herausforderung. Das Spektakel im Debordschen Sinn liefert mittlerweile eines der größten Schaustücke seit dem letzten Krieg, eine globale Finanz-Action, die das politische Spiel noch undurchsichtiger und bedrohlicher macht, als es das schon zuvor war. Kommt das Desaster oder kommt es nicht? Das ist laut und plakativ und eine radikale Neu-Umsetzung von Jon McKenzies „Perform or else…“.

Da gibt es Leute, die denken, dass Kunst mit ähnlichen Mitteln agieren müsste. „Ein Theater“, schreiben die drei Berliner Subventions-Kommissäre mit Blick auf Till Müller-Klug und Bernadette La Hengst, „das sich mit dem Etikett des Politischen schmückt, dabei aber unpolitisch agiert, wird zum Ärgernis.“ Und Monika Gintersdorfer / Knut Klaßen hätten mit „Logobi 03“ „die Kommission ratlos zurück“ gelassen.

Ich glaube, dass die drei Mitglieder der Jury besonders ratlos sind, was der Begriff des Politischen in der von ihr als „entrückt“ bezeichneten Kunst bedeutet. In Berlin – aber nicht nur dort – herrscht ein Analphabetismus, wenn es darum geht, Subtexte lesen zu sollen. Du musst die Kommission auf der Bühne darauf aufmerksam machen, dass gleich etwas „Politisches“ kommt, und dann krachst du ihnen mit einem ordentlichen Agitprop ins Gestell, den sogar Evelyn Finger versteht, wenn sie wieder einmal als Tanzkritikerin dilettiert. Dafür braucht es eine Kunst, die so eingängig ist wie die Werbung im Fernsehen. Sonst bleibt man „ratlos zurück“. Ja, das ist in jedem Fall politisch – pottkonservativ und spektakelaffin.

In Wien hat sich Forced Entertainment in dem einzigen wirklich geglückten Beitrag bei „Attached to you“ über das ideologische Bettgestell der Quotenlogik mokiert: über das Versprechen einer bestimmten Form von Theater, das Publikum seine Sorgen vergessen zu lassen. Es gibt aber noch ein – beinahe schlimmeres – Versprechen des Theaters: Ich bin für dich und an deiner Stelle gesellschaftskritisch. Interpassivität, nennt der österreichische Philosoph den Konsummechanismus, der dieses Spiel antreibt. Ich behaupte, dass diese Theaterform totalitär ist und nur insofern politisch. Dass diese Art von Theater sein Publikum abholt – aber nur, um es zu verhaften.

Walter Heun in Wien ist dabei, sein Publikum durch Pflege abzuholen, und das ist ein gutes Ziel. Aber wovon will er es abholen? Etwa von Trisha Brown, der umgestülpten Postmodernen, deren Deko-Derivat der Seventies eine Wellness-Tour garantiert? Und was ist der Dank etwa der Wiener Zeitung „Die Presse“? Sie titelt: „IMPULS Tanzquartier“. Ein netter Hinweis darauf, dass Heun mit dem ImPulsTanz-Festival kooperiert, um Trisha Brown in der großen Halle E des Museumsquartiers zeigen zu können.

Das ist das Schöne an Wien und Berlin: Es wird einem nie langweilig. Der Eröffnungsabend war nicht der für das Tanzquartier, sondern für die Arena einer neuen Dynamik. Heun und seine Dramaturgin Sandra Noeth haben erst einmal den netten Weg gewählt, in diesem Umfeld etwas zu gewinnen. Und der, lieber Fred, könnte etwas steinig werden, meinst du nicht auch? Heike Albrecht dagegen hat keinen netten Weg gewählt, sondern einen aus der Perspektive der progressiven Kunst realistischen. Sollten die Sophiensæle tatsächlich an das angeberische „Radialsystem“ angedockt werden, dann wird die Berliner Choreografieszene noch mehr rekonfiguriert, und die ästhetisch nur noch dekorative Waltzertänzerin in ihrer aufgepeppten Entwässerungsgruft müsste noch weniger Gegenentwürfe verdauen.

Viel Vergnügen bei Trisha Brown!

Luce


(3.10.2009)