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WIE DAS PATHOSBÜRO UND DIE BORN-TO-SIT-COMPANY AUS WIEN DAS OSTERMAYERSCHE ECHO ERKLÄREN
Von Helmut Ploebst
Weltpremiere des Films „Pathosalarm in Outer Space #1“ (Ö 2008) im Filmhaus Wien. Nach der spektakulären Veröffentlichung des Pilotfilms „Pathosalarm in Outer Space #0“ (Ö 2007) mit Katherina Zakravsky in der weiblichen Hauptrolle setzt das Wiener Pathosbüro nun mit einem Sequel nach, gegen das „Matrix Reloaded“ sich als, wie es im Österreichischen heißt, bloßer Lercherlschas [dt.: vernachlässigbare Flatulenz einer Lerche] ausnimmt.
Die Welt ist seither nicht mehr dieselbe. Und wieder geht das Virus einer großen Veränderung der Zeitläufte von Wien aus. Von jener Stadt also, in der das Wort „Diskurs“ immer kleiner geschrieben und in neuerer Zeit zunehmend mit einer flachen runden Scheibe verwechselt wird. Das diskurswerfen [sic!] ist eine intellektuelle Wiener Sportart, die durchaus den Rang eines Booms einnimmt. Sie zeichnet sich durch eine Bogenhaftigkeit aus, die den Ausgangsimpuls stets zu seiner Quelle zurückleitet („boomerang discourse“). Diese Bogenhaftigkeit wirkt wie eine Antwort auf Slavoj Zizeks „Parallaxe“: Aus der Rückbeugung des Wurfs entstehen gekrümmte Subperspektiven, in deren Dazwischen ein Möglichkeitsraum entsteht, der allgemein als Peinlichkeitsvolumen identifiziert werden kann.
Was hier einem diskursaffinen Geist als nicht gleich nachvollziehbar erscheinen mag, sei hier in einfachen Worten erklärt. Karl Kraus hat Österreich anläßlich des Ersten Weltkriegs als „Versuchsstation des Weltuntergangs“ bezeichnet. Der legendäre Schriftsteller sollte weder den Zweiten Weltkrieg erleben, der von einem Österreicher ausgelöst und von Österreichern mitbetrieben wurde, noch die Produktion des Science Fiction-Films „1. April 2000“ (Regie: Wolfgang Liebeneiner), einer Auftragsproduktion der österreichischen Bundesregierung von 1952. In „1. April 2000“ wurde den vier Besatzungsmächten - offenbar schlüssig - nachgewiesen, wie harmlos Österreich eigentlich sei. 1955 zogen sie ab.
Wo Diskurs klein geschrieben wird
Bei dieser Aprilhaftigkeit nun setzt das Wiener Pathosbüro - wohlweislich werden die entsprechenden Referenzen verschwiegen - mit „Pathosalarm in Outer Space“ an. Anstatt der Publikumslieblinge Josef Meinrad, Curd Jürgens, Hilde Krahl, Paul Hörbiger, Judith Holzmeister und Hans Moser spielen hier aber Kunstschaffende wie Daniel Aschwanden, Radek Hewelt, Katherina Zakravsky, Cezary Tomaszewski, Amanda Piña, Anna Nowak, Sabile Rasiti, Stephanie Cumming und Katharina Mewes ihre untragbaren Rollen mit heroischer Leichtigkeit.
Heute ist weder Krieg noch Besatzung in einem Österreich, das dafür allerdings die Spiele der diskurswerfer [sic!] perfekt internalisiert hat. Die österreichische Geistesgeschichte nennt außer Karl Kraus ja auch zum Beispiel Franz Kafka, Sigmund Freud oder Elfriede Jelinek ihr eigen. Das Potential wäre also da. Aber anstrengend darf es nicht sein. Postmoderne DenkerInnen hat Österreich, abgesehen vielleicht von Arno Böhler, kaum hervorgebracht, sodaß die Postmoderne in diesem Land eigentlich nur als als etwas vorhanden ist, das hier als Ostermayersches Echo bezeichnet werden soll (Referenz: Fritz Ostermayer, „Das Tortenstück“, eine Produktion der Born-To-Sit-Company, uraufgeführt in Krems im Rahmen des dortigen donaufestivals am 22. April 2009).
Das Verdecken der guten Geister
Unter dem Ostermayerschen Echo verstehen wir den Wiener diskurs [sic!] über den Nachhall in jenem Scheffel, unter dem in der österreichischen Hauptstadt das Licht jener flackert, die an dem globalen Verlust aller guten Geister gespenstisch vergnügt verzweifeln. „Das Tortenstück“ und „Pathosalarm in Outer Space“ nisten sich gleichermaßen in jenem Peinlichkeitsraum ein, der den Sonderweg der ungeschriebenen österreichischen Postmoderne umfaßt.
Sowohl das Torten- als auch das diskurswerfen [sic!] verklammern viele Reflexionsebenen, auf denen die große Weltverarbeitung den Stoff erzeugt, aus dem „worldwide“ alle medialen Träume gewoben sind. Diese Ebenen sind es, die den österreichischen Peinlichkeitsraum errichten, den das Pathosbüro so wunderbar wie schlicht als „Raum“ besingt. Die Meriten sowohl der „Born-To-Sit-Company“ als auch des „Pathosbüro“ liegen nun in der gnadenlosen, radikalen und subversiven Darstellung dieses Raums. Er ist dadurch charakterisiert, daß sich ausgewiesene Intelligenzen der ihrem Potential gegenüber denkbar gegenteiligsten Handlungsstrategien bedienen (wie anders ließe sich das Aufscheinen der begnadeten Musikerin Soap&Skin als gekreuzigter Warhol-Christus-Zwilling in dem Tortenstück erkären, das bald auch in Berlin und Hamburg zu beobachten sein soll).
Dilettantismus als Welterbe
Dies wird sowohl in „Das Tortenstück“ als auch in „Pathosalarm in Outer Space“ so unpräzise wie möglich beschrieben. Und es ist gerade dieses „wie möglich", das den globalen Unmöglichkeitsraum so treffend beschreibt. Die Normhaftigkeit des Kunstdiskurses würde die beiden Arbeiten wohl als gescheitert abtun, wenn sie in ihrer Grundkonstellation zutiefst provinziell wäre. Wenn sie Pathos, Dilettantismus und Peinlichkeitsbewegungen als Marginalien abtäte, die ihr Publikum nicht dort abholten, wo es sich befindet. Denn es ist gerade der Dilettantismus, wie er sich in diesen beiden Meisterwerken zu wahren Monstren aufrichtet, ein Welterbe, das dessen Österreichhaftigkeit nur als historische Skulptur widerspiegelt. Merke: Alle Virtuosität erweist sich bei genauer Analyse als Ausscheidung des Dilettantischen (und nicht, wie man aus „Das Tortenstück“ zitieren möchte, „umgekehrt“).
Auch das „Tortenstück" ist ein Sequel - zu seinem Vorgänger „Rettet die Mäuse oder Conducting Kafka While Whistling Against Interpretation“, uraufgeführt im Tanzquartier Wien am 13. September 2007 (und dieses Jahr ist, wie allgemein gewußt werden sollte, das Geburtsjahr der gegenwärtigen Krise). Auf die Virtuosität des Erstlings verzichtet Ostermayer in seiner Fortsetzung - und auch die „#1“ des „Pathosbüro“ ist wesentlich peinlicher als die Nullnummer. Das heißt: wesentlicher, wahrer und schlechter, aber auch angreifbarer. Ed Wood wird da weit unterboten. Natürlich fußen die beiden wunderbaren Machwerke auf einer Akkumulation von Intelligenz, die durch ihre intrigenhafte Weisheit keine leistungskulturhafte Performance mehr haben können, weil sie wahre Perfumances im McKenzieschen Sinn sind.
Die Auseinandersetzung mit der Peinlichkeit hat nicht nur in der österreichischen Kunst eine große Tradition. Auch Mårten Spangberg hat sich als exzellenter Tänzer im Peinlichkeitsraum bewiesen. Im österreichischen Tanz sind Barbara Kraus, Miki Malör, Andrea Bold, Milli Bitterli, Ewa Bankowska, Magdalena Chowaniec begnadete Darsteller dieses Phänomens, und das Tanzquartier Wien hatte eine umfängliche Kuratierung zum Thema. Die Darstellung der Peinlichkeit kann vor allem dann gelingen, wenn der „reale“, der außerkünstlerische Peinlichkeitsraum eine Gesellschaft dominiert. In Österreich - und im beinahe gesamten Rest der Welt - ist das seit jeher der Fall.
(26.4.2009)
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