Alix Eynaudi

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DIE KONSTRUKTION DER WIRKLICHKEIT

Von Helmut Ploebst

Wenn eine Tänzerin auftritt, dann bedeutet das, sie führt, was sie darstellt, einem potentiellen Publikum vor Augen. Sie bringt damit aber nicht nur sich selbst, sondern vor allem einen Zusammenhang in Präsenz, der ihr erst die Legitimation verleiht, vor eine Öffentlichkeit zu treten und zu behaupten, daß sich mit ihrem Erscheinen etwas ereignen wird, das mehr ist als nur eine Person X, die nun als Figur XTanz wahrnehmbar wird. Und dieses Mehr ist eine hergestellte Situation, ein angestoßener Ablauf - und auch schlicht das Verschwinden des Nichtereignisses, das etwa eine leere Bühne repräsentiert, solange sich jemand ein Ereignis darauf erwartet, das dann auch eintritt. Eine Performance, die - wenn man beispielsweise Yves Kleins Darstellung der Leere in die Black Box übertrüge - explizit die Unbespieltheit einer Bühne darstellte, wäre ein Ereignis durch die Überschreitung der Erwartungen eines Publikums.

Das Theater als Trickkiste 

Eine Bühnenarbeit ohne menschliche Darsteller ist noch seltener als ein abstrakter Film. Die 1976 in einem kleinen Dorf zwischen Aix-en-Provence und Marseille aufgewachsene Tänzerin Alix Eynaudi schwärmt von Romeo Castelluccis Stück „M.#10 Marseille. X Episodio della Tragedia Endogonidia", weil dort über weite Teile auf die Präsenz von Darstellern verzichtet wird. Es ist eine Choreografie nur mit Licht und Klang, sagt sie. Und das sei phantastisch. Eynaudi hat auch ein Faible für Sophie Calle und deren Arbeit über das Abwesende, über die Leerstelle, die etwas Entferntes, ein Weggenommenes bezeichnet. Die Tänzerin spricht im Interview über Techniken des Verschwindens, über Tricks - und zögert dann, „das ist schwer zu beschreiben", als ob sie sich nicht in die Karten schauen lassen wollte.

Das Theater ist nicht nur ein Guckkasten sondern auch eine Trickkiste. Häufig wird in diesem Zusammenhang der Begriff „Illusionen" gebraucht. „Tricks", das klingt härter, präziser und - desillusionierender. „Samuel Taylor Coleridge schreibt über das Aussetzen der Ungläubigkeit", sagt Alix Eynaudi, „und das interessiert mich, dieser Augenblick, in dem du als Zuschauer alles abschaltest, was du weißt." Das sei eine bewußte Entscheidung des Publikums, davon ist die Tänzerin überzeugt. Coleridge formulierte 1817 in seiner literarischen Biografie: "(...) it was agreed, that my endeavours should be directed to persons and characters, supernatural or at least romantic, yet so as to transfer from our inward nature a human interest and a semblance of truth sufficient to procure for these shadows of imagination that willing suspension of disbelief for the moment, which constitutes poetic faith."

"Collect-If" und "Crystalll"

Nicht nur mit den Mitteln einer Interpretin, sondern auch mit denen einer Autorin führt Eynaudi ihre Untersuchungen der „Twilight Zone" zwischen Präsenz und Absenz, zwischen Auftauchen und Verschwinden durch. Bei Rosas, wo sie sechs Jahre lang getanzt hat, nutzte sie das „Verschwinden", die Reduktion der eigenen Präsenz dann, wenn sie Probleme damit hatte, auch zu vertreten, was sie zeigen sollte. Bis zu dem Punkt, an dem sie wußte, sie wollte nicht mehr in Stücken auftreten, hinter denen sie nicht stehen konnte. „Dann realisierst du natürlich, daß du es selbst machen mußt."

Der Ausstieg aus der sicheren Struktur der Compagnie um Anne Teresa De Keersmaeker war eine schwere Entscheidung, vor allem in der neunmonatigen Übergangszeit. Als Bojana Cvejic sie 2003 einlud, bei dem Projekt „Collect-If" (gemeinsam mit Emil Hrvatin, Ugo Dehaes, Varinia Canto Vila, Katarina Stegnar und Rebecca Murgi) teilzunehmen, war das eine Art Rettungsanker. Es folgten verschiedene Kooperationen, unter anderem mit Hrvatin und Erna Ómarsdóttir in „We are all Marlene Dietrich FOR" und bei Superamas in „Big 3rd Episode", aber vor allem mit ihrer Freundin, der Choreografin Alice Chauchat. Mit ihr entstand das Solo „Crystalll" (2005), eine dialogisch gehaltene Zusammenarbeit, in der es auch um das Auf- und Untertauchen - eines Stereotyps - geht. Eynaudi und Chauchat trafen einander mit 16 Jahren in Lyon, in der Schule. Obwohl beide die Aufnahmeprüfung bei P.A.R.T.S. machten, verliefen ihre Entwicklungen sehr unterschiedlich: „Wir haben sehr verschiedene Erfahrungen mit Tanz gemacht und auch ziemlich verschiedene Ansichten darüber entwickelt."

"Ich bin sehr stur" 

Zu tanzen begonnen hat Alix Eynaudi mit acht, weil „die kleinen Mädchen in meinem Dorf ins Ballett kamen und die kleinen Buben in Fußballmannschaften". Das klingt geordnet. „Jedes Jahr gab es eine Aufführung der Ballettschule auf dem Dorfplatz, wohin jeder kam. Die Mütter machten die Kostüme und die Väter die Beleuchtung und die Dekoration, es war eine so schöne Atmosphäre." Alix tritt in Musicals wie „Ein Amerikaner in Paris" oder „Emilie Jolie" auf. Als ihre Familie nach Lyon übersiedelt, besucht sie das dortige Conservatoire und beschließt, Tänzerin zu werden. Nach einem halben Jahr kommt sie an die Ballettschule der Pariser Oper und ist dort zwischen dem 11. und 14. Lenbensjahr im Internat untergebracht. Auf der tänzerischen Ebene ein Genuß für das Mädchen. „Aber menschlich war es eine schlechte Erfahrung. Das Denken dort war archaisch. Alles wurde darauf ausgerichtet, den Wettbewerb zwischen den Kindern anzustacheln." Eine schwere Verletzung zwingt Eynaudi aufzuhören. Es geht zurück nach Lyon. Erst mit 16 setzt sie durch, daß sie wieder mit dem Tanzen beginnen kann.

„Ich sagte, das oder gar nichts. Ich bin sehr stur." In Liège gibt es eine Audition in der Oper, sie wird nicht genommen. „Aber jemand sah mich, der sagte, ich mache eine neue klassische Compagnie in Belgien, komm' doch hin." Sie willigt ein, und beginnt mit 17 Jahren zu arbeiten. Eynaudi bleibt eine Zeit lang in Charleroi, übersiedelt dann nach Brüssel, wo sie in einer neoklassischen Truppe arbeitet. Sie begleitet ihre Freundin Alice Chauchat zur Audition bei P.A.R.T.S. und kommt 1995 in den allerersten Jahrgang, mit unter anderen Erna Ómarsdóttir, Arco Renz, Saskia Hölbling und Thomas Plischke.

Die zweite Chance 

„Ich war eine schlechte Studentin", gibt Eynaudi zu. „Ich ging nur selten zum Unterricht, schlief während der Klassen. Im ersten Jahr verstand ich gar nichts." Die zeitgenössischen Ansätze sind ihr damals fremd, und sie erscheinen ihr als langweilig. „Also wurde ich am Ende in Anne Teresa De Keersmaekers Büro gerufen, und man sagte mir, daß ich gefeuert würde. Aber ich dachte, ich möchte noch bleiben, vielleicht habe ich etwas nicht mitbekommen."

Sie erhält eine zweite Chance, drei Monate zur Bewährung. „Und da fragte mich Thomas Plischke, ob ich mit ihm arbeiten wollte. Ich sagte zu, und dann bin ich eingetaucht, und ich habe es geliebt. Es ging um Improvisation, das war eine große Entdeckung." Wieder wird sie in Keersmaekers Büro gerufen. „Ich dachte, gerade wenn ich beginne, es zu mögen, muß ich gehen. Aber sie fragte mich, ob ich zu Rosas kommen wollte. Ich war so schockiert! Daran hatte ich überhaupt nicht gedacht, ich war auch gar nicht bei der entsprechenden Audition gewesen. So bin ich in die Company gekommen." Sie hat sich eher vorgestellt gehabt, einmal bei William Forsythe zu tanzen, dessen Arbeit sie sehr schätzt.

Bei Rosas ist sie eine Tänzerin, die durch ihre besondere Leichtigkeit auffällt und durch einen eigenwilligen Charakter. Man hält sie immer für etwas älter als sie es tatsächlich ist, und sie tanzt in der Company immer wieder Duette mit älteren Männern.

Dunkle Geschichten 

Ihre zweite Leidenschaft neben dem Tanzen ist die Romanliteratur. „Ich verschlinge Bücher", sagt sie im Interview. „Les Racines du mal" von Maurice Georges Dantec erwähnt sie, weiters Agota Kristofs Trilogie „Das große Heft", „Der Beweis" und „Die dritte Lüge", außerdem William Blakes „Hochzeit zwischen Himmel und Hölle" und „Der Idiot" von Dostojewski. Sie „mag sehr dunkle Geschichten, da fühle ich mich weniger allein. Ich bin eine sehr dunkle Person." Wir sprechen über „das Dunkle", und Eynaudi meint, der Wunsch, ein Maximum an Abgründen zu kennen, sei in die Frage eingebettet, ob es dann noch möglich ist zu träumen: „Es ist möglich, und es ist eine größere Freude als die des Träumens um den Preis der Verdrängung."

In Eynaudis Auftritt als Alix Eynaudi liegt ein starker Optimismus. Sie spricht von Romantik und von einer Vielfalt der eigenen Persönlichkeit, von ihrem Hang zu einer kontemplativen Weltbetrachtung. „Ich möchte für alles, was ich tue, selbst verantwortlich sein. Etwas Schönes zu machen oder zu bewirken, daß Leute sich wohlfühlen, heißt schon die Welt ein wenig besser zu machen, oder? Ich versuche immer, einen Sinn in allem zu finden."

Sophrosyne 

Also folgt sie nicht Baudrillards Abgesang auf die Wirklichkeit wie in „Agonie des Realen", sondern schlägt vor: "(...) fiction and illusion not only reproduce reality (differently), but also produce it, as the truth of imagination is essential in the constitution of real truth. Moreover, illusion and fiction are not only illusion and fiction with regard to reality, but also take part in the way how reality is constructed." (Alix Eynaudi, Konzept für „super naturel")

Das Simulakrum gehört zu den Taschenspielertricks des Spektakels. Man kann es beklagen oder man kann es wahrhaben und in den Spalten zwischen Fiktion und Wirklichkeit neues Leben erzeugen. In ihren Überlegungen zu ihrer ersten eigenständigen Arbeit „super naturel" bringt die Tänzerin und Choreografin den schönen Begriff „Sophrosyne" ins Spiel, mit dem Aristoteles „den erreichten Einklang von natürlichen Begehrungen und Vernunft" meint, „im Unterschied zur Beherrschtheit (enkrateia), die die Begierden lediglich unterdrückt" (Franz-Peter Burkard). In ihrem Konzept formuliert sie: "It seems particularly pertinent to me to create a space of representation where the human longing for a state of grace-‘sophrosyne' as the Ancient Greeks called it-comes to life, in coexistence with the resistance that is imposed to us by knowledge. Here, the apotheosis of a strange amalgam between technology, science, affect, emotion and belief can come true."

www.budakortrijk.be (Uraufführung "super naturel" 16.3.2007) www.margaritaproduction.be/_NL/ALIX_EYNAUDI/INTRO.html
www.argekultur.at  ("super naturel" bei City of Dance am 28.4.2007)

(12.3.2007)