Allesverwischung

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EIN UNBRAUCHBARER SAMMELBAND "ÜBER DEN TANZ" BEI MERVE

Von Franz Anton Cramer


Es herrscht glücklicherweise kein Mangel mehr an tanzwissenschaftlicher Literatur. Die akademischen Qualifikationsschriften, die aufführungs- und werkanalytischen Arbeiten, die Untersuchungen zur Diskursgeschichte und zur Entstehung bestimmter Konzepte, die Monographien über wichtige Künstler und die Auseinandersetzung mit historischen Aspekten choreographischer Künste decken mittlerweile ein weites intellektuelles Spektrum ab. Und wenn auch seit der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg kaum noch nennenswerte Versuche unternommen worden sind, Universalgeschichten des Tanzes und seiner künstlerischen Entwicklungsphasen vorzulegen und überhaupt jede Form von synoptischem Grundlagenwissen oder pragmatischem „Handbuch des Tanzwissens“ bislang fehlt (was sicherlich der mobilen Natur des Gegenstandes geschuldet ist), kann man kaum größere Leerstellen beklagen. Einzige Ausnahme bildet die Betrachtung von Tanz jenseits der fachspezifischen Methodologien, also kulturwissenschaftliche, philosophische oder erkenntnistheoretische Untersuchungen von Tanz und dem darin enthaltenen Potential an Verunsicherungen bestehender Kategorien des Denkens und / oder Wahrnehmens.

Ansätze in dieser Richtung werden immer wieder in Frankreich unternommen, wo mit Alain Badiou, Jean-Luc Nancy oder zuletzt Véronique Fabbri der thematische Kreis weiter gezogen wird als im deutschsprachigen oder angelsächsischen Milieu.

Umso erfreulicher also, dass sich mit dem Berliner Merve Verlag ein renommiertes Haus für den Tanz zu interessieren scheint. Der Band „Allesdurchdringung. Texte, Essays, Gespräche über den Tanz“ (die Nummer 304 im Gesamtprogramm) versammelt sechs Beiträge von Yvonne Rainer, Luciano Berio, David Kishik, Jean-Luc Nancy, Michel Serres und René Thom. Das verheißt eine große Bandbreite an Perspektiven. Und da es sich durchweg um Erstveröffentlichungen in deutscher Sprache handelt, darunter zwei Originalbeiträge, scheint der Inspiration nichts im Wege zu stehen.
Doch das ist nur der erste Blick.

Tanzchinesen

Es erweist sich bei näherem Hinsehen schnell, dass die Herausgeber wie die Leser einem Phantom nachhaschen. Denn es gibt unter den sechs Beiträgen nicht einen, der irgendeinen Ansatz der neueren Tanztheorie auch nur kennte, geschweige denn aufgriffe oder ihm gar etwas Neues hinzufügte. Stattdessen bleibt ein Raunen über das Ungefähre und Ursprüngliche des Tanzes.

Die Ungenauigkeit macht sich schon in der Gesamtanlage bemerkbar. So gibt es keinerlei Kommentar zur Zusammenstellung der Artikel. Niemand fungiert als Herausgeber (es sei denn der Verlag), die Herkunft der Texte ist sehr lückenhaft erläutert, ihr Gemeinsames, oder jedenfalls der Anlass ihrer Zusammenstellung bleibt undurchsichtig. Hinzu kommen arge Schnitzer bei den Übersetzungen und sachliche Unrichtigkeiten in den einzelnen Aufsätzen, die vor allem davon zeugen, wie wenig sich die Verfasser im Detail mit ihrem Gegenstand befasst haben. Luciano Berio etwa, dessen Aufsatz „Der Tanz des Chinesen“ zuerst 1985 erschien, setzt ohne weitere Umstände die alltägliche Praxis des Tai Chi mit Formen des künstlerischen Tanzes gleich und leitet daraus Überlegungen zur Bedeutungsfähigkeit von Musik, Klang und Gebärde im sozialen Kontext ab.

Während Michel Serres in „Das Ballett von Alba" anhand eines phantasmatischen Tanzballetts jenes Motiv der Ursprünglichkeit strapaziert, welches der tänzerischen Handlung eigne; „alba“ bedeutet hier „weiß“ oder „unbeschrieben", so wie das weiße Blatt Papier oder das Sein vor aller Bedeutung. 1983 erstmals publiziert, kündet ein derart metaphorisch-assoziativer Text vor allem davon, gegen welches Misstrauen, gegen wieviel Unverstand und möglicherweise auch gegen wie viel selbstverschuldete Unmündigkeit der Tanz als intellektuelle Praxis in den letzten zwanzig Jahren hat angehen müssen.

Natürlich ist das Gespräch mit Yvonne Rainer von diesem Vorwurf freizusprechen. Erschienen 2004 in dem Themenband „Penser la danse contemporaine" der Zeitschrift Rue Descartes (dem Journal des Collège international de philosophie), ist es eine aufschlussreiche Einführung sowohl in die Persönlichkeit Yvonne Rainers als auch in einige zentrale Fragestellungen ihres Werkes wie etwa die Beiläufigkeit, den „Minimalismus“ und den Einfluss von John Cage auf die Generation der Judson Church-Gruppe.

Angegraute Annahmen

Aus dem gleichen Kontext entstammt auch das Gespräch mit Jean-Luc Nancy [*], dem Übervater eines tänzerisch inspirierten Denkens in Frankreich und damit gewissermaßen dem Nachfolger von Michel Bernard (der bedauerlicherweise im Band nicht auftaucht). Nancys wirklich sehr lockerer Konversationston gelangt aber in der Übersetzung von Ronald Voullié über Andeutungen und Eingebungen nicht hinaus. Erinnerungen an gesehene Bühnenwerke stehen neben Impressionen zum Kultischen des Tanzes oder kursorischen Überblicken einer vermeintlichen historischen Entwicklung.

Genauer wird auch David Kishik nicht, dessen Analyse des höfischen Balletts und der Politisierbarkeit des Tanzes in ihrem essayistischen Gebaren die aktuellen Forschungen etwa von Mark Franko, Marie-Françoise Christout oder André Lepecki anscheinend nicht rezipiert hat und daher von Basisannahmen ausgeht, die nicht haltbar sind. Zwar braucht nicht jeder Aufsatz über Tanz fachwissenschaftlich abgesichert zu sein. Aber ein Mindestbezug zum Sachstand sollte schon sein. Texten, die in den 1980er Jahren entstanden sind, muss man natürlich auch einen anderen Kontext zugestehen. Aber bei einer Veröffentlichung im Jahr 2008 sollte zumindest ein Hinweis auf diesen Kontext bzw. den Bezug zum Heute erfolgen.

Der Tanz selbst ohnehin, aber auch das Nachdenken über Tanz und die hintergründige Auseinandersetzung mit choreographischen Praktiken kann viel mehr, als „Allesdurchdringung“ vermittelt. Umso größer die Enttäuschung, dass ausgerechnet der hochgeschätzte Merve Verlag die Chance derart vergibt, dem geneigten Leser einen Einblick ins aktuelle  Diskursgeschehen zu geben.


Allesdurchdringung.
Texte, Essays, Gespräche über den Tanz. Mit Beiträgen von Yvonne Rainer, Luciano Berio, David Kishik, Jean-Luc Nancy, Michel Serres und René Thom. Übersetzt von Laura Sperber, Andreas Hiepko und Ronald Vouillé. Berlin: Merve Verlag 2008, ISBN 978-3-88396-238-2,


Anmerkung:
[*] Dieses Gespräch ist auf corpus seit dem 25. Oktober 2006 in der Übersetzung von Paula Caspão und Petra Sabisch unter dem Titel „Ich weiss sehr wohl, dass ich nie gut getanzt habe“ nachzulesen. (Red.)


(1.1.2009)