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Analyse statt Empathie

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DIE ÖSTERREICHISCHE CHOREOGRAFIN CHRISTINE GAIGG GIBT ELFRIEDE JELINEKS TEXT "ÜBER TIERE" IM TANZQUARTIER WIEN EINEN KONKRETEN ORT UND VIELE POTENTIELLE RÄUME

Von Judith Helmer


Hypnotisch und analytisch - so wirkt auf die Choreografin Christine Gaigg (derzeit Artist in Residence des Wiener Tanzquartiers) der Sprachfluss von Elfriede Jelineks Texten. Und hypnotisch und analytisch soll auch der Effekt ihrer eigenen choreografischen Technik wirken, Bewegungsmodule mit geringen Veränderungen aneinanderzureihen. Das Theater am Neumarkt in Zürich und das Tanzquartier Wien scheinen diese Parallelen auch erkannt zu haben und beauftragten Gaigg mit einer - auf den ersten Blick - Theater-Arbeit.

Nach der Uraufführung des auf Telefonprotokollen der polizeilichen Überwachung einer noblen Wiener Callgirl-Agentur basierenden Jelinekschen Theatertextes - ein Sprachfluss ohne Figuren oder Szenen - an der kleinsten Spielstädte des Burgtheaters, dem Kasino am Schwarzenbergplatz, im Mai dieses Jahres und einer weiteren Inszenierung durch den jelinekerprobten Regisseur Nicolas Stemann in Berlin zeigt nun die Wiener Choreografin ihre Sicht der Dinge.

Nicht süßlich 

Ruedi Häusermann hatte bei seiner Wiener Uraufführung des Textes, der sich von dem Suchen nach einer Sprache der Liebe und der weiblichen Begierde immer mehr hin zu collagierten Zitaten eines brutalen männlichen Verhandelns über Frauen und ihre explizit sexuellen Dienste entwickelt, eine beinahe schon süßlich-spießige Gegenwelt klavierspielender Damen und Herren eingesetzt, eine „musikalische Durchquerung“, wie er das nannte. Auf Figurenrede verzichtete er und legte den gesamten Text der sich in den Sprachstrom stürzenden Schauspielerin Sylvie Rohrer in den Mund.

Christine Gaigg hat den Text auf vier Schauspieler, zwei Frauen und zwei Männer, verteilt und so Dialoge, szenenartige Situationen und chorische Textbehandlung zugelassen. Auf einer zweiten Ebene, liegend auf im Raum verteilten Bänken, liefern zwölf Tänzerinnen und Tänzer eine Gegenwelt zum Jelinektext. Aber hier ist nichts süßlich oder auf die bürgerliche Moral anspielend wie bei Häusermann. Wiederholung und Variation, das Grundprinzip vieler Bühnenarbeiten Gaiggs, sind auch in dieser Arbeit das Bewegungsmotiv der mit Fellkappen und (mittels Kontaktlinsen) katzenhaft anmutenden Augen ausgestatteten Tänzer. Die in Repetition gefangenen winzigen Ausschnitte von Bewegungsabläufen entwickeln sich von harmlosen Mustern wie Aufstehen, Umdrehen oder Herunterfallen von der Bank sukzessive zu immer stärker an den tierischen Geschlechtsakt erinnernden Patterns.

Verweigerte Zustimmung 

Dazu stöhnen und hecheln die artifiziellen Figuren, denen die Zuschauer ganz nahe kommen können. Denn dem Publikum wird nicht die gesicherte Position im verdunkelten Auditorium zugestanden, sondern Gaigg schickt es zwischen Schauspieler und Tänzer auf die Bühne. Mit ihrer Erfahrung in derartigen Situationen gelingt Gaigg die schwierige Balance zwischen erzwungener Nähe und offen stehender Distanz. Auch hier treffen sich Jelineks und Gaiggs Intentionen: Dem Leser/Zuschauer wird die identifikatorische Zustimmung verweigert.

Nicht Empathie, sondern Analyse der Strukturen soll erreicht werden, was auch durch das komplexe Setting und den artifiziellen Kontext der bearbeiteten Zitate trotz ihrer starken Verhaftetheit in der banalen Realität meist gelingt. Die Schauspielern schaffen es nicht immer, auf ihr darstellendes Spiel weit genug zu verzichten. Ihre bebildernden Gesten stören die potentiellen Räume, die Gaigg ansonsten so gekonnt zu schaffen weiß und die weit über das Thema Mädchenhandel hinaus verweisen.

Was ihr wollt 

Im zweiten, kürzeren Teil dürfen die Zuschauer neben den Tänzern Platz nehmen. Auf den Bänken sehen sie sich in einer viel eindeutigeren Rezeptionshaltung, die durch direktes Anspielen seitens der Schauspieler zwar irritiert, aber zugleich auch bestärkt wird, den von Jelinek zu bohrenden Widerhaken gesampelten Versatzstücken der Sprache über Sex als Geschäft, über Menschen als Ware gegenüber. Mit dem Niedersetzen kehrt sich auch das Machtverhältnis zwischen Performern und Voyeuren/Zuschauern/Ausgesetzten um. Gaiggs Übersetzung des Textes lebt von dieser hautnah erlebbaren und doch nie ins plakativ Psychologische abrutschenden räumlichen Umsetzung von Macht.

Monika Meister hatte in ihrer vor der Wiener Premiere von „Über Tiere“ gehaltenen Lecture Jelineks Haltung den Regisseuren ihrer Texte gegenüber wiedergegeben: „Macht, was ihr wollt.“ Denn was sie sich zu ihren Texten gedacht habe, wisse sie ja schon. Interessant sei für sie, was ein anderer daraus machen würde. Sie bietet eine Partitur, an der andere weiterkomponieren können. Christine Gaigg hat diese Herausforderung angenommen und einen starken Text um eine bestechende neue Dimension erweitert.

(26.10.2007)