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Mind watching itself
Bonnie Bainbridge Cohen: Sensing, Feeling, and Action. The Experiential Anatomy of Body-Mind Centering,
Northampton/MA: Contact Editions 1994.
Von Andrea Bold
Wieder eines jener Bücher, das seit 15 Jahren in verschiedensten Wohnungen mit mir gelebt hat – und das ich nie wirklich gelesen habe. Vielleicht aus einer Weigerung heraus, dem am eigenen Leib Erfahrenen auf Papier nachzugehen und zu sehen, wie die Komplexität des Materials zwangsläufig an der Linearität der Sprache scheitern muss, vielleicht aus einem Zögern heraus, Information über Dinge zu erhalten, die ich noch nicht erfahren habe.
Dass ich das Buch trotzdem immer wieder zur Hand genommen habe, lag erst einmal an den Bildern. Da sind die Photos von verschiedensten Menschen und Landschaften, oft ganz banale, alltägliche Situationen, in denen sich eine Energie, ein Bewegungsmuster, ein emotionaler Zustand kristallisiert. Und auch ohne genau mit den BMC Systemen vertraut zu sein, ist der Genuss des Erkennens da und die Freude über die Wertschätzung scheinbar nebensächlicher Erscheinungen.
Und da ist schlicht und ergreifend Bonnies Gesicht, in dem sich ein Wissen und eine Wachheit spiegeln, die mich faszinieren.
Es jetzt tatsächlich zu lesen, hieß es zu erarbeiten; die Wechsel zwischen leichten Körperarbeitsallgemeinplätzen und heftigster Anatomie, Physiologie und wiederholten Ausflügen ins SelbstGefundene sind keine leichte Kost.
"What are all these blockages in the body? Where do they come from?" "It´s mind watching itself."
Denn sie sind viele
Einer der radikalen Aspekte von BMC liegt darin, Bewusstsein nicht als einen unveränderlichen Zustand anzusehen, sondern als ein flexibles Instrument, das sich je nach fokussiertem Körpersystem verändert. Dabei werden nicht nur die klassischen Systeme von Muskeln und Knochen verwendet, sondern auch Organe, Drüsen, Nerven und Flüssigkeiten.
When we are talking about blood or lymph or any physical substances, we are not only talking about substances but about states of consciousness and processes inherent within them.
Das fokussierte Körpersystem beeinflusst nicht nur die Qualität von Bewegung, sondern auch die Art der Berührung ebenso wie die Energie innerhalb einer Gruppe.
Our body moves as our mind moves.The qualities of any movement are a manifestation of how mind is expressing through the body at that moment. (...)
Each tissue of the client is explored from the corresponding tissue of the practitioner, i.e. bone from bone, organ from organ, fluid from fluid, etc. (...)
As we change from one body area to another, the mind of the room changes. All of a sudden you pick up a change in the quality in the room.
Patterns
Vielleicht ebenso einzigartig ist die Kristallisierung und Arbeit mit Bewegungsmustern, einmal denen, die jeder Mensch in seiner Entwicklung vom Embryo bis zum aufrecht gehenden Menschen durchläuft, dann aber auch jenen, die durch die Evolution erfolgt sind.Im Zusammenspiel von Initiierung/Sequenzierung, Wahrnehmung und Intention erhalten Bewegungen eine Sinnhaftigkeit, die sie im Tanzkontext selten bis nie finden können. Rollen, Kriechen, Krabbeln etc. werden neu erfahren; ausgelassene Entwicklungsstufen neu entdeckt und integriert.
Neuland
Einige Dinge, die von BMC postuliert werden, befinden sich weit jenseits der Grenze der Schulmedizin, ob es um eine Drüsenfunktion der Mammillary bodies im Gehirn geht oder um eine eigene Aktivität des Kreuzbeins im Craniosakral Rhythmus. Die Frech- und Freiheit, die eigene Erfahrung vor die Autorität des Anatomieatlas zu stellen, schmeckt gut, bedeutet aber auch immer den Preis des wackeligen subjektiven Bodens.
Jenseits der Fühlsauce
Überaus gesund kommt mir der Ansatz vor, Spüren nicht um des Spürens willen zu kultivieren, sondern immer die Verbindung zum Tun zu sehen und zu suchen. BMC unterscheidet zwischen der Notwendigkeit, die Vorgänge der eigenen Wahrnehmung zu untersuchen und mögliche Disbalancen auszugleichen, um sie dann aber wieder in ihren naturgemäßen Dienst zu stellen: als Grundlage des eigenen Tuns.
One of the things that I think is essential with sensing is that we reach a point where we become conscious and then we let it go, so that the sensing itself is not a motivation; that our motivation is action, based on perception.
Hands on
Die Arbeit mit Berührung, die einen wichtigen Teil von BMC ausmacht, muss in schriftlicher Form naturgemäß etwas kryptisch und märchenhaft daher kommen. Die Qualität von Berührung zu beschreiben ist ähnlich müßig wie den Geschmack einer Orange.Trotzdem interessant, wie heftig Intuition wieder agieren darf (auch wenn diese durch die Sensibilisierung für die verschiedensten Körpersysteme eine ganz andere Dimension erhalten hat als bei Otto Normalverbraucher).
I follow my hands wherever they go. (…) I´m feeling for where the block is and how to get through it so that it becomes integrated.
Und wunderbar, wie vollkommen selbstverständlich von der Möglichkeit des Wandels ausgegangen wird, wenn Hände Rumpelstilzchen spielen und sagen „Ich weiß".
The sensory input of remembering has ist own cycle and its own response. We don´t have to do anything with it.
Sie krochen rein und flogen raus …
Dass Bonnie Bainbridge Cohen nicht in der Reihe der Wunderheiler gelandet ist, dürfte wohl ihrem Wunsch zu verdanken sein, die Arbeit zu vermitteln und weiterzugeben; sie sieht sich als Lehrer, nicht als Heiler. Dass die Qualität ihrer Arbeit schon zu Anfang gegeben war, bedeutet aber – und das halte ich für einigermaßen außergewöhnlich –, dass die Fähigkeit schon vor dem Wissen existierte.
But then I couldn´t explain what I did. In some ways I´m not doing anything all that differently now from what I did twenty years ago. But now I am better able to describe the principles.
Jenseits von Krank und Gesund
Wie so oft bei den Pionieren der Körperarbeitstechniken wurde auch hier am Anfang eine persönliche Einschränkung zum Motor, in Bonnie´s Fall Probleme mit dem Sprechen und Hören. Die Erfahrung, selbst Veränderung herbeiführen zu können, erlaubt die Selbstverständlichkeit, Blockaden als Wandlungsmöglichkeit anzusehen.
I think the problem is that we see the imbalance as a weakness when actually it's a stength. What we are stong in we do all the time, so that we over-fatigue that system. (…) So it´s not that we are trying to change ourselves, basically. We just get more support to be what we already are.
Ambivalente Achterbahn
Die Direktheit, mit der z.B. Organe spezifischen Aktivitäten und Emotionen zugeordnet werden, löst bei mir ein ähnliches Unbehagen aus wie bei TCM oder Kinesiologie. Die Zuordnungen faszinieren in ihrer Klarheit; füttern meine Freude an Listen, geben das wunderbare Gefühl, das tatsächlich alles mit allem verbunden ist, nur trauen mag ich ihnen trotzdem nicht. Menschsein möchte ich mir komplexer und individueller erlauben.
Was zu dem Punkt führt, der für mich auch in der praktischen Arbeit immer wieder hochgeschwappt ist: wann wird Bonnie says oder We in the School of BMC say zur einzigen Richtschnur? Inwieweit sind die persönlichen Erfahrungen eines anderen Menschen tatsächlich eine Hilfe für die eigenen? Wann wird der Wunsch nach Regelwerk und verbindenden Mustern zur Manipulation der eigenen Wahrnehmung? Wann ist Glaube notwendig?
It does take a leap of faith. Enjoy yourself.
Und dennoch:
Ich habe BMC als eine der schönsten und tiefgehendsten Formen von Körperarbeit erleben dürfen, in der Spüren, Fühlen, Denken, Bewegen tatsächlich ihre Balance und Verbindung eingehen können. Und wenn in Sensing, Feeling, and Action Sätze fallen wie
Balance the inner/outer flow of the cellular fluid within the cells by supporting each body part with a restful non-directive and steady presence and touch.
dann ist das weder peinlich noch abgehoben, sondern schlicht – und da muss ich noch einmal Bonnies Photo anschauen – möglich.
no body is perfect
Johann S. Ach; Arnd Pollmann (Hg.): Baumaßnahmen am menschlichen Körper -
Bioethische und ästhetische Aufrisse, Bielefeld: transcript 2006
Von Doris Stelzer
Never lose sight of your dreams – no matter how unlikely they may seem!
schreibt Cindy Jackson auf ihrer Website neben ihrem Foto im Alter von 6 Jahren. Weiters findet sich dort:
My wish list from 1988 – I wanted: larger, less tired-looking eyes, a small feminine nose, high cheekbones, fuller, better-shaped lips, perfect white teeth, a smaller, more delicate jaw and chin, to have just the one chin, to eradicate premature facial wrinkles and acne scarring, a flawless, unlined complexion, a defined waistline and flat stomach, to lose my love handles, saddlebags and cellulite, thinner thighs and slimmer knees, to get rid of flab left over from being 50 lbs. overweight in the '70s, not to have to wear a lifetime of hardship etched on my face.
Cindy Jackson, auch genannt „The living doll“, hat ihren Körper mittels Schönheitsoperationen ihrem Wunschbild der Barbiepuppe angeglichen. [1]
Wenn es etwas gibt, für das es sich zu leben lohnt, dann ist es die Betrachtung des Schönen. (Plato)
Wer definiert Schönheit? Wie wird Schönheit in einer visuell schnellen Welt, in der perfekte Bilder vorherrschen, in denen Realitäten verschwinden und Wahrheiten verzerrt werden, definiert? Das Auge nimmt in Sekundenschnelle wahr, und der Geist bildet sich ein Urteil. Makellosigkeit, Perfektionismus und der Wunsch nach Übermenschlichkeit entstehen aus dem täglichen bewussten und unbewussten Vergleich mit den uns präsentierten Bildern, sei es auf Plakatwänden, im TV als Werbung und in Societymedien, im Kino – oder im Internet.
Schönheit, Jugendlichkeit, Sportlichkeit werden verknüpft mit Erfolg, ein gutem Auftreten, immerwährendem Funktionieren. Fitsein und Fitbleiben, im Körper sowie im Geist, ist Grundvoraussetzung für ein erfolgreiches Leben und führt zu beruflichem und privatem Glück? Im Gegensatz dazu werden Schwäche, Scheitern, Behinderungen und Krankheiten ausgeblendet oder in Mitleid kategorisiert und unser Gewissen durch karitative Zwecke beruhigt. Wir lassen uns ja so gerne betrügen …
Die Methoden und Möglichkeiten zur Körpermanipulation bedienen beide Aspekte: die Therapie eines kranken und die Verbesserung (Enhancement) eines gesunden Körpers.
Im Sinne des Heilauftrags ist die moralische Frage einfacher zu beantworten, da es um eine Korrekturmaßnahme eines Krankheitszustandes und einer Herstellung des „Normalzustandes“ geht. Damit lassen sich auch Forschungsziele heroisch definieren. Wo aber liegt die Grenze zur individuellen Serviceleistung, zum Tunen des eigenen Körpers nach unseren „eigenen“ Wunschvorstellungen? [2]
Das bringt uns zur Frage des freien Willens: Wie weit werden wir beeinflusst in der Art und Weise, wie wir leben? Wie wir uns kleiden, verhalten und wie wir uns gerne sehen wollen? Wie wir Wünsche formulieren und in welche Richtung wir sie umsetzen? Um beim Schönheitsbeispiel zu bleiben: Wie wir ein Schönheitsideal bestimmen und unseren Körper dahingehend umformulieren? Und wenn uns die geistig physische Konsequenz fehlt, wie wir uns die Schönheit, den vermeintlichen Erfolg erkaufen... und vor allem wofür bzw. wem zuliebe wie sie erkaufen? Immer unter dem Aspekt, einen Zustand des idealen Wohlgefühls, des Zufriedenseins erreichen zu wollen in dem Spagat der Unmöglichkeit in einer Welt, die davon lebt, Bedürfnisse täglich neu zu erfinden.
Das ist provokativ formuliert und das Feld ist weitaus komplexer und pendelt zwischen freiem Willen, Selbstbestimmtheit des einzelnen Individuums und dem Einfluss auf dessen Entscheidungsfähigkeit durch soziale und kulturell vermittelte ästhetischen Normen.
Das Beispiel Schönheitsoperationen als Wunscherfüllende Medizin mit dem Ziel psychischer Verbesserung durch physische Eingriffe zeigt auch den Spannungsbogen zwischen der Rolle der Chirurgen als seriöser Informationspool und deren Komplizenschaft zur Ökonomie. [3], [4], [5]
Das Buch „no body is perfect“ behandelt die Baustelle Körper auf verschiedenen Ebenen. Unter den Überkapiteln: Transhumane Expansion, Arbeit am eigenen Fremdkörper, Bin ich schön? - Über Körpertuning, Bin ich schlau? - Über Hirntuning und Der Schmerz der Zeit finden sich kritische Auseinandersetzungen pro und contra Enhancementmethoden, Überlegungen, die die vielschichtigen Problematiken in der Diskussion um Körpermanipulation aufzeigen. Es gibt keine einfache Antworten. Die Texte reissen die Komplexität des Themas an und verstehen sich als Beiträge zu einer notwendigen Diskussion.
Themenkatalog: Transhumanismus und Humanismus, Kriterien zur Genese des aktuellen Körperselbstbildes, die Komplexität in der Beurteilung von Krankheit und Gesundheit, Schlankheitsideal - das Essverhalten im Zusammenhang von Diät und Wahn, und Tätowierungen werden als Zeichen ohne Zeichenkraft entlarvt. Weiters: Pillenglück statt Psychoarbeit, Eingriffe in die Gedächtnis- und Identitätsebene, Körperinstrumentalisierung und das Recht des Schmerzes.
Meinem naturwissenschaftlichen Wunsch nach mehr Detailwissen technologischer Art wird nur teilweise entsprochen, dafür finden sich „interessante“ Antworten auf Fragen wie: a) Wann wurde die erste Schönheitsoperation dokumentiert? oder b) Wie hieß der Vorlaufer der Zeitschrift „Brigitte“? [6], [7]
Fußnoten:
[1] Cindy Jackson s.u. www.cindyjackson.com
[2] Beispiel: Das Kurzzeitgedächtnis unterstützende Medikamente auf Basis von Gehirnbotenstoffen für Alzheimer und Parkinsonpatienten und deren gleichzeitige Verwendung als Neuro-Enhancement: Tunen des eigenen Gedächtnis zur Leistungssteigerung. Wie weit wird dadurch die Identität einer Person beeinflusst? Siehe die Kapitel Gedächtnispillen. Mögliche Auswirkungen auf das Selbstverständnis von Personen von Katja Crone und Dem Gehirn auf die Sprünge helfen. Eine ethische Betrachtung zur Steigerung kognitiver und emotionaler Fähigkeiten durch Neuro-Enhancement von Davinia Talbot und Julia Wolf.
[3] Anmerkung: Statistiken über Schönheitsoperationen sind kaum vorhanden, es gibt nur Einschätzungen. Siehe: Komplizen der Schönheit? Anmerkungen zur Debatte über die ästhetische Chirurgie von Johann S. Ach.
[4] Zitat aus Johann S. Ach: Komplizen der Schönheit?, Fußnote 23, S. 195: „Das hindert so manchen Schönheitschirurgen freilich nicht daran, seinerseits Spekulationen darüber anzustellen, warum bzw. mit welchem Ziel Frauen sich entsprechenden Eingriffen unterziehen. Ein besonders schönes Beispiel findet man in der Zeitschrift beauty news - Ästhetische Chirurgie, Wellness und Gesundheit vom August 2004. Dort kann man nachlesen: ,Die Emanzipation der Frau, ein verändertes Freizeitverhalten, vermehrte sportliche Aktivitäten, eine liberalere Einstellung zum Körper, und nicht zuletzt freizügigere Kleidung haben in vielen Frauen den Wunsch nach einer wohlgeformten und vollen Brust aktueller denn je gemacht.‘ (S. 56)“
[5] Anmerkung: Wunschvorstellungen müssen aber nicht nur Schönheitskriterien folgen, die können auch „praxisorientiert“ sein. Beispiel: Eine Bogenschützin, die sich die Brüste entfernen möchte, um sportlich bessere Leistung erbringen zu können. Vgl.: Freiwillige Verstümmelung. Warum eigentlich nicht? von Thomas Schramme, S. 163f.
[6] Siehe: Davinia Talbot, Julia Wolf: Dem Gehirn auf die Sprünge helfen. Eine ethische Betrachtung zur Steigerung kognitiver und emotionaler Fähigkeiten durch Neuro-Enhancement, S. 253.
[7] Auflösung: Zu a) 11. Mai 1898 von Jacques Joseph (1865-1934), die Nasenoperation als medizinischer Meilenstein. Siehe: Es ist ziemlich teuer authentisch zu sein von Kurt Bayertz, Kurt W. Schmidt, S. 51. Zu b) Ullsteins Blatt der Hausfrau. Siehe das Kapitel Schöner Hungern von Alexandra Deak.
LITERATUR
Becker, Barbara; Schneider, Irmela (Hg.): Was vom Körper übrigbleibt, Frankfurt / New York: Campus 2000.
Birringer, J.; Fenger, J.: Tanz im Kopf, GTF-Jahrbuch, Münster / Hamburg / London: Lit Verlag 2006.
Butler, Judith: Körper von Gewicht. Gender-Studies, Frankf./M: Suhrkamp 1997.
Nancy, Jean-Luc: corpus, Zürich / Berlin: diaphanes 2003.
Nancy, Jean-Luc: Die Haut der Bilder, Zürich / Berlin: diaphanes 2006.
(11.11.2007)
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