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EIN REMAKE VON YOSI WANUNU, MIKI MALÖR, OLEG SOULIMENKO UND CEZARY TOMASZEWSKI IM WIENER KOSMOSTHEATER
Von Helmut Ploebst
Der erste Godzilla-Film kam 1954 in die japanischen Kinos, im Nachhall der Bomben von Hiroshima und Nagasaki. Es ist bekannt, daß die shintoistische Projektion des Schreckens zahlreiche weiblich identifizierte Monstren hervorbrachte. 1958 drehte Nathan Juran in den USA das B-Movie „The Attack of the 50 Foot Woman“ mit Allison Hayes und William Hudson in den Hauptrollen. 1993 gab es ein Remake mit Daryll Hannah in der Rolle der Riesin, 1995 eine Parodie, und auch Terry Pratchett nahm das Motiv in einem seiner Disc-World-Romane auf.
Wenn nun der in Wien lebende Regisseur Yosi Wanunu ein Bühnen-Remake von „The Attack of the 50 Foot Woman“ unternimmt, dann baut er auf den gesamten Popkulturkontext des Monsters, das in urbane Gefilde eindringt, um das zivilisatorische Schnurren darin zu irritieren, und darin auf dessen Gendergehalt. Nancy, die auf 15einviertel Meter expandierte Titelfigur, sprengt in dem Film ihr trautes Heim und bricht auf, ihren verräterischen Herrn Gemahl zu suchen.
Inszenatorisches Schachspiel
Die Wiener Performerin Miki Malör ist Wanunus Nancy. Sie betritt zu Beginn des Stücks zusammen mit ihren Co-Akteuren Oleg Soulimenko und Cezary Tomaszewski ein weißes Bühnenpodest. Die drei setzen sich auf drei bereitstehende Stühle. Was von da an passiert, ist doch etwas mehr als ein „Remake“. Während der Originalfilm im Rücken des Publikums abläuft, beginnen die drei ein inszenatorisches Schachspiel zwischen Original und Remake, Film und Performance, den 50er Jahren und der Gegenwart, männlichen und weiblichen Zuschreibungen, Bild- und Tonspuren, Dialogen und Dubbings, Schnitttechnik und Entfaltungsarbeit.
Das Podest enthält ein ganzes Arsenal an Props (Requisiten), vom Automotor bis zum Aschenbecher, dem Haus des Ehepaars Nancy und Harry Archer bis hin zu einem Stadtteil - von K arl Fehringer und Judith Leikauf mit unglaublicher Raffinesse als Baukasten konstruiert. Wenig verwunderlich, daß die beiden Männer es sind, die diesen Baukasten bedienen. Als ob es mit den bisherigen komplexen Bedingungen noch nicht genug wäre, fließen noch zwei weitere Matches ein: die Auseinandersetzung zwischen Minimalismus und Explizitheit auf der Bühne, und, sozusagen, als Bonus, ein Exkurs über Illusion und Des-Illusion in der Performance. Zweimal unterbrechen die drei den Ablauf der Entfaltung ihrer Reflexion über die Sujets und Strukturen des Films und diskutieren über ihre verschiedenen Kunstauffassungen.
Choreografie der Aufmerksamkeit
Malör erklärt, daß sie lieber etwas Sinnliches präsentieren würde, zum Beispiel eine große Vagina, während Soulimenko den minimalistischen Ansatz verteidigt und so weiter. Spätestens in der ersten dieser Unterbrechungen wird klar, daß es sich hier nicht um eine Arbeit handelt, in der eine(r) Regie geführt hat und drei interpretieren. Vielmehr ist das Stück von vier künstlerischen Strategien geprägt, die sich in dessen Konstruktion miteinander verknüpfen.
Der Ansatz, daß sich vier sehr eigenständige Autoren an einem Projekt reiben, geht in „The Attack of the 50 Foot Woman“ so gut auf, daß diese Arbeit auch als Manifest für die Potentiale kollaborativer Produktion gelesen werden kann - in einem transdisziplinären Dispositiv von Performance, Choreografie, Theater und Installation.
Das Publikum registiert erst nach einiger Zeit, daß es sich umdrehen und den Film auf einem kleinen Monitor sehen kann. So wird die Aufmerksamkeit irritiert, re-choreografiert, mithin der Zuschauer aus seinem bequemen Fokus gelenkt und dazu geführt, die Verschiebungen von Bild- und Tonstrecken zu beobachten. Zuweilen läuft der Film im Fast-Forward-Modus, verläßt der Ton sein Medium und verbindet sich mit dem Bühnengeschehen, das seinerseits Bewegungszitate und Echos von Handlungen vorführt.
Operatives Monster
All das lenkt zu den Faltenwürfen des zentralen Genderdiskurses hin. Miki Malör gibt ein operatives Monster, das die Dämonisierung des Weiblichen von damals in einen Entwurf der Gegenwart überführt, in der Dualismen bloß noch Hilfskonstruktionen darstellen. Bereits 1953 war Howard Hawks' Film „Gentlemen Prefer Blondes“ herausgekommen, in dem Marily Monroe den berühmten Song „Diamonds Are a Girl's Best Friends“ zum Besten gibt. Nathan Juran ironisiert dieses Motiv fünf Jahre später, indem er einen Alien einführt, dessen Fortbewegungsmittel nur mit Diamanten wiederaufgeladen werden kann. Nancy ist im Besitz eines beachtlichen Exemplars, und dieses verhilft ihr mittelbar zu ihrer Größe.
In dem Stück blitzt der Diamant während einer kurzen Szene auf, wird aus einer männlichen Hosentasche gezaubert. Doch der wirkliche Edelstein ist das Podest, das von Malör-Nancys Dienstleistern entpackt wird. Während die Protagonistin im Film als Riesin ihren Mann aus einem Gebäude fischt wie eine Stoffpuppe, holt Malör ein Miniaturmodell der Anfangssituation aus dem Gebäude: das Podest mit den drei Stühlen. Die Grundfigur der aktuellen Mitteilung also ist „the girl's best friend“, oder, wenn hier so interpretiert werden darf, der Wert der Diskurse, die einmal „Aliens“ waren und heute als Antrieb des in Neudefinition begriffenen Geschlechterverhältnisses gelten können.
Überraschend, daß diese großartige Arbeit bei aller Aufgeladenheit und Liebe zum Detail so leicht und unterhaltsam daherkommt - as an audience's best friend.
(12.9.2007)
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