Ric Allsopp
Choreographie ist eine
Neigung gegenüber einzelnen oder mehreren sich bewegenden Körpern, bei welchen
eine Reihe von Spannungen festgemacht wird. Sie ist eine Zusammenstellung
sichtbarer kinetischer Erinnerungen und Strategien, welche die Fähigkeit eines
Körpers verstärken, mit anderen Körpern zu kommunizieren und sich zu integrieren.
Die Bedingungen und die Reichweite der Choreographie können die Komposition
purer körperlicher Bewegung sowohl einschließen als auch übersteigen. Die
Choreographie benützt Formen und Vektoren der Bewegung, die eine sichtbare,
aber nicht dauerhafte Spur hinterlassen. Sie legt eine kontinuierliche Folge
von Fragen (im Gegensatz zu Lösungen) vor, die versuchen, Körper durch
eingeschriebene und andere Prozesse in Bewegung zu halten. Wie andere
Modalitäten des Schreibens kann auch die Choreographie jede lesbare Art von
Bewegung sein. Sie muss nicht bereits choreographiert sein. Sie ist ein
physischer und konzeptueller Katalysator, der bei der Produktion von Raum und
der Erforschung körperlicher Beziehungen zwischen Risiko und Kontrolle
vermittelt. Als interne oder externe Erinnerung wiederholbar, ist die
Choreographie eine Kraft der Möglichkeit: dessen, was wir nicht über uns selbst
wissen, und dessen, was wir in uns und anderen fürchten und begehren. Gleich anderen
Praktiken erzeugt sie Bedeutungen, die zwischen den Formen, Abhängigkeiten und
Flussrichtungen zeitgenössischer Kultur und ihrer Darstellungen oszillieren.
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Franz Anton Cramer
Ist es Organisation
von Bewegung? Ist es Produktion von Bedeutung? Kreist es das Tanzen ein
oder
den Tanz? Ist es der Kreis der Bewegung, der Radius der Bedeutung, die
auktoriale Instanz? Wenn Rudolf von Laban begann, die „Welt des
Tänzers“ zu
beschreiben, um dann ein Werk über „Choreographie“ vorzulegen, und aus
beiden
hervorgeht, daß jeder Mensch ein Tänzer ist (aber nicht jeder ein
Choreograph) - dann ist das Gefälle angelegt, auf dem der Überblick in
den Einblick
hinabsickert. Trotzdem soll Choreographie auch Handwerk sein („Mach
doch mal
'ne Diagonale!“). Aber wohl nur soweit, als auch Schreiben eine
Fertigkeit
voraussetzt: kinetischer Alphabetismus; bewegtes Schreiben; bewegendes
Schreiben; Aufschreibesysteme. Bis zur Überdeterminierung: Tanzen
unnötig, die
Choreographie hat ja schon alles gerichtet. Wie im Werbeprospekt der
Compagnie
Deborah Colker: „Brasiliens schicke, knallige, sexy, meisterhafte und
hinreißende Companhia de Dança wird Sie an den Karneval in Rio denken
lassen,
selbst wenn Sie ihn noch nie gesehen haben.“
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Peter Stamer
Was ist Choreografie? Die
Organisation von Räumen, die sich zwischen bewegten wie auch zwischen bewegten
und unbewegten Objekten aufziehen. Diese Verräumlichung entsteht sowohl durch
produktions- als auch rezeptionsästhetische Verfahren, entweder also durch spatiale
Formgebung (z.B. Schritt- und Bewegungschoreografie von Körpern) als auch
mittels ästhetischer Wahrnehmung (z.B. Körper- oder Objektverhältnisse, die in
den Blick genommen werden). Innerhalb dieser Organisation setzt Choreografie
einen anderen, relationalen Raum in den bereits bestehenden, gegebenen cartesianischen; er ist dahin gehend relational, als dieser immer in Bezug
steht zu eben dem vorgängigen Raum (Körper zu Raum), zwischen den Körpern
(Körper zu Körper) oder zu virtuellen Konzepten. Die letzteren, unsichtbaren
Raumsetzungen können emotional besetzt sein wie etwa das Verhältnis von Körper
zu expressiver (eigener) oder repräsentierender (codifizierter) Emotion, oder
abstrakt modelliert, wie z.B. ein gedachtes Raumvolumen (Forsythe: Kubus, Laban:
Ikosaeder), das der Körper mit seinen eigenen, ausgestreckten Gliedmaßen
beschreibt und sich auf dessen Bezugsspunkte, -linien und flächen bezieht
(Kinesphäre).
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Jennifer Lacey
choreography [kawr-ee-og-ruh-fee, kohr-] Pronunciation Key – Show IPA Pronunciation – noun
- die
Kunst, Ballette und andere Tänze zu komponieren und die Bewegungen, Schritte
und Bewegungsabläufe von Tänzern zu arrangieren.
- die
Technik der Repräsentation der verschiedenen Bewegungen im Tanz durch ein Notationssystem.
- die
Anordnung oder Manipulation von Handlungen, die zu einem Ereignis führen: die
Choreographie einer Geburtstags-Überraschungsparty.
Lieber corpus
wie üblich bevorzuge
ich die dritte Bedeutung
love jennifer
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Patricia Portela
Choreographie dreht
sich um Bewegung.
Und Bewegung dreht
sich um Transformation,
um den Wechsel.
Winzig und riesig
Sichtbar und
unsichtbar
Äußerlich und
innerlich.
Choreographie begann
als Plattform für die sichtbare Bewegung,
für den sichtbaren
Wechsel.
Aber Choreographie
begleitete die Erforschung des Körpers, die Entdeckungen des Körpers.
Äußerliche und
innerliche Entdeckungen
auf der Makro- und der
Mikroebene.
Ein Körper bewegt
sich, wenn er atmet.
Ein Körper bewegt
sich, wenn er liest.
Ein Körper bewegt
sich, wenn er denkt, wenn er entscheidet, wenn er wächst, wenn er schläft.
Ein Körper hat andere
Körper, die sich in ihm bewegen: Neuronen, Zellen, Partikel.
Aber wenn
Choreographie das Studium der Bewegung ist, kann sie sich nicht nur um den
menschlichen Körper drehen.
Choreographie dreht
sich auch um die Bewegung, die uns umgibt,
die Planeten, die
Sterne, die Städte, die Felsen, die Winde
organisch, anorganisch
natürlich,
synthetisch,
lebendig oder tot
alles bewegt sich,
und Choreographie
dreht sich um Bewegung.
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Scott deLahunta
Die Definition, die
ich euch gerne schicken würde, ist ein *rekursiver Definitions-Algorithmus*,
der sich in den ersten Tagen des MODE 05 Meetings über Tanzausbildung
herauskristallisierte. An diesem Meeting (als offenes, selbstorganisierendes
Format angelegt), das von 13.-19. März 2005 in der Fabrik Potsdam stattfand,
waren etwa 25 Personen aus der zeitgenössischen europäischen Tanzszene
beteiligt.
Mit dem Thema der
Tanzausbildung befasst, entwickelten sich schnell mehrere Diskussionsstränge.
Einer davon drehte sich eine Zeit lang um die Notwendigkeit einer Definition
der Choregraphie, und aus diesem Moment sowie mit der Hilfe anderer
formulierten Bojana Cvejic und ich folgendes:
„Eine offene,
kontingente und prozedurale Definition der Choreographie: Sie ist etwas, das
sich die Aufgabe stellt, im Gebiet der Choreographie etwas zu bedeuten. Der
Prozess ist dieser Definition inhärent. Wir akzeptieren, dass ein Gebiet der
Choreographie als Dialog mit bestehenden (historischen) Tanztechniken, Körpern,
Texten und Bildern existiert. Und den Residuen sich bewegender Körper und
Zustände (vergangener, gegenwärtiger und zukünftiger).“
Im Lauf des
MODE 05 Meetings bildeten sich kleinere Gruppen um gemeinsame Ideologien
und Ansätze. Bojana und ich trennten uns und beteiligten uns an verschiedenen
Diskussionen. In der Folge wurde die obige Definition von jener Gruppe
aufgegriffen, die sich "white valley grey plain" (WVGP) nennt. Sie
erscheint nun im Druck in der Folgepublikation namens *Reverse Engineering
Education* (http://www.mode05.org/) in einem kurzen Essay, der im Namen der
WVGP-Gruppe eingereicht wurde (verfasst von Bojana Cvejic und Mårten
Spångberg).
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Jonathan Burrows
Bei Choreographie geht
es darum, eine Wahl zu treffen, inklusive der Wahl, keine Wahl zu treffen.
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