Krõõt Juurak
Warum finde ich diese
Frage überhaupt nicht interessant?
Ich betrachte
Choreographie hauptsächlich als einen Schatten. Der Schatten wird dem folgen,
was bereits geschehen ist. Choreographie ist das, was die Zusammenfassung oder
eine Verallgemeinerung dessen sein wird, was jetzt ist.
Wir können nur unsere
Vergangenheit einfangen: So werden gewisse Dinge als Choreographie angesprochen
werden, über alles wird es Übereinkünfte geben.
Aber Choreographie
existiert nicht in dem Moment, in dem wir etwas sehen. Alles, was jetzt geschieht,
ist etwas Namenloses und sollte es auch sein. Und die Namenlosigkeit ist
faszinierend, weil sie uns eine Chance zum Denken lässt - über mehr als
Choreographie.
Die Fragen bezüglich
Medien, Disziplin, Kategorisierung scheinen keine Macht über die Zukunft zu
haben, sie sind nur Schatten in der Vergangenheit, die allzu häufig in die
Zukunft projiziert werden. Die Antwort auf die Frage „was ist Choreographie“
wird uns sicher nicht sagen, wo wir sind. Was wird uns dann sagen, wo wir sind?
Die Choreographie hinter uns zu lassen, mag zumindest die Zukunft von der
Choreographie, wie wir sie uns vorstellen, reinigen.
Deshalb weiß ich
nicht, was Choreographie ist, und nehme Abstand von jeglicher Anstrengung, es
herauszufinden.
Krõõt Juurak
(Choreographin)
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Wim Vandekeybus
„,Eine
Rückkehr zu etwas Wirklichem in der Bewegung, das andere später Tanz nannten,‘
ist Wim Vandekeybus' knappe und etwas provokative Definition seines eigenen
Grundprinzips. Provokativ, weil er das offensichtlichste Wort, um seine Arbeit
zu beschreiben, von sich weist. Mehr als einmal hinterfragt er in Interviews
Konzepte wie ,Tanz‘ oder ,Choreographie‘ und zieht es vor, Worte zu benutzen,
die sich auf das Theater beziehen: Er nennt sich selbst einen ,Regisseur‘ und
spricht über seine Performances als ,Stücke‘. In Bezug auf 7 for a Secret never
to be told (1997) bemerkte er in einem Interview mit einer deutschen
Zeitschrift ‚… dass ich am reinen Tanz nicht so sehr interessiert bin. Mich
interessiert die Aussage im Tanz.‘ (…) Der Körper ist eine Plattform für
Spannung, Bedrohung, Zufall, Impulsivität, Geschmeidigkeit und Berechnung,
alles zugleich. ‚Wir spielen keine Tragödie, sondern reine Bewegung‘, sagt
Vandekeybus.“ [Erwin Jans: Wim
Vandekeybus. Kritisch Theater Lexicon, Flemish Theatre Institute, 1997, pp.10
& 16] „,Ich glaube, Tanz sollte immer eine theatralischen Ausgangspunkt
haben, um existieren zu können.‘“ [Wim Vandekeybus über die Beziehung zwischen
Tanz und Theater in Inasmuch as Life is borrowed…, zitiert in Tijd Cultuur,
26/04/00)
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Xavier Le Roy
Choreographie ist künstlich inszenierte Handlung(en) und / oder
Situation(en).
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Irmela Kästner
Choreografie ist die
erzeugte Spannung in der Öffnung des Raumes zwischen einem Schritt und dem
nächsten, zwischen einer Geste und der nächsten, zwischen einem Blick und dem
nächsten. Je alltäglicher die Bewegung, desto deutlicher baut eine festgelegte
Abfolge auf die Bewusstheit des Performers, auf dessen Gespür für den Moment.
Und auf die Wahrnehmung des Zuschauers. Choreografie oder choreografische
Gestaltung ist heute mehr denn je ein Prozess der Kommunikation zwischen
Choreograf, Performer und Zuschauer, nach wiederholbarem Muster. Und könnte in
diesem Sinne als Einschreibung von
Bewegung in einen Zeitraum verstanden
werden.
Und während ich diese
Zeilen schreibe, muss ich an meine Katze denken. Wie sie tagtäglich die
gleichen Wege abgeht. Vom Sessel steigt, sich streckt, in die Küche trabt zum
Fressnapf, langsam wieder durch den Flur zurück ins Zimmer schleicht, aufs Fenstersims
springt. Die Türen stehen immer offen, so dass ich ihre wiederholten Schleifen
durchgehend fasziniert beobachten kann und mich manchmal dabei ertappe, wie ich
ohne Absicht die gleichen Wege nachzeichne.
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Gerald Siegmund
Choreographie ist eine
Struktur, die nicht nur aus der Organisation von Bewegungen in Zeit und Raum
hervorgeht. Vielmehr besteht Choreographie aus der Organisation von heterogenen
Materialien, aus Bewegung, Körpern, Sprache, Texten, Bildern, Licht, Raum und
Objekten. Damit ist Choreographie ein Allgemeines, das den tanzenden Körper
aufnimmt. Körper fügen sich in die allgemeine, überindividuelle Struktur ein
und werden dadurch zu signifikanten Körpern, mithin zu Subjekten. Choreographie
unterwirft. Man muss ihren Regeln folgen und seinen individuellen Ansprüchen
abschwören. Choreographie bringt aber gleichzeitig hervor, macht sichtbar,
sagbar und erfahrbar. Choreographie produziert. Subjekte werden nicht freier,
wenn es keine Choreographie mehr gibt. Es gibt immer (eine) Choreographie,
solange es Regeln für die Improvisation oder, allgemeiner, die
Bewegungsgestaltung gibt. Geben wir die Idee der Choreographie auf, geben wir
die Gesellschaft auf. Choreographie ist der Ort der Subjektivation, der
symbolischen Kastration und damit der Eingliederung des Einzelnen in die
Gesellschaft, die im Theatersaal durch die Anwesenheit des Publikums
repräsentiert und ge/teilt produziert wird. Sie ist der Ort, an dem das
Individuum mit seinen Wünschen durchgestrichen wird und zugleich der Ort, an
dem das Subjekt ein Begehren erhält. Gleichsam ein Trostpflaster, damit wir mit
ihm im ge/teilten Theaterraum kommunizieren können. Damit es sich tanzen und
sagen kann – als ein fundamental vom Anderen und seiner Antwort abhängiges
Subjekt.
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Jan Lauwers
Es war John Cage, der gesagt hat, dass man für gutes Theater 5
verschiedene Energiequellen gleichzeitig benötigt.
In meiner Arbeit versuche ich die Vorstellung des konventionellen
Theaters vom Zentrum zu zerstören. Meine Bühnenarbeit setzt immer mehrere „off-centres“ zur gleichen Zeit ein.
Kunst ist Energie. Theater ist synergetisch. Meine Arbeit wird oft als
Tanz angesehen, ist es aber nicht. Ich bin kein Choreograph. Ich bin kein
Repertoire-Regisseur. Aber ich bin ein Künstler, der mit mehreren Medien
zugleich arbeitet. Tanz ist also eine energetische Form der Kommunikation, und
er ist eines (oder mehrere) der „off-centres“, aber zur gleichen Zeit hält es
die individuellen „off-centres“ zusammen. Daher ist die Choreographie in meiner
Arbeit (das Haus des Tanzes) auch in dramaturgischer Hinsicht sehr wichtig, da
sie großen Einfluss auf die Psychologie des Geschichtenerzählens hat. Und das
bin ich: ein Geschichtenerzähler.
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Alain Platel
„Choreographie“ ist ein hässliches Wort.
Manche Worte sind einfach hässlich,
wie „Choreographie“.
Aber… es kommt von „chorea“,
und das ist der Name einer Krankheit,
die das Nervensystem angreift.
Die Symptome sind:
plötzliche, schnelle,
unkontrollierte, hysterische
Bewegungen des Körpers.
Seltsam zu bemerken,
dass ich in meiner Arbeit
das Herz und den tiefen Sinn
dieses Wortes mehr und mehr
zu berühren scheine.
Also doch:
Ich glaube,
es ist ein sehr schönes Wort.
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