A±C: Verschwinden des Raums in der Zeit

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WOLFGANG MEISENHEIMER: "CHOREOGRAFIE DES ARCHITEKTONISCHEN RAUMES"

Von Elke Krasny


Wolfgang Meisenheimers Buch „Choreografie des architektonischen Raumes“ ist eine Sammlung von Sequenzen. In diesen Sequenzen, die sich zum Buch als Daumenkino mit Innehalte-Stationen verdichten, entfalten sich Räume und Bewegungen. Das über vierhundert Seiten starke Kompendium sammelt eine Fülle von Bewegungsvorstellungen in der Architektur, die allein durch die starke Kraft des Assoziativen zusammengehalten werden. Viel mehr als eine streng wissenschaftliche, systematisierende, immer strikt den trennenden Überblick bewahrende Einteilung von Verhältnissen zwischen Raum und Bewegung, handelt es sich um eine reiche assoziative Entfaltung möglicher Bezüge. „Methode ist Umweg“, hieß es bei Walter Benjamin. Dieser Umwegigkeit verschreibt sich Meisenheimers dichte phänomenologische Annäherung an die „Bühnen der Architektur“, die die Entfaltung von „Lebensmöglichkeiten“, wie er es formuliert, andeuten. Meisenheimer begreift Architekturen als szenische Orte, als Orte, die eine Szene überhaupt erst entstehen lassen. Handelt es sich, folgt man dieser Logik, um Orte, die die Szene nicht präjudizieren, nicht diktieren, sondern entstehen lassen, die die Szene nicht programmatisch vorwegnehmen, sondern im langen Atem der Architektur vielszenig immer wieder anders werden lassen, so ist dies eine Definition, in der sich das Alltägliche mit dem Ästhetischen durchaus treffen kann, ohne ideologisch vorvereinnahmt worden zu sein.

Figur des Elementaren

Die phänomenologische Betrachtungsweise trifft sich bei Meisenheimers Annäherung an das Thema mit einer kulturanthropologischen, die sich durch essentialistische Lektüren eines großen visuellen Fundus der Beziehungen zwischen gebauten Gesten und menschlichen Gesten auszeichnet. Die Faszination, die viele Architekten und Architektinnen des 20. Jahrhunderts für die andere Moderne hatten, spürt man auch in Meisenheimers gesammelter visueller Bewegungsleidenschaft. Stellvertretend für viele andere seien Bernard Rudofsky und sein 1989 auf Deutsch erschienens Buch „Architektur ohne Architekten“ genannt und Lina Bo Bardis „anthropological quest“, der sie in den Nordosten von Brasilien zur Erforschung der dortigen vernakulären Architektur und der Hausindustrie führte. Das Andere, der Gegenpol zum Stand des technologisch Erreichten, kann in Europa auf eine lange Faszinationsgeschichte zurückblicken. Das Vernakuläre aus industriell weniger entwickelten Regionen Europas, das, um einen Begriff von Alois Riegl aus dem Jahr 1894 zu verwenden, „Hausindustrie“ genannt wurde, traf sich mit der Begeisterung für das sogenannte Primitve des Exotischen. Dieser lange mentalitätsgeschichtliche Faszinationshaushalt scheint sich in der Figur des Elementaren, wie es als roter Faden Meisenheimers „Choreografie des architektonischen Raumes durchzieht“, wiederzufinden. Menschliches, Natürliches, anonym Gebautes, architektonisch Ikonisches wird miteinander verbunden.

So wie sich in Meisenheimers visueller Sammlung von räumlichen Bewegungsmomenten ein Nachhall des anderen Gesichts der Moderne konstatieren lässt, taucht in seiner Vorgangsweise ein Verfahren auf, das als Instrument der Selbstbildung wie der Architekturausbildung immer eine große Rolle gespielt hat: die Architekturreise. Die Reise ersetzt die Bildlichkeit in der Architektur, sie befreit den Raum aus den Fesseln der Abbildung und versetzt die Betrachter und die Architektur in ein direktes räumliches Erfahrungsmiteinander. Dies ist die Basis aller Architekturkritik. Der direkt erlebte, physische Raum gilt als das Um und Auf jeder Beschreibung von Architektur. Man muss es gesehen haben, um darüber sprechen zu können. Doch es ist mehr als das Sehen, es geht um die Bewegung durch das Gebaute, um die Vermessung des Raums mit dem Körper, um die Bezüge, die der Raum in seiner Verwendung aktualisiert. Dieses Potenzial des Raums ist in der Flachheit der Fotografie immer verschwunden. Wiewohl die Fotografie den Raum um das Zufällige bereinigen kann, was als Architekturstörung nicht ins Bild treten soll, kann der Raum die Bewegung entfalten, die das Bild verloren hat. Die Reise als Exkursion in Sachen Architektur- und Raumerfahrung ist eine paradigmatische Bildungsstrategie von Architektinnen und Architekten. Diese Bildungsstrategie sucht Meisenheimer in seine Bildstrategie zu übersetzen. Er bricht zu einer Reise auf, gegliedert in elementare Szenen, die ihn letztlich zur Anarchitektur führen wird.

Raum der Handlungen

Der erste Akt umfasst primäre Gesten. Man sieht zwei steinerne Füße. Sie verankern sich im Hier und Jetzt. Schon seit langem. Sie gehören zum Wagenlenker in Delphi. Man sieht ein Schattentheater, eine Hand, die auf eine andere zeigt. Hier! Man sieht eine Hand, die mit ausgestrecktem Feigezinger nach rechts zeigt. Dorthin! Man sieht Architekturen, autochthone, ohne Architektennamen, wie Feldzeichen oder den Garten Daitoku-ju bei Kyoto. Man sieht Szenen aus deutschen Wohnzimmern. Die Methode ist die der Assoziation. Den Assoziationen des Autors, ihrer Bewegung durch die Kenntnis eines Materials, das Architektur heißt, können wir als LeserInnen folgen. Ähnlich archaisch-elementar wie die Auswahl der Bilder anmutet, auch wenn es sich um eine Reise durch Jahrhunderte der Raumwahrnehmung handelt, sind die Titel, die Meisenheimers Kommentar darstellen. Auf das Hier! und das Dorthin! folgen Orte der Verkündigung: ein Ortefestlegen, ein Steineerrichten. Im Lapidaren entfaltet sich diese Methode der assoziativen Beschreibung. Sie öffnet den Betrachtungsraum für die schauenden LeserInnen, die ihr Schauen als Bewegung durch den Rhythmus des Buchs entfalten.

Der gebaute Raum erscheint als Raum der Handlungen. Die Handlungen orientieren sich am Maß des menschlichen Körpers. Die anthropologische Konstante durchzieht als Maßeinheit die Vorstellungen der choreografischen Raumhandlung. „Bei der Architektur sollte man von den Bewegungen des menschlichen Körpers ausgehen. Daher kommen die elementare Aufforderung und der elementare Ausdruck“, so Meisenheimer. Im Elementaren ist das Überzeitliche eingeschlossen. Die zeitliche Dimension des Hier und Jetzt in der handlungssetzenden Bewegung, die den Raum als Szene erzeugt, verbindet sich in der Wahl der Beispiele und der Setzung der Abbildungen mit dem Anspruch des Überzeitlichen und Weltkulturellen. Auf diesen Seiten schlägt nicht der Motor der Differenz, der das Kulturelle immer als Unterschied markiert, sondern die assoziative Verbindbarkeit von allem mit allem. So gelesen, wird aus der Welt wieder ein großer Ort mit vielen unterschiedlichen Bewegungsmöglichkeiten jenseits von Globalisierung und Postkolonialismus, diesseits von turboähnlichem Spätkapitalismus und rasanter Star-Architektur. So befremdlich das auf den ersten Blick anmutet, so sympathisch ist es auf den zweiten, dass fernab von der Beeinflussung durch zeitgenössische Theorieproduktion und ohne jegliche Zugeständnisse an die aktuelle Reflexion von architektonischer Wissensproduktion jemand den Versuch unternommen hat, sich ganz auf seine eigene Choreografie der Annäherung zu verlassen.

Unverzichtbare Katastrophe

Meisenheimer hat so ein Buch entstehen lassen, das weder den Spielregeln des klassischen Architekturbuchs mit seinen internationalisierten Spielregeln perfektionierter Abbildbarkeit von Architektur (nicht von Raum wohlgemerkt) und ihren fotogenen Material- und Schaudetails folgt noch den Spielregeln der kulturanthropologischen Feldforschung, die auf reflexive Systematisierung setzt. Meisenheimer setzt und behauptet, er stellt auf und zeigt. Alles bewegt sich im Bereich der Behauptungen und Vermutungen als elementare Setzung. Es ist eine Poesis der Raumbewegungen, eine verknappt literarische Sprache, die sich der Kritik durch Poesie zu entziehen sucht.

Auf „Die Gesten der Orte“, folgen „Die Gesten der Wege“, auf diese „Stille Szenen. Ruheräume“ und zuletzt „Erregte Szenen. Unruheräume“. Letztlich landet Meisenheimer nach geraden Wegen und Kurven, nach Knickungen und Kippungen im Raum der Katastrophen, in dem er eine theoretische Positionierung versucht. Katastrophen vollziehen sich. Sie brechen ein in das, was kontinuierlich da ist. Als Moment der Inspiration ist die Katastrophe für Meisenheimer unverzichtbar. „Die Arbeit am Neuen braucht Katastrophenmomente.“ Im Chaos, eingesetzt als Entwurfsmethode, sieht er durch die Darstellung des Chaos ein zu entdeckbares Prinzip. Das Neue nährt sich in der katastrophischen Überholung des Alten, eine archaisch-elementare Geschichtsvorstellung mythischer Wiederkehr des gereinigten Auftauchens aus katastrophalen Zyklen schimmert durch die letzten Sätze des Buchs.

„Von außen nach innen, von ihnen nach außen - immer führt dieser Weg, der bedeutendste, den die Architektur formulieren kann, über eine Schwelle“, schreibt Wolfgang Meisenheimer, dem es gelingt, die LeserIn immer auf dieser Schwelle zu situieren. Es ist ein Buch, das einen nicht zum verharrenden Lesen bringt, sondern zum raschen Blättern. In der Bewegung des Blätterns wiederholt sich das Motiv der Reise, das die Szenen erstehen lässt, die einmal den Raum gequert und gestreift haben. „Architektur ist Hintergrund“, schrieb Hermann Czech 1971 in „Kein Grund zur Panik“. Das Hintergründige der Architektur ist dort, wo die Bewegung im Raum dem Bild entgangen ist, da die Choreografie des architektonischen Raums keine starre Bewegungsnotation ist, sondern eine fluide Bedeutungsproduktion, die die Spuren eines Hier und Jetzt in jedem Vollzug enthält.


Wolfgang Meisenheimer: Choreografie des architektonischen Raumes. Das Verschwinden des Raumes in der Zeit. 2. Rev. Aufl. Paju-Book-City 2007. (Erstauflage 1999) Text in deutscher, englischer & koreanischer Sprache.


(15.3.2009)