TSCHERNOBYL, FUKUSHIMA – UND ALS NÄCHSTES?
Heute, am 15. März 2011, 12.34 MEZ, ereignete sich 30 km südlich des slowenischen Atomkraftwerks Krško ein Erdbeben der Stärke 1,8 auf der Richter-Skala in einer Tiefe von 5 km unter der Erdoberfläche – 2 Minuten nach einen Vorgängerbeben der Stufe 1,4 nahe Ljubljana, 50 km von Krško entfernt. Die aktuelle Bebenkarte auf der Website der österreichischen Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) [1] bietet also höchst interessante Lektüre.
Das Erdbeben vor der Ostküste Japans vom 11. März hatte die Stärke 9. Das sich gerade selbst zerstörende Atomkraftwerk Fukushima war – angeblich – auf eine Magnitude von 8,2 nach Richter ausgelegt. Nötig gewesen wäre, gerade in Japan, eine Ausrichtung nach der Höchststufe 10+. Wie stark muss ein Beben bei Krško sein, um den dortigen Meiler zu beschädigen? Erst am 4. Juni 2008 gab es dort einen „Zwischenfall“, der europaweiten Alarm auslöste.
Österreich, das selbst kein Kernkraftwerk betreibt – der bereits fertig gebaute Meiler Zwentendorf wurde nach einer ablehnenden Volksabstimmung 1978 eingemottet – ist von Atomkraftwerken der umliegenden Staaten förmlich umzingelt. Nach dem Unfall im amerikanischen AKW Three Mile Island bei Harrisburg (1979, teilweise Kernschmelze), nach der Katastrophe von Tschernobyl (1986, Reaktorexplosion) und nach Fukushima heute mit zu erwartenden multiplen Kernschmelzen ist die lächerliche Behauptung, die „friedliche“ Nutzung von Kernkraft sei sicher, Unfälle wären nur rechnerische Größen und so weiter, restlos und zweifelsfrei desavouiert.
Tepco: Störfälle, Vertuschung, Betrug
Vor diesem Hintergrund wirkt der Beschluss in Deutschland, nur sieben seiner Meiler „vorübergehend“ vom Netz zu nehmen und vier davon endgültig, schlicht lächerlich. Die nun angekündigten „Stresstests“ für die europäischen Kernkraftwerke könnten sich als zusätzliche Gefährdung herausstellen, denn gerade Tschernobyl ist ja als Folge eines haarsträubend leichtsinningen „Tests“ explodiert. In dieser Situation muss Europa jetzt die einzig mögliche Konsequenz ziehen: alle seine Atomkraftwerke sofort herunterfahren und umgehend mit ihrer Demontage beginnen. Denn nach einem dreifachen Beweis dafür, wie vernichtend sich nukleare Unfälle auf Menschen und Umwelt auswirken, ist jeglicher Weiterbetrieb solcher Anlagen nicht mehr nur noch als fahrlässige, sondern als beabsichtigte Gefährdung der Bevölkerungen der Länder zu werten.
Sowohl Regierungen, die von jetzt an wider besseres Wissen eine nachgewiesen nicht beherrschbare, zerstörerische Technologie weiter affirmieren, als auch die Betreiber dieser unberechenbaren Zeitbomben würden ihren Bevölkerungen durch dieses Handeln buchstäblich den Krieg erklären. Hätten die japanischen Administrationen die Warnsignale von Tschernobyl ernst genommen und wären sofort auf Gezeitenkraftwerke, Solar- und Windenergie umgestiegen, dann wäre es zu dem sich nun ablaufenden Super-GAU nicht gekommen. Der dafür verantwortliche Konzern Tokyo Electric Power Company (Tepco) ist berüchtigt. Die Süddeutsche Zeitung schreibt (15.3.2011): „Immer wieder geriet der Konzern wegen atomarer Störfälle, Vertuschungsversuche und Betrügereien in die Schlagzeilen. Behörden wurden systematisch getäuscht oder gar bestochen, um gefährliche Zwischenfälle in einigen der 17 Reaktoren des Konzerns zu vertuschen. Die Regierung in Tokio ließ deshalb 2002 alle Anlagen des Konzerns vorübergehend stilllegen und überprüfen. Als diese gut ein Jahr später wieder in Betrieb gingen, gab es heftige Proteste der Bevölkerung.“ [2]
Bereits 2007 hatte es in einem Tepco-Reaktor nach einem Erdbeben einen Störfall gegeben, bei dem Radioaktivität freigesetzt wurde. Die Proteste der Bevölkerung wurden nicht ernst genommen, so wie die Demonstrationen in Europa immer wieder als lästige Hysterie abgetan wurde und auch gerade jetzt noch wird: eine Mischung aus Zynismus und Verachtung. Was aber werden die europäischen Bevölkerungen tun, wenn sie erkennen müssen, dass ihnen ihre Administrationen und Unternehmen den Krieg erklären? Werden sie wie die Japaner warten, bis es zu spät ist? Werden auch sie sich weiterhin betrügen und verspotten lassen?
Hiroshima, Nagasaki, Fukushima – und bald Krško?
Nach Hiroshima und Nagasaki vor 66 Jahren leiden die Japaner nun unter den Folgen neuer A-Bomben – diesmal nicht unter von einer fremden Militärmacht aus der Luft abgeworfenen, sondern unter detonierenden Zeitbomben, die von ihren eigenen Industrieeliten gelegt wurden. Überall in Europa (und weltweit) befinden sich ebenfalls solche Zeitbomben, und es ist eben nur eine Frage der Zeit, bis die nächste hochgeht. In Slowenien hätte es, wären die beiden Beben von heute nur um vier, fünf Stufen stärker gewesen, heute, am 15. März 2011, bereits soweit sein können. Zum Kraftwerk Krško ein Bericht von AAI (Anti Atom International):
„Das Gebiet um Krško gehört zu den seismisch ungünstigsten Standorten, die es für ein AKW in Slowenien gibt. Im Kreuzungsbereich mehrerer tektonischer Platten gelegen, werden in einem Zeitraum von 1000 Jahren Beben mit einer Maximalintensität von MSK = 9 erwartet. Dies kann zu Bodenbeschleunigungen von bis zu 0,4 g führen. Laut einem Forschungsprogramm der UNESCO können in einem Zeitraum von 200 Jahren in Krško Beben mit einer Beschleunigung von 0,31 g auftreten. Das ist der höchste Wert für ganz Slowenien. Das Atomkraftwerk ist offiziell für eine sichere Notabschaltung nur bis 0,3 g ausgelegt. Der ,Sicherheits‘-Bericht, der diese und andere Auslegungsmerkmale festlegte, ignorierte das stärkste historische Beben in der Region. Bei der Planung des AKWs Krško wurde die Magnitude 5,8 als höchstmögliche Erdbebenstärke angesehen. Mehrere unabhängige Studien kommen aber zu dem Ergebnis, daß auch Erdbebenstärken von mehr als 6 möglich sind. Nach US-Richtlinien darf es rund um ein AKW in einem Radius von fünf Meilen keine aktiven Störungen geben. Um dieser Vorschrift zu entsprechen, wurden absichtlich aktive Störungen aus den Landkarten des Sicherheitsberichtes eliminiert.“ [3]
Und die Wiener Umweltanwaltschaft (WUA) bestätigt: „Die Anlage befindet sich in einem durch Erdbeben gefährdeten Gebiet. In der näheren Umgebung der Anlage verlaufen geologische Bruchlinien. Diesbezügliche Untersuchungen wurden vom Department für Zivilingenieurwesen, speziell dem Institut für Struktur- und Erdbebentechnik der Universität Ljubljana, koordiniert. Manche Expert/innen – etwa vom Wiener Institut für Risikoforschung – gehen davon aus, dass auch nach der erfolgten Nachrüstung in den 1990er Jahren die Erdbebensicherheit der Anlage weiterhin untersucht werden sollte, da diese nicht abschließend geklärt ist. In einem Beitrag des slowenischen Fernsehens berichtete ein Seismologe, dass Erdbebenlinien auf den Karten der Einreichpläne zum Bau des KKW Krško bewusst entfernt wurden.“ [4]
Auch Krško muss – anstatt, wie geplant, ausgebaut – sofort stillgelegt werden, ebenso Temelín, Dukovany, Mochovce (in dessen Nähe gab es erst Ende Jänner 2011 ein Erdbeben), Bohunice, Paks sowie die deutschen, französischen, schweizerischen, englischen Meiler. Alle. Ohne weitere „Sicherheitsüberprüfungen“, deren zu erwartenden Unbedenklichkeits-Versicherungen ohnehin niemand mehr Glauben schenken wird – wie auch jenen Regierungen, die sich noch länger schützend vor die Energiekonzerne stellen, zu deren Gunsten sie dann wohl ihre Bevölkerungen zu opfern bereit sind. (arc)
Fußnoten: [1] http://www.zamg.ac.at/bebenkarte [2] http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/japan-kraftwerksbetreiber-tepco-lug-und-trug-1.1072486 [3] http://www.unet.univie.ac.at/~a9406114/aai/akws/krsko/ksicherheit.html [4] http://wua-wien.at/home/atomschutz/akw-in-europa/kkw-krsko-5
(15.3.2011)
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