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aus dem III. weltkrieg

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DAS WIENER THEATERCOMBINAT STELLT DIE FRAGE: “DOMINANT POWERS, WAS ALSO TUN?”

von talea szenwyler




in der wiener pfeiffergasse 3 steht kein theater, sondern ein toter bürobau. dort gehe ich die stiegen hinauf in den 2. teil der politischen hybride der gruppe theatercombinat. er heisst dominant powers, was also tun? eine schwarz gekleidete junge frau führt mich und die anderen mit einem monolog – der die hand ist, die sie uns hinstreckt – auf deutsch mit französischem akzent in einen raum, dessen boden von fotokopien übersät ist. sie spricht von revolution, und ich weiss, dass es fortan um nichts anderes gehen wird, was mich beglückt, denn ich wünsche mir schon seit langem einen umsturz. ich habe schon teil 1 mit dem titel vampires of the 21st century oder was tun? gesehen, bin also sicher, das wird keine arbeit, in der ich mich in ironie werde flüchten können, denn damit geht das theatercombinat sparsam um. die monologsprechende ist eine deklamierende, sie sieht und spricht uns an, sie spricht laut und scheint sich dabei nicht anstrengen zu müssen, sie hat viel text, weg und gesten, und kann damit auch umgehen. der text spielt sie, der text ist pathetisch. ich weiss, das theatercombinat schreckt vor pathos nicht zurück, und mit dieser unerschrockenheit riskiert dieses theatercombinat auch einen konservativen duktus in der performance ihrer figuren, die sich zu der performance ihrer strukturen manchmal geradezu gegensätzlich verhält. das trifft mich hart. ich misstraue auf ihren redeflüssen daherschwimmenden körpern schon immer, den pfarrern, den politikern, den lehrern, den schauspielern, auch wenn ich die ohrwaschungen der sprache geniessen kann, sogar dann, wenn sie appellierend wäscht, die sprache, wenn sie sich in dieser aktivität scharf macht, und ihr strahl das organ hinter meinen trommelfellen schmerzt. ganz besonders misstraue ich dem chor, der aus mehreren stimmen immer eine macht, und so ist der chor ein politikum. claudia bosse zerrt es aber immer wieder an den haaren in die theatercombinatorischen räume, weil es in bestimmten historischen momenten notwendig wird, dass eine multitude mit einer stimme zu sprechen fähig ist. dominant powers, was also tun? ist eine akkumulative theaterperformance, in der das publikum von haupt- zu nebenschauplätzen und wieder zurück eher gelockt als dirigiert wird. im verlauf dieser akkumulation von texten – die nicht nur aus den mündern der spielerInnen, sondern auch aus lautsprechern und telefonen dringen oder an die wände geschrieben sind –, szenen, bildern und klängen/sounds/musik überlege ich, ob draußen der aufstand schon begonnen hat, occupy, occupy, und weiss mich doch in einer stadt, in der es dauert, bis es kracht. aber der kommende aufstand sollte ja gewaltlos sein. ich sehe ein video mit footage vom tyrannenmord an gaddafi, diesem elenden, kleptokratischen diktator, und das grasen der medien auf der blutwiese, und ich erinnere mich, dass ich, als ich diese szenen frisch im fernsehen sah, „jiha!“ rief, aber zugleich das gefühl hatte, dass dieser ruf doch einigermaßen inkorrekt war. ja, und auch das theatercombinat klebt an diesem blut, das ein „untouchable“ verkleckert hat, als er in einen zur schau gestellten kadaver umformuliert wurde, und ja, ein prozess wäre besser gewesen, denn das ausgepatzte blut ist ansteckend, es zeugt von rache, verfolgung, folter und zeugt die fortsetzung des schreckens. ich höre erzählungen vom tahrirplatz in kairo, und gedanken zur demokratie aus ägypten. ich höre passagen aus dem ödipus. ich höre auch texte, deren provenienz ich erst einmal nicht eruieren kann. ich höre das durcheinanderrufen von diskursen. ich sehe, wie in tomatensauce getauchte hände körper hinter sich herschleifen und kann mir nicht helfen: da muss ich lachen. wie befreit, als ob das theatercombinat zu einem witz gefunden hätte. weil es ja wissen muss, dass blut nicht aufführbar ist, sondern vielleicht beschreibbar oder abbildbar, aber gerade dieses aufgeführte unaufführbare führt mich wieder aus meinem gelächter ins stück, diese pizza der wirklichkeit, wie sie mir serviert wird auf dem teller der kunst. ich wende mich wieder meiner arbeit mit dem referenzbesteck zu, bin wieder dort, wo ich mich früher wohl gefühlt habe, im theaternebel und europa, dem schauplatz eines wirtschaftskriegs, und ich denke, so lange vom dritten weltkrieg phantasiert, und jetzt findet er statt. es bedarf dabei gar keiner lenk- und anderer waffen, die werden in der „dritten“ welt abgeladen und unter realbedingungen getestet, lagerabverkauf, da werden diese margen geschnitten, nein, die „erste“ welt bekriegt sich mit spekulationsautomaten und ratingagenturen. so haben uns den großen krieg nicht vorgestellt. das theatercombinat deklamiert wider den kapitalismus und möglicherweise – vielleicht habe ich das ja überhört – auch gegen den kannibalismus, der bewirkt, dass dieser kapitalismus sich nun selbst frisst. damit er wieder platz hat, räumt er sich selbst auf. das spektakel kann das, denn es ist die metamaschine, das aus allem profit schlägt. und da spielt guy debord, dessen deklamatorischer textgebrauch legendär ist, ins theatercombinat hinein. der französische akzent des eingangsmonologs stößt mich, und vielleicht ist das wenigstens eine kleine ironie, auf debord, und ich überlege, ob der krieg die avantgarde zurückbringen wird, diesen schwarzen block im demonstrationszug der kunstdiskurse, die sich gefällig ausgebreitet und gelüftet haben im verlesen der postmoderne mit dem ziel, die utopie in ein desavantgardisiertes feld umzusetzen. auf einem solchen pflanzt das theatercombinat seine setzungen, seine setzlinge nicht. auf dem boden des ersten raums, den wir betreten haben, sind fotokopien gelegen, auf denen penibel methoden, taktiken und strategeme des realen aufstands in ägypten gelistet sind: „how to revolt smart“, steht darüber zu lesen. wir gehen – und jetzt spricht aus mir wieder die, die sich schon seit langem einen umsturz wünscht – auf einen aufstand zu, wie er sich gerade selbst programmiert. ich sehe die jüngste der spielerinnen im stück, sie ist vielleicht 16 jahre alt, und ich höre ihr herz schlagen, wenn sie laut einatmet vor jedem satz, den sie mit dem chor spricht, im takt des wortsinns. wäre sie meine schwester oder tochter, ich wäre stolz auf sie, darauf, dass sie mit fragt: „was also tun?“ ich sehe die ältere frau, sie könnte meine mutter sein, in einem hochzeitsschleier, und sie fragt ebenso deutlich. ich sehe claudia bosse in ihrem stück umherwandern und frage mich, wie sie es fertigbringt, eine so komplexe arbeit so virtuos zu strukturieren. sie versetzt „den zuschauer als hörenden körper“ in eine akustische choreografie. „räume aus körpern und stimmen, aus sprache und medien“, schreibt sie mit hinweis auf unser „phonetisches denken“, auf die erfahrung von sprechenden im raum: „wie genau ist die choreografie des denkens, des sprechens und hörens in einem satz aufgebaut?“ ob „sprechen lügen“ und „die sprache eine lüge“ sei, fragt die sprache vermittels günther auer, eines der mitwirkendenden. und nun setzt die sprache mich hin und zwingt mich zu antworten. das theater imitiert die sprache als teil des kommunikationssystems, dem wahrheit und lüge gleich sind. das theater als modell der sprachkommunikation ist wie die sprache selbst immer wahr, weil sie sich ereignet. das theatercombinat baut mit der sprache, den bildern, den gesten, den repräsentationen und aktionen – nebenbei: alle aktionen sind, so leid es mir tut, prozessuale repräsentationen – ein gebirge der verantwortung auf. denn das stück ist eine aufführung ethischer fragestellungen, in der „responsibilität“ die antwort auf das entweder-oder von lüge-wahrheit ist. und jede revolte wird eine der verantwortlichkeit sein oder sie wird nur ein weiterer sinnleerer gewaltakt werden. bachmann: wüstenbuch; deleuze & guattari: anti-ödipus; gramsci: gefängnishefte; kipling: the song of the white men; müller: ödipuskommentar; marx: der achtzehnte brumaire des louis bonaparte; montaigne: of a monstrous child; plath: lady lazarus; rancière: ist kunst widerständig? + der hass der demokratie; seneca: oedipus; wagner: die revolution 1848; zizek: die blutige robe des tyrannen; bosse: gaddafi now + wenn wir was tun wollen. daraus und aus weiteren materialien ist das gebirge aufgefaltet. das modell sprache aus formuliertem hergestellt. dieses modell ist kein bild und keine architektur, sondern ein ereignis. die überträgerinnen der sprache sind puppenspielerInnen der worte und zugleich marionetten der sprache – so stellen sich die verhältnisse in dominant powers, was also tun? dar. wenn die puppenspielerInnen die verantwortung an sich reißen, befördern sie sich in jene areale der kommunikation, in die ethik eingeschrieben ist. dann haben sie viel geschafft. so. da stehen wir, sage ich zu mir. ich bin claudia bosse, nele jahnke, nora steinig, catherine travelletti, günther auer, peter-christian dworzak, jessyca r. hauser, bozena kunstek, réka kutas, sandra pascal, susanna peterka, stella reinhold, eva maria schmid, thomas schweitzer, konstantin sieghart, ilse urbanek, eva-maria wall, lisa weber, jana westermann, dana worfolomeeva, daniela zeilnger, marco tölzer, anna feldbein, ana mirkovic chork, luzie stransky, nicole delle karth, chris standfest, serena laker, alexander könig und anne lange. wir alle und die besucherInnen steigen aus diesem erlebnis nicht ohne jenen gewinn, der sich aus der arbeit an der verantwortung schlagen und sprengen lässt. der reduktion steht die akkumulation gegenüber. innerhalb einer akkumulation ereignet sich die reduktion über die wahrnehmung, die selektion und einprägungsmuster. in dominant powers, was also tun? ist der umgang damit die arbeit der besucherInnen. mit dem widerwärtigen, reaktionären und passivistischen begriff „geschmack“ ist da kein auskommen. im „gefallen“ geschieht nur der fall der verantwortung ins bodenlose. auch dagegen steht dieses stück.


(25.11.2011)