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DAS STORYTELLING DER ESTNISCH-ÖSTERREICHISCHEN CHOREOGRAFIN KRÕÕT JUURAK: "ONCE UPON"
Von Helmut Ploebst
Geschichtenerzählen
beginnt immer mit der magischen Formel „Es war einmal..." - auch, wenn
diese Formel nicht mehr sehr oft ausgesprochen wird, weil sie gar zu
utopisch klingt. Die aus Estland stammende Wahlwienerin Krõõt Juurak
spricht das Zauberwort nicht aus, aber sie setzt es verkürzt als Titel
über ihr jüngstes Stück: „Once upon", das nach seiner Uraufführung in
Tallinn nun auch bei dietheater Künstlerhaus Premiere hatte.
Das Publikum ergänzt selbst, was im Titel fehlt: „a time" - weil die Soloperformerin Juurak Zeit lebendig macht und ihren Zuschauern weitergibt. Sie betritt die Bühne, stellt sich in deren Mitte auf und blickt zur Tribüne. Solches Einfachdastehen ist ein in die Gegenwartschoreografie absolut integriertes Motiv. Es beruhigt und fokussiert die Blicke der Betrachter oder aber kommentiert dieses Schauen offensiv. Es kann jedoch auch - wie etwa bei Jérôme Bel - einfach die Gestalt in ihrer Eigenschaft als Zeichenträgerin präsentieren.
Bei Juurak repräsentiert dieses Einfachdastehen eine Ouvertüre. Es ist die Eröffnung eines Darstellerkörpers, der sich ein besonders feines Performanceparfum angelegt hat, dessen Hauptbestandteil ganz im Sinn von Terry Pratchett eine ordentliche Gabe „Narrativium" darstellt. Das Einfachdastehen bietet ein Vorher der Erzählung an, den Duft des „Once Upon", der bereits wahrnehmbar ist, bevor sich noch die Erzählung in Geste oder Wort andient. Das Auge weitet seine Nasenflügel, wenn dieses Davor dasteht, ein wenig geblendet von den Scheinwerfern, wenn die Tänzerin minutenlang an der Schwelle zwischen Auftritt und Handlung innehält, bevor sie sich mit der Bemerkung „But I still know more than that", einem Haufen von Krimskrams zuwendet, der bis dahin kaum beachtet sein proszenisches Stilleben gefristet hat.
In einem utopischen Land
Das Stillhalten der Figur und das Stilleben des Krimskrams bilden Subjekt und Objekt eines Versprechens, das im Anhalten an der Schwelle zu seiner Einlösung eigentlich schon gehalten ist und sich im Aufbruch der Figur langsam und spielerisch entfaltet. Juurak setzt sich hinter den Haufen und beginnt, eine kleine Stadtlandschaft zu bauen, aus Klebebandrollen, Bürsten, Tabletts, Bechern, Dosen, Schachteln, Salz, Tee, Glitter, Gläsern, Steinen, Münzen, einer Silberperlenkette, bedrucktem Papier, einer Heftklammermaschine und einem Sack aus grünem Plastik.
Es war also einmal in einem utopischen Bühnenland ein angedeutetes Städtchen, das geradewegs aus dem Chaos zusammengefügt wurde. An diesem Ort lebten drei kleine Plastiksaurier, zwei grüne und ein rosaroter. Über sie wachte die Städtchenbauerin, die, jetzt als Puppenspielerin, ihre drei Saurier an drei Fäden wie Marionetten zum Leben erweckte. Zwei der Saurier blieben in der Stadt, einer aber brach, angelockt durch einen ausgeworfenen Erdnußköder, auf in die Ebene der Bühne und legte dort einen weiten Weg zurück. Einen sehr weiten Spagat muß auch die Puppenspielerin, Städtchenbauerin und Tänzerin machen, denn sie führt das kleine Reptil bis dorthin, wo er stehenbleiben muß und von der Erzählerin mit ernsthafter Skepsis ungefähr so angesprochen wird: Mein Herr, bei allem Respekt, Sie haben große Macht, Sie können sich in einen Löwen und ähnliche große Tiere verwandeln, aber: „They say folks who can manage big things never can manage little ones."
Sätze als Marionetten
Es wird finster. Das Puppenspiel verwandelt sich in ein Hörspiel, in dem sich drei Figuren miteinander unterhalten, eine Katze miaut, ein Hund bellt und ein Vogel piept. An den Bändern ihrer Stimme führt die Spielerin ihre drei Charaktere durch eine angeregte Unterhaltung in der Sprache der Tiere. Am Ende mischt sich auch noch ein Pferd ein, das schon zu Beginn des Hörspiels herbeigetrabt war. Die eigentliche Geschichte beginnt mit dem dritten Teil des Stücks, einem Videofilm, in dem es um eine Prinzessin und deren mögliche Errettung geht.
Dieses mit gesprochenen und geschriebenen Worten erzählte Märchen ist vor allem Träger einer Erzählung, die vom Erzählen selbst handelt. Die Sätze des Märchens werden, auf kleinen Papierstreifen, selbst zu Darstellern, zu Marionetten, die durch Schlitze in weißen Kartonbögen oder Bildern mit Hilfe von Stöckchen oder Fingern geschickt animiert werden. Wieder spielen drei Figuren die Hauptrollen. Sie haben sich von Sauriern in Hund, Katze, Vogel und schließlich in Märchencharaktere verwandelt.
Sowohl in Struktur als auch in der Qualität der Darstellung gelingt „Once Upon" zu einem Meisterwerk der kleinen Form, das die großen Theatermaschinerien mit anarchistischer Akribie subvertiert. In seiner legeren Verbindung aus Choreografie, Puppenspiel, Live-Hörspiel und Videoanimation auf der Basis eines „armen Theaters" tritt das 40-minütige Werk als ironische Opposition zu den pathetischen Materialschlachten und Strahlgewittern der etablierten Mono- oder Multimediabühnen auf.
Narration is certain
Bereits das Duett „Camouflage", mit dem sich Juurak gemeinsam mit Merle Saarva 2002 auch bei ImPulsTanz in Wien vorgestellt hat, war eine - wenn auch unbeabsichtigte - dadaistische Erosion des Konzeptualismus à la „The Last Performance" von Jérôme Bel. Noch einmal greift Juurak, nun mit „Once Upon", die semiotische Striktheit des großen französischen Choreografen an, diesmal auf der Ebene von dessen Erstlingswerk „Nom donné par l'auteur". Und dieses Angreifen ist sorgfältig geplant, leicht angesetzt und sicher in seiner Durchführung, wie das Echo der Dekonstruktionsmaschine, die Derrida in Gang gesetzt hat.
Im Übrigen verzichtet Juurak (gemeinsam mit ihrem Dramaturgen Berno Odo Polzer) auf die Lautstärke von postkonzeptualistischen Arbeiten wie Emil Hrvatins und Erna Ómarsdóttirs „We are all Marlene Dietrich FOR". Und anders als etwa die Dänin Mette Ingvartsen bei ihren jüngeren Arbeiten wie „to come" bleibt die estnische Künstlerin bisher vom Druck verschont, eine Nachläuferin der verwehenden 1990er Jahre sein zu sollen. Auch von jeglicher eitlen Frivolität wie jener des vifen Popkonzept-Camoufleurs Mårten Spångberg.
Krõõt Juurak hat eine poetische Ader wie Vera Mantero und analysiert das Medium, das sie nutzt, wie eine konzeptuelle Choreografin. Außerdem entwickelt sie jenes hochspezielle choreografische Storytelling weiter, das die Kanadierin Sarah Chase seit etwa zehn Jahren etabliert. Und all das mit einer bestechenden Verspieltheit, wie sie vielleicht auch noch bei Eva Meyer-Kellers großartiger Kirschenkiller-Choreografie „Death is certain" zu finden ist.
(7.12.2006)
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