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JUNGE CHOREOGRAFIE BEI DEM KLEINEN FESTIVAL "HOCH HINAUS" IM WIENER ODEON THEATER
Von Bettina Hagen
Die Erforschung des Wechselspiels zwischen zeitgenössischem Tanz, Gestik und Narration im Rahmen des von Rose Breuss kuratierten Hoch Hinaus-Festivals, das vom 29. Jänner bis zum 6. Februar 2010 im Wiener Odeon Theater stattfand, war an dem für diesen Text beobachteten Abend des 4. Februar gut vorangeschritten.
Dieser Abend stand auch jungen ChoreografInnen und TänzerInnen des von Breuss geleiteten Institute for Dance Arts (IDA) der Linzer Anton Bruckner Privatuniversität offen. Also waren neben Stücken der reiferen Semester Bernd Bienert und Johannes Randolf auch eine Arbeit von Juan Dante Murillo Bobadilla und Arnulfo Pardo Ravagli als getanzte Hommage an zwei früh vollendete Sprach- bzw. Musikgenies zu sehen sowie der Versuch von Lina Maria Venegas, aus der sehr konkreten Fremdheit von Flüchtlingen ein Mannschaftsspiel nach unsentimentalen Regeln zu gestalten.
Bienert stellte unter dem Titel „SCHRIFTzeichnen#4 ,Signings‘“ Tanz und Gebärdensprache als gleichberechtigte visuelle Kommunikationstechniken wortwörtlich nebeneinander. Sieben Tänzer teilen ihr Innenleben mit. Überdeutlich werden dabei die Gebärden übersetzt: das ist lehrreich, aber auch nicht viel mehr. Trotzdem ist es bei Harmen Tromp sehr schön anzusehen, und dass es bei seinem jüngeren Kollegen Karl Alfred Schreiner in einem extremen Verknoten seines Körpers endet, erweist sich als origineller Endpunkt.
In seinen „6 Degrees of Separation“ ließ Randolf sechs junge Tänzer des IDA ein soziologisches Phänomen, wonach jeder Mensch auf der Welt über gar nicht so viele Ecken mit jedem anderen irgendwie verbunden ist, darstellen: getanzt werden diese Verknüpfungen in lockeren und dichteren Netzen und unterschiedlichen Konstellationen.
Drei junge KolumbianerInnen
Juan Dante Murillo Bobadilla und Arnulfo Pardo Ravagli, in Kolumbien geborene Tänzer/Choreografen, die zur Zeit noch an der Bruckner-Universität studieren, nähern sich mit ihrer Performance „Hate“ ihrem Landsmann, dem Dichter Andres Caicedo, und dem Sänger und Texter der britischen Band Joy Division, Ian Curtis, an. Beide waren übersensible, höchst begabte Schreiber, die ihr junges Leben durch eigene Hand beendeten. Die Zerrissenheit des Charakters von Curtis hat Anton Corbijn 2007 in seinem Film „Control“ gezeigt. In einer Szene lässt er den noch unbekannten Sänger als herzensguten Arbeitslosenberater auf seinem Weg ins Büro eine Jacke mit der Aufschrift „Hate“ tragen.
Die beiden Tänzer wollen und können den Sprachgenies nicht mit neuen Worten begegnen. Sie arbeiten mit einer Soundcollage, zeigen ihre Sprachlosigkeit am Mikrophonständer und ahmen an dieser Stelle auch Curtis' eingeschränktes Bewegungsspektrum beim Singen nach. Ihren eigenen tänzerischen Bewegungen lassen sie in einer abwechselnd rockigen und dann wieder sehr gefühlvollen, bodennahen Choreografie freien Lauf, die mit Bühnennebel, Gegenlicht und Gitarrenriffs dramatisch aufgeheizt wird und trotzdem ein versöhnliches Ende findet.
Wie flüchtig ein Stück wie Lina Maria Venegas' „Auswärtsspiel“ ist, macht der Umstand deutlich, dass jene Jungs, die auf dem zugehörigen Flyer - die Arbeit war im Vorjahr bereits bei dem Festival Österreich tanzt zu sehen - abgebildet sind, bereits nicht mehr zum Team gehören. Handelt es sich bei den Mitwirkenden in diesem „Spiel“ doch um unbegleitet nach Österreich und hier in die „Bundesbetreuungsstelle für Asylweber“ im niederösterreichischen Traiskirchen gekommene minderjährige Flüchtlinge, die jederzeit ab- oder weitergeschoben werden können. Ort der Handlung ist ein fußballplatzähnliches Spielfeld, in dem die Begrenzungslinien die Grenzen zwischen Herkunft, Lebensentwürfen, persönlicher Freiheit und Möglichkeiten markieren.
Venegas, die ebenfalls aus Kolumbien stammt, ist die Spielleiterin, und wer möchte, kann sich von den Publikumsrängen aufs Spielfeld begeben, wo er oder sie immer im sicheren Bereich stehen. Die, die draußen sind, das sind die anderen, die im Laufe von zwanzig Minuten als heterogene Gruppe erscheinen, geeint in dem Wunsch, sehr menschliche Grundbedürfnisse fern ihrer Heimat verwirklichen zu können. Zwar werden Felder gewechselt, Individualitäten angedeutet, spielerische und tänzerische Bewegungen eingebaut, doch der Eindruck bleibt, dass für diese Gruppe ein Schritt voraus schon den Schritt zurück in sich birgt.
(10.2.2010)
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