Über das Wohnen und Überleben der Ratten
Residenz<lat.-mlat.> Wohnsitz eines Staatsoberhauptes, eines
Fürsten, eines hohen Geistlichen; Hauptstadt. residieren <lat.>
seinen Wohnsitz haben (in Bezug auf regierende Fürsten) residence
<Wohnen; Ortsansässigkeit; (herrschaftliches) Wohnhaus> resident
<wohnhaft, ortsansässig, im Dienstgebäude wohnend (Lehrer etc.)
Bilder an die Wände ja oder nein und wenn ja, welche? Baumhaus, Hütte oder doch ein Haus ohne Wände, ganz aus Luft gebaut. Schatzkiste. Preisgabe der Geheimnisse? Kellerloch statt Luftschloss. Freundschaftlich vereint mit den Ratten, die mich überleben werden. Und kannst du jetzt bitte endlich erklären was du hier tust und vorhast, außer residieren und sich nicht entscheiden können, wenn da so ein Luftzug kommt und das Wasser in die Tiefe zieht und die Öffentlichkeit mein Gesicht sehen will und ich mich schäme, weil ich immer noch nicht weiß in was für einem Haus ich wohnen will, geschweige denn wie ich´s mir einrichten soll, weil am liebsten hätte ich einen kleinen Teppich zum zusammenrollen, ausbreiten und davonfliegen und ich war dem Zentrum des Schreibens und Schweigens nahe, und die Liebe ging ein und aus und ohnegleichen schreibt Friederike und Fritz bekommt eine Gänsehaut, aber dann kam dieser Anfruf und hat alles ins Rollen gebracht.
Mein funktionstüchtiges Funktionieren. Appelliert an mein Verantwortungsgefühl, opfert sich freudig und opfert diesen schönen tag, wo ich als kind im dunkelsteinerwald blumen streuen durfte und jetzt ist nur mehr die erinnerung und das blau des himmels das alles ruft mich doch die pflicht ermahnt mich weiter hier zu sitzen ohne essen und ohne vergnügen, denn manchmal reicht auch ganz wenig luft nachtluft und nur ja keine wohnung schon gar kein haus in dem ein fremder herrscher befiehlt und ich als untergebene nichts tun als gehorchen auf das was noch nie gehört wurde und ungehörig ist dass es zum himmel schreit der mich ruft und nicht hört noch nie gehört hat nicht auf mich hört und wem gehört dass was sich gehört fragt er ganz leise und ich schäme mich, weil ich ihn nicht verstehe und er mir doch so nahe ist so ganz nahe, dass es weh tut in diesem fremden land endlich hat sie einlass gefunden und es wurden ihr alle schulden erlassen. hole ich tief luft zum ersten mal lasse ich mich gehen ich darf gehen ich darf gehen und niemand hält mich auf ist das so weil ich jetzt endlich hier gesessen bin, wo andere längst ins Wasser tauchen oder tief Luft holen auf einem Berg oder einer Wiese habe ich nichts anderes getan als meine pflicht zu erfüllen und zu lieben deshalb
geht es jetzt mit mir ganz weich und selbstverständlich aber dafür habe ich hier sitzen müssen und das opfer es wurde verlangt von mir mit traurigen augen habe ich es gegeben und wenn ich wiederkomme werde ich mehr verlangen flüstert er mit blutunterlaufenen augen. hansi oh hansi das war auch meine geliebte nicht nur die von george bataille und es hilft schon das lesen und das vertrauen in die fremden gedanken die einem dann doch ganz selbstverständlich durch den eigenen kopf gehen dürfen so lange bis gar nicht mehr zu unterscheiden ist zwischen fremd und vertraut. alles fremde will ich einladen zu mir in die finsternis da wo ich wohne und ihr sollt keine angst vor mir haben, denn ich habe doch selbst die allergrößte angst und nehme ein mittel gegen pilz hier herinnen ist es feucht und kalt, das lieben die pilze diese kalte feuchigkeit und ich liebe jack und seine geschichte mit dem matchboxauto, aber das ist unser geheimnis und wird nicht verraten es ist doch neben diesem zustand alles andere sowieso nebensächlich und dafür wurde dieses opfer gerne freiwillig gegeben.
Was wären wir auch ohne gegenseitige gabe, wenn es gar nichts mehr gäbe, dass wir uns geben könnten mitten hinein in die Kälte die langsam dahinschmilzt und macht, dass ein einsamer Eisbär auf seiner Scholle treibt und es fehlt ihm die Kraft an Land zu schwimmen aber die Dynosaurier sind auch ausgestorben sagt er am telefon und uns werden die ratten überleben sage ich und freue mich dass es jetzt noch nicht soweit ist und sie immer noch meine freundin ist, obwohl ich so schwierig bin. Du bist eine schlechte Frau sagt EJ zu Frederike, weil Du hast nur Dein Schreiben im Kopf. sie hält sich die hand vor den mund und nimmt alles zurück bevor es gesagt werden konnte er unterstellt ihrer zerbrechlichkeit eine hilflose performance mit kalkül ich bin mir da nicht so sicher denn ich kenne den finger oder die hand vor dem mund aus eigener erfahrung alles zurücknehmen bevor etwas falsches gesagt werden kann etwas das dich vernichten wird die anderen vernichten aber das ist unerheblich, ich mag ihre stimme und ich mag das stück haut, dass zwischen nachtschwarzen kleidern wie ein stück morgendämmerung am horizont als schmaler streifen sichtbar wird sie spielt klavier und ihre hüften haben sex mit dem klavierhocker, zumindest kommt es mir so vor und ich bin nur ein kleinwenig neidisch auf ihre jugendliche unschuld die ich ihr aber später in der nacht nehmen werde mit gutem gewissen das lesen hilft und die freunde auch. habe mich ins eigene fleisch geschnitten solange bis kein schmerz mehr war, nichts mehr war. sie schaut mich an sie schaut mich an sie schaut mit einer großen ernsthaftigkeit, der niemand etwas vormachen kann. sie durchschaut mich, sie weiß, dass ich damals aus ihrer Geldbörse einen Schilling geklaut habe, um mir ein Eis zu kaufen, sie weiß, dass ich eine schlechte frau bin, weil ich nichts anders im kopf habe als zu fliehen, immer wenn ich da bin will ich nichts als weg ich befreie mich aus ihrer übelriechenden umklammerung ihren feuchten küssen ihrer alkoholgetränkten zuneigung die nichts ist als einsamkeit mitten im herzen da will sie mich haben mitten ins herz hinein soll ich und ihr die einsamkeit trinken sie merkt mein zurückweichen und ist empört ich stammle, du hast mich doch schon geküsst sie: ja aber ich werde dich doch nochmal küssen dürfen das alles erinnert mich an meine mutter und ist doch anders, der vorwurf die einsamkeit die enttäuschung der bittere nachgeschmack das alles ähnelt sich und wird ertränkt während susi schläft und ich ertrinke aber das lesen hilft eine andere sein auch niemand fragt mich nach meiner meinung sie schafft es nicht mich zu grüßen ein gequältes lächeln verrät sie ich verstehe nicht und es ist mir auch nicht egal, aber ich werde sie nicht noch ein mal fragen, warum sie mich plötzlich nicht mehr leiden kann, mir ausweicht aus dem weg geht das passiert schnell in so einer großen stadt man weicht sich aus und geht sich aus dem weg auf die andere straßenseite und wählt mit bedacht wer diejenigen sind mit denen man gesehen werden will es braucht nicht viel um einen feind zu haben, der ist schneller bei der hand als uns lieb ist.
Ich will ins kino inland empire das ist mein film das ist meine landschaft das ist mein leben ich weiß dass ohne das ich den film gesehen habe, der titel reicht vollkommen und mit der angst kenne ich mich aus. durch und durch angstdurchsetzt aber noch nicht von ihr aufgefressen. ich sitze still und spüre ein leises zittern, dass zu mir gehört es ist die angst vor vernichtung an ihrer grenze steht eine frau, sie ist eigentlich ein gespenst sie schreit sie weint sie wurde umgebracht. Hier ist die grenze ruft sie mir zu bis hierher darfst du gehen aber da wo ich stehe beginnt das ghetto, hier wurden wir alle umgebracht, hier darfst du nicht wohnen, hier darf niemand wohnen, das ist eine todeszone. luis weint im schlaf, sein weinen vermischt sich mit den schreien der frau ich wache auf. ich bin in einer fremden wohnung die mir vertraut ist. ich werde hier nicht bleiben. es ist zeit zu gehen. ich muss meine pflicht erfüllen. ich weiß was von mir erwartet wird. ich sitze ruhig da und spüre ein zittern, dass zu mir gehört. ich nehme sulfur d6 gegen den kellergeruch, gegen die ratte, die mich trotzdem überleben wird. dazwischen räume ich meine wohnung auf und wünsche mir so sehr ich könnte diesen sommer woanders sein als zwischen den häusern mit ihren verlassenen kellern und ratten, die uns alle überleben werden.
Aber bevor ich das schreiben konnte ist mir ein Anruf von Michikazu Matsune in die Quere gekommen und hat alles folgende ins Rollen gebracht: hier spricht die verantwortungsbewusste Pflichterfüllungsbereitschaft, aber vielleicht braucht es das eine um das andere zu dürfen und es geht doch darum ein Zeichen zu setzen.
Bin etwas aufgewühlt. Es geht um das Tanzquartierkuratorium. Und um meine Entscheidung mich soweit als möglich aus politischen Machenschaften rauszuhalten. Diese Entscheidung wäre mit meiner möglichen Kandidatur in Gefahr. Gleichzeitig fühle ich mich verantwortlich, verantwortlich für dieses Haus, das in den letzten Jahren ein Zuhause wurde, nicht nur für mich sondern auch für viele andere. Ein Zuhause mit einem Umfeld. Und das ist das wesentliche daran. Das dieses Haus für mich und viele andere ein Umfeld, ein geistiges Klima kreiert hat, eigentlich einen Dorfplatz. Ich habe die ersten fünf Jahre meines Lebens in Oberbergern verbracht, das ist ein kleines Dorf im Dunkelsteinerwald. (Es gibt in Niederösterreich auch einen Ort der sich „Fleischessen“ nennt, aber dort bin ich noch nie gewesen) Obwohl ich mittlerweile schon lange in der Stadt lebe, bin ich immer wieder auf der Suche nach Dorfplätzen. Auf Dorfplätzen trifft man sich zufällig und gerade in der Zufälligkeit dieser Begegnungen liegt ihr Potential. Am Samstag den 2. Juni fand im Tanzquartier das „artists in residence“ Treffen „correspondances“ statt. Ich wollte Mihai Mihalcea nach seiner Generalprobe abholen und habe im Hof vor den Studios des Tanzquartiers auf ihn gewartet. In dieser Zeit des Wartens, wurde mir bewusst, wie sehr das Tanzquartier, trotz institutioneller Organisation, einem Dorfplatz ähnelt. Ohne Termin im Terminkalender, habe ich in der Zeit des Wartens Anne Juren, Krõõt Juurak und Eduard Gabia getroffen. Von Anne habe ich erfahren, dass sie Geburtstag hat, von Krõõt dass sie eine neue Leidenschaft pflegt- das Tangotanzen und mit Edy hatte ich ein langes Gespräch über die Filme von David Lynch, über das Schreiben und das Singen. Das mag jetzt unerheblich klingen, aber ich bin der festen Überzeugung, dass Kunst im Austausch mit anderen entsteht. Kunst existiert eigentlich nur deshalb, weil wir ein Gegenüber suchen und brauchen, um unsere Geschichte(n) zu erzählen, Lieder zu singen, zu tanzen oder was auch immer. Auch wenn uns der Markt vorgibt, dass es primär um die Durchsetzung unseres eigenen Interesses in Konkurrenz mit dem der anderen geht und das vielleicht und mitunter und längerfristig auch nicht von der Hand zu weisen ist, suche ich auf diesen Dorfplätzen aber nicht nur nach einer Person die mir zuhört und mich bestätigt oder tröstet, sondern freue mich an den dort stattfindenden Begegnungen, mit ihrer Möglichkeit zur gegenseitigen Inspriation, Anteilnahme und Unterstützung. Ich erfreue mich an den Erzählungen meiner KollegInnen. Mit Erstaunen betrachte ich ihre Welten, die sie mir basteln, an denen ich teilhaben darf. Manche sind sie mir fremd, manche ganz nah.
An diesem Samstag habe ich im Tanzquartier die Performance von Oleg und Andrei gesehen, diese beiden, die mich damals vor vielen Jahren mit ihrer ersten Performance in Wien im Wuk Hof nachhaltig berührt haben und jetzt wieder. Ich habe mich wiedererkannt, auch und nicht zuletzt in und mit ihrer feinen Selbstironie, vielleicht ist Selbstironie die einzige Medizin gegen die Bitterkeit des Alterns. Die Bitterkeit darüber, dass der Versuch mit Leichtigkeit durch´s Leben zu tanzen aufgrund von Atemnot immer schwieriger zu werden scheint und doch nicht aufgegeben werden darf, oder die Bitterkeit darüber, dass eine Stichsäge für´s Zitat zur Konzeptkunst herhalten muss, weil für eine größere das Budget gefehlt hat und das zu guter Letzt, bevor das Zitat zu Ende geführt werden konnte, der Stichsäge, die eben nicht dafür gedacht ist einen Stuhl zu zersägen, das Blatt abbrach und der Sessel mit nur zwei anstatt vier abgesägten Beinen übrigblieb. Und wir im Publikum durften lachen. Weil uns das erinnert an unsere eigenen großartigen Vorhaben und Träume und davonschwimmenden Felle. Aus diesen Missgeschicken des Lebens, die uns die Endlichkeit und unseren Verfall tagtäglich aufs Aug drücken, entstehen auf einem Dorfplatz die wunderbarsten Geschichten, jene Geschichten die uns mit einem Auge lachen und mit dem anderen weinen lassen. Vielleicht bin ich auch nur eine unverbesserliche Romantikerin, mag sein, aber ich weiß, dass mein finaler Abgang geplant und unvermeidlich ist, so wie der von allen anderen auch. Dieses Wissen schenkt mir Freiheit und Verantwortung. Es gibt hier weder etwas zu gewinnen, noch zu verlieren und ich wünsche mir für meinen endgültigen Abgang genügend Selbstironie, so dass ich ihn ohne Bitterkeit und in Würde gehen kann, wenn meine Zeit gekommen ist.
Ich halte mich wirklich nicht für die geeignetste Person für diese Kandidatur, denn ich bin weder besonders diplomatisch, noch besonders dickhäutig und ich möchte niemand ausschließen, vor den Kopf stoßen oder kränken, alles Dinge die sich mit so einer Position wahrscheinlich nicht vermeiden lassen. Darüberhinaus bin ich ziemlich ungeduldig, hasse Vereinsmeierei und will von fremden Interessenskonflikten nicht vereinnahmt werden. Aber gleichzeitig fühle ich mich verantwortlich für die Durchlässigkeit und Möglichkeiten dieses Hauses. Und als Kuratoriumsmitglied könnte ich (m)einen kleinen Beitrag dazu leisten denke ich mir. Stein des Anstosses für diese Überlegungen, war das eigenmächtige Procedere in Sachen Kuratorinnenbestellung der IG - Freie Theater, vor einigen Monaten. Gemeinsam mit anderen habe ich gegen dieses Vorgehen protestiert und es wurde eine öffentlich ausgeschriebene Wahl gefordert. Daraufhin wurde uns bei diesem Treffen, ob unserer „Tanzquartiernähe“ unterstellt, hier ohnehin bloss im Auftrag und Interesse von Frau Gareis anwesend zu sein. Mich hat zu dem damaligen Treffen niemand entsandt, ich ging freiwillig hin, weil ich finde, dass die IG auch meine Interessensvertretung ist und ich möchte das sie möglichst transparent und demokratisch agiert. Das ist jetzt mit der Ausschreibung zur Wahl passiert und soviel ich weiß haben sich bis vor kurzem nur die ehemaligen, von der IG vorgeschlagenen Kanditatinnen einer neuerlichen Kandidatur gestellt... deshalb habe ich mich jetzt kurz vor Mitternacht nun doch dafür entschieden zu kandidieren, allen Bedenken und Bauchweh zum Trotz und konnte außerdem Frans Poelstra dafür gewinnen, sich ebenfalls für die Wahl zur Verfügung stellen. Besser zu zweit in die Schlangengrube als alleine...
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