Basic Moves

Drucken
Ein Reader zum Thema Körper lernen.
UNSER KANON IST EINE KANNE.
UNSER KANON IST EINE KANONE.
DER FEHLER ALS FREUND.

Composed by Captain Carey in collaboration with the media.
Agent 1: Where did he learn the basic moves?
Higgins: He reads.
Agent 1: He rea…
Agent 2: What the hell does that mean?
Higgins: It means, Sir, that he reads everything.
Agent 2: I don't understand.
Wabash: Yes.

Dialog aus dem Sydney-Pollak-Film: Three Days of the Condor



1. SPRECHEN (Luce Yfaire)
2. SCHREIBEN (Oswald Wiener)
3. = 2.+1. (LESEN)


1.SPRECHEN

Sprichst du bitte.
Acht neun zehn elf.
Gut.
In deinem Artikel für corpus Im Reich der Schatten ist mir ein Satz aufgefallen: Der tiefere Sinn der Performance als Kunst betrachtet ist die Verwirrung von Fakten. Das ist eine Erlösungsstrategie. Denn es werden Fakten verdreht, die in der eigentlichen Finsternis des Tageslichts draußen vor den Toren des Theaters das foucaultsche Überwachen und Strafen fundieren.
Für einen gestürzten Lichtbringer gibt es drei Namen:
Der Lichtbringer ist Luzifer, Satan der Ankläger und Teufel ist der Verwirrer. Also drei verschiedene Ebenen, die in sich selber verwirrend sind. Da sie aus verschiedenen Geschichten stammen oder wie bei Luzifer umgedeutet wurden; aus der römischen Mythologie in die christliche. Luzifer war in der römischen Mythologie der Name für den Morgenstern. Der Stern, der jeweils das Licht für den Tag bringt. Der eine positive Bedeutung hatte. Der Morgenstern ist die Venus. Das Zeichen für die Venus ist der Handspiegel – der Ring mit einem Kreuz darunter. Also bis heute das Zeichen für die Weiblichkeit.
Du weisst, dass es auf der Venus Schwefelsäure regnet?
Es ist eine Hölle.
Die Venus ist eine Hölle.
Die Verwirrung von Fakten entsteht dadurch, weil wir immer mehr Fakten anhäufen, wenn wir uns mit etwas beschäftigen und in Zusammenhänge bringen. Für mich ist Performance genau das. Fakten werden in eine Ordnung gebracht, …
Was sind Fakten der Performance?
Mittel, die man gebraucht. Man bringt Figuren als Fakten in Abläufe. Man bringt eine Situation her; eine architektonische Situation; eine Ablaufsituation. Das sind Faktizitäten, die man ins Spiel bringt, um ein Spiel zu machen. Über etwas oder mit etwas. Und so weiter und so fort.
Fakten sind Ideen, die in den Prozess der Erarbeitung hinein geflossen sind; Fakten sind Dinge, die man gebraucht.
Das Spiel selbst ist ein Fakt.
So wie Wissen selbst ein Fakt ist, das sich vom Faktenwissen unterscheidet, das quasi in ihm als Fiktion steckt. Und die Verwirrung von Fakten in der Performance kann Teil des Spiels sein, da sie das Vorwissen aus dem Alltag sozusagen verrückt. Die Erfahrungen aus dem Alltag verändert. Die Lektüre in andere Zusammenhänge bringt. Das ist diese Verwirrung. Das ist im Grunde das Teuflische daran, wenn man sie mit den Wissensgebäuden vergleicht, die Verlässlichkeit ausstrahlen. Die ihren Kanon als Autorität vermitteln, um zu gestalten.
(…)
Jon McKenzie führt sehr ausführlich am Beispiel der NASA aus: Wie konnte es zur Challenger-Katastrophe kommen? Warum führt der Leistungsdruck zu Fehlerquellen? Und wie die Fehler die Funktionalität der Leistung, der Performance zum Einsturz bringen können.
Also eine gute Performance? Eine gute Performance, wenn man sie als Kunst betrachtet.
Eine schlechte Performance der NASA ist eine gute Performance für die Medien.
Das Unglück ist geglückt für das Medium. Das ist ein Glück, immer wieder zeigen zu können, wie die Challenger abstürzt - und die Trauer zu inszenieren.
OK. Nun ein pataphysischer Kurzschluss, und wir treffen Professor Challenger.
Professor Challenger ist ein Bohrer. Professor Challenger versucht in die Erde hinein zu bohren, und die Erde wehrt sich. Und nun muss man zwei Dinge miteinander in Verbindung bringen. Erstens: Professor Challenger mit Armageddon, dem Film mit Bruce Willis, in dem es auch um das Bohren geht: Die Welt wird durch einen Bohrexperten gerettet.
Zweitens: Professor Challenger, der Entdecker einer Welt, die es gar nicht geben dürfte. Der auf einem südamerikanischen Hochplateau THE LOST WORLD entdeckt. Das Podest, auf dem das Andere ist.
Wieder zur ersten Geschichte, in der er in das Erdinnere - in die lebendige Unterwelt bohrt. Und die Erde wehrt sich und schreit.
Ja. Sie schreit.
Der Schrei: Rette mich. Durch das Bohren nach Erdöl wird gerettet. Bis es aus ist.
Die Welt wird solange gerettet, bis sie tot ist.
Das ist das Teuflische daran.
Diese Geschichte von Sir Arthur Conan Doyle, WHEN THE WORLD SCREAMED, erwähnt in den Tausend Plateaus und auch bei McKenzie, habe ich nie verstanden.
Die Erde lebt, sagt er damit. Offensichtlich bezieht sich Conan Doyle auf einen britischen Professor, der Vivisektionen an lebenden Tieren vorgenommen hat.
Ah. Jetzt sehe ich etwas klar. Die Analogie zwischen anorganischem Leben und dem organlosen Körper von Deleuze/Guattari.
(…)
Wenn man es benennen würde, ist die Schlange im Paradies der Verführer, der Verwirrer. Und nicht der Ankläger. Sie führt nur dazu, dass angeklagt wird. Sie verführt als Lichtbringer Adam und Eva, vom Baum der Erkenntnis zu essen, und sie verführt Gott, zum Ankläger zu werden. Und daraus kann man sehr schöne Sachen spinnen.
Wir wissen auch, dass Gott wie Zeus die Maskerade liebt. Er sich also als Schlange verkleidet hat.
Unter Umständen hat sich Gott selbst als Schlange verkleidet – und wenn er sich als Schlange verkleidet hat, dann war er ein ziemlich guter Performer. Er hat nämlich den Verführer, den Lichtbringer und den Ankläger gleichzeitig performt.
Das ist eine schöne Geschichte. Das hat mit Kunstperformances zu tun. Diese Verwirrung von Fakten. Mit einem Mal legt man Bedeutungen aus unterschiedlichen Räumen zusammen, aber nicht willkürlich, sondern so, wie sie angeboten werden.
Erzeugt eine herrliche Verwirrung und ist für Gläubige gefährlich. Es dürfen ja nur die Leute ein System zu Fall bringen, die ihm angehören.
Fatal wird es, wenn zwei unterschiedlich ausgerichtete Prinzipien aus Glaubensmodellen zusammenkrachen.
Und einen Weg aus diesen festgefahrenen Konstellationen bietet für mich die Kunst mit ihrer Fähigkeit zu verwirren an. Nicht nur in der Herstellung, sondern gerade in der Lektüre von Kunst liegt eine offene Möglichkeit. Eine fast forensische Herangehensweise: die Einzelteile einer Performance zu lesen und dann entweder im Zusammenhang mit dem am Körper der Performance Entdeckten oder dem, was im eigenen Körper durch erneute Recherche entstanden ist, zu einem anderen Wissen zu generieren. Dieses ist weder ein rein wissenschaftliches, noch rein religiöses, noch rein künstlerisches Wissen. Es ist ein verschobenes Wissen, das zu ganz anderen Modellen führen kann. Kein feststehendes System, sondern ein offenes Spielfeld, in dem es einiges zu entdecken gibt im Sinne eines Professor Challenger. Der die Herausforderung annimmt und dann diese Reise macht, die eine Reise zu einer verlorenen Welt ist.
(…)
Expliziert wird diese Gewaltbereitschaft in Oswald Wieners Roman DIE VERBESSERUNG VON MITTELEUROPA, ROMAN. Dort wird ein Schauspiel projektiert, in dem systematisch das Publikum verdroschen wird.
Der Zuschauer wird gelockt und bestraft. Indem er auf ein zur Anschauung hergestelltes Werk oder Objekt schaut und sich seiner Blindheit bewusst wird.
Wo er doch sehen will, ohne sich bewusst zu werden, dass er sieht.
Das ist doch das schönste Schauen.
Kunstwerke generell bestrafen diesen Wunsch, obwohl sie damit locken. Das erfordert eine Klärung.
Wie geht diese Klärung vonstatten? Wie gelingt eine andere Aufklärung?
Der Zuschauer und der Lichterzeuger werden nicht mehr getrennt. Lass sie in die Quere kommen.
Keine Rückbindung auf Ursprünge.
Wo verbindet sich der Verwirrer mit dem Lichtbringer?
Dort wo es keinen Ankläger gibt.
(…)
Wenn die Schule sagt: Ich bringe euch die Wahrheit. Dann ist die Schule gescheitert. Dann destruiert sie den Enthusiasmus und sie destruiert die Fruchtbarkeit der Verwirrung, indem sie sagt, wenn du verwirrt bist, dann bist du allein. Denn Verwirrte sind Wirrköpfe. Wirrköpfe können sich nicht orientieren und sind eigentlich nicht lebensfähig. Und so ist es auch manchmal mit der gesellschaftlichen Einschätzung von künstlerisch arbeitenden Leuten.
Und nun zu unserem Film: Morgen ist komplett anders.
Das bestehende System kollabiert. Das erzeugt ein Problem: Wie soll plötzlich etwas aufblühen, das bis heute keine Blüten hatte? Plötzlich wären die Lehrer keine Lehrer mehr. Sie wären Anreger. Sie würden mit ihren eigenen Fantasien kommen. Und ihrem Wissen sozusagen. Sie müssten ihre gesamte Performance, die sie haben, stratifizieren, um mit Jon Mckenzie zu sprechen; und sie müssten zu Challengers werden, zu Astronauten, zu Desastronauten, zu Fiktionauten werden, und die Klassenzimmer sind Raumschiffe, in die die Schüler eingeladen sind, mitzufliegen - und jetzt meine ich wirklich fliegen. Wenn der Lehrer fliegt, müssen sie mitfliegen, sonst sind sie nicht in der Schule. Sie steigen also in ein Raumschiff, in ein fliegendes Klassenzimmer.
Das gibt es schon.
Es wird diesmal ernst genommen. Und dann fliegen sie stundenlang herum. Mit verschiedenen Lehrern, die begeistern und entgeistern. Die Schüler antworten. Die Lehrer lernen plötzlich von den Schülern. Und das ist ganz normal.
Dann passiert noch Folgendes:
Die Schüler und Schülerinnen müssen den Unterricht ihrer Lehrer vom Vortag eins zu eins für die Lehrer performen. Die Lehrer sind die Zuschauer eines Reenactments ihrer Performance. Sie bewerten oder verbessern nicht. Sie entwickeln parallel zur Wiederholung eine Performance für den nächsten Tag. Diese wird von den Schülern am übernächsten Tag wiederholt.
Diese wechselseitige Reflexion setzt sich immer wieder und wieder weiter fort. Jedes Spiegelbild erzeugt ein neues Bild, das wieder gespiegelt wird.
(…)
Solange ein Lernprozess nicht das Chaos verwirrt, GIBT ES KEINE REVOLUTION.
(…)
Das Ausserhalb war schon angelegt im Bild des Paradieses. Wie sonst könnte man jemanden aus dem PARADIES VERTREIBEN.
Oder: Wir haben uns schon immer im Ausserhalb wahrgenommen und das Paradies erträumt.

2. SCHREIBEN

1967

 

 

17. April 1967
Oswald Wiener liest bei den „zock exercises“ in der Wiener Galerie St. Stephan
das am selben Tag vernichtete manifest ZOCK AN ALLE.
Vier Tage später, am 21. April 1967, findet im Restaurant Grünen Tor
(Lerchenfelderstr. 14 Wien VIII) das „Zock-Festival“ statt; Wiener agiert dabei
unter dem Namen garth (mit extra fleischkraft). Zur selben Zeit ist Wiener
Mitglied der Vereinigung Die Zeugen e.V., „(...) dessen Ziel die anwesenheit und
zeugenschaft bei ereignissen, bes. bei katastrophen ist.“

7. Juni 1968
Initiator von „Kunst und Revolution“ im Hörsaal 1 des Neuen Institutsgebäudes
der Universität Wien. Wiener spricht dabei „Über den Zusammenhang
zwischen Denken und Sprechen“.
garth

 

arno
agen


(…)
O.: ja gesagt. gesagt. du weisst ja, Orpheusgeschichten (pause) ein bisserl anders gedacht (pause) der sänger versagt nicht weil er zum beispiel das ende nicht erwarten kann oder zum beispiel dass er einer abmachung misstraut (pause) na undsoweiter sondern dass er ein bild zum beispiel eine erinnerung mit der wirklichkeit vergleicht eine vorstellung mit einem erlebnis
I.: und dass die mythologie heruntergekommen is das is aber nichts neues mehr du. warum überhaupt mythologie? warum orpheus? erklärt uns der Orpheus etwas was wir anders nicht begreifen, oder erklärt was wir erleben den Orpheus?
O.: vielleicht für den einen der glaubt dass er in der Orpheustradition lebt
I.: ich weiss nicht, wenn einer (blättert) wenn jemand zum beispiel zigarrenkisten als ziggurats sieht (pause) und sagt mir das und weiter nichts, was ist da zu begreifen?
O.: möglicherweise hat er sich das wort notiert, manche autodidakten
A. (sich verächtlich abwendend): Das war wohl mein ganz spezielles Kismet: überalles schreibm zu müssen;
O.: vielleicht so kleine verblüffende wetterleuchten, recht schnell vorbei damit man vielleicht das gefühl hat, das wabert aber in millionen ungesagtheiten die man auch alle berücksichtigen können müsste beim lesen! tja, vielleicht aber auch noch so eine (pause) so ein künstler, so eine künstlerphysik, wo eben der ziggurat deswegen mit der zigarre verbunden is, unterirdisch, weil es ähnlich klingt (pause) soll sagen dass die sprache eben selber eine art, was heisst, dass sie die wichtigste erkenntnis is die man haben kann und dass einer der viele worte kennt eben mehr von der welt weiss; dass der schriftsteller eben den bedeutendsten beruf genommen hat, der bedeutendste wissenschaftler is
(…)


Die nun folgenden Zitate aus Oswald Wiener: Die Verbesserung von Mitteleuropa, Roman (1969)
der bio-adapter
(für w. pichler)
(prospekt 1965/66)
(nicht überarbeitet)

der bio-adapter bietet in seinen grundzügen die m. e. erste diskutable skizze einer vollständigen lösung aller welt-probleme. er ist die chance unseres jahrhunderts: befreiung von philosophie durch technik (dazu auch: sprache als argument gegen den solipsismus). sein zweck ist es nämlich, die welt zu ersetzen, d. h. die bislang völlig ungenügende funktion der „vorgefundenen umwelt“ als sender und empfänger lebenswichtiger nachrichten (nahrung und unterhaltung, stoff- und geistwechsel) in eigene regie zu übernehmen – und seiner individualisierten aufgabe besser zu entsprechen, als dies die „allen“gemeinsame, nunmehr veraltete sog. natürliche umwelt vermag.
in seiner wirkung kann der bio-adapter mit der eines äusserst hochgezüchteten, durch 
laufende anpassung auch den differenziertesten bedürfnissen höchstorganisierter lebewesen gewachsenen uterus' verglichen werden („glücks-anzug“).
es ist die auffassung des designers des bio-adapters, dass erst die einheit mensch-adapter den anforderungen einer verantwortungsbewussten anthropologlschen kritik standhalten kann – aber daneben auch dem gesundheroischen ideal eines den kosmos regierenden homo sapiens erstmalig genügt, und zwar durch trockenlegung des kosmos einerseits, und zum andern durch liquidation des homo sapiens. der mensch, ausserhalb seines adapters ein preisgegebener, nervös aktivierter und miserabel ausgerüsteter (sprache, logik, denkkraft, sinnesorgane, werkzeug) schleimklumpen, geschüttelt von lebensangst und von todesfurcht versteinert, wird nach anlegen seines bio-komplements zu einer souveränen einheit, die des kosmos und dessen bewältigung nicht 
mehr bedarf, weil sie auf eklatante weise in der hierarchie denkbarer wertigkeiten über ihm rangiert.
(gekürzt)
der bio-adapter funktioniert also, um es kurz zu sagen, als ein makro-instruktionen einer nicht mehr vorhandenen äusseren nachrichtenquelle simulierender informationsspiegel: die impulse der bio-einheit werden analysiert, nach massgabe der zunächst mutmasslichen lustbetonung neugruppiert, transkodifiziert, und eingespiegelt.
(gekürzt)
einmal angelegt, kann der bio-adapter nicht mehr verlassen werden – allein schon deshalb, weil der einmal in adaption befindliche mensch ausserhalb des adapters nicht mehr lebensfähig ist: der inhalt des adapters ist für die gesellschaft verloren, weil er die wirklichkeit verlassen hat.
(gekürzt)
der bio-adapter kontrolliert nun die leiblichen und seelischen zustände seines inhalts bis ins letzte, d.h. er hat den platz des staates eingenommen.
(gekürzt)
das bewusstsein, dieses kuckucksei der natur, verdrängt also schliesslich die natur selbst. waren früher die gestalten der sinnlichen wahrnehmung blosse produkte bedingter reflexe einer überlegenen versuchsanordnung, gespenster der menschlichen zufallssinne (stammesgeschichtlich stammt beispielsweise das gehör aus der kieferkonstruktion!), spitzenerzeugnisse des sozialen prozesses, ausgeburten der sprache, so ruht nun das bewusstsein, unsterblich, in sich selber und schafft sich vorübergehende gegenstände aus seinen eigenen tiefen.
(abbruch)

Die folgenden Zitate aus: Anhang in Die Fatalen Strategien von Jean Baudrillard (1985):
Über das Ziel der Erkenntnistheorie, Maschinen zu bauen die lügen können
d.h. eigentlich nur über einige schwierigkeiten auf dem weg dorthin
von
Oswald Wiener.

(…)
tischbemerkungen. anders als in der schundliteratur, etwa Sues oder Ponson du Terrails, ist es einzelnen menschen nicht möglich, eine anspruchsvolle lüge längere zeit hindurch operationsfähig zu halten; nicht nur, weil eingriffe in die umwelt nötig werden, welche die möglichkeiten des individuums übersteigen, sondern vor allem, weil der lügen erst möglich machende globale charakter unserer vorstellungen von der aussenwelt der steuerung dieser vorstellungen faktoren in den weg setzt, die dem lügner als zufall erscheinen müssen. damit will ich natürlich nicht Reinalds argumente, den beitrag des lügners zur schaffung “anderer welten“, oder seine heroische einsamkeit herabsetzen. die geschichte des zweiten weltkriegs lehrt (und nicht nur sie) im übrigen, dass staatliche organisationen lügenleistungen ganz andrer grössenordnung gelingen können. es ist geradezu merkmal der gegenwärtiger politik, dass die eine seite für einen kommunikations- und informationskrieg so viel besser gerüstet ist als die andere.
(…)
einschlägiges aus meinem tagebuch. das bemühen, immer neu und anders zu verstehen, ist ursprünglich ein versuch gewesen, einen kern des spirituellen zu bewahren, nämlich der übermacht der als äusserlich empfundenen formalismen, auch im wettlauf mit ihren dienern, souverän erzeugte inhalte entgegenzusetzen. (gekürzt)
(…)
tischbemerkung. ich glaube dass ich mich so oft betrinke weil in der regression die gestalten wiederkehren, heimaturlaub.
(…)



Mitschrift eines Beitrags aus ORF 2 (1995)
(mit 2 screenshots)

boltanski

Stimme zum Insert: Sollten Sie wissen, was aus Ihnen geworden ist, schreiben Sie an Christian Boltanski, museum in progress.

Moderator: Die Ferienzeit neigt sich dem Ende zu, und während Sie möglicherweise an südlichen Stränden in der Sonne gebadet haben, trafen sich in der Abgeschiedenheit des Bregenzer Waldes Philosophen, Künstler, Architekten zu einer ganz besonderen Vakanz. Vakanz 95 nennt sich nämlich die Vorarlberger Sommerakademie mit Vorträgen, Lesungen und Filmvorführungen. Als prominenter Gast Ossi Wiener, der als Mitbegründer der Wiener Gruppe, als Rebell und als Verfasser des Romans Die Verbesserung von Mitteleuropa in den 60er Jahren bekannt wurde. Nach spektakulären aktionistischen Auftritten gerichtlich verfolgt, ging Ossi Wiener zuerst nach Berlin, dann nach Kanada. Nach Österreich kommt er nur mehr selten. Ingrid Adamer hat Ossi Wiener im Begrenzer Wald getroffen.
Stimme: Touristen sind im Bregenzer Wald üblicherweise häufiger anzutreffen als Künstler. Und das, obwohl die Region historisch einiges zu bieten hat: die Malerin Angelika Kauffmann und die Bregenzerwälder Barockbaumeister waren hier zu Hause. Diesen Geist lässt die Sommerakademie wieder aufleben.
Verleger: Hier kann man in besonderer Umgebung neue Gedanken finden ganz im Schatten der Alten.
Stimme: In den Workshops werden den Studenten neue Zugänge zur Kunst vermittelt. Zur traditionsreichen Gobelinweberei ebenso wie zum Material Ton. Das Kabinetttheater zeigt auf, unter welchen Bedingungen Figurentheater funktionieren kann.
(Theaterszene)
Die Verlegergruppe dokumentiert die Aktivitäten in einem Buch. Gearbeitet wird interdisziplinär.
Organisator/Künstler: Vakanz unterscheidet sich von einer üblichen Sommerakademie, dass man eigentlich die Idee lernt, etwas zu betätigen. Also es geht darum: Wie entsteht etwas? Wie bekomme ich eine Idee? Und es geht nicht um ein Werken, um eine Beschäftigungstherapie in dem Sinn.
Stimme: Im vor 100 Jahren erbauten Jagdschloss leitet Oswald Wiener ein Seminar über Denkpsychologie. Der Querdenker und ehemalige Provokateur der Wiener Szene ist heute kanadischer Staatsbürger und unterrichtet an der Kunsthochschule in Düsseldorf. In seiner ehemaligen Heimat ist er kaum mehr anzutreffen.
Wie ist denn ihr Verhältnis zu Österreich?
Wiener: Es war am Anfang – unmittelbar nach meiner Emigration war es sehr gespannt. Es war ein sehr ungutes Verhältnis. Aber diese Dinge mit dem Älterwerden – die werden halt auch – die welken auch. Der Hass welkt. Die Abneigung welkt. Und heute komme ich eigentlich nicht viel anders als jeder andere Tourist nach Österreich. Ich weiss die angenehmen Seiten zu schätzen, die jeder Tourist in erster Linie hier kennen lernt, und bemühe mich auch, auf dieser Ebene zu bleiben.
Journalistin:
Das heißt, es ist kein gebrochenes Verhältnis für sie?
Wiener: Es ist ein versulztes. (lacht)
Stimme: Die österreichische Kulturpolitik der 60er und 70er Jahre zeigte für die aufseheneregenden Aktionen der Wiener Gruppe um Oswald Wiener kein Verständnis. Dieser Enge entfloh der Literat über Berlin nach Kanada. Wie beurteilt er heute die politische Situation in Österreich?
Wiener: Haha. Davon habe ich keine Ahnung. Ich muss Ihnen ehrlich sagen, in Kanada liest man nichts von Österreich. Es ist so, als ob es das nicht gäbe. Es ist halt ein kleines Land, irgendwie weit weit weg, das für die Kanadier unbedeutend ist. So meinen sie offenbar jedenfalls – da müsste man schon eigene Pressekampagnen machen – wie das der Herr Haider, glaube ich, einmal versucht hat vor Kurzem. Ich weiß, dass ein Sozialist hier Regierungschef ist, und ich glaube, dass eine grosse Koalition hier ist – bin aber nicht 100-prozentig sicher.
Stimme: Bei der Denkschule im Rahmen der Vakanz werden Themen wie Künstliche Intelligenz, das Verhalten in Problem-Löse-Situationen und die Automatentheorie behandelt. Diesen Ansatz hat Oswald Wiener entwickelt. Er besagt, dass man sich Theorien als Automaten im Kopf vorstellen muss, die jeder Mensch im Laufe seines Lebens erwirbt.
Wiener: Man ist nicht allein. Man darf sich nicht einbilden, dass man der Einzige ist, der an originalen Ideen herumknabbert. Wir leben in einer Massengesellschaft. Wenn einer heute eine neue Idee hat, dann kann er ganz sicher sein, dass gleichzeitig 100 andere die selbe Idee haben.
Stimme: Dennoch: Oswald Wieners erkenntnistheoritische Methoden sind experimentell und lassen sich keiner Tradition zuordnen. Diese philosphischen Fragen für Laien aufzuarbeiten, etwa in Vorarlberg zu vermitteln, hat sich der Denker zum Ziel gemacht.
Wiener: Im Übrigen fehlt sowas in Vorarlberg – eine Sommerschule, die sich Jahr für Jahr ein bestimtes Programm stellt und sich bemüht, die jeweils neuesten Dinge nach Vorarlberg zu bringen. Das finde ich  einmal ganz prima. Was meine Veranstaltung betrifft, so ist sie vielleicht auch – sie passt in den Rahmen – und das einzige, was man sagen könnte ist, dass ich auf Grund meiner Arbeit ziemlich anspruchsvoll sein muss.
Stimme: Diese Arbeit wird dokumentiert. Im Laufe des nächsten halben Jahres erscheinen drei Bücher von Oswald Wiener.
Journalistin: Sie waren früher als Literat –
Wiener: Ich habe als Dichter angefangen –
Journalistin: – bekannt und heute nicht mehr.

wiener

Wiener: Naja. Das sind ja nur Rubriken. Das sind ja nur Schubladen. Ich interessiere mich für bestimmte philosophische Aspekte – eigentlich ja eh – des Schreibens letztlich. Ich bin hergekommen von dieser Seite, und wie das gegangen ist, ist in einem Satz zu sagen: Es hat mich als Dichter fasziniert, dass Sprache Wirkung ausübt, und ich hab ganz einfach gefragt: Wie kommt das? Wie ist das möglich?
Stimme: Einige Intellektuelle und Literaten tragen ihr kritisches Österreichbild auch im Ausland an die Öffentlichkeit. Kann sich Oswald Wiener dieser Form der Kritik anschliessen?
Wiener: Wenn einer zu mir käme und sagen würde: Lieber Oswald, du hast doch ziemlich viel gelitten in diesem Land – wir machen jetzt ein Buch – ein kritisches Buch über Österreich – machst du einen Aufsatz – würde ich sagen: Nein, ich arbeite nicht mit – das interessiert mich nicht.

Oswald Wiener über die Idee des selten Gehörten
(…)
es ist sehr schwierig, etwas zu machen, wenn der verstand sehr beweglich ist. es braucht dann keine bewegung der gegenstände. sieh dass die ereignisse deine einsicht nicht festlegen, dass die eine interpretation nicht erzwungen werden kann; dass der verstand grösser als sein gegenstand ist (etwa insofern irrtum möglich ist), und sieh dass nur der gelähmte verstand der wirklichkeit bedarf und der verschiebungen in ihr. er sieht die mechanismen nicht, die vom gegenstand zu ihm führen und kann sie nicht ändern; jede veränderung des gegenstandes führt über starre hebel zu einer veränderung seiner auffassung, und jede veränderung einer vorstellung projiziert er auf den gegenstand. neue formen gehören zu einer strategie, mitzuteilen dass man die alten formen anders verstanden hat. aber mir geht es nicht um kommunikation, sondern um die aufweichung meiner vorstellungen.

Das aktuellste Zitat aus: Die Kritik legt am Boden, zu finden in Vorgemischte Welt von Klaus Sander & Jan St. Werner (2005)
(…)
Wenn wir Konzerte machen, selten gehörte Musik, ist das für mich eine Sentimentalität, damit identifiziere ich mich nicht. Ich habe auch nichts dagegen, aber ich meine, man muss weitergehen, etwas anderes anvisieren, und das kann jeder nur in seiner eigenen Arbeit. Und da geht es dann nicht mehr um alle, sondern nur um die, die das eventuell begreifen können.

parabolisch: griechisch: παραβολή (parabole) „das Daneben-Geworfene“; der Vergleich, v. altgriech.: paraballein = nebenhin werfen, nebeneinanderstellen, gleichnishaft
diabolisch: griechisch διάβολος (diabolos) „Teufel“ von διαβάλλειν (diaballein), was im Griechischen „durcheinander werfen“ heißt. Der Diabolos wirft durcheinander, bringt die Dinge in Unordnung.
hyperbolisch: griechisch ὑπερβολή (hüperbolee) „die Übertreffung, Übertreibung“, (vgl. altgriechisch bállein „werfen“), hyper-ballein „über das Ziel hinaus werfen“ eine rhetorische Figur. Bei einer Hyperbel wird über das Glaubwürdige hinaus übertrieben.

Ein kurzes Nachwort. Die weltweite Auswirkung des Experiments ist bekannt. Zwar stiess der verwundete Planet nirgends einen solchen Schrei aus wie an der Stelle des Einstichs, doch zeigte er durch sein allgemeines Verhalten, dass er eine Ganzheit war. Durch jede Öffnung und jeden Vulkan machte die Erde ihrem Ärger Luft. Die Hekla brüllte, bis die Isländer eine Sintflut befürchteten. Der Vesuv spuckte wie irre. Der Ätna erbrach Unmengen von Lava. Allein in Italien ist CHALLENGER wegen der Vernichtung von Weinbergen zu einem Schadenersatz von ungeheurer Höhe verurteilt worden. Sogar in Mexiko und im mittelamerikanischen Gürtel waren Anzeichen intensiver plutonischer Entrüstung spürbar, und das Geheul des Stromboli erfüllte das östliche Mittelmeer. Die ganze Welt ins Gerede zu bringen, scheint ein Urbedürfnis des Menschen zu sein. Die ganze Erde aber zum Schreien zu bringen - das gelang nur CHALLENGER und niemandem sonst. (Sir Arthur Conan Doyle, WHEN THE WORLD SCREAMED)


(29.3.2009)