"APPROACHING MYSELF AS A STRANGER" VON SABINA HOLZER IM WIENER WUK
Von Heidi Wilm
Ein leerer Raum. Darin: Wörter. Auf je einzelnen Tafeln, die an verschiedenen Orten des Raumes platziert sind, steht schwarz auf weiß zu lesen: „Traum“ – „Braut“ – „möglich“ – „Körper“ – „Tier“. Die Wörter warten. Der Raum wartet. Etwas wird hier passieren. Wie eine Kartografie ist hier ein Weg für das Kommende gezeichnet.
Approaching myself as a Stranger, die neue Arbeit der Wiener Choreografin und Autorin Sabina Holzer, begann mit dem „Plan, sich an die Er/Lebenswelten von Frauen aus dem arabischen Raum anzunähern“, wie es im Programmzettel heißt. Der Performance ging eine längere Recherche voran, in der Holzer mit arabischen, muslimischen Frauen in Wien in Kontakt getreten ist. In Zusammenarbeit mit Jack Hauser (Raumkonzeption) brachte sie vor Kurzem das Feld der Erfahrung, das sich mit diesem Prozess verknüpft hat, in den Projektraum des Wiener WUK.
Die Performerin tritt auf, sie bringt zwei weitere Wörter herein: „Schrift“ und „Sinn“ – auf zwei Seiten einer Klapptafel gedruckt. Nach einer knappen Begrüßung stellt sie sich vor: „Mein Name ist Sabina Holzer, und ich komme aus Europa.“ Gleich zwei Identitätsaussagen, die so etwas wie eine Gewissheit zum Ausdruck bringen, eine Eindeutigkeit und Eigenheit vorgeben: Der Eigenname und die Herkunft als Zuschreibungen einer Identität, myself, das bin Ich.
Doch die Aussage wirkt schon von Beginn an verdächtig, es lässt sich erahnen, dass solche Absicherungen nicht lange währen können. Und sogleich beginnt das einfache Gerüst auch schon zu wackeln, die Eindeutigkeit zu bröseln. Denn dieses Europa, so die Performerin weiter, ist ja eines, das mit solcher Gewissheit noch nie zu bestimmen war. Schon um seinen frühesten Anbeginn rankt sich ein Mythos – die „Verführung“ der schönen Europa durch Zeus – der im Laufe der Jahrhunderte in so zahlreichen Variationen wiedergegeben wurde, dass von Eindeutigkeit keine Rede sein kann. [1] Die Geschichte Europas ist eine Erzählung, oder besser: mehrere Erzählungen, die bis heute immer wieder neu erfunden – und geschrieben – werden.
Das Verhältnis von Schrift und Körper
Worte, die Schrift, der Sinn und das Sprechen – darum geht es hier also auch, und in diesem Stück wird viel gesprochen, sehr viel sogar. Es ist eine Sprechperformance, ein „Selbstgespräch mit arabischer feministischer Literatur & Theorie“. Einige Namen werden im Programm als Autorinnen von Textquellen genannt: etwa die deutsch-iranische Theoretikerin Farideh Akashe-Böhme, Kathy Acker oder die algerische Schriftstellerin Assia Djebar. Doch die Frage nach der AutorInnenschaft verfliegt in dieser Performance so schnell wie die Idee der Gültigkeit von Eigennamen als Identitätszuschreibungen.
Auf der Suche nach der Weiblichkeit in der Schrift schreibt Hélène Cixous einmal, „ein weiblicher Text“ sei „für die Stimme geschaffen“ [2], – und sie entdeckt den Körper als geheimen Grund der (weiblichen) Sprache. So lässt auch Sabina Holzer den Text in ihren Körper ein, wenn sie, die Tafel vor ihr Gesicht haltend, das Wort „Schrift“ in die Lautsprache übersetzt, mit den Lauten spielt, sie langsam zerfließen lässt und schließlich zu Klängen gelangt, die sich dem Arabischen zu ähneln scheinen. Das scheinbar so Eigene „unserer“ Sprache gerät so unmerklich an ein Anderes, ein Fremdes, das so fremd und so anders nun doch gar nicht zu sein scheint.
In dem von Holzer gesprochenen Textgewebe gehen an diesem Abend verschiedene Themen und Stimmen um: Symboliken des Körpers im Christentum, Judentum und Islam werden befragt, die Metaphorik des Schleiers durchstöbert, persönliche Geschichten und Poesie arabischer Frauen klingen an, Derrida und Nancy finden ihren Weg in Holzers Sprechen, wie auch Fragmente von Stammtischkommentaren zu ausländischen Sexarbeiterinnen und Zwangsheirat. Immer wieder werden die Worte dabei zersetzt, in ihrer Symbolik aufgerührt, ins Klangliche geführt und mit arabischer Phonologie durchzogen. Es entsteht eine musikalische Sprache des Übergangs und der Zwischenräume.
De-Platzierungen
Während sie spricht, bewegt sich die Performerin durch den Raum, verrückt die Worte nicht nur im Sprechen, sondern auch die aufgestellten Tafeln. Dazwischen finden sich einige wenige einfache Bewegungen: auf den Boden legen, zur Seite treten, sich umwenden. Kurze, halb-gestische Tanzsequenzen werden nur angedeutet. So entstehen manchmal Verbindungen zwischen dem Gesprochenen und Holzers körperlicher Präsenz im Raum. Nur ganz kurz, ein einziges Mal, vollführt die Performerin eine kleine Bewegungsfolge, die dem arabischen Tanz zu entstammen scheint – um diese abrupt wieder abzubrechen. Ansonsten sind Darstellungen von den zentraleuropäischen Sehgewohnheiten bekannten „Kulturgütern“ des Arabischen auffällig abwesend. Nicht die Repräsentation oder das Imitieren als kolonialistisches Spektakel des „Fremden“ findet hier statt, sondern ein Spurenlegen in ein pluralistisches Feld der Unbestimmtheit.
Einmal verlässt Holzer den Teil des Raumes, der bis dahin als „Bühne“ verwendet wurde, und wechselt in die andere, bisher nicht betretene Hälfte. Für einen Teil des Publikums ist sie hinter einer Säule nicht mehr zu sehen, ihre Bewegungen lassen sich nur erahnen. Die Unsichtbarkeit als eines der Themen des Stücks scheint hier besonders deutlich zu werden: das Unsichtbare, Nichtrepräsentierbare in der Schrift, aber auch die tatsächliche Unsichtbarkeit der Frauen aus dem arabischen Raum in der (zentral)europäischen Öffentlichkeit und den Medien. Approaching myself as a Stranger bringt diese Unsichtbarkeit(en) auf äußerst poetische Weise zum Ausdruck, ohne dabei moralisierend zu wirken. Es ist eine Arbeit, die eine öffnende Geste mit sich führt. Und daher lange nachwirken kann.
Fußnoten: [1] Den populäreren, „männlichen“ Versionen zufolge ist Europa die Tochter einer phönizischen Königsfamilie, die von dem in einen Stier verwandelten Zeus aus dem Libanon nach Kreta gebracht und verführt wurde. Nachdem sie ihm drei Söhne geboren hatte, wurde der fremde Erdteil nach ihr benannt. Andere Interpretationen hingegen gehen davon aus, die Erzählung sei eine orientalische Sage und Europa eine Verkörperung der babylonischen-syrischen Liebesgöttin Ischtar oder Astarte, die oft auf einem Stier reitend dargestellt wird, als Zeichen ihrer Macht und ihrer Weisheit. Demgemäß wäre Europa nicht Sinnbild für den Sieg des Mannes über unterlegene Volksgruppen, sondern eine Figur der Begegnung unterschiedlicher Kulturen in den Ländern dieses Raumes, u.a. der heutigen Türkei und dem Iran, Israel, Palästina, Syrien, Ägypten und Kreta. Europa ist hier Sinnbild einer Kulturbringerin, die aus dem Osten, d.h. dem Orient kommt. Vgl. etwa: Annette Kuhn, „Warum sitzt Europa auf dem Stier? Matriarchale Grundlagen von Europa“. http://www.hdfg.de/pdf/Europa-Handbuch-08_Kuhn.pdf [2] Hélène Cixous: Weiblichkeit in der Schrift. Berlin: Merve 1980, S. 85.
(11.5.2011)
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