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Bekenntnis eines Schuftes

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SCHON WIEDER HABE ICH EINE AUFFÜHRUNG VON JULIUS DEUTSCHBAUER VERSÄUMT

Eine Kopie von Helmut Ploebst


und war dann aber verhindert. „Ich komme“, hatte ich zu Julius Deutschbauer gesagt, nachdem er die Gründungsintendanz-Abschlußpressekonferenz des Tanzquartier Wien - den schlachtplattigen und dantesken Medienabschied der, wie Fritz Ostermayer in seinem großen Werk „Rettet die Mäuse oder Conducting Kafka While Whistling Against Interpretation“ formulierte, „Gareisin“ - allein bestritten hatte. „Verräter“, grummelte Deutschbauer auf die Voicebox meines Mobiltelefons. „Schuft“, murmelten seine Finger auf meinen Mailaccount.

Wieder eine Aufführung von Julius D., die ich nicht gesehen habe. Ganze 24 Stunden sinnlos in diesem Versäumnis verplempert. Wer weiß, was ich da getan habe, wahrscheinlich habe ich mich in einem Allerweltskummer versoffen und bin vor dem Fernsehgerät umgekippt, nachdem ich eine Gemüsesuppe gekocht hatte, die allen Verwandten geschmeckt zu haben schien, nur mir nicht und meinem Buben auch nicht. Der gute Bub, ihm schmeckt ja fast nichts. Vielleicht war es diese pürierte Gemüsesuppe, die mich in eine Unhaltbarkeit und dann in eine Verhinderung hineintrieb, die mir den Aufbruch in Julius Deutschbauers großes „Theater des Verhinderns“ verwehrte, wo ich ganz leicht die Gemüsesuppe mit einem geräucherten Aal von Roman Głowacki hätte neutralisieren können.

Zwei Tage später starb Pina Bausch

Am Samstag, dem 27. Juni in der brut, ab 19.43 s.t. bis Sonntag, dem 28. Juni, exakt 19.45, wo ich endlich wieder in einer anderen Welt gewesen wäre, in einem Aufruhr, einer Klage. Dafür ist zwei Tage später Pina Bausch verstorben, auch das hätte ich versäumt, wenn mich nicht jemand angerufen hätte und gesagt hätte: „Schreib' einen Nachruf.“ Ich habe zwei geschrieben. Mein Soll doppelt erfüllt. Doch das hier ist kein Nachruf, kein Nachruf auf das „Theater des Verhinderns“, dem ich unendlich gerne beigewohnt hätte, um in ihm zu wohnen für 24 Stunden und zwei Minuten. Wie käme ich dazu, das „Theater des Verhinderns“ durch einen Nachruf zu demütigen?

Denn dort hätte ich in mancherlei Hinsicht auch ein Fernsehen gehabt, zumindest den Wetterbericht aus den Abendnachrichten, den ich so gerade jetzt so liebe, weil er immer wieder Regen verspricht. Ich nehme mir den Wetterbericht gerne auf Video auf, und wenn er einmal sehr gut geraten ist, dann schaue ich ihn immer wieder an. Jeden Tag denselben Wetterbericht, manchmal über Wochen hin, bis dieser Wetterbericht ganz und gar in meinem Körper aufgegangen ist und ich wieder Luhmann oder Luca lese, um den Kontakt mit der Welt nicht zu verlieren und um den guten Film auf arte zu versäumen, weil ich die gelben arte-Untertitel nicht verkrafte.

Julius Deuschbauer hat in einer persönlichen Intervention verhindert, daß ich nicht über das „Theater des Verhinderns" schreibe, und er hat mich dazu gezwungen - wie er die „stumme Journalistin", das „sprachlose Fragezeichen", das in der brut von der göttlichen Verena Wiesner dargestellt wurde, gezwungen hat, eine Ganzkörperverhinderung durchzuführen - sein ureigenes Format zu kopieren, mit dem er corpus berühmt gemacht hat: „Schon wieder eine Aufführung, die ich nicht gesehen habe." Nicht ohne Grund ist Deutschbauer dem Vernehmen nach in der Wiener Hofburg - ich habe es nicht mit eigenen Augen gesehen, weil ich verhindert war - auf dem präsidialen roten Teppich Schibob gefahren und hat darauf schwarze Spuren hinterlassen, was vermutlich dazu führte, daß man den roten Teppich jetzt auf seiner Rückseite betritt.

Von der Wiener Hofburg in die Wiener brut

Nicht ohne Grund ist er in der Hofburg die Treppen hinuntergerast in wahnsinniger Fahrt am 8. Juni 2009 abends, als ich ziellos mit dem Zug auf Wien zueilte - um genau das zu versäumen. Doch wie anders hätte ich diese Talfahrt parallel zu der allgemeinen Talfahrt (und ich denke da nicht nur an schifahrende deutsche Politiker oder an Silvio Berlusconi, der das G-8-Gipfeltreffen vom 8. bis zum 10. Juli 2009 in das Erdbebengebiet von L’Aquila verlegt hat, oder gar an all die Krisen und den gemeinen Katzenjammer) würdigen können, als beim „Theater der Verhinderungen“ verhindert zu sein? Natürlich war ich besinnungslos dabei, sage ich jetzt und überlege, welchen Diskurs Julius Deutschbauer hier aufbereiten hätte können, mit seinem ent-setzlichen Personal: der „bildgestörten Auslandskorrespondentin“, der „Totstellerin und Fettschreiberin“, dem „Onlinestalker“, dem „Endlosfragebogen“ oder dem „Puppenficker“, um nur einige wenige Charaktere im Stück zu nennen.

Karl Kraus, sage ich, weil ich, während ich dies hier schreibe, den Film „Kampf der Welten“ - auf arte und ohne Untertitel - versäume: die kolorierte Fassung von 1953. Die letzten Tage der Menschheit. Die Schalek. Der Nörgler. Unlängst hat mich ein Linzer Taxifahrer gefragt, ob ich ein „Krausianer“ sei. An meine Antwort kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich bin ab und zu auch ein Barbara-Krausianer, hätte ich antworten können. Und ich stelle mir vor, daß Barbara Kraus, die österreichische Performerin, in der brut war und sich aktiv an der Verhinderung beteiligt hat. „In Wien ist der Kampf gegen die Kunst so alt wie die Menschheit selbst“, höre ich die chinesische Glückskatze winken, die auf dem Regal in meinem Arbeitszimmer neben ihrer Batterie steht. „Ist Julius Deutschbauer der Karl Kraus unserer Tage?“, frage ich in mein Abwesendgewesensein hinein. Oder war Kraus der Deutschbauer seiner Zeit? Ist das julianische Plakat die karlische Fackel von heute? Hätte ich mich in die „Bandstopfmaschinistin“ verliebt, damals in der brut? Die Glückskatze ist aus purem Katzengold. Sie trägt ein Glöckchen auf ihrer gösserbierdosengrünen Brust.

Sonntag, 28. Juni, vier Uhr morgens. Eine Gruppe höherer Beamter beamt sich in die brut.
Großes Hallo.
Die „Kippenbaderin“ und „Fremdleserin“ (ein und dieselbe Person) torkelt auf sie zu und ruft etwas, das klingt wie „Chez Guevara“ und „Viva la Theaterrevolución!“.
Mischt sich die Auslandskorrespondentin ein, die bis dahin versucht hat, brut-Koleiter Haiko Pfost das Wesen der Ermöglichung durch Verhinderung als österreichische Kulturwirtschaftsstrategie zu erläutern: „Es ist alles aus dem Aal heraus!“
Ruft der „Kugelschreiber“ und „Mitesser“: „Der Tollfuß soll tanzen, der Tollfuß soll tanzen!“
Einer der Beamten hält das - bewußte - Agambenbuch in die Höhe, und die Szene gefriert.
„Seid ihr die Strachentöter?“, flüstert ein brutverschmierter Mund.
Und als Antwort schallt es: „Die Welt ist klein und Allah groß / Im Fernsehen sind wir ganz famos.“
Wolfgang Kralicek, der Theaterkritiker der Stadtzeitschrift Falter, beginnt zu weinen: „Jetzt hab ich schon wieder mein Brechtmittel zu Hause vergessen!“
Deutschbauer springt ihm bei: „Du hast ja mich, Woiferl.“

Wie man sich im Warmen aalt

Die Beamten entpuppen sich zur Erleichterung aller als VolxtheateraktivistInnen, und alles zeigt sich wieder als am rechten Ort befindlich, nämlich im Arsch (was in Wien eigentlich bedeutet: nach unserem Ermessen - egal, was die anderen sagen - in Ordnung, Hauptsache, uns ist's warm, und es muß ja nicht jeder wissen). Endlich wird wie toll getanzt. Der Theaterkritiker vermißt einen „Umschreiber“ und macht Julius Deutschbauer heftige Vorwürfe deswegen. Der schwenkt gelassen eine Schillerlocke in seinem geistgeeisten Veltliner und schweigt beredt. Sonntag mittag: Es wird nochmals Aal gereicht. Eine Messe gelesen - selbstverständlich in Weinviertler Zungenschlag vom „Mühewalter“ DJ Nummernkerl. Der Zusammenhang zwischen Dekadenz und Dekade etymologisiert. Deutschbauer hält eine Lesung aus der Bibel, jüngste österreichische Übersetzung, ganz zeitgemäß ohne die häßlichen und nervenden Details.

Eine Bande enervierter Eltern lädt ihre Kinder in der brut ab, damit sie etwas lernen, das ihre spätere Laufbahn verhindert. Es ist späterer Nachmittag. Das Theater ist erbrechend voll. Der „Wiedergänger“ und „Traumchecker“ reißt ein Mikrofon an sich und versucht, die Welteislehre witzig auf Mölzerdeutsch zu erklären, aber das wird erfolgreich verhindert. Man legt sich statt dessen nieder, aalt sich unter Anleitung des „Mühewalters“ im eigenen Öl. Die Kinder werden aufgeklärt. Der Aal, sagt man ihnen, ist ein glatter Fisch, der sich gut winden kann. Vom Blechtrommelfilm nach G Punkt Grass wissen die Älteren, dass der Aal sich gern am Aase labt. Draußen wartet Wien, die Mutter der Windefische. Es ist 19.45 Uhr. Ich versuche, meinen Buben dazu zu bewegen, sich die Zähne zu putzen. Ich wollte ja eigentlich zum „Theater des Verhinderns“


(7.7.2009)