Bibliothek für Tänzer: Einleitung

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Die Mitglieder des corpus-Redaktionskollektivs sind Schreibende und Kunstschaffende, Forschende, Theorieproduzenten, Pädagogen und Kuratierende im Feld Tanz und Performance. Eine Gruppe, die auch eine Leidenschaft für die Lektüre verbindet. Wir fragten uns: „Wenn wir an zeitgenössischen Tanz denken - was ist heute gut zu lesen?“ Eine schöne, lange Literaturliste entstand. Es hieß: „Wir wollen einen Beitrag von außen!“ Also luden wir Peter Stamer ein, mit beizutragen. Er sagte zu. Die Liste wurde noch gehaltvoller. Auf die Frage, wie das alles zu strukturieren sei, antworteten wir mit Schlüsselbegriffen, die uns wichtig waren: Wissen, Fiktionen, Anatomie, Romantik, Spiel, Absenz, Schwärme und Kybernetik.

Das Ergebnis ist, daß corpus nun eine mehrfach subjektive „Bibliothek für Tänzer“ vorschlägt: 21 Bücher werden besprochen, ein Textprojekt beschäftigt sich mit Druckwerken und Manuskripten, es wird über zwei CD-ROMs und eine Ausstellung reflektiert, weiters gibt es einen Dialog zum Wissensbegriff im Tanz. Das ist Lektüre im erweiterten Sinn. Außerdem findet sich in jedem der acht nach den Keywords gegliederten Textgruppen eine Liste mit weiterer Literatur, insgesamt rund 150 Titeln und Weblinks. Der Publikationszeitraum dieses Schwerpunkts umfaßt 87 Jahre (1920 bis 2007), und die Bandbreite reicht von Brian Massumi über Perry Rhodan und Rudolf von Laban bis zum Pixi-Buch. Wir wünschen eine abenteuerliche Zeit beim - Lesen über Lektüren!

Dem Verzeichnen von Literatur ist Krassimira Kruschkova nahegetreten. Hier ihr programmatischer Text für diesen corpus-Themenschwerpunkt.


Die List der Listen

Unsere Literaturliste könnte als eine Markierung von signifikanten Leerstellen, als Archiv, Revision, Überprüfung der für den zeitgenössischen Tanz und Performance prägenden Spuren und Vakanzen gelesen werden: Als eine Inventur im Modus ihrer Unmöglichkeit, im Wissen um ihre Unabschließbarkeit, eine potentielle Inventur, eine Inventur des Potentiellen, als eine Inventur „in vain“, eine Zuordnungen und Zuschreibungen aufhebende List der Listen. Oder anders formuliert: als eine sich stets destabilisierende, „schwache“ Liste im Sinne eines „teatro debole“, das den Sinn dem Leser überantwortet, oder als eine Art „weak dance strong questions“. Die Liste versteht sich denn auch als eine Navigierhilfe. Sie sollte Buchtitel um bestimmte Bereiche gruppieren, Themenspuren in Praxisfelder verfolgen, deren Vokabulare aufnehmen.

In seinen Anmerkungen zu „Who Can Sing a Song to Unfrighten Me" listet Tim Etchells das szenische „Inventar“ dieser wundersam poetischen 24-stündigen Marathon-Performance von Forced Entertainment folgendermaßen auf: „Hunde, Alphabete, Pandabären, Todesfälle, Märchen, Gruselgeschichten, Tänze und Witze.“ [1] Diese rhizomatische Liste korrespondiert mit Jorge Luis Borges' (spätestens seit Michel Foucaults „Les mots et les choses“) berühmter „chinesischer Enzyklopädie“ [2] mit der parataktischen Subversion jeder Taxonomie. Sie notiert ein Denken des Unmöglichen, ein Rauschen der Bedeutungsschichten, ein Schütteln, ein Beben der Wortebenen, einen Kollaps der geordneten Oberflächen, eine scheiternde Taxonomie des Szenischen, eine Inventur, die vor allem Lücken, Abwesendes markiert, die nicht nur das Fehlende, sondern das Fehlen selbst als Merkmal von Darstellung, als Präsenz der Absenz in Erinnerung ruft.

Die Geste unserer Liste also als einer Inventur im doppelten Wortsinn von Bestandsaufnahme und Invention (von invenire). Die Geste der Inventur ist in diesem Sinne als eine Bestandsaufnahme ihrer eigenen Unmöglichkeit zu denken. Jedes Annehmen, daß die Intentionen und Inskriptionen von Inventuren an einer Abschließung, Endgültigkeit teilnehmen, ist nur falsch vernommen: Die Invention der Inventur findet unter der Bedingung ihrer Unabschließbarkeit statt: als produktives Verfehlen, als konstruktives Fehlen, als Potentialität, als Versprechen. Eine Inventur als Apostrophe, die den inventiven Leser anspricht - im Wissen um all die Auslassungen, in deren Modus sie passiert.

[1] Tim Etchells: „Forced Entertainment. Einige Anmerkungen zu den Arbeiten ,Dirty Work‘ and ,Who Can Sing a Song to Unfrighten Me?‘ und deren Entstehungsprozeß", in: Programmheft zu „Dirty Work“ und „Who Can Sing a Song to Unfrighten Me“, Wiener Festwochen 2000.
[2] Michel Foucault ruft in Erinnerung jene von Jorge Luis Borges zitierte „,Chinese encyclopedia‘, in which it is written that ,animals are divided into: a) belongig to the Emperor, b) embalmed, c) tame, d) sucking pigs, e) sirens, f) fabulous, g) stray dogs, h) included in the present classification, i) frenzied, j) innumerable, k) drawn with a very fine camelhair brush, l) et cetera, m) having just broken the water pitche, n) that from a long way off look like flies‘". (Michel Foucault: The order of things. An Archeology of the Human Sciences. New York 1970, p.xv.)

 

INHALT:

Schwärme, Massen, Multituden
Wissen schaffen über Tanz
Spiel, Satz & Improvisation
Anatomie als Baustelle
Romantische Links
Eros der Absenz
Fiktionen mit Fantômas
Kilgore Trout on Cybernetics