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Biedermeierliche Bewegung

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WIE "SUPER NIGHT SHOT" VON GOB SQUAD EIN EMO-JAHRZEHNT SCHMIERT (GEFÜHLSWAHRHEIT IM WIENER BRUT-THEATER)

Von Helmut Ploebst


Die Zeit ist längst vorbei, in der sich das progressive Theater den Feind Publikum als Vertreter des Establishments zur Brust nahm und ordentlich quetschte oder auflaufen ließ. Die KünstlerInnen erkannten, daß sie viel zu viele Freunde im Publikum hatten - und welchen Sinn macht es schon, Sympathisanten zu peinigen oder zu Bekehrten zu predigen? Bis zu dieser Einsicht hat es gedauert, denn die kritische Kunst hält sich überwiegend außerhalb des Gesichtsfelds ihrer Gegner auf, dort, wo es leichter ist, sich selbst und den Seinen zu versichern, wie politisch man sei und welche ethischen Ansprüche Kunst zu erfüllen habe.

Jetzt ist es soweit. Die Zweinuller-Jahre werden möglicherweise als das Emoperformance-Dezennium in die Theater- und Tanzgeschichte eingehen, in dem die Ansicht gefühlt wird, daß das postdebordsche Spektakel nicht durch Anfeindungen in geschützen Kuben bekämpft werden kann. Endlich also wieder Emotionen. Große EmokünstlerInnen lassen ihren Gefühlen freien Lauf: Anne Teresa De Keersmaeker, Wim Vandekeybus, Meg Stuart, John Neumeier, Jan Fabre. Sie alle berühren die Rührung. Dieser „emotional turn“ brachte auch brillante Arbeiten hervor, unter anderem von Jérôme Bel, der Big Art Group, Forced Entertainment und Superamas. Aber auch reichlich Verkrachtes wie die Werke des Choreografen Felix Ruckert oder der Gruppe She She Pop, die oft den Eindruck schlecht überschminkter Aggression vermitteln.

Kampfstation der Beschaulichkeit

Die Gruppe Gob Squad positioniert sich mit ihrem 2003 entstandenen Stück „Super Night Shot“ in den Kanon der zweiteren Linie. Vier SpielerInnen schwärmen auf die Straße aus, um eine „Instant Video Journey“ zu unternehmen. Ja, die Straße mit ihren echten Menschen, die sich so schön aufs Glatteis führen lassen oder so anrührend wirken. Die Passanten als „Gefahr“, die in die Netze eines Spiels gelockt werden, dessen Spielregeln sich nicht kennen, erheben Performer wie Publikum auf das Podest von Eingeweihten, die nur auf „falsche“ Reaktionen warten, damit die vermeintliche Wildbahn weggelacht werden kann. Das ist der Ausbruch aus den geschützten Räumen beziehungsweise das Hinaustragen derselben auf die Straße.

So wird das Theater zur Kampfstation der Beschaulichkeit, vor allem, wenn mit den Gefühlen des Publikums gespielt werden kann. Es braucht nur die richtige Story, hier mit den an Kommerzfilmstratgien angekoppelten Figuren des Heldentums und der Liebe. „Super Night Shot“ bleibt, und das ist die Falle, in die die Darsteller in aller Schlichtheit tappen, an der Oberfläche ihres Spiels mit dem Medium. Dadurch wird derselbe Effekt erreicht, den das Fernsehen erzeugt, wenn es mit sich selbst spielt, wenn es sich selbst augenzwinkernd auf die Schaufel nimmt (Stefan Raab verulkt Uri Geller, wie heftig!).

Das überwiegend junge Publikum im Wiener brut-Theater ließ sich gerne auf das Podest ziehen, weil es sich schon ganz auf die Emo-Schiene eingestellt hat und weil auch der saturierte junge Westmensch einmal seine schweren Sorgen in fortschrittlich anmutendem Kunstambiente vergessen können will. Und der junge Mario von der Straße, der eine Hasenmaske küssen wird, ist ja ein so Süßer, versteht so herzig wenig Deutsch, ein bisserl schüchtern ist er auch. Ja, wer freut sich denn nicht, wenn er am Ende auf die Bühne kommt und sich verbeugt. Ein richtiger Passanten-Knut (Knut ist das Eisbärkindchen aus dem Zoo, das Deutschlands Medien ein gutes Jahr lang zur Schulze umkomponierten) zum Knuddeln!

Postkartenhafter Tiefgang

Gob Squad schafft es nicht, zu seiner kleinen Gefühlsmaschine ausreichend Distanz zu gewinnen, und im Unterschied zur Big Art Group oder Superamas kann die Gruppe mit dem Projektionsmedium Video nicht umgehen, weder faktisch noch diskursiv. Der Arm des postdebordschen Spektakels reicht gegenwärtig weit in die sich als „kritisch“ verstehende Kunstproduktion hinein. Wer da versucht, auf Gefühlsklaviaturen zu spielen, muß die Einfühlungsgabe von Forced Entertainment haben oder die Intelligenz eines Jérôme Bel, um der Umarmung dessen zu entgehen, dem man sich entgegenzuwenden glaubt.

Kein Zufall, daß „Super Night Shot" parallel zu Stefan Kaegis und Lola Arias' „Airport Kids“ (im Tanzquartier Wien) an seinem postkartenhaften Tiefgang scheitert. In diesem Rührstück wird ebenfalls mit dem Kindchenschema gespielt. Und zwar gnadenlos. Wie schön, daß uns nun auch das engagierte Theater mit Schnulzen versorgt. Die im Kino und Fernsehen reichen schon lange nicht mehr aus. So gewinnt das Wort „bewegend“ eine richtig biedermeierliche Bedeutung.

Nachwehen: Ja, um Gottes Willen, darf Kunst jetzt überhaupt nicht mehr mit Gefühlen kommen, darf sie die Ihren nicht mehr erweichen, vor allem dort, wo sie die vollen Härten ihrer Leben spüren, wenn sie doch um Himmels Willen alle sterben müssen und nur lebenswert hundertzwanzig Jahre werden wollen können, wenn sie einmal vergessen, daß davon ein Drittel in der Geriatrie zu verbringen sein wird, und die Finanzkrise, und der Gasstreit, und die Kriege, und die Umwelt, und das mit den knappen Jobs! Ist es denn nicht recht, das bißchen Wohlgefühl im Theater? Und außerdem, weisen Gob Squad und Kaegi/Arias nicht genau auf die reaktionären Rührstellen an aller Körper hin? Und geben sie trotz dieser Andeutung nicht Kraft auf intelligente Art mit schönen Weisen? Es stimmt: Kinder können auf der Bühne nichts falsch machen, und wenn sie es doch tun, dann fliegen ihnen aller Herzen zu. Kevin, bist du immer noch allein zu Hause?


(11.01.2009)