Blick-Texturen

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ANNAMIRA JOCHIMS SUCHE NACH BILDSPUREN IN MEG STUARTS CHOREOGRAPHIEN

Von Sandra Noeth


Es sind Bild-Prozesse und Blick-Spuren, denen Annamira Jochim in ihrem vor kurzem bei transcript erschienenen Band „Meg Stuart. Bild in Bewegung und Choreographie“ folgt. Die Auseinandersetzung der Kunsthistorikerin und Kuratorin mit dem Konzept von Bildlichkeit und deren verschiedenen Wirkweisen in den Arbeiten der Choreographin ist kunstwissenschaftlich motiviert. Dabei greift sie zentrale Strukturen von Stuarts Methode auf: den Austausch und die Zusammenarbeit mit Künstlern verschiedener Sparten und Disziplinen - Tänzern, Schauspielern, Musikern, bildenden und multimedial arbeitenden Künstlern - ebenso wie die Verwandt- und Nachbarschaften zu künstlerischen Forschungs- und Produktionsprozessen in der bildenden Kunst. Dem folgend sind unter anderem dem Austausch mit dem Videokünstler Gary Hill und dem Künstler Gordon Matta-Clark gesonderte Kapitel gewidmet.

„Das Verbindende und zugleich Differenzierende der Idee des Bildes ist nicht nur methodisch für die Zusammenführung der Künste von Bedeutung, sondern spiegelt sich auch in der choreographischen Arbeit von Stuart: Das Bild - als Bildobjekt und als Vorstellung - ist in den Probenprozessen nicht nur Inspirationsquelle, vielmehr wird der Begriff auch mehrfach von der Choreographin verwendet, um die Tänzer in einen Zustand oder ein Bild in ein anderes zu führen, das Bild bei der Bewegung im Raum mitzunehmen oder diesem zu folgen.“ [1]

Dieses In-die-Nähe-Rücken von bildender Kunst und Choreographie macht wichtige Impulse und Kontexte für den Einfluss von Bildmedien auf Meg Stuarts Umgang mit Körper und Körperlichkeit deutlich. Damit eröffnet es erweiterte Referenzräume für die Diskussion von wiederkehrenden Prozessen und Elementen in Stuarts Choreographien wie zum Beispiel ihren Experimenten mit Medien und Intermedialität, der Arbeit mit Improvisation oder dem Einfluss von Alltagssituationen, Wahrnehmungs- und Repräsentationsmustern.

Mediale Häute

Vier Kapitel strukturieren den interdisziplinär angelegten und intermedial ausgerichteten Text, in denen Annamira Jochim, ausgehend von einem erweiterten Bildverständnis, einzelne Aspekte und Parameter von Bildlichkeit aufgreift: das Zusammenspiel von „Video und Choreographie“, die „Bühnenarchitektur als Rahmung und Blicklenkung“, die Funktionen von „Pose und Affekt“ im Hinblick auf die Zeitlichkeit der Choreographien sowie die „Aufhebung der Zeit / Räumlichkeit von Bewegung“. Beispielhaft führt sie ihre genauen und gut nachvollziehbaren Analysen an den Stücken bzw. einzelnen Szenen von „Splayed Mind Out“ (1997), „Highway 101“ (2000), „Alibi“ (2001) und „Visitors Only“ (2003) durch und spannt damit einen zeitlichen Bogen durch Stuarts Œuvre. [2]

Die einzelnen Untersuchungskategorien entwickelt sie dabei aus den Dramaturgien und Strategien der Bewegungskomposition der Choreographien, indem sie etwa die Gleichzeitigkeit des Verlaufs in Stuarts Arbeiten aufgreift oder an wiederkehrenden Momenten des Innehaltens, des Andauerns oder der Wiederholung von Bewegung ansetzt. Damit stellt sie dichte Korrespondenzen zwischen den exemplarisch diskutierten Stücken her. Im Einleitungsteil wird eine kurze tanzgeschichtliche Einordnung der Arbeit Meg Stuarts vorgenommen, und es werden mit Referenz zum Judson Dance Theater oder zur Schauspieltechnik des „Imaging“ konkrete Einflüsse benannt.

Die Autorin nähert sich den komplexen Medialitäten und Materialitäten in den Arbeiten Meg Stuarts wie einander überlagernden und sich voneinander abtrennenden Hautschichten, ohne sie in den theoretischen Konzepten diskursiv zu isolieren. Sie nimmt die medialen Überblendungen, die dramaturgischen Durchkreuzungen und die Resonanzen von Bühnenwerk und Wahrnehmung, von Arbeitsweise und Betrachterperspektive in den Fokus und richtet ihren Blick auf das Dazwischen aus - auf imaginäre wie konkret beobachtbare „Bildprozesse, (...) die sich in der Bewegung und der choreographischen Struktur ereignen“ [3], auf die Schnittstellen zwischen den Künsten, zwischen Bewegung, Raum und Zeit.

Der Körper als Gastmedium

In der Verbindung von differenzierter Beschreibung und Analyse, eigenen Beobachtungen und Ansätzen aus Bildtheorie, Medien-, Tanz- und Theaterwissenschaft vollzieht sie den Bild- und Perspektivenwechsel und die medialen Übergänge und Übertragungen Meg Stuarts nach, greift in die Blicktextur der Choreographin ein, bewegt sich in ihr und webt sie in einem dichten und zugleich lebendigen Text fort.

Die Blickwechsel - zwischen den verschiedenen Werken, theoretischen und künstlerischen Perspektiven und Textsorten - sind Bildwechsel. Sie fokussieren im medialen Hin- und Herblenden den choreographierten Körper; führen bei der Lektüre an den Kulturanthropologen Hans Belting heran, der den Körper in diesen bildlichen Herstellungs- und Rezeptionsprozessen als „Gastmedium“ beschreibt.

„Die mediale Erfahrung, die wir an Bildern machen (die Erfahrung, dass Bilder ein Medium benutzen), ist in dem Bewusstsein begründet, dass wir unsere eigenen Körper als Medium benutzen, um innere Bilder zu erzeugen oder äußere Bilder zu empfangen: Bilder, die in unserem Körper entstehen, wie die Traumbilder, die wir aber so wahrnehmen, als benutzten sie unseren Körper als Gastmedium.“ [4]

Die Bilder, deren Gastmedium der Körper in dieser Lesart wäre, sind im Fall Meg Stuarts nur bedingt Traumbilder. Vielmehr brechen in der Nähe von Choreographie und Bild-Beschreibung - wie sie sich auch in den theatralen und installativen Arbeiten Stuarts konkretisiert - Leerstellen auf, an denen sich der choreographische Raum als ein Ort kritischer Praxis erweist. Im Ereignis des Bildes, in der Bewegung und in der Reflexion ihrer Zeichenhaftigkeit verdeutlicht die Autorin die sozial-gesellschaftliche Dimension der Arbeiten Meg Stuarts, die im Alltäglichen, im Politischen und in der Verbindung zu den Zusehern liegt. Wichtige Spuren, die aufgedeckt werden und Grundlage sein könnten für ein Weiterdenken des von Annamira Jochim entwickelten Verhältnisses von Bild und Choreographie hin zu dem darin eingelagerten kritischen Potenzial.


Fußnoten:
[1] Annamira Jochim, Meg Stuart. Bild in Bewegung und Choreographie, Bielefeld 2008, S. 11.
[2] Eine Biographie und ein Werkverzeichnis Meg Stuarts sowie eine Bibliographie im Anhang liefern genauere Informationen zu den Stücken und den beteiligten Personen.
[3] A. Jochim, a.a.O., S. 24.
[4] Hans Belting: Bild-Anthropologie, München 2001, S. 29 und vgl. A. Jochim, a.a.O., S. 29.


Annamira Jochim: Meg Stuart. Bild in Bewegung und Choreographie, Bielefeld: transcript 2008.


(04.02.2009)