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DICHTE BESCHREIBUNG, WEICHE BERÜHRUNG, HARTE BEDEUTUNG
Von Franz Anton Cramer
Zum Beispiel so: „Ihr ganzer Körper war in rhythmische Zuckungen verfallen. Unablässig warf sie ihr Gewicht von einem Bein aufs andere. Manchmal war die Erregung so groß, daß der Unterschenkel ungestüm emporschnellte. Den Kopf mit dem langen wallenden Haar stieß sie in unregelmäßigen Abständen nach vorne. Ihre rot flammende Robe blähte sich, wenn die Arme ekstatisch zur Seite stoben. Raunendes Stöhnen erfüllte den Raum, und die regelmäßigen Stöße hatten beinahe etwas Einlullendes. In allmählicher hingebungsvoller Steigerung erschauerte ihr Leib, um dann wieder ruhiger zu werden und den wogenden Wellen sanfter nachzuspüren. Doch ihre Energie war unerschöpflich. Immer wieder warf sie Kopf und Haare vor sich, schlenkerte die Arme und versank in brausendem Zittern. Ihre Brüste bebten, während sie sich so ihrer Bewegung hingab. Es schien sie eine unendliche Lust zu durchströmen, die nach und nach den ganzen Raum, ja den ganzen Globus erfasste. Und jedesmal wenn der Gipfel erreicht und das Geschehen in einem ächzenden Höhepunkt zur Erfüllung gelangt zu sein schien, kam von irgendwo ein neuer Impuls zur Ekstase. Schließlich fiel wollüstig das Dunkel auf die Szenerie, und außer dem fordernd rhythmischen Schlag ihrer nackten Füße war nichts mehr wahrzunehmen..."
Wir sagen nicht, welche Aufführung des zeitgenössischen Repertoires hier beschrieben ist. Sie war aber bereits als Veranstaltung des Tanzquartier in Wien zu sehen.
Der Begriff des Pornographischen hat sich von der bloßen Beschreibung sexueller Handlungen längst entfernt. Schon in den 1980er Jahren sprach man in Frankreich von „pornographie charitable" und meinte damit unmäßig öffentlich inszenierte Wohltätigkeitsaktionen und Spendenkampagnen. Im Zuge der rasanten Entwicklung massenmedialer Wirklichkeitsinszenierungen und der proportional mit ihnen wachsenden Kritik an diesen Formen wurde das Schamlose als Info-Porno an Kriegsberichterstattung, Katastrophenbildern und der allgemein Tendenz geprobt und verfeinert, komplexe Zusammenhänge auf einfache, schockartige und dadurch instinktstimulierende Bilder zu reduzieren.
Dem Ich-Fetisch hingegeben
Pornographie, so könnte man behaupten, ist weniger die Inszenierung von Körpern als gymnastisch-sexuellen Lustmaschinen, sondern vielmehr der Verlust von Subtilität und Unterscheidungsvermögen in der medialen, diskursiven und visuellen Aneignung von komplexen Lebenswelten. Das Viele soll sinnlich verfügbar werden, dem eigenen, ich-fetischisierenden Erleben zugänglich und hingegeben.
Zugleich schiebt sich, wie im genuin pornographischen Film, die Tendenz in den Vordergrund, die Darstellungen immer extremer, immer professioneller und immer tabuloser zu artikulieren. Waren bestimmte Zeigeformen, Praktiken und Inhalte auch im sexuell-pornographischen Film (mehr noch als in der Literatur) womöglich „nicht vermittelbar", so hat sich die Grenze des Erlaubten längst schon als eine immer bewegliche erwiesen. Extreme Praktiken bis hin zu Tötungen sind inzwischen als Datensätze verfügbar (wenn auch nicht problemlos zugänglich). Die Extremisierung von derartigen Erlebnisstimulantien bildet sich in den Debatten um Kinderpornographie oder Gewaltvideos auch gesellschaftlich auf breiter Front ab, wenngleich zumeist folgen- und ergebnislos.
Der Avantgarde ebenbürtig
Insofern könnte man durchaus eine Parallele ziehen zwischen dem Postulat der zeitgenössischen Kunst und Kultur, permanent Grenzen, Konventionen und Formate in Frage zu stellen, um eine andauernde transgredierende Stimulation beim abstrakten und anonymen Betrachter zu erzeugen. Das pornographische Prinzip ist mithin dem avantgardistischen gleichsam komplementär, jedenfalls aber ebenbürtig.
Selbst im Apokalyptischen ist die Schranke des Visuellen gefallen; in James Camerons „Terminator 3 - Rebellion der Maschinen" (2003) wird mit viel Liebe zum Detail der nukleare Holocaust dargestellt. Als Kernspaltungsorgasmus, der gleich einem Cum Shot in immer neuen Einstellungen in ekstatische Länge gezogen werden soll, sieht man das Ende der Welt als eine schier endlose Eruption der visuellen Entladungs-Lust. Denn das Explosive gehört zum (männlich geprägten) Pornographischen insofern streng dazu, als es eines stetigen plus ultra bedarf, um die Verheißung der totalen Sichtbarkeit anzufachen, wachzuhalten und am Ende eben auch zu befriedigen - allerdings nur, um zugleich ein kommendes Mehr zu behaupten.
"proéminences prometteuses"
Und dabei soll nicht nur die Verheißung des Zugriffs gemeint sein, welche aus dem pornographischen Phantasma immer auch die konkrete Stimulation „am eigenen Leibe" ableiten will. Sondern ich meine neben dem Drang der zeitgenössischen Kultur überhaupt, immer nur dasselbe in neuen Reizformen zu konsumieren, die merkwürdige Lust daran, in immer neuen Konstellationen, Konfigurationen und zuweilen auch Konvulsionen tanzende Körper anzusehen. Ist nicht das Begehren, den Blick auf diese eigenartigen Körper zu heften und ihrer im Modus der Sichtbarkeit ganz und gar habhaft zu werden (wissend, dass, wie im genitalen Filmgeschehen, ein ewiges Außen vorgeschrieben, konstitutiv ist), gepaart mit dem Wunsch, das dem Choreographischen zugrunde liegende Modell der Produktion von Bedeutsamkeit den Agierenden gleichsam wie Kleider vom Leibe zu reißen und hermeneutisch so weit in sie einzudringen - in sie vorzustoßen -, daß man an den Gesetzen, den Motivationen, den An-Trieben teilhaben und sich an ihnen zu ergötzen vermöchte?
Jedenfalls könnte der zuschauende Blick weit weniger unschuldig sein, als unter dem Deckmantel des (progressiv Bühnen-)Künstlerischen meist fraglos und voraussetzungslos angenommen. Hinsichtlich der körperlichen Stimulanzwirkungen tanzender Körper (im traditionellen Sinne per definitionem schlanke, jugendliche, kraftvolle, dynamische, ausdauernde, hingebungsvolle, d. h. in einem mainstream-normierten Sinne schöne und begehrenswerte Körper, wodurch zugleich die Kategorie und das Maß des Begehrens und des Begehrenswerten normiert werden) wies Michèle Febvre schon in ihrem 1994 erschienenen „Danse contemporaine et théâtralité" auf die im Ballettbetrieb kultivierten „proéminences prometteuses" hin, die verheißungsvollen Wölbungen des männlichen tänzerischen Personals. Während die weibliche Erscheinung „sagement lissé" bleibe, sorgfältig geglättet; was die spezifische Rollenprägung der klassischen Tanztradition nochmals verdreht: Die (weibliche) Sichtbarkeit soll ent-zeigt werden, während das Männliche im Sinne des Protzenden kultiviert und zugleich als Spekatorisches verachtet wird. Gerade im 19. Jahrhundert als dem ballettösen schlechthin findet damit eine zutiefst paradoxe und damit aufschlussreiche Gender-Verkehrung statt.
Hoffnung einer Freiheit
Nun bleibt die Frage, ob erst ein mehr oder weniger bewusster Blick auf diese körperlichen Merkmale und ein Interesse an ihnen den Verlust der ideell gegebenen signifikatorischen Unschuld bedeutet („just dance, no body" wird zu „you dance, I watch your body"), oder ob dieses als Apriori nicht schon viel früher wirksam wird; André Lepecki jedenfalls verweist in „Exhausting Dance" auf die konstitutive Phallisierung jedes/r Bühnentänzers/in. Das Pornographische wäre dann eben nicht nur eine visuelle Gebrauchsform von fetischisierten Körpern, sondern (auch) eine blickökonomische Setzung. Körper sollen über das Medium der Sichtbarkeit verfügbar werden; aber sie erscheinen und agieren dazu meistens in der Vertikalen. Lepecki hat dafür den entlarvenden Begriff der „erectility" eingeführt, jenen Zustand des Aufgerichtetseins, der im westlichen Verständnis ein körperliches Merkmal des Tanzes zu sein hat.
Doch ist das Pornographische im Tanz als einer Praxis sichtbar gemachter, sichtbar gewordener, sichtbar werdender Körper auch noch viel mehr als nur eine moralische, medien- oder diskurskritische Hilfsformel; es könnte nämlich umgekehrt im pornographischen Appell zur Genießbarkeit von Körpern jene Verheißung enthalten sein, für welche nicht nur der tanzende, sondern letztlich jeder lebendige Körper steht: In aller leiblichen Handlung, in jedem Tun liegt neben der Auslieferung ans Soziale die Hoffnung einer Freiheit begründet, einer Freiheit von allem kanonischen, sichtbargemachten und in seinen Bedeutungen festgelegten Sein. Die Freiheit also zur Neuerfindung innerhalb der Grenzen des Genusses, des Vollzugs, des Performativen. Eines Performativen freilich, das selbst nicht im Akt endet, sondern im Phantasma.
Pornographie ist mehr...
Und auch damit fände es wieder ein gemeinsames Terrain mit dem Tanz, dessen behauptetes Präsens im Künstlerischen, im Ästhetischen, im Bedeutsamen immer auch eine Verschiebung markiert - eine Verschiebung im Ort (der tanzende Körper ist der andere, der, der ich nicht bin) und eine Verschiebung in der Zeit (der tanzende Körper bewegt sich in eine Zukunft, die ihn mir möglicherweise näherbringt, auch wenn ich weiß, daß das nie erfolgen wird; oder die mich ihm näherbringt, oder die meine eigene Körperlichkeit näher an einen imaginierten Zustand - der Lust, der Verausgabung, der Seinsfülle... - führt).
Mit anderen Worten: Pornographie ist mehr als nur eine besondere Inszenierung und Vorführung „des wechselseitigen Gebrauchs der Geschlechtswerkzeuge", wie Kant den Sexualakt so unnachahmlich lustfern definiert, sondern eine Rückkunft, vielleicht auch eine Konstante in der Tanzmoderne: die Flucht nach vorn ins Verfügbar-Verbotene des einzelnen, agilen, triumphierenden und undurchdringlichen Körpers im Zeichen der Kunst. Als Skandalon. Als Widerstand. Als Aufführung. Und als dauerndes Motiv eines exzessiven, donjuanistischen Narzissmus.
Im Porn-O-Ton liest sich das so: „Der störrische junge Kampfstier kapituliert. Und bittet um den Gnadenstoß von der Hand des hellen Torero. Der setzt an und zielt genau. Mit einem einzigen, eleganten Stoß seiner milchweiß schimmernden Hüften fährt sein Degen tief hinein in das willige Fleisch - bis zum entflammten Herz des Besiegten."
(23.4.2007)
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