Brennen für Indien und China

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MICHAEL STOLHOFER ÜBER DIE SALZBURGER SOMMERSZENE 2007

Erstmals in seiner Geschichte ist das sommerszene-Festival zwei benachbarten Weltregionen gewidmet. Vom 21. Juni bis zum 14. Juli bringt das spartenübergreifende Programm Tanz, Theater, Musik, Film, Foto- und Videokunst aus Indien und China in verschiedene Locations der Stadt Salzburg. Im Interview erklärt Intendant Michael Stolhofer, was die Beschäftigung mit diesen beiden Ländern und ihrem aktuellen Kunstschaffen so spannend macht.

 

corpus: Was ist das Interessante an der Gegenüberstellung von zwei so großen und unterschiedlichen Ländern?

Stolhofer: Die Idee ist, zwei Länder, die aus unserer Perspektive gerne als Paar - nämlich als die beiden „Tigerstaaten“ in Fernost - betrachtet werden, auch als Antipoden zu verstehen und sie einander gegenüberzustellen. Einfach gesagt, ist China der Paradestaat des Kollektivismus von Konfuzius über Mao bis heute, während Indien in seiner Philosophie und Religion die totale Selbstbestimmtheit, der totale Individualismus ist. Sicher ist das Thema gewaltig, aber ich denke, man kann ein paar Dinge anreißen und in einem Zusammenhang präsentieren, der Sinn macht. Nicht nur für das Publikum, auch für die Künstler, von denen viele auch persönlich nach Salzburg kommen werden. Sowohl die jungen Chinesen wie auch die Inder wissen sehr wohl Bescheid darüber, was in New York, Paris oder Brüssel gerade läuft, haben aber oft keine Ahnung voneinander. Nicht, dass wir das groß verändern könnten, aber wir können doch versuchen, ein bisschen von diesem bisher vernachlässigten Dialog in Gang setzen.

Die eingeladenen Produktionen unter dem Dach des Titels „Indien China" zu präsentieren ist ein zweischneidiges Schwert. Künstler als geographisch oder ethnographisch zugehörig vorzuführen ist immer eine schwierige Sache. Man hat es ja mit Künstlern zu tun, die sich selbst gar nicht in erster Linie in ihrem länderspezifischen Kontext verstehen, sondern längst im internationalen Kontext gesehen werden wollen. Manche Künstler musste ich überreden, weil sie lieber nicht unter dieser thematischen Ausrichtung auftreten wollten. Und auch mir als Festivalmacher war wichtig, dass alles, was wir zeigen, auch für sich gesehen, ohne diesen Zusammenhang funktionieren muss. Es soll ja nicht zu einer großen Schulstunde über China und Indien werden.

Dokumentarischer Ansatz
in der Kunst Chinas

Andererseits präsentieren wir Dinge, die überwiegend stark Bezug auf die Situation in diesen Ländern nehmen. Alles, was nicht in einem traditionellen Kontext steht, ist zwar von einer globalen Ästhetik, aber über die Inhalte als länderspezifisch zu verstehen. In meiner Beschäftigung hat sich herauskristallisiert, dass zumindest in China die Kunst sehr schnell auf einen inhaltlichen Punkt zu bringen ist. Dabei geht es immer um einen Teil der momentanen Lebenswirklichkeit. Der künstlerische Ansatz hat dort oft etwas Dokumentarisches. Wenn man ein Stück sieht, das sich zum Beispiel mit dem Ehrbegriff oder der Scham im asiatischen Zusammenleben auseinandersetzt, wirkt das aus europäischer Perspektive vielleicht im ersten Moment befremdlich, aber schon im zweiten Moment kann man es doch nachvollziehen.

corpus: Welche Themen dominieren die künstlerische Arbeit?

Stolhofer: Die Probleme, die da angepackt werden, haben mit einer enormen Dynamik und einer explodierenden Lebenswirklichkeit zu tun. Das erscheint manchmal fast übertrieben, aber dort ist eben die Wirklichkeit quasi übertrieben. Aber so spezifisch die Inhalte auch sind, ich glaube, dass man sie im Westen durchaus verstehen kann.

corpus: Und das Kriterium der Verstehbarkeit hat Priorität?

Stolhofer: Unser Programm kann auf jeden Fall ein Brückenschlag sein, denn selbst wenn sich Künstler inhaltlich mit länderspezifischen Gegebenheiten beschäftigen, wählen sie doch eine Sprache, die hier lesbar ist. Ich habe viele Produktionen nicht eingeladen, obwohl sie mir viel gesagt haben, weil sie einen viel umfangreicheren Kontext bräuchten, als ich ihn in so einem Festival zeigen kann. Es werden also Arbeiten zu erfahren sein, die sich unserem Publikum verständlich machen können.

Obwohl ich bis jetzt mehr als 25 Indienreisen gemacht habe, bleibe ich - dessen muss man sich auch bewusst sein - ein Europäer, der mit europäischem Blick auf diese Dinge schaut. Es ist immer bis zu einem gewissen Grad falsch, wie man die Dinge beurteilt - und auch das ist wieder eine Frage der Perspektive, weil man ja auch mit den Augen des Publikums sehen muss, was man da in ein Programm gießen will. Was man zu sagen glaubt, stimmt vielleicht für den eigenen Kontext, hat aber nicht unbedingt mit Wissen um die Sache dort zu tun.

Kein Gegensatz zwischen
Traditionellem und Zeitgenössischem

In vielen Gesprächen habe ich erlebt, dass man sich nicht immer sicher sein kann, ob man von den gleichen Dingen spricht, wenn man mit Übersetzungen arbeitet. Ich habe zum Beispiel lange mit einem Chinesen über Dramaturgie geredet, bis mir jemand gesagt hat, dass es diese Idee im Chinesischen gar nicht gibt. Mein Gegenüber hat geglaubt, ich rede vom Stücke schreiben. Im indischen Gedankenkontext dagegen existiert der Gedanke des Gegensatzes von Traditionellem und Zeitgenössischen nicht. Traditionelles ist für die Inder, sobald es gespielt oder eben benutzt wird, immer aktuell.

corpus: Sind nicht gerade diese fundamentalen Unterschiede im Denken bestens dafür geeignet, die eigenen Begrifflichkeiten zu überdenken?

Stolhofer: Das spielt stark mit. Man kommt mit seinem Denken darüber, wie die Dinge laufen, in vielen Punkten an ein Ende. Da braucht es andere Ansätze. Mit den üblichen formalästhetischen und inhaltlichen Herangehensweisen, die wir nutzen, gerade wenn wir über Tanz sprechen, kann man sich vielem aus diesen Ländern nicht nähern. Man kann nicht Leute wie Jérôme Bel und Gruppen wie Superamas in China suchen gehen, sondern muss sich auf etwas anderes einstellen. Das ist etwas ganz Neues. So ein Festival habe ich noch nie gemacht.

corpus: Das Programm ist interdisziplinär angelegt, und es geht auch über Kunstsparten hinaus, wenn etwa zum Ayurvedischen Essen geladen wird oder zum „asian dinner" in the club. Wie kommt diese Spannbreite zustande?

Stolhofer: Es war schnell klar, dass man mit so einem Schwerpunkt nicht ein reines Tanzfestival machen kann. Wenn man heute auf China schaut, kommt man um die bildende Kunst und den Film nicht herum, und mit Indien ist das ähnlich. Die Beschäftigung mit dem Thema hat für mich so viele Momente mit sich gebracht, die auf spannende Weise einen Teil über die Wirklichkeit dort ausgesagt haben. Und das war eben oft eher ein Gespräch, ein Foto oder ein Dokumentarfilm, nicht unbedingt ein Bühnengeschehen. Eine meiner Leitlinien war es, all diese Erlebnisse und Entdeckungen zusammenzubringen.

corpus: Daraus spricht eine nicht kaschierte Subjektivität des Intendanten bei der Festivalprogrammierung...

Stolhofer: Das zeichnet die sommerszene in ihrer gesamten Geschichte aus: Sie war immer in erster Linie etwas Subjektives. Ich bin überzeugt davon, dass das einzig gute Festival, das man machen kann, eines ist, welches man in erster Linie für sich programmiert. Die Chance, dieses Erlebnis mit jemandem teilen zu können, ist viel größer, wenn man selber dafür brennt, als wenn man es kalkuliert auf jemanden hinkonzipiert. Ich weiß auch gar nicht, wie so was funktioniert.

Essen, kombiniert
mit der Wirklichkeit von heute

Und zu den „asian dinner stories", quasi dem Vorabendprogramm des Festivals: Um 18 Uhr wird dort jeweils ein asiatisches Essen kombiniert mit der Präsentation eines Themas aus der heutigen chinesischen oder indischen Wirklichkeit. In dieser Schiene konnte man viele Inhalte unterbringen. Und es gefällt mir auch deshalb, weil es den Ausgangspunkt bei dem nimmt, was die Menschen am ehesten von Indien und China kennen - das Essen. Das erste Chinarestaurant in Salzburg gab es 1967. Heute sind es unglaublich viele.

corpus: Fernöstliches wie eben ein bestimmtes Essen, aber auch Medizin oder Yoga und Ayurveda sind im Westen heute allgegenwärtig. Aber sind die Kulturen in den vergangenen Jahren einander substantiell näher gerückt?

Stolhofer: Begonnen hat das alles über einen jahrhundertealten, verklärenden Orientalismus mit durchaus auch schönen Zügen, aus dem heraus dem man sich diesen Kulturen widmete. Das wird in unserer Zeit gerne dadurch angereichert, dass man glaubt, fehlende Elemente der eigenen Lebensgestaltung in der Ganzheitlichkeit oder in der Spiritualität dieser alten Kulturen zu finden. Hinzu kommt jetzt, dass sich, mit der enormen wirtschaftlichen Dynamik dort und all den damit einhergehenden Veränderungen in der globalen Wirtschaft, ein mehr oder minder erzwungenes Interesse auf ganz anderen Ebenen ergeben hat. Das sieht man bereits an der Präsenz dieser Themen in den Nachrichtenmedien.

Ob man einander auch näher rückt, ist eine andere Frage. Bis zu einem gewissen Grad glaube ich, dass wir uns Gott sei dank überhaupt nicht ähnlich werden. Ich bin mir aber nicht sicher, ob unsere Enkelkinder das auch noch so erleben werden. Ich habe Indien in den 70er Jahren, also zu einer Zeit kennengelernt, als die Grundvorausetzungen andere waren und man das Gefühl hatte, diese Kultur ist absolut in sich geschlossen und resistent gegen all das, was wir denken und tun. Die indischen Intellektuellen haben durchaus ein Superioritätsgefühl uns gegenüber gehabt. Ihre Philosophie und Lebensart haben sie auf keinen Fall durch unsere ersetzen wollen. Das hat sich aber im Laufe der Jahre zumindest in meiner Beobachtung sehr wohl zu ändern begonnen. Mittlerweise hat jede Slumhütte in Kalkutta ihre Satellitenschüssel auf dem Dach, und natürlich verändern sich so die Vorstellungen und Wünsche, selbst wenn sich die Lebenswirklichkeiten noch nicht verändert haben.

In China ist das noch viel stärker der Fall, weil die chinesische Mittelschicht in erster Linie signalisiert, dass sie diese westliche Kultur für sich erobern will. In Indien ist durch die Religion auch noch eine grundsätzlich andere Wirklichkeit vorhanden. In China, habe ich das Gefühl, geht es rasant. Jüngere Leute erwecken dort den Eindruck, dass Tradition und Religion überhaupt keine Rolle mehr spielen. Teile von China sind heute schon moderner und westlicher als der Westen.

Und dann gibt es wiederum den eklatanten Unterschied zwischen der Lebenswirklichkeit in der Stadt und auf dem Land. In China gibt es über 200 Millionenstädte, aber trotzdem wohnen fast zwei Drittel der Menschen noch immer in ländlichen Gebieten. Und die Vorstellung vom Leben ist eine völlig andere. Wir haben ein ganz außergewöhnliches Projekt zu dieser Problematik eingeladen, das „China Villagers Documentary Project" von Wu Wenguang. Er hat in einem langen Prozess Menschen aud dem Land dazu gebracht, selbst Darstellungsformen für ihre Wirklichkeit zu finden. Mit Videos und Fotos hielten sie das öffentliche Leben ihrer Dörfer fest erzielten und eine Unmittelbarkeit und Authentizität, die eine „professionelle“ Dokumentation nie erreichen könnte. Und auf der anderen Seite präsentieren sich junge Chinesen im Festival, die mit ihren ausgeflippten Sachen die Wirklichkeit in der Stadt ausdrücken.

corpus: In Indien wie auch in China dominieren traditionelle Kulturbegriffe. Wie sind freie Gruppen dort positioniert, und wie werden sie wahrgenommen?

Stolhofer: Alles abseits des Traditionellen ist eine verschwindend geringe Minderheit. Die Kulturpolitik und auch das Kulturverständnis berücksichtigen all das, was wir eingeladen haben, gar nicht. Das offizielle China lässt es zwar mittlerweile gewähren, aber es wird weder der Unterstützung noch der Erwähnung wert befunden. In beiden Ländern, Indien und China, existiert so etwas wie ein offener Kulturbegriff nicht. Man sieht Kultur als etwas, das traditionell und präsentabel ist. Und es ist immer staatlich genehm. Die wenigen unabhängigen Gruppen gibt es eigentlich nur mit Unterstützung des Westens.

Systemkritische Kunst
in den Dörfern

In den 80er Jahren gab es viele Künstler, die ihre Lebenswirklichkeit darstellen wollten. Damals entstanden in der bildenden Kunst viele systemkritische, aktionistische Formen, die leicht herstellbar und flexibel waren. Damit zog man von einem Dorf ins andere. Und das in einem China, das bis heute jede künstlerische Aktion einem strengen Genehmigungsverfahren unterzieht. Wer aber Kontakt nach außen hatte und dort wahrgenommen wurde, war teilweise immunisiert. Auch das war ein Grund für die Bemühungen nach Beziehungen zum Westen. Heute leben viele dieser chinesischen Künstler in Doppelexistenzen zwischen New York, Shanghai und Paris.

In Indien entwickelt sich das ähnlich, auch wenn der Hintergrund ein ganz anderer ist. Dort gibt es kein repressives System, aber ein restriktives kulturelles Selbstbild. Die Inder haben ein Problem mit massiven kulturellen Veränderungen. Neugestalter werden da schnell als Störenfriede gesehen.

corpus: Zum Abschluss - gibt es einen Rat vom Intendanten an sein Publikum, wie es auf das China-Indien-Festival zugehen soll?

Stolhofer: Man sollte sich nicht über die eigenen sozialen Vorstellungen annähern, denn dann könnte man gewisse Dinge nicht auf sich wirken lassen. Auch soll nicht nur der ästhetischen Blick den Maßstab bilden. Man muss in Vieles mit einer Emotionalität gehen und, was den Blick gefangen nimmt, auf sich wirken lassen.

 

Das Gespräch führte Judith Helmer

(17.6.2007) 

http://www.sommerszene.net