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IMAGETANZ II: EIN GESPRÄCH ÜBER
KRÕÕT JUURAK & LAURA KALAUZ, ANTOINE DEFOORT & LOU GALLET,
AGATA MASZKIEWICZ UND MAGDALENA CHOWANIEC
Finger, Zunge,
Wirbelsäule und Schuh sitzen in einem Wiener Café. Auf ihrem Tisch
steht neben Kaffeetassen, Wassergläsern und einem halb vollen
Aschenbecher mit der Aufschrift BRUT ein seltsames Gerät, das aussieht wie ein als Rakete
maskiertes Radio.
Finger: Julius Deutschbauer hat Krõõt Juuraks und Laura Kalauz' Stück „Burning Down the House“ nicht gesehen.
Schuh: Also ist er ein Seher.
Zunge: Ich habe etwas auf Papier mitgebracht, das mir Fred Arctor gestern zugesteckt hat.
Wirbelsäule: Arctor ist aber nur ein Zuseher.
Zunge: Soll ich es trotzdem vorlesen?
Schuh: Aber mit knisternder Stimme, wenn es geht.
Zunge (knistert): „Ich habe es gesehen“, schreibt Arctor. „Ich habe genau beobachtet, wie zwei Tänzerinnen versuchten, in einem rußschwarzen Raum Feuer zu legen, der ,brut‘ heißt. Wie sie keine Streichhölzer mitbrachten, kein Benzin, dafür aber ihre halb geschlossenen und dann wieder aufgerissenen Augen, ihre brandgefährlich harmlosen Stimmen und Gesten, ihre glosenden Worte und ablenkenden, aufstachelnden Aktionen.“
Finger: Ein Poet!
Wirbelsäule: Wer?
Finger: Arctor.
Schuh: Ich habe das auch gesehen.
Finger: Was?
Schuh: Das Stück. Die Tänzerinnen hatten wirklich harmlose Stimmen, aber die Wendung mit den ,glosenden Worten‘ ist dick aufgetragen.
Finger: Ich bin eher für konkrete Hinweise.
Zunge (knistert weiter): Da kommt etwas: „Wien, August 2001. Es war ein wahrscheinlich harmloser Handwerker, der das Dach der Wiener Sophiensäle in Brand gesteckt hat. Flämmen, teeren, schwelen. Es hätte eine Reparatur werden sollen, aber es wurde eine Feuersbrunst - und das letztlich unbewiesene Gerücht, daß die Sophiensäle aus niederen Beweggründen ,warm abgetragen‘ wurden, wie es in Österreich so fein heißt. Zwei Monate später wurde das Tanzquartier Wien eröffnet, und eine Brandstiftung konnte nicht bewiesen werden."
Finger: Beweggründe? Das weist auf Tanz hin.
Zunge: „Wien, März 2008. Die beiden pyromanischen Tänzerinnen heißen Krõõt Juurak und Laura Kalauz. Sie fordern dazu auf, an etwas teilzunehmen, das sie ein ,Burning Down the House‘ nennen. Sie stellen ihrem Publikum vor, wie es wäre, Feuer zu legen und dann Angst zu haben. Verständlich. Denn die Zeit ist reif für diese Arbeit. Im Gebälk unserer Gesellschaft breitet sich knisternd und knackend ein Schwelbrand aus, der von maskierten Biedermännern gelegt wurde. Ich sehe es, werde darüber nichts weiter sagen, weil mir die Geste des Abwinkens auf den Geist geht. Juurak und Kalauz sagen auch nichts Konkretes, sie deuten das Desaster nur an. Diese Andeutung genügt als Verweis auf eine zunehmende Polarisierung.“
Wirbelsäule: Da biedert sich Arctor den beiden an...
Finger: ...und stopft eine Anspielung auf Gesellschaftskritik dazwischen. ,Maskierte Biedermänner‘ klingt nach Verschwörung. Da müßte er schon konkreter werden, so kann man das nicht stehen lassen. Herr Arctor spielt den Boten, den ohnehin keiner hören will: ,Weil mir die Geste des Abwinkens auf den Geist geht.‘ Das ist ungeheuerlich blasiert!
Zunge: Weiter im Text: „Vielleicht muß eine Gesellschaft einsehen, daß ihre Vergangenheiten und Gegenwarten nicht ,bewältigt‘, sondern nur bearbeitet werden können. Die Qualität der Bearbeitung wäre dann der Maßstab für die unerreichbare Utopie der Bewältigung. Ich habe ganz genau gesehen, daß Juurak und Kalauz Politik gemacht haben in ihrem Black-Box-Rußloch. Daß sie eine blau-rote T-Shirt-Koalition eingegangen sind unter dem nationalen Dach, das vor 70 Jahren abbrannte wie die Sophien(=Weisheits-)Säle vor sieben Jahren. Ein Jahr nach dem Brand der ,Sophie‘, wie das Gebäude von den Wienern zärtelnd genannt wurde, spielte Krõõt Juurak mit Meerle Saarva in der Halle G des Tanzquartiers bei ImPulsTanz eine ,Camouflage‘ über das Erscheinen und Verschwinden in jenen schwarzen Backdrops, die sie heute andeutungsweise anzündet.“
Schuh: Der schwarze Vorhang, 1938. Schuschnigg, warum hast du sie verlassen! Jetzt wird gerne Zahlenmystik betrieben: 1848, 1918, 1938, 1968. Für den Wiener Theaterbrand könnte man das auch machen: 1761 geht das Kärntnertortheater in Flammen auf, 1881 das Ringtheater, 2001 der Sophiensälebrand. Fällt euch auf, daß immer 120 Jahre dazwischen liegen? In der kabbal...
Wirbelsäule: Ein bißchen oberlehrerhaft, die Ausführung über das Bewältigen, oder? Das wirkt kontraproduktiv und kommt auch als Willkür im Text daher. Da versucht einer, seine Leser aufzuschrecken.
Zunge: Das ist das Stichwort: „Nun kalauert sie mit Laura Kalauz um das Sich-gegenseitig-Erschrecken. Um Präsenz und Absenz von Angst. Wie sehr muß man sich fürchten, um sich zu spüren? Ich habe gesehen, daß die beiden Angst hatten, aber Theater steckt voll von Angst: Lampenfieber ist eben ein besonderes Feuer. Das des Geschichtenerzählers, dem vor dem Auftritt die Nerven zünden. Und wenn er dann zum Beispiel das ,Märchen von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen‘ erzählt - wie Juurak gegen Schluß von ,Burning Down the House‘ -, muß das Feuer seiner Begeisterung auf die Zuschauer überspringen oder er hat verloren.“
Finger: Das Klangspiel mit ,kalauern‘ und ,Kalauz‘ hätte Arctor sich sparen können.
Zunge: Immerhin ergeben die beiden Wörter nach Abzug des „la, la“ in ihrem Inneren „kauern“ und „Kauz“. Das ergibt das Bild eines eigenartigen Menschen, der sich die Angst wegzuträllern versucht.
Das Gerät (kracht): In der Sprache muß eine Ordnung herrschen, sonst kann sich die Reflexion nicht orientieren! An dieser Stelle sollte besser ein Wittgenstein-Zitat stehen.
Schuh: Das hast du davon. Das Einandererschrecken war jedenfalls eine wichtige Passage in dem Stück, alles nur gespielt natürlich, sogar die Ohrfeige. Der eigentliche Schrecken sitzt ja hinter dem Spiel.
Wirbelsäule: Das Theater wird erst wirklich, wenn es brennt.
(Alle vier lachen)
Zunge: Ich lese den letzten Absatz: „,Das Haus steht noch‘, versichert Juurak, bevor sie sagt, daß die Performance zu Ende ist. Wie beruhigend. ,Burning Down the House‘ ist eine einschneidende Arbeit geworden, die gleichermaßen politische wie ästhetische Lesarten zuläßt. Und es ist eine jener großzügig formulierten Arbeiten, die nur jemand ,übersehen‘ kann, wenn er mit absichtlich geschlossenen Augen im Publikum saß.“
Finger: Demagogisch, demagogisch und nochmals demagogisch! Wer liest so etwas überhaupt? Also, auf einen solchen Text können wir verzichten. Überhaupt alles Verschwendung von Steuergeldern. Gut, daß der Arctor nicht über das ganze Festival geschrieben hat.
Zunge: Er hatte vor, auch über Agata Maszkiewicz zu schreiben. Aber daraus ist nichts geworden.
Schuh: Maszkiewicz ist eher eine Brandstifterin als Juurak.
Zunge: Aber Juurak geht es um eine Erzählung vom Erzählen.
Schuh: Und Maszkiewicz um den Akt des Angriffs.
Finger: Mir sind die jungen Künstler heute zu harmlos und zu verspielt. Dieser ganze Diskurswust. Wer kann das Zeug noch lesen?
Zunge: Na, auf jeden Fall sind die alles andere als harmlos. Eher schon mit allen Wassern gewaschen. Diese Witze, die Maszkiewicz am Ende erzählt, sind das polnische?
Wirbelsäule: Das Stück heißt jedenfalls „Polska. Part 1“. Also lese ich es politisch, als Rammbock gegen den Nationalismus.
Finger: Rammbock, ich bitte dich! Ist das nicht schon wieder etwas, das sich nur an der Sensation aufgeilt? Ich sehe da keine Spur von Kritik. Was wird dem Nationalismus da bitte engegengesetzt?
Zunge: Ich werde doch das Stück nicht vor dir verteidigen.
Wirbelsäule: Doch, Rammbock, das verständlich, wenn du das Video zu Beginn siehst, all diese scheußlichen und peinlichen Unfälle. Scheußlich und peinlich, wie Politik eben sein kann.
Schuh: Ich habe ein wunderbares Video von Antoine Defoort und Lou Gallet aus Lille gesehen. Ein junger Mann und eine junge Frau ohrfeigen einander.
Finger: Ja?
Schuh: Es funktioniert nach dem Prinzip Schuß-Gegenschuß, wie ein filmischer Dialog, aber umgekehrt, du siehst immer das Gesicht des geohrfeigten Partners und nie den „Sprecher“, also den Austeilenden. Und die Geschwindigkeit steigert sich, nicht der Aktion, sondern des Videos, wie ein Bolero oder eine Sexszene.
Zunge: Das ist die späte Antwort auf das ausgestorbene Wort „Beziehungskiste“, à propos 68.
Wirbelsäule: Was wiederum an Magdalena Chowaniec erinnert, wenn sie ein Hirschgeweih vögelt.
Zunge: Großartig. „Hold Your Horses“, die Antwort auf den Neo-Neo-Western. Der Aufbruch der Lolita in die Feuchtgebiete der Performance. Das Sozialstück als Witz über Sozialbetulichkeit...
Finger: Masturbatorisch. Eine Frau, die sich ihre Schokolade selbst reibt, wie Julius Deutschbauer als „einsamer Schlucker“ Marcel Duchamp zitiert hat. Chowaniec spielt die Rache des femininen Fetischs an der Junggesellenmaschine.
Zunge: Eine solche Ebene gibt es auch bei Maszkiewicz, und, wenn ich mir's überlege, auch bei Juurak und Kalauz. Schließlich ist das Theater ja auch eine Junggesellenmaschine.
Das Gerät: Ihre Redezeit ist um. Um mit Jean Baudrillards letztem Satz aus seinem letzten Text zu schließen: „Das Ende ist verschwunden...“
(Kompiliert von Norma Jean Sedlmayr; 6.4.2008)
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