@ CHOREOGRAFIE HÄUTE

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UNTERSUCHUNGEN AM FORMAT "DIE HAUT DER BEWEGUNG" IM TANZQUARTIER WIEN, 2. BIS 6. DEZEMBER 2009. EINE EINLEITUNG.


Kunst funktioniert in wunderbarer Veränderlichkeit anders als die Gebrauchslogiken zur Organisation des Alltags. Letztere werden so gut wie ausnahmslos als ergebnisorientierte Problemlösungsstrategien angewandt. Gebrauchslogiken werden überwiegend von Motivationen getragen, die mit den Eigeninteressen jener vermischt sind, die Lösungen anbieten und umsetzen: politische Parteien, Gesetzgeber, Wissenschaftler, Kirchen und Ökonomen mit ihren Betrieben betreiben daher stets ein Doppelspiel.

Dieses Doppelspiel stellt seine Spieler vor die nicht selten unlösbare Aufgabe, die eigenen Interessen hinter die der Sache, um die es geht, stellen zu sollen. Daher sind die Lösungen von Gebrauchslogikern mit dominierenden Eigeninteressen stets faule Kompromisse, wenig nachhaltig und in der Gesamtbilanz kontraproduktiv. In jener Kunst, die nicht mit dem neoliberalen Spektakel paktiert, gelten andere Voraussetzungen. Sie ist nicht lösungsorientiert, sondern setzt sich in den Widerspruchsräumen der Gebrauchslogik fest, um dort das Paradoxe, das Faule, Verleugnete, Verkürzte, Manipulierte und Gefälschte zu finden, und sie spannt sich außerhalb der Diskursgefängnisse der Gebrauchslogik auf, um die dort vorhandenen Dimensionen der Wirklichkeit erfahrbar zu machen.

In der Gebrauchslogik sollen Begriffe eindeutig sein. Das wäre auch in Ordnung, bestünde dabei nicht dieser innere Konflikt, der fortwährend dazu führt, daß Sprache zur Durchsetzung von Eigeninteressen instrumentalisiert wird. Diese Instrumentalisierung, ihre Voraussetzungen und Konsequenzen entkoppeln heute zunehmend die Administrierten von ihren politischen und ökonomischen Administrationen. Das Mißtrauen wächst, und allenthalben rührt sich Widerstand.

Die pragmatischen Begriffe der Gebrauchslogik verbergen hinter ihrem Gesetzhaftigkeitsanspruch eine geradezu abenteuerliche Korruption. Im künstlerischen Kontext dagegen ist ein Begriff nicht Gesetz, sondern zuallererst Arbeitsmaterial und Untersuchungsobjekt. Er wird befragt, entfestigt, rekontextualisiert und zu einer unpragmatischen Vielschichtigkeit gebracht, ganz besonders, wenn es um einen künstlerischen Begriff geht wie zum Beispiel jenen der „Choreografie“.

Ende 2007 hat corpus eine Umfrage zur Bedeutung dieses Begriffs durchgeführt, weil die Redaktion ergründen wollte, wie KünstlerInnen und TheoretikerInnen der Gegenwart mit der Definition von „Choreografie“ umgehen. Einige Monate später widmete des britische Performance Research Journal eine ganze, schöne Ausgabe (Vol. 13.1., März 2008) dem Motto „On Choreography“. Nun, Anfang Dezember 2009, hat das Tanzquartier Wien die Fragestellung in einer dichten, fünftägigen Kuratierung unter dem Titel „Die Haut der Bewegung“ aufgenommen.

Dieses Format hat corpus nun genutzt, um auf Basis des 50 Antworten umfassenden Materials, das die Umfrage von 2007 erbrachte, die Beiträge aus Theorie und Kunst im Tanzquartier Wien zu beleuchten. Fünf AutorInnen waren an jeweils einem der fünf Tage der TQW-Kuratierung vor Ort, suchten sich aus der corpus-Umfrage Referenzen und analysierten auf dieser Basis ihre Begegnungen. Christine Gaigg, Astrid Peterle, Sabina Holzer, Helmut Ploebst und Elke Krasny bieten in diesem fünfteiligen Thema ihre Lesarten dessen an, was auf die Häute der Bewegung geht. (red.)


(11.12.2009)