Choreographic Platform Austria - Graz 2009

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Von Luce Yfaire


Zwischen dem 30. Jänner und dem 1. Februar lud der steirische herbst in Graz zur Choreographic Platform Austria 2009 (CPA09). Diese drei Tage waren dazu bestimmt, die Karte des österreichischen zeitgenössischen Tanzes zu aktualisieren und der internationalen Tanzgemeinde mit den interessantesten Performances zu präsentieren, die in den vergangenen drei Jahren entstanden sind.

Ein alter polnischer Spuch lautet: I ja tam byłem, miód i wino piłem [1], und wir [2] wollten das folgende berichten.

Teil eins: Die neuen ÖsterreicherInnen

Eine überaus bedeutende, wenn auch in sich differenzierte Gruppe bilden jene österreichischen ChoreografInnen, die sich außerhalb Österreichs entwickelt haben und dann ins Land übersiedelt sind. Sie sind heute fest in der heimischen Szene verankert und treten in allen wichtigen Festivals und Häusern auf, die zeitgenössischen Tanz präsentieren. Sie bringen ihre Arbeit in ihre neue Heimat ein und gestalten den österreichischen Tanzdiskurs zu einem maßgeblichen Teil mit.

Die hierzulande in einem selbstgewählten „Exil“ lebenden KünstlerInnen waren bei der CPA09 durch Superamas, Michikazu Matsune (mit David Subal), Amanda Piña mit Daniel Zimmermann, Christina Medina, Krõõt Juurak, Oleg Soulimenko mit Andrei Andrianov, Anne Juren und Frans Poelstra mit Robert Steijn vertreten. Mit acht von 14 in der Plattform vertretenen AutorInnen spiegeln sie die internationale Struktur der österreichischen Szene wider. Die meisten ihrer Stücke sind zwar bekannt, durch die Plattform wurden sie allerdings in ihrer diskursiven Kraft miteinander verbunden.

Das Kollektiv Superamas zeigte seine Installation „High Art“ und damit eine der wichtigsten aktuellen Positionen der post-anthropozentrischen Choreografie. Matsune & Subal reduzieren in „ONE HOUR STANDING FOR“ das Tänzerische zu einem Dastehen, das den Ort verändert, an dem die beiden Künstler beschlossen haben, Aufstellung zu beziehen. Sie verdeutlichen damit, wie das Sichaufstellen für das typische Touristenfoto ein Tableau vivant generiert: eine Stunde lang stehen bewirkt, dass das Tableau vivant seine Umgebung choreografiert. Piña und Zimmermann lasen die Gedanken des Publikums in „WE“ treffender als dieses sie denken konnte. Medina untersuchte in ihrem Solo „a line drawn“, „wie externe Einflüsse unseren Horizont erweitern oder begrenzen“ (Zitat aus dem Programmheft).

Juurak hob mit ihrer Arbeit „Once Upon“ das choreografische Storytelling auf eine hochdifferenzierte Ebene. Oleg Soulimenko ist nach Österreich übersiedelt, sein künstlerischer Partner Andrei Andrianov (Saira Blanche Theatre) in Moskau geblieben: in ihrer Performance „Distribution of Similarities“ veranschaulichten sie die unterschiedlichen Lebensumstände in ihren Heimaten. Anne Juren führte mit den Französinnen Marianne Baillot und Alix Eynaudi sowie der in Österreich lebenden Polin Agata Maszkiewicz vier weibliche Positionen zu einer „Komposition“ zusammen. Und die beiden arrivierten niederländischen Künstler Frans Poelstra und Robert Steijn ritualisierten gemeinsam ein „How low can you go“.

Teil zwei: Ein Ort der Konzentration

Die erste Ausgabe der CPA, eine Neugestaltung des alten Tanzplattform-Formats, fand 2004 in Salzburg statt und wurde von der Szene Salzburg unter Michael Stolhofer ausgerichtet. Die CPA wird von den wichtigsten österreichischen Veranstaltern für zeitgenössische Choreografie (imagetanz, sommerzene, ImPulsTanz, Tanzquartier Wien, steirischer Herbst und das leider seit Jahresbeginn geschlossene Choreographic Centre Linz/CCL) und corpus - magazin für tanz.choreografie.performance kuratiert. Seit ihrer Gründung sind künstlerische Qualität, Interdisziplinarität, ästhetische Relevanz sowie Vielfalt der choreografischen Methoden grundlegende Kriterien für die plural getroffenene Auswahl der gezeigten Arbeiten.

Die zweite Plattform wurde vom CCL unter Esther Linley im Jahr 2006 ausgerichtet, das trotz geringster Budgetmittel eine hochaktuelle und spannende Struktur zustande brachte. Mit der Grazer Veranstaltung wurde die CPA auf Initiative von Veronica Kaup-Hasler budgetär auf eine wesentlich bessere Ebene gehoben, wodurch es möglich war, den KünstlerInnen und dem Publikum einen so markanten und konzentrierten Ort wie die Grazer Helmut-List-Halle zur Verfügung zu stellen.

Das Format der Choreografischen Plattform ist das Resultat eines neuen Selbstbewußtseins im österreichischen Tanz, dem erst Hortensia Völckers bei den Wiener Festwochen, dann das Tanzquartier Wien unter Sigrid Gareis impulsgebend mit den oben genannten Veranstaltern und die Wiener Theaterreform zusammen mit den KünstlerInnen eine adäquate Struktur schufen.

Teil drei: Die großen österreichischen Kompanien

Die österreichische Tanzszene hat es geschafft, das konservative Streben nach Big Companies zu überwinden. Das alte Tanztruppenkonzept steht in ganz Europa zur Disposition - wegen seiner traditionellen Anbindung an eine einzige Choreografenpersönlichkeit, die aus administrativen Gründen zur permanenten Produktion und zum künstlerischen Kompromiss gezwungen ist und weil große Kompanien finanzielle Verdrängungsmechanismen auslösen, deren Opfer experimentelle Arbeiten ebenso wie NachwuchskünstlerInnen sind. Der Aufstieg der zeitgenössischen österreichischen Choreografie verdankt sich direkt dem Abschied von veralteten und aufgeblähten Apparaten, die heute nur noch Objekte des Begehrens für ein reaktionäres Repräsenations-Kulturverständnis und für planlose Veranstalter sind, die nach der Art eines Quotenhunting Sitzplatzfüller suchen.

Die „große“ Kompanie stellt sich heute nicht mehr als personalintensive Großorganisation dar, sondern durch künstlerische Größe. Solche künstlerischen Größen zeigten sich bei der CPA09 mit liquid loft von Chris Haring („Running Sushi“), Philipp Gehmacher (mumbling fish), der, wie auch Milli Bitterli (artificial horizon), eine „walk+talk“-Performance zeigte. Die vielgestaltige One-Woman-Company Barbara Kraus machte eine ihrer Lieblingsperformances, der Nachwuchs-Shooting Star Doris Uhlich stellte sich, Susanne Kirnbauer und Harald Balluch auf „Spitze“. Die choreografische Größe Christine Gaigg erzeugte mit Bernhard Lang und Veronika Zott ein „V-TRIKE“ ein akustisches Surfbrett für die Tänzerin.

Auf der Grazer Choreografischen Plattform zeigte sich, dass die avancierte Szene heute „die Company“ ist, dass diese KünstlerInnen sich miteinander in best company bewegen (um einen Projekttitel von Milli Bitterli zu paraphrasieren). Da ist kein Platz mehr für ein kunstfernes Retro-Denken, das überholte Formen über zeitgenössische Kunstschaffende stülpen will. So wie der Raum für nationalistisches Denken in der Festlegung, was etwa „österreichischer“ Tanz sei, ein anderer geworden ist. Österreichischer Tanz ist heute polnisch, chilenisch, französisch, venezolanisch, italienisch, niederländisch, kanadisch, russisch, estnisch, japanisch, schweizerisch und mehr - er ist transnational, so wie sich seine Gesellschaft verstehen sollte, die nicht ausgrenzen, sondern in der Gemeinsamkeit stark sein will.


Fußnoten:
[1] Das typische Ende einer Geschichte, paraphrasiert und berühmt gemacht durch Adam Mickiewicz' Werk Pan Tadeusz, Buch XII, S. 862-863: „I ja tam z gośćmi byłem, miód i wino piłem, A com widział i słyszał, w księgi umieściłem" - Und hier war ich also, habe Honig und Wein getrunken, und in Worte gefaßt, was ich sah.
[2] „Plural socialis": In einem Schreibenden stecken viele Autoren.

(15.02.2009)