Danach kommt nichts mehr

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DIE "DRAMA QUEEN" ZOË KNIGHTS BEI IMAGETANZ 2010

Von Hanna Palme


Schreie! Seufzen! Heulen! Schluchzen! So richtig dramatisch stürmt, stampft, rollt, brüllt, kreischt, wälzt sich Zoë Knights eingangs durch den Bühnenraum und schleudert karikierte Assoziationen und überzeichnete Stereotypen des Begriffs Drama Queen in den Zuschauerraum. „Drama Queen“ ist auch der Titel ihrer Soloperformance, die im Rahmen des Festivals imagetanz 2010 in brut Wien erstmals gezeigt wurde.

Die Drama Queen tauchte in ihrer heutigen Konnotation erst im vergangenen Jahrhundert auf und verpasste dem von unzähligen Studien eingepflasterten Mysterium um die (weibliche) Hysterie einen ordentlichen Tritt. Durch die Hollywoodsche Produktion und Perpetuierung von Star-Diven mit dramaqueenesker Attitüde wurde die Hysterie (in gewissem Maße) salonfähig gemacht und konnte sich mit der Zeit unter dem Alibi Drama Queen etablieren. Etwas abgeflachte Abwandlungen der Drama Queen sind heute zuhauf in der Selbstinszenierungsmaschine YouTube zu finden, oder auch in jenem überzogen dramatisch-grotesken Schauspielstil, der in US-Teenieserien Eingang gefunden hat. Ein sich dramatisch inszenierender Mensch wird demzufolge gegenwärtig weniger als psychisch krank denn als enervierend wahrgenommen.

Während die Hysterie immer wieder eingehend studiert wurde, ist die Drama Queen lange ein relativ unbeschriebenes Blatt geblieben. Dies jedoch gehört nun erfreulicherweise der Vergangenheit an! Die australische Choreographin und Performerin Zoë Knights bringt den Begriff Drama Queen, zerteilt in seine ihn konstruierenden Bestandteile, auf die Bühne. Die Anatomie dieser Konstellation wird in mehreren szenischen Bildern choreographisch untersucht, und in ihrem wörtlichen und gestischen Charakter sowohl als Ganzes gesehen als auch getrennt betrachtet.

Zur Anatomie einer Königin

„I am a queen. I have the heart of a lion and the testicles of a bull.“ Nachdem in den ersten Bildern Mozarts dramatische Königin der Nacht aufgetreten ist und in obskur-verschwommenen Szenen Musik und Licht verschiedenste Möglichkeiten der dramatischen Untermalung durchschritten haben, kommt es zum tierischen Begriffsaufstand um die Beschreibung der Anatomie einer Königin. Die Queen wird zerstückelt - oder erst zusammengesetzt - und erhält neben Herz, Bauch, Lunge und Leber auch den Musculus quadriceps femoris und Musculus extensor digitorum longus. Gottseidank.

Es bleibt aber nicht bei einer wörtlichen Beschreibung, und im nächsten Bild wird das königliche Winken entlang des Armes bis in die Fingerspitzen hinauf gestisch zerlegt und untersucht. Der performativ operative Eingriff an der Drama Queen schweift über zu einem ausschließlich auf die Queen fokussierten. Und wenn in der letzten Szene nach minutiösem Überstreifen von Kleidungsstücken schließlich der Kleiderberg Queen vor dem Publikum steht, stellt sich die Frage, ob dieser Kleiderberg mit Halskrause nun als das Drama einer Queen zu sehen ist. Und deshalb Drama Queen. Oder so.

Wenn eine Auseinandersetzung mit dem Körper und seiner gesellschaftlichen Rolle auch in der Gegenwart das Ziel von Performances sein soll, dann macht eine Auseinandersetzung mit dem Begriff „Drama Queen“ durchaus Sinn - insofern, als tatsächlich seine gegenwärtige gesellschaftliche Rolle untersucht wird. Bleibt die Performance dort stehen, wo sie eigentlich erst richtig beginnen sollte, dann verliert auch der wunderschöne Einsatz von Licht und Musik an Reiz und die Zuschauer bleiben ganz in Erwartung von „mehr" sitzen, während die Kleiderschichten wieder abgenommen werden. Danach kommt aber nichts mehr.


(22.3.2010)