Dance (Inside Paper):Session11

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KUNST ALS FOTOGRAFIE. EIN ABEND MIT ZIGOMAR. IN EINEM KINO. ALLEIN.

Composed by Captain Carey in collaboration with the media.

In einem japanischen Kino der 1910er-Jahre. Unmittelbar, nachdem ich einen Vortrag über die Geschichte des Kinos in Japan besucht hatte, ergab sich eine merkwürdige chronologische (oder chronologisch merkwürdige) Serie von Ereignissen. Edisons Kinematoskop kam im November 1896 nach Kobe. Gezeigt wurde Lumiére. Ich wurde erleuchtet. Gezeigt wurde der 15. Februar 1897. Trotz diesem etwas eigenartigen Beginn, der wie eine Spurensuche nach den Ursprüngen oder Ecksteinen der Filmgeschichte in der Zukunft anmutete, liebe Leserin (wenn ich in Verlegenheit bin, wie es weitergehen soll, ist eine solche Füllanrede angebracht) – trotzdem mit anderen Worten, anstatt eine Geschichte des Diskurses zu erzählen, die der Wahrheit eines bereits existierenden Gegenstands „Kino“ langsam näherkommt, sie langsam erkennt, können wir die diskursiv historischen Bedingungen erforschen, durch die das Kino als ein klarer Gegenstand erschien – weniger aufgrund eines allmählichen Aufbaus als durch eine Serie von Brüchen und Wandlungen.
Zigomar wurde zum Mittelpunkt des ersten großen Filmskandals, den die junge japanische Filmwelt erlebte. 1911 unter der Regie von Victorin Jasset für Eclair gedreht, wurde Zigomar von Fukuhôdô nach Japan importiert und in deren Asakusa-Theater (dem Kinry-kan) in Tokyo am 11. November 1911 uraufgeführt. Der rasante Detektivfilm, der unzählige Zusammenstöße des lässigen Verbrechergenies und Meisters der Verkleidung Zigomar mit dem Gesetz beinhaltete, erwies sich bei den japanischen Fans als unglaublich populär. Sein phänomenaler Erfolg und die Reaktionen der Behörden beeinflussten die japanische Kultur zutiefst und riefen eine Reihe von Schockwellen hervor, welche die Art, wie Kino diskutiert und definiert wurde, veränderten.

Der erste Zigomar erhielt eine Fortsetzung, und andere ausländische Produktionen wurden importiert, um aus dem Wahn Geld zu schlagen. Sogar japanische Produzenten begannen ihre eigenen Zigomar-Imitationen zu drehen – mit Werken wie Nihon Jigoma („Japanischer Zigomar“, 1912), Shin Jhigoma daitantei („Neuer Meisterdetektiv Zigomar“, 1912) und Zoku Nihon Jigoma kaishinroku („Die weiteren Abenteuer des japanischen Zigomar“, 1912) – (1912 war ein gutes Jahr) – und trugen viel dazu bei, europäische Techniken wie etwa den schnelleren Schnitt ins japanische Kino einzuführen.
Der Tokyo Asahi Shinbun berichtet, dass vier der größten Filmtheater in Asakusa in der Nacht des 4. Oktober 1912 Zigomar-Imitationen zeigten. Der Wahn breitete sich sogar auf das Verlagswesen aus. Unzählige Romanfassungen der Filme oder darauf beruhende Geschichten hatten wegen ihres Erfolges großen Einfluß auf die japanische Kriminalliteratur. Zigomar war eine landesweite Sensation und stand somit für den Erfolg des Films, wenn nicht gar des Kinos selbst. Tageszeitungen berichteten, dass der Name Teil der japanischen Umgangssprache wurde („So ein Zigomar!“), und Kinder hatten ihren Spaß dabei, wenn sie auf leeren Baugründen ihre eigenen Fassungen des Detektivs Carter schufen, der den flüchtigen Bösewicht jagt.

Manchmal trinke ich zu einem Bier ein zweites dazu.

Wie um die Bedenken, die einige Behörden bezüglich der Gefährlichkeit Zigomars äußerten, zu bestätigen, wurden Gerüchte verbreitet: Es gibt Verbrechen, die nach dem Vorbild des großen großen flüchtigen Großvaters von Fantômas, Zigomar, begangen wurden.
Nahezu als direkte Reaktion auf diese Kritik gibt die Polizei am 9. Oktober 1912 bekannt, dass alle Zigomar-Filme oder ähnliche Produktionen von den Tokyoter Leinwänden gebannt werden.

Aber was ist Zigomar?

zigomar

Zigomar ist das letzte Phänomen der Meiji-Ära.

Eine Zeitung behauptete: „Wenn man Zigomar sieht, kann man es nicht als einen Detektivfilm bezeichnen, sondern eher als einen Film, der das Verbrechen fördert und Verbrecher glorifiziert. Niemand kann die Tatsache verleugnen, dass diese Filme auf ihr Publikum einen schlechten Einfluss haben und es korrumpieren.“

Laut der Zeitung Tokyo Asahi war „der Großteil des Publikums junge Burschen und Mädchen im Unter- oder Mittelschulalter“ – als zukünftige Stützen der Gesellschaft trugen diese natürlich das Hauptaugenmerk in der Schilderung der Einflüsse des Films.

Es muss unterstrichen werden, dass das Problem des Bildes nicht Zigomar allein vorbehalten war – letztendlich war das Kino selbst mehr Thema als dieser eine Text. Zigomar wurde lediglich zum Paradebeispiel eines gefährlichen Trends der Filmindustrie. Auch in anderen Nationen war er zum Problem geworden. Aber jeder Versuch, seiner habhaft zu werden, führte nur dazu, dass er von einem Ort zum anderen zog. So war er nicht mehr auf der Leinwand zu sehen, sondern auf dem Papier, das sich in Büchern befand, und in den Straßen seiner eigenen Stadt auf der ganzen Welt.

Es wurde immer offensichtlicher, dass nicht Schauspieler oder Produzenten und Regisseure Zigomar verwirklichten, sondern Zigomar selbst die Türe der Filmindustrie geöffnet hatte, um ins Licht der Welt zu treten. Aussagen wie „du siehst aus wie ein Filmstar“ oder „ich fühle mich wie in einem Film“, die Berichterstattung von gesellschaftlichen Ereignissen bis zu Attentaten und Vulkanausbrüchen – alles wurde mit ihm in Verbindung gebracht, da sogar die Zensurbehörde ihren Ruf verbessern konnte, wenn sie sich mit einem realen Verbrecher anstelle eines erfundenen Lichtbildes beschäftigte.

Währenddessen saß ich im Kaffeehaus und klebte Papier auf anderes Papier. Bei mir sagte ich: „Bin ich ein Photo von Zigomar?“ Hyperbolischer paranoider Essayismus, stand auf dem Zettel, den mir der Kellner daraufhin schweigend überreichte.

Ich klebte ihn gleich auf.