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Teil I – Einleitung |
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Sicherlich ist er ein Handlungs- und Verhaltensmuster des sozialen Subjekts, eine gestische Kommunikationsform und im Weiteren ein Operationsgebiet auf dem Feld gesellschaftlicher Reflexion. Das wissen wir bereits – und doch bleibt es bis heute eine Herausforderung zu verstehen, was Tanz in Bezug auf seine gesellschaftliche Wirksamkeit eigentlich ist. Vor allem dann, wenn er als Kunstform untersucht wird. Denn während der vergangenen fünfzig Jahre hat der Tanz Formen angenommen, die unerwartet und überrschend waren und bis heute noch nicht allgemein verstanden und akzeptiert werden.
Wie alle kulturellen und gesellschaftlichen Phänomene ist auch der Tanz nicht aus seinen engeren und weiteren Umfeldern zu isolieren. Während viele Freunde des Tanzes bis heute versuchen, „ihrer“ Kunstform eine Art ursprünglicher Reinheit zu bewahren, ist die Wirklichkeit bereits über sie hinweggeschwappt. Vor allem der menschliche Körper und damit unsere Vorstellung von diesem Körper haben sich während der vergangenen Jahrzehnte radikal verändert. Ebenso ist das Verständnis von Raum, Zeit und Schwerkraft ist relativer und komplexer geworden, gemeinsam mit den heutigen Realitäten von Gesellschaftlichkeit. Damit haben sich auch die verschiedenen Kunstformen weiterentwickelt – und corpus meint, dass diese Weiterentwicklung ganz wunderbar ist.
Die Welt ist, sobald die starren Staatsmachtblöcke von einst den flexiblen globalen Wirtschaftsmacht-Monstren gewichen sind, tänzerischer geworden. In Zuge dessen haben wir gelernt zu verstehen, dass wir, wollen wir den Tanz von heute als Kunstform verstehen, auch die ihn kontextualisierenden komplexen Choreografien der aus Kommunikationsflüssen bestehenden politischen Felder erkennen müssen. Der Tanz ist heute so heterogen wie zuletzt in den 1980-er Jahren. Und doch auf eine ganz andere Art. Er hat nun Zugriff auf künstlerische Möglichkeiten, die vor 20 Jahren noch nicht vorstellbar waren, die jungen KünstlerInnen haben ein ganz anderes Selbstbild und sie nutzen den Tanz zunehmend als Methode zur Lektüre der Welt.
Wir brauchen eine Revolution!
Die Heterogenität der Gegenwart besteht aus Kooperationen einander – mehr oder weniger – widersprechender Modelle. Mit den politischen Instrumentarien etwa der Sixties ist dieser Komplexität nicht mehr so einfach beizukommen, und gerade deswegen ist es ganz klar, dass diese Instrumentarien heute wieder von besonderem Interesse sind. Wir befinden uns in der privilegierten Situation, aus den Modellen von einst neue zu bauen, wie zu Zeiten der Avantgarden des 20. Jahrhunderts – nur eben anders, mit den Potenzialen von heute.
Wenn heute der Einsatz aller Kreativität, deren der Mensch fähig ist, eingefordert wird, um damit die Probleme der Gegenwart bewältigen zu können (Sir Ken Robinson), dann ist das ein geradezu revolutionärer Aufruf. Er enthält eine radikale Absage an alles, das dysfunktionale Verhältnisse zu zementieren und inkompetente Autoritäten zu erhalten sucht. Wenn Robinson im Februar 2010 „nicht eine Evolution, sondern eine Revolution“ der Bildung („Education“) fordert, trifft er genau den Punkt, an dem corpus ansetzt, um zu verstehen, was Tanz praktizieren und kommunizieren kann und was die aus dem zeitgenössischen Tanz generierten Denk- und Wissenskapazitäten für die Gesellschaft bedeuten.
Hier ist allerdings eine andere Form der Revolution gemeint als die alten, blutrünstigen und totalitären Monstren es waren, eine Revolution ohne Führer und Waffen, vor allem aber eine Revolution ohne Verlierer. Eine Revolution also, die letztlich vor allem auch jenen zugute kommt, die sich bis zuletzt dagegen wehren. In diesem Sinn ist corpus eine virtuelle Revolutionsgazette, und unter diesem Vorzeichen beginnen wir unseren neuen Themenschwerpunkt „Dancing the Dance“ mit einem Text des in Paris arbeitenden bulgarischen Philosophen Boyan Manchev, der den Titel „Der Widerstand des Tanzes“ trägt.
Zwischen Widerstand und Überlebensstrategien
„Dancing the Dance“ ist – bewusst einsetzend in den letzten Tagen des diesjährigen Festivals Impulstanz – als Untersuchungsreihe am Tanz vorerst auf drei Teile angelegt und bewegt sich damit auf das Erscheinen des ersten von corpus herausgegebenen Buchs „VERSEHEN. Tanz in allen Medien“ (Oktober 2010) sowie auf das nächste Thema zu den Verhältnissen zwischen Tanz und Film, das in Zusammenarbeit mit Thomas Ballhausen und dem Filmarchiv Austria entsteht, zu. Gemeinsam mit dem großen corpusTV-Projekt „CBD A*“, das Teil dieses Schwerpunkts ist und in dem Video-Diskursmaterialien an die Textstruktur angenähert werden, versucht die Redaktion so, Antworten auf eine Frage zu finden, die sie sich vor knapp einem Jahr als Aufgabe gestellt hat: „Was ist Tanz?“ (In Analogie zu der Umfrage „Was ist Choreografie?“ vor drei Jahren.)
Mit Manchev kommt im vorliegenden ersten Teil von „Dancing the Dance“ auch der deutsche Philosoph Marcus Steinweg zu Wort, der einen in eine Performance von deufert + plischke integrierten Text vorlegt. Daran schließen sich drei Interviews an, in denen Künstlerinnen mit KünstlerInnen sprechen: die Performerin und corpusRedakteurin Sabina Holzer filtert in ihrer Unterhaltung mit dem Choreografen und Pädagogen Benoît Lachambre heraus, wo sich die sensibelsten Dynamiken des zeitgenössischen Tanzes bewegen. Und die beiden jungen Tänzerinnen-Choreografinnen Valerie Oberleithner und Agnieszka Ryszkiewicz haben zwei KünstlerInnen aus der Generation über Fünfzig zu ihren „Überlebensstrategien“ befragt: Mathilde Monnier und Frans Poelstra.
Der zweite und der dritte Teil dieses Themas werden im September 2010 erscheinen. Vielen Dank an Impulstanz für seine Unterstützung!
(corpusRedaktion, am 11.8.2010)
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