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Das Erstellen eines Dorfes |
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VIER MAL SECHS STUNDEN THE VILLAGE. ZUR TANZNACHT 2010 IN BERLIN
Von Elena Basteri
Zum zweiten Mal in Folge bricht die Tanznacht Berlin unter der kuratorischen Leitung von Peter Stamer mit der Tradition des bisherigen Konzepts eines „Sichpräsentierens“. Vor zwei Jahren bereits gestalteten Tänzer und Choreografen performativ auf dem Gelände der Uferhallen im Berliner Wedding urige Berliner Wohnwagen zu einem Trailerpark. Schon damals hat Kurator Peter Stamer von der bisherigen Idee vom „one night stand“ der berlinerischen Tanzszene Abstand genommen: Mit dem Vorhaben, durch komprimierte Formate eine repräsentative Stichprobe von einem Tanz made in Berlin zu zeigen, wurde die alle zwei Jahre stattfindende Veranstaltung im Jahr 2000 von der ehemaligen künstlerischen Leiterin der Tanzfabrik, Claudia Feest, ins Leben gerufen.
Der Bruch mit der Tradition scheint in diesem Jahr noch stärker gewesen zu sein: Aus der Gala-Nacht wurde The Village. Peter Stamer hat dafür die Zeitspanne ausgedehnt und den Schwerpunkt auf den Prozess, den Austausch und auf die Relation, statt auf eine öffentliche Präsentation gesetzt. The Village war ein temporäres Dorf von 25 in Berlin arbeitenden Choreografen und Performance-Künstlern, die von Anfang November bis Anfang Dezember in den Uferstudios, den neuen Räumen für Tanz in Berlin Wedding, gelebt haben.
War das ein Dorf?
Ausgangspunkt war der Empfang von acht Choreografen. Sie hatten die Möglichkeit, selbst noch weitere Choreografen für das Dorf einzuladen. Dieses Auswahlprinzip bot die Möglichkeit einer Gegenüberstellung von sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten und künstlerischen Praktiken von jüngeren und älteren Künstlern, bekannten und weniger bekannten Gesichtern. Die Einwohner (u.a. Angela Schubot, Jared Gradinger, Clément Layes, Raffaella Galdi, Ami Garmon, Irina Müller, Anat Eisenberg, Frank James William, Odile Seitz) wurden also engagiert, um in dem Dorf zusammenzuleben und nach dem Prinzip einer geteilten Verantwortung und in demokratischen Entscheidungsprozessen Regeln für die gemeinsame Organisation von Raum und Zeit zu erfinden – mit anderen Worten: um eine Form der „Choreografie des Alltags“ auszuüben. Dies geschah nicht nur in Proberäumen oder während des Tanztrainings – das ebenfalls wichtiger Bestandteil des Lebens in The Village war – sondern ebenso im alltäglichen Leben, zu dem das Schlafen, das Kochen wie auch das Essen zählte.
War dies das Dorf? Vielleicht. Oder besser gesagt, dies ist, was wir uns unter dem Dorf vorstellen können: denn das „echte“ alltägliche Leben des Dorfes haben wir als Besucher, die eben nicht Bewohner waren, nicht direkt erfahren können. Im Zeitalter des Global Village erzeugt die Vorstellung eines Dorfes trotzdem zunächst einmal eine Reihe von Dichotomien: etwa die der Zugehörigkeit und nicht Zugehörigkeit, der Inklusion und Exklusion, von Einwohner und Touristen, von Gast und Gastgeber, von Dorf und Außenwelt.
Wie ist also The Village mit der Außenwelt umgegangen? Warum wurde es von Kritikern und Publikum mit einer gewissen Lauheit begrüßt? War es die Öffentlichkeit, die eine imaginäre Grenze aufgebaut hat, die das Gefühl des nicht Dazugehörens nicht überwinden wollte oder konnte, die nicht großzügig genug war, sich die Zeit zu nehmen, um eine Tanznacht zu erleben, die größere Anstrengungen zur Teilnahme gefordert hat?
Übersetzungen für das Publikum
Oder war das Dorf selbst nicht offen, nicht „authentisch“ genug oder einfach zu wenig interessant, um Gäste in den Wedding zu locken? Das Dorfgelände konnte theoretisch immer besucht werden. Eine offizielle Eröffnung der Pforten fand jedoch mit einer großen „Housewarming-Party“ am 20. November statt. Auf einem riesig langen Tisch, der im Laufe des Abends zum Laufsteg wurde, lernten einander Einwohner und Gäste vis à vis beim Essen verführerischer Speisen kennen. In der Rede einer Bewohnerin wurde in diesem Zusammenhang auch das Wort Translation benutzt. Übersetzung als Methode, als Taktik, um das Leben des Dorfes einer Öffentlichkeit zu vermitteln, um die Komplexität und die Vielschichtigkeit der gemeinsamen Zeit für ein Publikum zugänglich machen. Die für das Publikum „übersetzte Version“ des Lebens in The Village wurde in einem Marathon der vier Tage und Nächte dauerte, vom 2. bis 5. Dezember gezeigt. Das Format der Präsentation wurde nach einem langen gemeinsamen Entscheidungsprozess aller Bewohner entschieden. Dabei haben sie nicht nur versucht vorzustellen, sondern auch darzustellen: die unterschiedlichen Verwandlungen ihrer Gemeinschaft. Der erste Tag, der mit dem Titel We Are –The game von 20 Uhr abends bis 2 Uhr in der Früh dauerte, war als ein Gruppenspiel konzipiert, in dem die Künstler versuchten, sich über die Improvisation der (Körper-)Sprache als Gemeinschaft in der Gegenwart zu definieren: „We are a community! We are performing a community!“, waren die Sätze, die am häufigsten zu hören waren. Am zweiten Tag, betitelt mit We were – The Exhibition, wurden die Zuschauer von den Bewohnern durch das in eine Installation verwandelte Dorf geführt. Dabei ging es um Objekte, Korrespondenzen und Räumlichkeiten, Re-enactment von Spielen und Tätigkeiten der Bewohner, denen die Besucher nachgehen konnten. Zugleich wurden die Bewohner zu einer Art „lebendem Archiv“, dessen Inhalt ausgetauschte Bewegungspraxis und Choreografien war.
Der dritte Tag oder besser die Nacht, mit dem Titel We would have been – A dream Night, welcher von 2 Uhr nachts bis 8 Uhr früh dauerte, war von der Aufgabe bestimmt, die Gemeinschaft des Dorfes in eine Wünschenssphäre zu verwandeln, eine traumhafte, intime Atmosphäre, in der nie verwirklichten Utopien erfüllt werden sollten. Am vierten und letzten Tag: We will be – A Congress About the Future, der von 14 bis 20 Uhr dauerte, empfingen uns die Dorfbewohner um vierzig Jahre gereift, gezeichnet vom Alter und den damit verbundenen Schmerzen und Störungen. Die auf alt Geschminkten beschwerten sich über die großen Einbußen durch den Stopp kultureller Förderungen im Jahr 2030 sowie über die Schließung aller Theater aufgrund des kulturellen Imperialismus der Chinesen. Als Zeichen des bevorstehenden Endes von The Village inszenieren die seine Bewohner Leonardo da Vincis Abendmahl als Tableau vivant. Ein letztes Mal trifft man sich – Bewohner und Besucher – an einem großen Lagerfeuer, um in einem Ritual Kärtchen mit Wünschen für die Zukunft auszutauschen. Die Tanznacht ist vorbei.
Die Spitze eines Eisbergs
Nun bleiben doch einige Fragen offen. Wie kann man sich solch einem Projekt nähern? Mit einem „touristic gaze“? Kann The Village überhaupt mit den üblichen Parametern der Kritiker betrachtet werden? In diesem Fall würde diese Tanznacht jedoch als ein oberflächlicher Versuch der Unterhaltung mit etwas anspruchsvollen Uhrzeiten beschrieben werden müssen. Klar ist aber, dass das in den vier Tagen Erlebte nur als Spitze eines Eisbergs zu verstehen ist. Um das Potenzial des gesamten Projekts erfassen zu können, wäre eine Praxis des Embedding notwendig gewesen. Kurz gesagt, man hätte als Besucher in das Dorf einziehen müssen! Allerdings hat nicht jeder Besucher diese Möglichkeit...
So bleibt denen, die Besucher blieben, sich durch die mal enthusiastischen, mal erschöpften, mal widersprüchlichen, mal einstimmigen und immer auch sehr subjektiven Geschichten der Bewohner einen Insider-Blick in das Dorf zu verschaffen: Sie erzählen von einem Erlebnis, welches grandios und schwierig, einzigartig, anstrengend und aufregend zugleich sei. Sie erzählen von endlosen Diskussionen, um sich als Community zu definieren, von Entscheidungen, die auf demokratischer Grundlage getroffen werden sollten. Sie erzählen von der Verhandlung, von der Spannungen zwischen dem Individuum und der Gruppe, von der Schwierigkeiten das eigene narzisstische Ich zu bewältigen, um den eigenen Raum zu kämpfen. Sie erzählen von dem Erlernen einer anderen Körperpraxis, von den Vorbereitungen eines viertägigen öffentlichen Events, das zwar wie ein „elephant in the room“ wahrgenommen wurde, zugleich aber auch als Geschenk, als Pflicht der Gastfreundschaft gegenüber einem Publikum. Sie erzählen von dem Kurator, der zum Künstler und Mitmacher wurde und von dem Künstler, der als Co-Kurator wirkte. Und sie erzählen von tausenden Fäden und Fädchen, die im Laufe der Wochen zu einem gemeinsamen Ariadne-Garn versponnen wurden.
Diese Tanznacht The Village lässt sich als eine Übung von Community betrachten: We are a community; we are performing a community. Eine Gemeinschaft von Künstlern, in der eine neue geteilte Arbeitsmethode erfunden werden sollte. Sie haben sich auf eine Art Suche begeben, eine riskante Suche nach einem neuen Format. Kann eine solche Übung überhaupt als erfolgreich oder gescheitert benannt werden? Die Auswirkungen zwischen den Dorf-Bewohnern sind unsichtbar, verstreut und unvorhersehbar. Und für uns die Gäste? The Village war vielleicht eine Übung von Bricolage, die uns durch die Sammlung von Erlebnissen, Eindrücken, Fragmenten und Geschichten zum Imaginären einer Gemeinschaft gebracht hat.
Übersetzung: Mariama Diagne
(19.12.2010)
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