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Das ganz große Bambiland

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CLAUDIA BOSSES TRAGÖDIENPRODUZENTEN MIT DEM THEATERCOMBINAT, TEIL 4

Von Judith Helmer


Die vorbeieilenden Passanten am Schwarzenbergplatz staunten am vergangenen Mittwoch nicht schlecht über das, was ihnen dort entgegenschallte. Aus zwölf Lautsprechern, allesamt auf Kofferwagen geschnürt, deklamierte die Stimme Anne Bennents Jelineks Text „Bambiland“. Performer-Lemminge im Alltagsgewand, aber mit weißen Sturmhauben maskiert, schoben die Wagen über den Platz und unter die dort versammelten Menschen.

Fetzen des eindringlichen Ich-Erzählertextes, pointiert artikuliert und in chorischen Schichten überlagert, drangen an die Ohren der Passanten und machten sie zu Zeugen des Sprachstroms. Die Art, mit der Bosse den Text in der After-Work-Rush hour in den Stadtraum trug, erinnerte beklemmend an die Art, wie die Bilder des Zweiten Golfkriegs 1990/1991 über die weltweiten Nachrichtenkanäle in bis dahin unbekannter Gleichzeitigkeit und Präsenz in die Wohnzimmer der Menschen vorgedrungen waren (weil das Militär die Angriffe mit den Medien synchronisierte). Der Fluß läuft beständig, doch der Rezipient steigt immer wieder ein und aus, kann Jelineks Bezugspunkte erkennen oder verliert den Rahmen. Doch das Objekt ist in jedem Fall zu komplex, um in dieser Weise im Sinne eines vollen Verständnisses aufgenommen zu werden. Wie die 24-Stunden-Nachrichtenformate den Zuschauer überfordern, so tut es auch ganz bewusst diese Inszenierung des Textes, dessen Konstrukt aufgelöst wird.

Es gibt nur den Chor

Bosse ist interessiert an der modernen Produktion von Tragödien und blickt dementsprechend auf den Text Jelineks, dessen Vorlage wiederum „Die Perser“ von Aischylos waren - das Stück, das Bosse im Juni dieses Jahres in Braunschweig als großes Chorevent mit 340 BürgerInnen auf die Bühne brachte. Die Performer bewegen die Stimme in vorgeprägten Rhythmen und Mustern über den Platz, ohne als Individuen in Erscheinung zu treten. Sie sind eine stumme Masse, die der Stimme einer Anderen Raum geben. Es gibt keine Protagonisten, nur den Chor. Das souveräne Individuum oder die durch eine Position mit Kompetenzen ausgestattete Instanz gibt es nicht. Und diese Leerstelle ist deutlich spürbar. Der Bezugspunkt für den Zuhörer - ob zufällig passierend oder durch die Einladung synchronisiert wie die Nachrichtenmedien im Golfkrieg - ist ein nichtautorisierter, unbekannter, sich nicht ausweisender.

Im Herbst 2008, in den letzten Wochen vor der US-amerikanischen Präsidentschaftswahl, nach der feststehen wird, wer George Bush im Amt folgen wird, inszeniert Bosse den historischen Text (denn Jelineks politischer Referenzrahmen, die Regierung Bush von 2003, ist inzwischen Geschichte, wie einem bei der Deklamation am Schwarzenbergplatz deutlich bewusst wird) im Stadtraum von Wien an einschlägigen Plätzen als Countdown auf die Wahl hin. Unter dem Russendenkmal am Schwarzenbergplatz ging es los, setzt sich danach, die Stadt unterlaufend, auf den beiden Seiten des Donaukanals fort, wandert zum ehemaligen Flakturm im Esterházypark, weiter zum Gefechtsturm Arenbergpark und in den Gemeindebau, bevor am 4. Oktober der Schwarzenbergplatz am US-Election day die verschiedenen Bambiland-Settings vereint sehen wird.

Autoritärer Zugriff auf das Theater

Claudia Bosse, die hinter dem künstlerischen Großprojekt und seiner sich über verschiedene Städte und Jahre spannenden Umsetzung steht, verliert bei der großen Dimension nicht den Blick für die Details. Ein „Partiturauszug“ der Textvorlage, nach der Bennent den Text eingelesen hat, zeigt, dass Bosse die Artikulation jedes einzelnen Buchstabens geplant hat. Die Parabolspiegel, aus denen die Lautsprecher konstruiert sind, sind nicht nur in Umkehrung ihrer üblichen Funktion - anstatt Bilder einzufangen, senden sie Sprache aus - gedacht, sondern ermöglichen auch eine technisch perfekte Umsetzung der zielgerichteten Beschallung des Raumes. Die Performer folgen einem genauen Ablaufplan, selbst wenn die Projekte sich über Stunden hinziehen. Extrem autoritär ist also Bosses Zugriff auf das Theater. Sie installiert sich in der Position derjenigen, in deren Hand alle Fäden zusammenlaufen, und so ist es auch nur logisch, dass sie selbst unter den Mitwirkenden ist. Aus dieser starken Haltung speist sich die Dichte der Arbeit. Obwohl auf einem öffentlichen, großen Platz, der reichlich Ablenkung bietet, aufgeführt, verliert „Bambiland“ auch über Stunden hin nie an Konzentration.

Auch die Haltung dem Zuschauer gegenüber ist eine erstaunlich autoritäre. Den Zufallsmöglichkeiten des Settings wird konsequent entgegengearbeitet, und die permanente Adressierung des Zuschauers lässt der Möglichkeit des Ereignisses keinen Raum zum Atmen. In diesem Punkt sticht Bosses Arbeit besonders deutlich aus dem Fluss des derzeitigen Performanceschaffens hervor. Wo dort ein aktiver Rezipient proklamiert wird, der sich seiner Rolle im Entstehen der Aufführung bewusst ist, ja, dem als Zeugen und durch sein teilnehmendes Zuschauen eine Verantwortung an dem Geschehen auf der Bühne zugeschrieben wird, wird bei Bosse ein passiv aufnehmender Zuschauer-Lemming evoziert, der genauso wenig wie die genauestens instruierten Performer aus seiner vorbestimmten Haltung ausbrechen kann. Außer, er geht weg und unterbricht den Sprachfluss wie der Fernsehnachrichtenzuschauer, der den Ausknopf findet. Das macht die Arbeit von Claudia Bosse so beklemmend.


(20.10.08)