Das Staunen der Madame de Genlis

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SUPERAMAS PRAKTIZIEREN IN "CASINO VIENNA" DIE RENAISSANCE DER TABLEAUX VIVANTS

Von Judith Helmer

Madame de Genlis hätte vermutlich nicht schlecht gestaunt, hätte sie die jüngste Arbeit Casino Vienna des französisch-österreichischen Künstlerkollektivs Superamas gesehen, die vom 19. bis 21. Oktober im Wiener Tanzquartier gezeigt wurde.

Die Erzieherin der Kinder des Herzogs von Orleans hatte gegen Ende des 18. Jahrhunderts zur Belehrung und Unterhaltung ihrer Zöglinge Darstellungen von Werken der Malerei und Plastik mit lebenden Personen arrangiert und damit die Kunst der Tableaux vivants (frz. lebende Bilder) eingeführt.

Was einst große Mode an europäischen Fürstenhäusern war, erlebt nämlich bei den Superamas eineImage Renaissance. Doch sind es nicht Werke der Hochkultur, die nachgestellt und damit auf praktische Weise analysiert werden, sondern der ganz normale Trash unserer (bzw. im Fall von Casino vor allem der amerikanischen) Alltagswelt. Vier Cheerleader, die jedes Klischee und viele (Männer-)Phantasien erfüllen, bereichern dazu die Kerngruppe der Superamas.

Wie für einen gelungenen Tableaux vivants-Abend selbstverständlich, verbinden sich auch in Casino Vienna Unterhaltung und Belehrung zu einer untrennbaren Einheit. Doch anders als bei dem historischen Vorbild geht Imagees hier nicht um die Erbauung, sondern um die Zerstörung. Die dargestellten Bilder werden nicht glorifiziert, sondern als sexistisch, diskriminierend, dumm und zugleich zutiefst menschlich bloßgestellt. Filmausschnitte billiger Hollywood-Produktionen mit so dürftigen wie dramatischen Dialogen, sentimentale Songs und sexuell aufgeladene Posen sind das Material der lebendigen Ausstellung, in der der Zuschauer herumwandelt wie in einem Museum des Grauens. Und das Grausamste: Es macht so verdammt viel Spaß, diese schönen Menschen anzuschauen, diese schnulzigen Lieder zu hören (wobei sich auch eine Mozartsche Donna Anna-Arie ohne Probleme einfügt, wenn die Darstellerin nur übertrieben genug grimassiert) und im Takt der flotten Disco-Nummern mitzuwippen.

In dieser Ambivalenz liegt die Stärke der gelungenen Superamas-Arbeit. Sie stellt etwas aus, ohne es zu bewerten (abgesehen von der natürlich sehr wohl kommentierend wirkenden Rahmung). Und so bleibt es dem Zuschauer überlassen, dem Wirrwarr der Gefühle, die diese extrem künstlich hergestellten Klischees trotz allen Wissens um ihre manipulative Intention hervorrufen, eine eigene Ordnung zu geben.