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WIE "DIE ZEIT" EINE KUNSTFORM VERSCHAUKELT
Von Helmut Ploebst
Einen „Essay über Schein und Sein auf der Bühne“ publiziert die Hamburger Zeitschrift Die Zeit in ihrer aktuellen Ausgabe vom 17. September 2009. Der Autor wirkt selbst als Regisseur und hat an einigen deutschen Theatern, in Zürich und in Paris - wo er auch lebt - gearbeitet: Benjamin Korn, Jahrgang 1946, ist nebenberuflich ein Essayist, der dem arroganten und bösartigen Politspektakel des Präsidenten François Sarkozy seiner Wahlheimat Frankreich verdienstvoll feurige Texte entgegensetzt.
Das hindert ihn aber leider nicht daran, einen Theaterbegriff zu bemühen, der mit geradezu abenteuerlich konservativen Klischees durchwachsen ist: „Die Welt ist ein Ort der Intrigen und Schandtaten. Es ist Aufgabe des Theaters, die Verbrechen der Menschheit aufzuspüren und öffentlich anzuprangern. (...) Das Theater ist ein Ort der Wahrheit, ein Nordstern, den wir nie erreichen, aber an dem wir unseren schwankenden inneren Kompass neu orientieren können, nicht Lüge, sondern Erhellung.“
Der derart idealistische Autor hat die Schlechtigkeit der Welt erkannt. Das ist einnehmend. Doch er schreibt in seinem Text stets vom „Theater“ als Kunstform und von Schauspielern (definitiv im „,Zustand der Gnade‘“), also den Repräsentationsfiguren des Theaters, aber in keiner Zeile von den RegisseurInnen, die in der Bühnenkunst denn doch auch eine nicht zu verleugnende Rolle spielen. Ohne sie zu erwähnen, macht der Regisseur-Autor die Regieperson, die bei jedem Stück verantwortlich zeichnet, zu einem Übermenschen. Zu einem, der diesen Überort der „Wahrheit“ schafft, den unerreichbaren „Nordstern“ - gut, daß Deutschland dem so nahe ist - projiziert, zu einem Über-Ich, das sich kriminologisch und anwaltlich ermächtigt, „aufzuspüren“ und „anzuprangern“. Der Regisseur, diese beredte Auslassung in diesem Essay, wächst zu einem Schulmeister, zu einer weltdeutenden Autorität. Und das Publikum, von Korn des Öfteren predigthaft mit „wir“ eingemeindet, wird zum Volk, dem von diesem Meister aus Deutschland die Leviten gelesen werden muß: „Und wir, die Zuschauer, die wir alltäglich vertuschen, lügen, heucheln, haben [im Theater, Anm.] eine wunderbare Lektion erhalten (...).“
Die Reinigung im Theater
Das ist erstaunlich, und verblüffend weit von einer doch sehr verbreiteten Theaterpraxis entfernt, die gerade eine solche Hierarchie vermeiden will. Korns Theater ist eine Anstalt, die von armen Sündern besucht und von begnadeten Lichtwesen bevölkert wird, die etwas spenden, von dem wir dachten, es gehöre bereits zum Sondermüll der Kunstrezeption. Dieses Abfallprodukt eines autoritären Künstlerverständnisses heißt Katharsis.
„Das sehr viel tiefere als nur philosophische ,Erkenne dich selbst‘ des Theaters kommt beim Zuschauer nicht nur durch einen puren Verstandesvorgang zustande, sondern durch ,innere Reinigung‘: Katharsis.“ Das Theater wird, wozu die sakralbauhafte Innenarchitektur von Theaterhäusern durchaus verführen kann, zur Kirche. Und der Verstand wird wider mögliches besseres Wissen von der ihn bekanntlich bedingenden Emotionalität geschieden. Was passiert also an diesem großartigen Ort? „Der Zuschauer scheidet seine bösartigen und destruktiven Empfindungen und Impulse gleichsam körperlich aus...“, nein, nein, nicht in den Stuhl, sondern „...durch Weinen und Lachen (...) und der Verstand ist dabei Zeuge".
Um Gottes Willen! Wir, also „wir“, schmutzige und daher zu säubernde Meute, die, verfolgt von unseren Sicherheitsabstände wahrenden Verständen, geraten in reine Zustände. Tränenaufgelöste Auditorien in deutschen Stadttheatern, Brandstifter, die über Regiesegnungen zu Biedermännern geläutert werden! Und der Verstand schaut aufmerksam zu, so eben als Publikum des Publikums. Das letztere nämlich sei nach Korn getragen „von der kindlichen Bereitschaft, sich in eine andere Welt hineinschaukeln zu lassen“.
Es ist wohl anzunehmen, daß Korns Verstand Zeuge bei der Ausscheidung dieser Formulierungen war, die denselben sichtlich in eine Kindlichkeit geschaukelt hat. Nicht, daß diese Worte nicht anrührend wären, doch sie haben auch eine durchaus abgründige Seite. Denn Korns Auffassung von einem unmündigen Zuschauer, der sich da (ver)schaukeln lassen soll, paßt perfekt in die Ideologie der von Adorno über Debord bis in die Gegenwart scharf kritisierten Kulturindustrie.
Der unendliche Spaß des Glaubens
„Der Zuschauer glaubt nur zum Spaß“, so versucht der Autor einer derartigen Verdächtigung vorab einen Riegel vorzuschieben. Aber tut er das nicht auch, wenn er sich einen Werbespot oder einen Hollywoodfilm anschaut? Und die sind wesentlich besser im Erzeugen von Mitempfindungszähren als das Theater. Jede Soap zieht mehr Publikum in ihren unendlich spaßigen Bann als alle Shakespeare-Aufführungen der Geschichte. Das Theater in seiner Funktion als Parallelstrategen im Emotionsgeschäft darzustellen, heißt, das Theater in die Position eines Wettbewerbs-Losers hinzustellen. Das ist doch einigermaßen ungerecht.
Erhellend kommt hinzu, daß Korn von einem „Welttheater“ schreibt und als Beispiele ausschließlich europäische Autoren - und wirklich nur Männer - anführt. Die Welt in der Theaterideologie in Die Zeit ist patriarchal eurozentristisch. Da scheint nun der Verstand sowohl des Autors als auch der Redaktion deutlich Abstand von der Wirklichkeit genommen zu haben. Schließlich wird dieser Essay „zum Beginn der neuen Spielzeit“ als paradigmatisches Statement vorgestellt. Das ist kein Versehen mehr, sondern ein entlarvendes Dokument zur Kunstideologie des Mediums selbst.
Sicherlich haben Korn und das titelgestaltende Medium recht mit der Behauptung der Headline, daß das „Theater (...) keine Lüge“ sei. Aber die Auffassung von Theater, die hier vorgestellt wird, ist verlogen, exkludierend, ignorant und diskriminierend zugleich. Dazu paßt die verstiegene Phantasie des Autors über seinen Geschäftsbereich: „Das Theater ist die höchste aller Künste, denn es spielt sich parallel zur Lebenszeit der Menschen ab.“ Als ob es einen Wettbewerb der Künste um das höchste Amt gäbe und als ob das Theater, das Korn durch seine Beispiele definiert, die einzige Live-Kunst wäre...
Kunst in wenigen Milliarden Jahren
Dazu paßt gut, daß der „Essayist“ am Ende seiner Auslassung (im doppelten Sinn des Wortes) noch philosophisch zu werden versucht: „In wenigen Milliarden Jahren...“ - huch, so bald! - „...wird der Erdball in der Nacht versinken...“ - in Wirklichkeit wird ihn die Expansion der lichtspendenden Sonne verbrennen - „...und alle Kunst mit ihm.“ Man stelle sich vor, daß „wir“ fortan durch Milliarden Jahre hin mit Korns kathartischer Schaukel leben müssen. Oje. Und weiter: „Nichts auf Erden ist ewig.“ Der reinigungungsmittelhafte Ansatz dieser fundamentalen Erkenntnis ist deutlich zu spüren, vor allem, wenn der Verstand als Zeuge genügend Abstand hält. „Wir sind vergänglich, das Leben ist ein Schiffbruch, real ist nur der Augenblick." Bamm! Vor einem so theatralischen Satz müssen „nur philosophische“ (siehe oben) Erkennungen von Kleinkrämern wie Kant, Nietzsche oder Foucault wohl in „der Nacht versinken“.
Korn sei Dank lernen die vorher dumpf gewesenen LeserInnen seiner luziden Abführungen: „Das Theater hebt uns diese simple Wahrheit ins Bewusstsein, belacht und beweint sie.“ Und die nun nasse Logik dahinter: „Alle Menschen lügen. Nur die Schaupieler (...) nicht, da jeder weiß, dass sie eine Rolle spielen.“ Also sind Schauspieler keine Menschen, die ja auch keine Rollen spielen. Wenn das nicht eine beispiellose Verschaukelung des berühmten Lügner-Paradoxons nach Paulus, Epimenides vulgo Harris samt Russell ist...
Theater sei Dank darf das Publikum die gleitfähige „Philosophie“ dieses Autors (noch ein Metaphern-Geschenk: „Das Leben ist eine Maschine, deren Schmieröl die Lüge ist.") getrost vergessen. Es kann zu Michel de Certeau greifen und in dessen „Kunst des Handelns“ seine Mündigkeit bestätigt bekommen, und Monsieur Korn könnte noch einmal Roland Barthes' „Tod des Autors“ zur Hand nehmen und seinen Abstand haltenden Verstand zum Zeugen der Einsichten werden lassen, die dort vorgeschlagen sind. Zum Zustand des Feuilletons in Die Zeit bedarf es infolge dieses Beitrags keines weiteren Kommentars.
(18.9.2009)
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