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SUPER NASE & CO ERÖFFNEN DIE SAISON 2009/10 IM WIENER WUK
Von Marlies Pillhofer
Wir schreiben den 11. September des Jahres 2009. Seit den Terroranschlägen auf das World Trade Center sind acht Jahre vergangen. Wie? Ach ja, mit dem Pentagon war ja auch noch irgendwas.
1997 formulierte Derrida: „Ein ,Machen‘ des Ereignisses substituiert sich in aller Heimlichkeit seiner Mitteilung“ [1], als Folge einer kritischen Nachrichtenrezeption der Massenmedien der damaligen Zeit. Als unmittelbarer Referenzpunkt konnte der Golfkrieg gesehen werden. Wir können hier also eine Handlungskette beobachten: Sehen wir die Terrorangriffe des 11. September 2001 als kriegsauslösendes Moment, so erfolgt unmittelbar eine mediale Fokussierung und Umwandlung der übertragbaren Bilder. Ein fiktiver Ersatz entsteht, der Sturz der Zwillingstürme mit mehr Menschenopfern gibt mehr her als das flache Pentagon (oder gar eine Absturzstelle im Irgendwo der USA). Was folgt, ist ein fiktiver „War on Terrorism“ - Terrorismus als eine Handlung maskiert als Osama Bin Laden, und der Mythos kann weiter leben und immer neue Bilder können übertragen werden.
Eine unantastbare Nation wurde also vor acht Jahren in ihrem Finanzherz getroffen, und die medialen Nachwirkungen werden zum Jahrestag immer und immer wieder re-booted. Super Nase & Co, God's Entertainment's „Vorgruppe zur Reduzierung ästhetischer Ansprüche“, haben dies zum Anlass genommen, zur Saisoneröffnung des WUK, just am 11. September, die Dominanz der medialen Repräsentation dieses Ereignisses subversiv zu hinterfragen. Aus den lokalen wie virtuellen Prämissen bieten sich da mehrere Möglichkeiten zur Referenzbildung an.
Wir nehmen Anlauf...
Zum Beispiel Kathrin Röggla, die in ihrem, während eines Aufenthaltes in New York im September 2001 in New York entstandenen Buch „really ground zero. 11. september und folgendes“ an ihrer dort unmittelbar nach dem Anschlag wahrgenommene Umgebung fast filmische Züge beobachtet, beschreibt dadurch eine utopische Vorstellung des Lebens: Wenn alles nur ein Film wäre, ich zurückspulen könnte, ich die Ereignisse schneiden oder gar neu drehen könnte - wäre es dann ein „besseres“ Leben?
Auch das Künstlerduo Deutschbauer/Spring nahm die beschleunigte Fiktionalisierung des Anschlags in seiner Arbeit „Terror im Vergnügungspark“ (2004) auf. Es handelte sich dabei um die Präsentation eines fiktiven Konzeptes für einen Vergnügungspark mit verschiedenen Stationen wie u.a. „Attendate mit Atta“ oder „Berg- und Taliban“ im und um das Fallen der Twin Towers, vorgestellt in einer Präsentationssituation mit einem Journalisten. Der Terror hatte bei Julius Deutschbauer und Gerhard Spring Einzug in die familiäre Unterhaltungskultur gefunden.
Diese Absicht fortsetzend sind Super Nase & Co mit „This is not 9/11?“ jetzt bei der Realisierung angelangt: 9/11 wird zum Stationenlauf der Unterhaltung. Sie nehmen die Schaufel in die Hand, holen sich KünstlerkollegInnen und Theoretiker zur Seite und beginnen im Sinne Benjamins zu graben und bauen: „Wer sich der eigenen verschütteten Vergangenheit zu nähern trachtet, muß sich verhalten wie ein Mann, der gräbt. Vor allem darf er sich nicht scheuen, immer wieder auf einen und denselben Sachverhalt zurückzukommen - ihn auszustreuen, wie man Erde ausstreut, ihn umzuwühlen, wie man Erdreich umwühlt. Denn ,Sachverhalte‘ sind nicht mehr als Schichten, die erst der sorgsamsten Durchforschung das ausliefern, um dessentwillen sich die Grabung lohnt.“ [2] Diese Strategie birgt das Potential wie die Gefahr, beliebig zu werden, wenn man sich mit einem terroristischen Angriff auf ein Monument der industrialisierten Gesellschaft, in einer Stadt wie New York, mit einer medialisierten Umgebung wie der unseren auseinanderzusetzen versucht.
...und amüsieren uns zu Tode
In seinem Aufbau an den Wiener Prater erinnernd, luden Super Nase & Co in „This is not 9/11?“ das Publikum zum Teilnehmen ein. Teilnehmen als ein Akt der Visualisierung eines Prozesses, dessen Ursprung mit dem Beginn des Medienzeitalters einhergeht. Als Einladung auf eine Forschungsreise zur Hinterfragung nicht nur medialer Prioritäten. So war man unter anderem eingeladen, gegen Gebühr am Lotto teilzunehmen - die Ziehung im Fernsehen hatte schon längst stattgefunden - oder sich in den Trauerzug hinter dem Sarg des am 11. September (2007) verstorbenen Joe Zawinul einzureihen. Hinter einer Ecke konnten Obdachlose für eine Nacht im gemütlichen Bett nächtigen und von dort aus beobachten, wie sich williges Publikum in die Höhen zwischen den beiden Türmen des Word Trade Centers aufschwang, um die Distanz dazwischen über ein gespanntes Seil zu überwinden. Die Fallhöhe der Puppen der Unterhaltungsindustrie ist ungleich niedriger als für jenen Mann, Philippe Petit, der 1974 in 417 Metern Höhe ein Drahtseil zwischen den Zwillingstürmen spannte. Das Abenteuer in Wien 2009 scheint zu sein, sich die Haare scheren zu lassen. Gut, dass auch hierfür ein am 11. September geborener Mann mit Rasierer zur Stelle war.
Gestärkt mit einer Bratwurst vom BBQ eines amerikanisiert-patzigen Hobbykochs („Sausage?!“) konnte sich das Publikum weiter im amerikanischen Lifestyle üben und auf einer Bowlingbahn die Zwillingstürme umschießen. Leider waren Menschen drinnen, die bei Gefahr samt Turm auf die Seite springen konnten. Blöd nur, dass es diese Möglichkeit im wirklichen Leben nicht gab... Je weiter man in die Thematik eindringt, und je tiefer man unter der Informationslawine des Abends begraben wird, desto mehr wird man sich seines Wissens über die eigene Unwissenheit bewusst. Ein Unwissen gegenüber den diskutierten Geschehnissen einerseits und über den Umgang mit deren Relativierung andererseits.
„Das Ereignis, das sich schlussendlich nicht auf die mediale Aneignung oder Verarbeitung reduzieren lässt, besteht darin, dass es Tausende von Toten gab. Das sind jedes Mal singuläre Ereignisse, die keine Mitteilung von Wissen, keine Information reduzieren oder neutralisieren kann.“ [3]
Wo waren Sie eigentlich, als die Twin Towers gesprengt wurden?
Fußnoten:
[1] Jacques Derrida: „Eine gewisse unmögliche Möglichkeit, vom Ereignis zu sprechen". Berlin: Merve Verlag 2003, S. 24.
[2] Walter Benjamin: Ausgraben und Erinnern. (ca. 1932) in: Walter Benjamin: „Erzählen. Schriften zur Theorie der Narration und zur literarischen Prosa. Ausgewählt und mit einem Nachwort von Alexander Honold". Frankfurt am Main: Suhrkamp 2007, S. 196.
[3] Jacques Derrida: „Eine gewisse unmögliche Möglichkeit, vom Ereignis zu sprechen". Berlin: Merve Verlag 2003 S. 58.
(14.9.2009)
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